R. i. P. Daniel Woodrell (4. März 1953, Springfield, Missouri – 28. November 2025, West Plains, Missouri)
„In Almas Augen“ (The Maid’s Version, 2013) ist sein letzter Roman. Seine bekanntesten Werke sind, wegen der Verfilmungen, „ Zum Leben verdammt“ (Woe to Live on, 1987) und „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006).
Seine anderen Ozark-Noirs sind die drei Rene-Shade-‚Polizeiromane‘, die inzwischen in einem Buch erhältlich sind als „Im Süden – Die Bayou-Trilogie“ (The Bayou Trilogy) und die Einzelromane „Stoff ohne Ende“ (Give us a Kiss, 1996), „Tomato Red“/“Tomatenrot“ (Tomato Red, 1998) und „Der Tod von Sweet Mister“ (The Death of Sweet Mister, 2001). Es sind kurze Hardboiled-Geschichten über Menschen, die zur Familienfeier eine Schusswaffe einstecken. Sie sind alle lesenswert und in gut sortierten Antiquariaten zu finden.
Zuletzt erschienen die deutschen Übersetzungen seiner Romane bei Liebeskind.
Wer mit dem Teufel reitet (USA 1999, Regie: Ang Lee)
Drehbuch: James Schamus
LV: Daniel Woodrell: Woe to live on, 1987 (Zum Leben verdammt)
USA, 1860: Jake Roedel und Jack Bull ziehen auf Seiten der Südstaaten in den Krieg. In einer Guerillagruppe beteiligen sie sich an einem zunehmend sinnlosen Vernichtungsfeldzug bei dem keine Gefangenen gemacht werden.
Wie so oft: aus einem hochgelobten Buch wurde ein – nun – mittelmäßiger Film.
Martin Compart halt Woodrells zweiten Roman “Woe to live on” für einen der besten Bürgerkriegs-Romane: “Mit jedem zündenden Satz verbrennt Woodrell die Hollywoodklischees über den Sezessionskrieg. Der Roman folgt dem jungen Ich-Erzähler auf seiner blutigen Spur an der Seite der Freischärler unter dem berüchtigten Quantrill. In den West Plains tobte ein brutaler Partisanenkrieg, der noch Jahre nach dem Ende des Bürgerkrieges Opfer forderte…Die Sprache des Romans ist filmisch und hypnotisch.“
Woodrell zu seinem Buch: „Die Amerikaner haben sich über das Buch zu Tode erschreckt, weil es vom Standpunkt der Südstaaten geschrieben ist. Ich bekam keine Rezension nördlich der Dixon-Linie. Keiner wollte wissen, was hier wirklich los war. Es war wie in Bosnien.“ Die Erstausgabe war ein Flop – und ist heute ziemlich teuer.
Woodrell zur Verfilmung: „I was merely the writer of the novel. That is, the one who created the story, characters, dialogue and structure from scratch. Once the movie started I was more or less blotted from the scene. I did enjoy watching actors mouth my words and so on, and did learn plenty from that experience. As to the process of making the film, all I can say is, if it happens again, I won’t make nice so much. I deferred to their arguments (I had no power to do anything) since I thought maybe they know more about narrative for film than I-and they don’t. Everything is clouded by,”If we show this scene in a truthful manner we think twelve people will walk out in Encino, so we will substitute a phony as shit scene we got from a can of old movies we found sitting open back in the vault.” And so on.“
Der Film war kein Kassenerfolg; was hier allerdings – im Gegensatz zum Buch – an der Qualität des Werkes liegt: „Eine Enttäuschung“ (Zitty), „Der Film wirkt mitunter so langatmig, als würde man den Bürgerkrieg in Echtzeit miterleben.“ (Berliner Zeitung). Und, was sicher auch zu seiner Unbeliebtheit beigetragen hat: „Ride with the Devil“ ist ein Film „über Männer, die für die falsche Sache auf der falschen Seite in einem schrecklichen Krieg kämpfen…Man könnte auch behaupten, dass dieser Film eine Feldstudie über galoppierende Dummheit ist.“ (Berliner Zeitung)
Eine der wenigen positiven Stimmen: “Ang Lee’s film, Ride with the Devil, is the best western since Clint Eastwood’s Unforgiven (1992)… Ride with the Devil displays a care and intelligence increasingly rare in mainstream American cinema. While there are suitably memorable images of violence there is also a lot of memorable talk. Wonderful cinematography from Frederick Elmes, excellent performances from its (then mostly) young, up-and-coming cast of actors, and the acting debut of pop star Jewel should have brought new, younger viewers to this old genre. The film deserved a better commercial fate because it is as “stone brilliant” as the writing from which it is derived, and making such a fine film also “required some genius”.” (Noel King, Senses of Cinema – eine sehr informative Web-Seite)
Mit Skeet Ulrich, Tobey Maguire, Jewel Kilcher, Jonathan Rhys, James Caviezel
Regelmäßige Leser der „Kriminalakte“ wissen, dass ich ein großer Fan von Carl Hiaasen und Daniel Woodrell bin. Aber die neuen Romane der beiden Schriftsteller sind nicht gut. Da helfen auch nicht ein, zwei, drei zugedrückte Augen und blindes Fantum.
Beginnen wir mit Carl Hiaasen. Er ist Kolumnist der „Miami Herald“, seine Romane sind grandiose, schwarzhumorige Abrechnungen mit dem Florida Style of Life voller skuriller Charaktere und absurder Situationen, von denen sich viele sogar tatsächlich ereigneten. Auch sein neuester Roman „Affentheater“ liest sich zunächst wie ein weiterer Hiaasen-Roman.
Während einer Angeltour angelt ein Touristenpärchen einen von einem Hai abgebissenen Arm (mit ausgestrecktem Mittelfinger) aus den Florida Keys. Polizist Andrew Yancy soll sich um den Fall kümmern, was im Wesentlichen heißt: er soll den Arm zur Obduktion nach Miami bringen und den dortigen Kollegen den Fall aufbürden. Das geht schief und nach seiner Rückkehr erfährt Yancy, dass er ab jetzt beim Gesundheitsamt als Restaurantprüfer arbeiten soll. Die Versetzung zur Schabenpatrouille war nötig, weil er dem vermögendem und einflussreichem Ehemann seiner Freundin vor laufenden Kameras sehr handgreiflich die Meinung sagte.
Schnell vermutet Yancy, dass Nick Stripling (so heißt der Besitzer des Armes) von seiner Frau umgebracht wurde. Yancy beginnt zu ermitteln. In seiner Freizeit. Wenn er nicht gerade den Bau seines Nachbarn, der ihm die Aussicht versperrt und höher als erlaubt ist, sabotiert.
Das klingt jetzt zwar nach einem typischen Hiaasen-Set-Up, aber schon schnell stellt sich lähmende Langeweile ein. Die Geschichte bewegt sich im Schneckentempo und sehr vorhersehbar fort. Die Gags sind rar gesät. Und die absurden Situationen, die teilweise überhaupt nichts mit dem Hauptplot zu tun haben, aber den Wahnsinn Floridas reflektieren und in anderen Hiaasen-Romanen wie Unkraut sprießen, sind kaum vorhanden. In „Affentheater“ ist eigentlich nichts zu finden, was man von einem typischen Hiaasen-Roman erwartet. Sein neuester Roman erinnert an „Letztes Vermächtnis“ (Basket Case, 2002), sein Einblick in das Journalisten- und Musikerleben, der durch konsequente Humorlosigkeit beeindruckte. Aber während bei „Letztes Vermächtnis“ der humorfreie Ton gewollt war, scheint „Affentheater“ durchaus als Comic-Crime-Novel geplant gewesen zu sein. Umso schmerzlicher fallen der für einen richtigen Hiaasen fehlende bizarre Schwarze Humor und die erinnerungswürdigen Charaktere auf.
In seinem neuen Roman „In Almas Augen“ erzählt Daniel Woodrell eine weitere Geschichte aus den Ozarks und wie in seinen vorherigen Romanen braucht er nicht viele Worte. Mehr als zweihundert Seiten hat nur sein historischer Roman „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on/Ride with the devil, 1987). Oft erzählte er seine geradlinigen, chronologisch und schnörkellos erzählten Noirs in der ersten Person oder nah an einem Charakter.
In „In Almas Augen“ bedient er sich dagegen einer komplizierten Struktur. Als Quasi-Rahmenhandlung verbringt der Ich-Erzähler als Zwölfjähriger in den Sechzigern einen Sommer bei seiner Großmutter Alma. Während der Sommerferien erzählt sie ihm von der großen Katastrophe von 1929. Damals kam es während eines Tanzabends zu einer Explosion in der Ann Arbor Tanzhalle, bei der 42 Menschen starben. Diese Rückblende splittert Woodrell jetzt in zahllose Episoden auf, die mal vor, teilweise sogar Jahrzehnte vor der Katastrophe, mal nach, mal während der Katastrophe spielen. Manchmal ist auch unklar, wann sie spielen. Und die Erzählperspektive wechselt immer wieder. Oft ist sie auch vollkommen unklar, aber Alma, was man nach dem deutschen und dem Originaltitel vermuten könnte, ist nicht die Erzählerin. Es ist eher ein allwissender Erzähler, der nichts mit Alma und dem Erzähler der in den Sechzigern spielenden Rahmengeschichte, die beide groß eingeführt werden, zu tun hat.
Dieser Kunstgriff führt jetzt allerdings nicht zu einer multiperspektivisch erzählten Geschichte, in der sich die verschiedenen Perspektiven und Geschichten gegenseitig befruchten, sondern wirkt wie ein Griff in den Zettelkasten. Denn auch wenn einige Episoden oder Kurzgeschichten gelungen sind, ist der Gesamteindruck verheerend. Nie macht die Lektüre Spaß. Nie kommt ein Interesse an den Charakteren auf. Nie wird es interessant. Stattdessen schwankt man zwischen Ratlosigkeit und emsigem Zusammensetzen der Einzelteile. Aber ein Puzzle ist kein Roman.
Es ist zwar erfreulich, dass Carl Hiaasen und Daniel Woodrell nicht einfach noch einmal das gleiche Buch schreiben wollten, dass sie nicht das nächste „Striptease“ oder „Winters Knochen“ (beide verfilmt) abliefern und etwas neues wagen. Nur gelungen sind die Werke nicht. Auch nicht empfehlenswert oder wenigstens interessant gescheitert.
– Carl Hiaasen: Affentheater (übersetzt von Marie-Luise Bezzenberger) Manhattan, 2014 400 Seiten
17,99 Euro
– Originalausgabe
Bad Monkey
Alfred A. Knopf, 2013
– Daniel Woodrell: In Almas Augen (übersetzt von Peter Torberg) Liebeskind, 2014 192 Seiten
16,90 Euro
– Originalausgabe
The Maid’s Version
Little, Brown and Company, 2013
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