Neu im Kino/Filmkritik: „From the World of John Wick: Ballerina“ ballert, schlägt und mordet

Juni 5, 2025

Nach mehreren Fortsetzungen, in denen wir immer mehr über die Welt erfuhren, in der der Killer John Wick lebt, und der ebenfalls in dieser Welt spielenden TV-Miniserie „The Continental“ geht es jetzt im Kino weiter. „From the World of John Wick: Ballerina“ heißt das Werk. Len Wiseman übernahm die Regie. Zu seinen früheren Werken gehören die ersten beiden Filme der von ihm gestarteten „Underworld“-Reihe, der vierte „Stirb langsam“-Film „Live Free or Die Hard“ und das langweilige Remake „Total Recall“. Action mit schlagkräftigen Frauen in einer Fantasiewelt kann er.

Mit einer furiosen Actionszene beginnt sein neuer Film „Ballerina“. In einem malerisch am Wasser gelegenem Palast wird in einem Feuergefecht, bei dem viele, sehr viele, wirklich sehr viele bis an die Zähne bewaffnete Angreifer sterben, wird der Vater von Eve Maccaro getötet.

Zwölf Jahre später lebt Eve (Ana de Armas) in der von der Direktorin in New York City geleiteten Ballettschule, die gleichzeitig ein Ausbildungslager der streng geheimen, seit Ewigkeiten global tätigen Verbrecherorganisation Ruska Roma ist.

Als Eve einen Hinweis auf die Identität der Mörder ihres Vaters erhält, macht sie sich von New York City über Prag auf den Weg in das verschneite, malerisch an einem See gelegene Alpendorf Hallstatt. Dort kommt es, nachdem es schon vorher viel Action gab, zu einem actionreichen Showdown, bei dem auch Flammenwerfer eine wichtige Rolle spielen.

Ballerina“ erzählt eine actionreiche, gewohnt stylische Geschichte aus dem „John Wick“-Universum mit vielen Auftritten von aus den „John Wick“-Filmen bekannten Figuren, Orten und Regeln. In „Ballerina“ wird diese Welt weniger erweitert, sondern in noch mehr Details ausgemalt. Und das ist dann auch das Problem von diesem Film und den anderen geplanten Filmen und Serien: der Charme der „John Wick“-Welt bestand anfangs aus dem vollkommen übertriebenen Konzept einer Killergilde mit ehernen Regeln und einer seit Jahrhunderten in unserer Welt unentdeckt operienden globalen Organisation. Je genauer sie jetzt ausgemalt wird, desto mehr und öfter stellt sich die Frage, wie realistisch so eine Gilde ist. Vor allem wenn noch weitere Organisationen dazu kommen, das Regelwerk und die personellen Verflechtungen immer umfangreicher werden und immer mehr Antworten auf Fragen gegeben werden, die wir niemals wissen wollten.

Dessen ungeachtet scheinen die Killer sich inzwischen vor allem damit zu beschäftigen, sich gegenseitig umzubringen. In dem Moment stellt sich Frage nach dem Zweck der Organisation nicht mehr. Die Polizei existiert in dieser Welt nicht und es gibt einige hoffnungslos unglaubwürdige Actionszenen. Die Idee von Hallstatt als Killerstadt und Sitz des Bösewichts funktioniert gut. Aber ein von Eve in einer vollen Discothek ausgeführter Mord, der eine offensichtliche Reminiszenz an Luc Bessons „Nikita“ ist, funktioniert weniger gut. Aus einer unauffälligen Tat wird hier ein sich durch den gesamten Club ziehendes Gemetzel. Aber die Besucher tanzen munter weiter, als würden um sich schießende und schlagende Menschen zu einem normalen Discobesuch dazugehören, In „John Wick: Chapter 4“ wurde ein ähnlicher Kampf in einem berliner Nachtclub glaubwürdiger inszeniert.

Keanu Reeves ist in dem während dem dritten und vor dem vierten „John Wick“-Film spielendem Film „Ballerina“ mit zwei Auftritten, einer in der Ballettschule, einer an einem anderen Ort, dabei. Trotz einer gewissen Wichtigkeit für die Story reichen sie, kaum über die Länge eines größeren Cameos hinaus.

Das Ende von „Ballerina“ ist natürlich nicht das Ende der Welt von John Wick. Solange sich ein Publikum findet, werden die Macher weitermachen. Konkret sind aktuell – neben zahlreichen potentiellen Filmen, Serien und Crossovers – ein Film mit dem aus „John Wick: Chapter 4“ bekanntem blinden Killer Caine, ein Prequel-Film und ein fünfter „John Wick“-Film geplant. Denn – Überraschung! – John Wick ist am Ende von „John Wick 4“ doch nicht gestorben.

From the World of John Wick: Ballerina (From the World of John Wick: Ballerina, USA 2025)

Regie: Len Wiseman

Drehbuch: Shay Hatten

mit Ana de Armas, Gabriel Byrne, Anjelica Huston, Lance Reddick, Catalina Sandino Moreno, Norman Reedus, Ian McShane, Keanu Reeves

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „From the World of John Wick: Ballerina“

Metacritic über „From the World of John Wick: Ballerina“

Rotten Tomatoes über „From the World of John Wick: Ballerina“

Wikipedia über „From the World of John Wick: Ballerina“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick“ (John Wick, USA 2014)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 2“ (John Wick: Chapter 2, USA 2017)

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 3“ (John Wick: Chapter 3 – Parabellum, USA 2019) und der Blu-ray

Meine Besprechung von Chad Stahelskis „John Wick: Kapitel 4“ (John Wick: Chapter 4, USA 2023)

Meine Besprechung von Len Wisemans Philip-K.-Dick-Verfilmung „Total Recall“ (Total Recall, USA 2012)

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über John Woos Weihnachtsfilm „Silent Night – Stumme Rache“

Dezember 15, 2023

Untätig war John Woo die letzten Jahre nicht, aber seit zwanzig Jahren, seit dem Science-Fiction-Film „Paycheck – Die Abrechnung“, lief keiner seiner Filme mehr regulär in unseren Kinos. Insofern ist „Silent Night – Stumme Rache“ eine Rückkehr auf die große Leinwand, die zeigt, warum wir John Woo vor über zwanzig Jahren zwischen Heroic-Bloodshed-Epen und Hollywood-Actionfilmen (wie „Face/Off“) so liebten. Das war alles so übertrieben wie grandios. An diese Filme knüpft John Woo mit seinem neuen Film an, ohne auch nur im Ansatz die Qualität seiner besten Filme zu erreichen.

Es geht um Brian Godlock (Joel Kinnaman). Bei einer Schießerei zwischen verfeindeten Gangsterbanden wird sein kleiner Sohn am Heiligabend von einer herumirrenden Kugel getötet. Brian wird schwer verletzt und verliert seine Stimme. Er schwört Rache. Exakt ein Jahr nach dem Tod seines Sohnes will er die Verbrecher ermorden.

Die Rachestory ist nur die Klammer für die Action und ein formales Experiment. Denn „Silent Night – Stumme Rache“ ist ein Stummfilm. Und John Woo hält sich an diese selbstgewählte Beschränkung, die ihn zwingt, alles über die Bilder, Gesten und Mimik zu erzählen. Eben diese Beschränkung führt auch zu einer sehr simplen Geschichte, die primär dazu dient, die Actionszenen, die sich auf das letzte Drittel des Film konzentrieren, miteinander zu verbinden.

Diese fallen eher pflchtschuldig und humorlos aus. So wie Brian stoisch seinen Racheplan verfolgt und schließlich am Heiligabend ausführt, führt John Woo hier die Action aus. Schnell und schnörkellos werden die austauschbaren Bösewichter erledigt. Nur bei dem ersten Bösewicht dauert es länger. Nach seinem Training schnappt Brian sich einen der Bösewichter und verschleppt ihn in seine Reihenhauswohnung. Dort soll er auf zwei Blatt Papier alles über die Verbrecherorganisation, zu der er gehört, aufschreiben. Der Gangster denkt nicht daran, die Zettel auszufüllen. Er geht zum Angriff über. Im anschließenden Kampf wird Brians halbes Haus verwüstet – und er muss erkennen, dass ein realer Kampf sich von YouTube-Videos und einem allein ausgeführten Training unterscheidet.

Die erste große Actionszene ist am Anfang des Films. Ohne irgendeine Erklärung wirft John Woo uns direkt in die Geschichte. Langsam können wir uns zusammenreimen, warum ein Mann in einem geschmacklosen Weihnachtspullover durch die sonnendurchfluteten Straßen einer größeren Stadt hetzt, einen roten Luftballon und wild um sich schießende Gangster verfolgt.

Die dritte große und finale Actionszene ist dann im Hauptquartier des Verbrecherbosses. Brian stürmt in das Haus und legt auf seinem Weg zu Playa (Harold Torres) einen seiner Fußsoldaten nach dem nächsten um. Dieser oft kopierte Kampf in einem Treppenhaus weckt Erinnerungen an Gareth Evans‘ „The Raid“.

Und damit kommen wir zum Problem der Actionszenen. Sie sind episch und auch gut inszeniert, aber früher war John Woo ein bahnbrechender Vorreiter. Heute ist es anders. In den „John Wick“-Filmen ist die handgemachte Action einfach besser. Und sie sieht besser aus. Das liegt natürlich auch daran, dass hier die Zentrale des Bösewichts in einer heruntergekommenen Fabrik ist, in der die Beleuchtung bestenfalls funktional ist. Und John Woo hatte nur ein eingeschränktes Budget. Trotzdem ändert das alles nichts daran, dass andere Regisseure inzwischen packendere Actionszenen inszenieren. Das macht den Actionfilm zu einer ziemlich drögen Angelegenheit.

Dennoch ist Woos Weihnachtsfilm viel besser als seine oft grotesk misslungenen TV-Arbeiten. Die hatten ein zu niedriges Budget für gute Actionszenen und mussten sich in jeder Beziehung den TV-Konventionen beugen. Gleichzeitig ist sein neuester Actionfilm auch viel schlechter als seine Klassiker. „Silent Night – Stumme Rache“ ist auch keines dieser Alterswerke, in denen ältere Regisseure noch einmal ihr Werk, ihre Themen und ihren Stil Revue passieren lassen. Dafür fehlt zu viel davon. „Silent Night – Stumme Rache“ ist ein 08/15-Thriller mit bestenfalls durchwachsener Action (vor allem im Vergleich zu Woos früheren Actionszenen und, aktuell, den „John Wick“-Filmen) und einer Story, die nur wegen des Stummfilm-Kunstkniffs akzeptabel ist.

Trotz all dieser Kritik ist der Thriller eine willkommene Rückkehr. Sie erinnert an John Woos Meisterwerke und weckt die Lust, sie sich wieder anzusehen. Die Gelegenheit dafür ist günstig. In den kommenden Monaten erscheinen sie, wenn die Ankündigungen stimmen, erstmals in adäquaten Blu-ray-Veröffentlichungen. Unterschiede gibt es beim Bonusmaterial und den auf der Blu-ray enthaltenen Zahl der Fassungen. Aber immer ist die bislang teils schwer, teils überhaupt nicht, teils bestenfalls halblegal erhältliche Uncut-Fassung enthalten.

Gerade ist „The Killer“ erschienen. Für den 23. Februar ist „Hard-Boiled“, für den 28. März „Harte Ziele“, sein Hollywood-Debüt, und für den 31. Mai ist „Bullet in the Head“ angekündigt. Das ist für John-Woo-Fans, alte und neue, das echte Weihnachtsgeschenk. Der kleine dreckige Action-Stummfilm „Silent Night – Stumme Rache“ ist die Beigabe.

Silent Night – Stumme Rache (Silent Night, USA 2023)

Regie: John Woo

Drehbuch: Robert Archer Lynn

mit Joel Kinnaman, Scott Mescudi, Harold Torres, Catalina Sandino Moreno

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Silent Night“

Metacritic über „Silent Night“

Rotten Tomatoes über „Silent Night“

Wikipedia über „Silent Night“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 4. September: A most violent Year

September 3, 2021

3sat, 23.00

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.

Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.

„A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno

Hinweise

Moviepilot über „A most violent Year

Metacritic über „A most violent Year“

Rotten Tomatoes über „A most violent Year“

Wikipedia über „A most violent Year“(deutsch, englisch)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


TV-Tipp für den 21. März: A most violent Year

März 21, 2019

3sat, 22.25

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)

Regie: J. C. Chandor

Drehbuch: J. C. Chandor

New York, 1981: Heizölhändler Abel Morales will ehrlich bleiben, während die Stadt im Verbrechen versinkt und seine Laster am helllichten Tag überfallen werden. Seine aus einer Gangsterfamilie stammende Frau rät ihm, zurückzuschlagen. Und die Polizei verdächtigt ihn, wie alle Geschäftsleute aus der Branche, mit der Mafia Geschäfte zu machen.

TV-Premiere. Starker Wirtschaftsthriller in der Tradition von Sidney Lumet.

A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most violent Year“
Moviepilot über „A most violent Year
Metacritic über „A most violent Year“
Rotten Tomatoes über „A most violent Year“
Wikipedia über „A most violent Year“
Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

Meine Besprechung von J. C. Chandors „A most violent Year“ (A most violent Year, USA 2014)


Neu im Kino/Filmkritik: Über J. C. Chandors „A most violent Year“

März 21, 2015

Zuletzt sank in New York die Mordrate auf ein über fünfzigjähriges Rekordtief. Vielleicht sogar auf den tiefsten Stand, seitdem dort eine Kriminalitätsstatistik erhoben wird. Letztes Jahr wurden in der Millionenstadt 328 Menschen ermordet. Auch die Zahl der Gewaltverbrechen sank auf Zahlen, die man vor einigen Jahren noch für utopisch hielt.
Zum Beispiel gab es 1981 1826 Morde. 1981 war auch das Jahr mit der höchsten Kriminalitätsrate. So wird jedenfalls am Anfang von J. C. Chandors neuem, bei den Oscars seltsamerweise vollkommen übergangenem Film „A most violent Year“ gesagt und, obwohl ich jetzt keinen Beleg dafür finde, könnte es stimmen. Denn New York war damals keine harmlose Stadt.
Auch die Heizöllaster von Abel Morales (Oscar Isaac) werden regelmäßig überfallen. Aber im Gegensatz zu seinen Konkurrenten will der Einwanderersohn ehrlich bleiben. Und er vertraut der Polizei. Dennoch ermittelt der Stellvertretende Bezirksstaatsanwalt Lawrence (David Oyelowo) gegen ihn. Er vermutet, dass Morales Kontakte zur Mafia hat. Die Gründe dafür liegen, neben dem allgemeinen Geschäftsgebaren der Branche, auf der Hand: Abel Morales ist mit Anna (Jessica Chastain), der Tochter eines bekannten Gangsters, verheiratet und er hat das Geschäft von ihrem Vater übernommen.
Die aus seiner Sicht ebenso lästigen wie überflüssigen Ermittlungen des Staatsanwalts werden, neben den Überfällen auf seine Fahrzeuge und dem damit verbundenem Diebstahl seiner kostbaren Ladung, allerdings zu einer Bedrohung seiner Existenz, als er eine Option auf ein Industriegelände am Fluss erwirbt. Mit den auf diesem Gelände stehenden Tanks hätte er die Grundlage für eine ordentliche Geschäftsvergrößerung. Er könnte größer als seine Konkurrenten werden. Die Besitzer des Grundstücks verlangen, dass in einem Monat die restliche Kaufsumme im sechsstelligen Bereich bezahlt wird. Da würden polizeiliche Ermittlungen bei seiner Hausbank seine Kreditwürdigkeit nur unnötig schmälern und seine Expansionspläne gefährden. Wenn es dumm läuft, könnte er sogar pleite gehen.
In seinem dritten Spielfilm, nach dem Finanzthriller „Der große Crash – Margin Call“ und dem Ein-Mann-Segler-Thriller „All is Lost“, die beide von der Kritik abgefeiert wurden, legt J. C. Chandor grandios nach. „A most violent Year“ ist ein düsteres, sich langsam entwickelndes Drama, ein Noir über einen Mann, der ehrlich bleiben möchte (jedenfalls so weit das in seiner Branche möglich ist) und der sich zwischen seinen hehren Prinzipien und seiner Existenz, der seiner Familie und ihrem durchaus gehobenem Lebensstil entscheiden muss. Weil Chandor „A most violent Year“ wie einen Weiße-Kragen-Gangsterfilm inszeniert und die Geschichte sich im Bereich der alltäglichen Graustufen, in denen es nur mehr oder weniger richtige und falsche Entscheidungen gibt, geht es vor allem um die Frage, welche und wie viele Kompromisse Abel Morales eingehen muss, um als Unternehmer erfolgreich zu sein. Und, auch das ist von Anfang an klar: Morales wäre nicht so weit gekommen, wenn er sich immer hundertprozentig an die Gesetze gehalten hätte.
Während Abel Morales noch hadert, hat seine Frau Anna schon längst Fakten geschaffen. Das ist, vor allem nachdem sie fast während des gesamten Films als treue, die Buchhaltung erledigende, sich um die Kinder kümmernde Hausfrau mit Hang zu teuren Kleidern gezeigt wurde, eine Überraschung, die von Chandor aber – wie alles in dem Film – gut vorbereitet wurde. Bereits bei einem Wildunfall reagierte sie schneller und konsequenter als ihr Mann. Außerdem sahen wir sie nie bei der Hausarbeit und die Kinder tauchen kaum auf, weil sie im Geschäftsleben von Abel und Anna nicht im Mittelpunkt stehen.
Gleichzeitig zeigt J. C. Chandor präzise, wie Strukturen und kurzfristige Interessen zu Ergebnissen führen, die niemand wirklich will.
„A most violent Year“ ist ein düsteres Drama mit einem bitteren Ende, obwohl es keine Schuldigen gibt und auch niemand wirklich böse ist. Das ist klassisches, gut gespieltes Schauspielerkino in der Tradition von Sidney Lumet mit stimmigem Zeitkolorit, klug platzierten Anspielungen, einem feinen Blick auf die vielen Gruppen, die in New York leben und um ihren Platz kämpfen, und moralischen Ambivalenzen und Fragen, die auch heute noch aktuell sind.

A most violent year - Plakat

A most violent Year (A most violent Year, USA 2014)
Regie: J. C. Chandor
Drehbuch: J. C. Chandor
mit Oscar Isaac, Jessica Chastain, David Oyelowo, Albert Brooks, Alessandro Nivola, Elyses Gabel, Catalina Sandino Moreno
Länge: 125 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Film-Zeit über „A most violent Year“
Moviepilot über „A most violent Year“
Metacritic über „A most violent Year“
Rotten Tomatoes über „A most violent Year“
Wikipedia über „A most violent Year“
Meine Besprechung von J. C. Chandors „All is lost“ (All is lost, USA 2013)

DP/30 bittet J. C. Chandor und Oscar Isaac zum Verhör