Neu im Kino/Filmkritik: Über Damian John Harpers Ruhrpott-Gangsterdrama „Frisch“

Juli 3, 2025

Nachdem Damian John Harper zuletzt mit dem Fantasyfilm „Woodwalkers“ eine kommerziell erfolgreiche Adaption einer erfolgreichen Jugendbuchserie über ein Internat, in dem Jugendliche mit besonderen Fähigkeiten unterrichtet werden, einen Film für Kinder und Jugendliche inszenierte, schien sein neuer, bereits vor „Woodwalkers“ gedrehter Film „Frisch“ eine Rückkehr zu seinen sozialkritischen Wurzeln zu sein. Immerhin geht es um eine Milieugeschichte.

Als der 24-jährige Kai erfährt, dass sein drei Jahre älterer Bruder Mirko früher als erwartet aus dem Gefängnis kommt, hat er eine Panikattacke. Denn die 10.000 Euro, die er für ihn aufbewahren sollte, hat er fast vollständig ausgegeben für seine Frau und glücklose Pferdewetten.

Mirko ist der sprichwörtliche gewalttätige Proll mit der kurzen Lunte. Er will das Geld sofort haben und er wird keine Erklärung akzeptieren. Kai weiß, dass er das Geld sofort beschaffen muss. Irgendwie.

Eine sozialkritische Erdung erhält „Frisch“, weil die im Ruhrgebiet spielende Geschichte im proletarischen Arbeitermilieu spielt. Kai arbeitet in einer Schlachterei. Eine Perspektive auf einen besseren Job hat der mit Ayse verheiratete Vater einer vierjährigen Tochter nicht. Aber zurück in sein früheres Leben als Partner von seinem großen Bruder bei illegalen Geschäften und als Kleinkrimineller will er nicht. Geld und Bildung sind Fremdworte in den abgeranzten Wohnungen und Kneipen, in denen er seit seiner Geburt verkehrt. Harper könnte jetzt, wie in seinen vorherigen Filmen für Erwachsene („Los Ángeles“, „In the Middle of the River“), eine düstere Milieugeschichte erzählen.

Aber dieses Mall will Harper kein Sozialdrama inszenieren. Dafür werden die Lebensumstände von Kai, seine Arbeit in der Schlachterei und sein Umfeld viel zu holzschnittartig und oberflächlich geschildert. Die Arbeit im Schlachthof ist nur pittoreske Kulisse.

Der Rest geht, bewusst stilisiert und in einer künstlichen Welt spielend, die keine direkte Verbindung zu enem realen Ort hat, in Richtung eines prolligen deutschem Gangsterfilms im Fahrwasser von „Bang Boom Bang“. Aber während „Bang Boom Bang“ vor über 25 Jahren noch einen prolligen Ruhrpott-Charme hatte, ist in Harpers Gangsterfilm einfach alles nur gewollt und falsch. Und auch niemals witzig.

Dazu gibt es Ralf Richter (yep, „Bang Boom Bang“) als alles pädagogisch erklärenden Erzähler, Karl-May-Indianerromantik im TV für die Blutsbrüder Kai und Mirko und viel Country-Musik, weil das im Ruhrpott wohl der aktuell letzte Schrei ist.

Das ist dann so uninteressant aus der Zeit gefallen, wie es sich anhört.

Frisch (Deutschland 2024)

Regie: Damian John Harper

Drehbuch: Damian John Harper

LV: Mark McNay: Fresh, 2008 (Frisch)

mit Louis Hofmann, Franz Pätzold, Sascha Geršak, Canan Kir, Pinar Erincin, Božidar Kocevski, Zejhun Demirov, Ralf Richter (nur Stimme, bzw. genaugenommen „Innerer Monolog“)

Länge: 99 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Frisch“

Moviepilot über „Frisch“

Wikipedia über „Frisch“

Homepage von Damian John Harper

Meine Besprechung von Damian John Harpers „Los Ángeles“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Damian John Harpers „In the Middle of the River“ (In the Middle of the River, Deutschland/USA 2018)

Meine Besprechung von Damian John Harpers „Woodwalkers“ (Deutschland 2024)


Neu im Kino/Filmkritik: „Woodwalkers“ – Gestaltwandler-Fantasy für Kinder

Oktober 24, 2024

Carag Goldeneye (Emile Chérif) ist ein Gestaltwandler, der als Berglöwe auf die Welt kam und zum Menschenjungen wurde. Das sorgt im Alltag mit seiner ihn liebenden Adoptivfamilie und in der Schule immer wieder für Probleme. Das mitten in den malerischen Bergen in Wyoming liegende Internat Clearwater High könnte ihm helfen, mit seinen Fähigkeiten besser zurecht zu kommen. Denn die Schule ist eine von Andrew Milling (Oliver Masucci) gegründete Schule für außergewöhnlich Kinder.

Diese von Katja Brandis für ihre enorm erfolgreichen „Woodwalkers“-Romane erfundene Schule für Gestaltwandler erinnert natürlich an die aus den „X-Men“-Comics und Filmen bekannte, von Professor X gegründete noble Privatschule für Mutanten, also Menschen mit besonderen Fähigkeiten. Nur dass in „Woodwalkers“ alles sehr kindgerecht ist. Die Bücher sind Tierfantasy-Romane für Kinder ab 10 Jahre. Der Film richtet sich ebenfalls an ungefähr zehnjährige Kinder.

Entsprechend einfach sind die Konflikte, die in dem Film behandelt werden. Es geht, selbstverständlich um das Erlernen der eigenen Fähigkeiten und wie man seine Gestalt wandelt, um das Einfinden in die neue Klasse und seine Beziehung zu Milling. Er ist, wie Carag, ein Puma-Gestaltwandler, und er erblickt in Carag einen besonderen Gestaltwandler, den er besonders fördern möchte. Es gibt Konflikte mit den in der Nähe lebenden Menschen, die immer wieder von Tieren angegriffen werden. Sie sind auch gerade damit beschäftigt, den Wald abzuholzen.

Damian John Harper übernahm die Regie. Bekannt wurde er als Regisseur sperriger, sozialkritischer Arthaus-Dramen. „Los Ángeles“ und „In the Middle of the River“ gehen auf das Konto des seit fast zwanzig Jahren in Deutschland lebenden US-Amerikaners. Jetzt drehte er einen Film, der seinem Sohn gefallen könnte. Denn dieser gehört zur Zielgruppe der Bücher und des Films.

In „Woodwalkers“ ist nichts mehr von dem Arthaus-Stil seiner vorherigen Filme zu spüren. „Woodwalkers“ ist ein ordentlich budgetierter Film, der ein großes Publikum ansprechen soll und gezielt für Kinder inszeniert wurde, die sich diesen Fantasy-Abenteuerfilm ohne ihre Eltern ansehen können, wollen und sollten. Also ohne die Eltern. Ob sie sich wirklich diesen Film ansehen sollen, ist eine andere Frage.

Für mich war alles zu einfach, zu vorhersehbar, zu gewollt (das gilt vor allem für das Finale), zu harmlos, zu unlogisch und ohne eine zweite oder dritte Ebene, die man, wie bei einem Pixar-Film, als Kind sehr wahrscheinlich nicht mitbekommt, aber die Erwachsenen erfreut.

Für die Fans von Harpers vorherigen Filmen ist „Woodwalkers“ deshalb ein vollkommen uninteressantester Film, bei dem höchsten bemerkenswert ist, wie brav und ohne erkennbare Ambitionen er die Fantasy-Konventionen ausfüllt.

Das gesagt, könnte „Woodwalkers“, die Verfilmung der ersten beiden „Woodwalkers“-Bestseller von Katja Brandis, sein erfolgreichster Film werden.

Für die Produzenten ist „Woodwalkers“ der Auftakt einer Trilogie und einer möglichen späteren TV-Serie. Die drei Kinofilme basieren, so der Plan, auf den ersten sechs Romanen.

Der zweite Film soll in einem Jahr, der dritte Film übernächstes Jahr in die Kinos kommen. David Sandreuter schrieb für die Fortsetzung wieder das Drehbuch. Sven Unterwaldt übernahm die Regie. Er inszenierte die beiden „7 Zwerge“-Filme (mit Otto), „Catweazle“ (wieder mit Otto) und den zweiten und dritten „Die Schule der magischen Tiere“-Film.

Woodwalkers (Deutschland 2024)

Regie: Damian John Harper

Drehbuch: David Sandreuter

LV: Katja Brandis: Woodwalkers – Carags Verwandlung, 2016; Gefährliche Freundschaft, 2017

mit Emile Chérif, Oliver Masucci, Martina Gedeck, Hannah Herzsprung, Lucas Gregorowicz, Lilli Falk, Johan von Ehrlich, Sophie Lelenta, Olivia Sinclair, Emil Bloch

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 6 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Woodwalkers“

Moviepilot über „Woodwalkers“

Wikipedia über „Woodwalkers“

Homepage von Katja Brandis

Homepage von Damian John Harper

Meine Besprechung von Damian John Harpers „Los Ángeles“ (Deutschland 2014)

Meine Besprechung von Damian John Harpers „In the Middle of the River“ (In the Middle of the River, Deutschland/USA 2018)


Neu im Kino/Filmkritik: „In the Middle of the River“ im Nirgendwo

August 18, 2018

Der von Schmerzmitteln abhängige, 26-jährige Irak-Veteran Gabriel kehrt nach dem Tod seiner Schwester zurück zu seiner im ländlichen New Mexico lebenden Familie. Er glaubt, ohne ersichtliche Beweise, dass sein Großvater für Naomis Tod verantwortlich ist und er will sie rächen.

Aber bis es soweit ist, entfaltet Damian John Harper in seinem zweiten Spielfilm ein bedrückendes Porträt des White Trash und der dort lebenden Native Americans. Sie leben ärmlich, haben keine Perspektive und wiederholen immer wieder die Fehler ihrer Eltern. Drogen, Gewalt und mangelnde Bildung spielen eine große Rolle. Verbrechen ebenso. Es ist ein Purgatorium, in das sie hineingeboren werden und in dem sie letztendlich bleiben wollen.

Wie bei seinem ersten Spielfilm „Los Angeles“ ist auch „In the Middle of the River“ ein weitgehend statisches Porträt eines Zustandes. Harper verfolgt seine Laiendarsteller mit einer keinen Abstand wahrenden Handkamera. Er beobachtet sie genau. Aber er treibt die Story nicht voran. In „Los Angeles“ brach sein Protagonist erst am Filmende aus dem mexikanischen Dorf nach Los Angeles auf. In „In the Middle of the River“ gibt es die im Pressematerial angegebene Konfrontation, zwischen Gabriel und seinem Großvater erst ganz am Ende. In dem Moment fehlt dann allerdings die Zeit, um den „tiefführenden Gesprächen“ (Presseheft) zwischen Gabriel und seinem Großvater über ihre traumatischen Kriegserfahrungen in Vietnam und dem Irak eine größere Tiefe zu verleihen. Auch weil sie vorher nicht entsprechend thematisiert wurden.

Denn bis dahin ist „In the Middle of the River“ eine Milieustudie, in der – und das unterscheidet Harpers Film von Debra Graniks „Winter’s Bone“ – alles von einer deprimierenden Hoffnungslosigkeit ist und der Protagonist aufgrund seiner psychischen und physischen Probleme kaum in der Lage ist, sein Ziel zu verfolgen.

In the Middle of the River (In the Middle of the River, Deutschland/USA 2018)

Regie: Damian John Harper

Drehbuch: Damian John Harper

mit Eric Hunter, Max Thayer, Nikki Love, Matt Metzler, Ava Del Cielo, Johnny Visotcky

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „In the Middle of the River“

Moviepilot über „In the Middle of the River“

Homepage von Damian John Harper

Meine Besprechung von Damian John Harpers „Los Ángeles“ (Deutschland 2014)

Damian John Harper spricht auf Deutsch über seinen Film (er lebt auch in Deutschland, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen München und das ZDF/Das kleine Fernsehspiel produzierte seine beiden Spielfilme mit)


Neu im Kino/Filmkritik: Ein junger Mexikaner will nach „Los Ángeles“

Januar 30, 2015

Zuerst einige Fakten:
„Los Ángeles“ ist das Spielfilmdebüt des in Boulder, Colorado, geborenen Damian John Harper. Vorher drehte er einige Dokumentar- und Kurzfilme. Vor seinem Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen München (HFF) studierte er Anthropologie. Nach seinem Studienabschluss im Jahr 2000 ging er als Ethnologe für ein Jahr nach Santa Ana Del Valle, einem Dorf in der Provinz Oaxaca im Süden Mexikos. Für „Los Ángeles“ kehrte er nach Santa Ana Del Valle zurück und drehte, mit Dorfbewohnern, einen Film, dessen Geschichte mit dem Ort und seinen Bewohnern verwurzelt ist.
„Los Ángeles“ wurde vom ZDF Das kleine Fernsehspiel coproduziert. Auch die anderen Geldgeber haben deutsche Anschriften. Das erklärt, warum ein Film eines US-Amerikaners, der in Mexiko gedreht wurde und in dem Spanisch und Zapotekisch, der Dorfdialekt, gesprochen werden, als deutsche Produktion firmiert. Und wenn sie demnächst im Fernsehen gezeigt wird, wird sie im Rahmen des Kleinen Fernsehspiels ausgestrahlt werden. Also an einem Montagabend nach Mitternacht.
„Los Ángeles“ erzählt die Geschichte des siebzehnjährigen Mateo, der aus seinem Dorf nach Los Angeles, der Chiffre für ein besseres Leben, aufbrechen will. Von dort aus will er seine Familie unterstützen. Der Weg dorthin ist gefährlich und lang und in Los Angeles kann man nur als Mitglied einer Gang überleben.
Der Film erzählt nicht die Geschichte der Reise, sondern was vor der Reise geschieht. Und diese Geschichte wurde schon oft erzählt. Oft auch besser. Denn um in Los Angeles überleben zu können, muss Mateo sich schon im Dorf einer Verbrecherbande anschließen, die ihn dann in der Großstadt beschützen kann. Um ein vollwertiges Mitglied der Bande zu werden, muss er drei Mutproben absolvieren. Die erste ist noch einfach. Als er ein Mitglied einer gegnerischen Bande töten soll, zweifelt Mateo.
Diese Initiationsgeschichte mit den sich betont wie US-Ghettogangster gebenden mexikanischen Verbrechern ist nie glaubwürdig. Die Kleinstadtgangster wirken immer wie eine Gruppe großmäuliger Raudis. Dass Mateo schon im Dorf ein Mitglied dieser Verbrecherbande werden muss, um in Los Angeles überleben zu können, wirkt immer wie eine Drehbuchanweisung, um die angedachte Migrationsgeschichte (immerhin spielt der gesamte Film in dem Dorf) und Gangsterdrama zusammenzufügen. Vor allem angesichts der letzten Minuten wird diese Konstruktion noch offensichtlicher. Und natürlich stellt sich von der ersten Minute an die Frage, was das für ein Paradies ist, in dem man nur als Gangmitglied überleben kann.
Diese Geschichte stört auch immer wieder den quasi dokumentarischen Blick auf die Bewohner und die Sozialstrukturen in Santa Ana Del Valle, einem noch stark den Traditionen verhaftetes Dorf mit ärmlich lebenden Bewohnern. Aber sie werden immer wieder in eine Geschichte gepresst, die eher Genreanforderungen genügt, die Harper dann doch nicht erfüllen will.
So ist „Los Ángeles“ ein Zwitter, der Erwartungen weckt, die er dann nicht erfüllt. Für einen Genrefilm ist Mateos Geschichte zu langatmig und zu klischeetriefend. Für einen Arthouse-Film schielt Regisseur Harper zu sehr in Richtung Gangsterfilm. Für eine ethnographische Studie eines Dorfes ist der Film dann zu sehr auf fehlgeleitete Thrills bedacht.
Wobei ich auch kein Freund dieser Geschichten bin, in denen der Protagonist während des gesamten Film in seinem Heimatort darüber räsoniert, dass er das Dorf unbedingt verlassen muss und es am Ende, nach einem zufälligem Ereignis (meist ein Unfall), dann auch tut. Wenn er nicht bei diesem Unfall stirbt.

Los Angeles - Plakat neu

Los Ángeles (Deutschland 2014)
Regie: Damian John Harper
Drehbuch: Damian John Harper
mit Mateo Bautista Matias, Marcos Rodriguez Ruiz, Lidia Garcia, Daniel Bautista, Donaciano Bautista Matias, Valentina Ojeda
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Filmportal über „Los Ángeles“
Film-Zeit über „Los Ángeles“
Moviepilot über „Los Ángeles“
Rotten Tomatoes über „Los Ángeles“ (derzeit noch keine Kritiken)
Berlinale über „Los Ángeles“
Homepage von Damian John Harper

Ein kurzes Gespräch mit Damian John Harper

Das ist wohl das Berlinale-Plakat, das definitiv ein anderes Publikum anspricht

Los Angeles - Plakat