Neu im Kino/Filmkritik: „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ soll das Ende sein

Juni 9, 2022

Es gibt viele Dinosaurier; also wirklich sehr viele. Nämlich insgesamt 27 verschiedene Dinosaurierarten. Zehn davon sind neu. Das dürfte die eingefleischten Dinosaurier-Fans des „Jurassic Park“-Franchises begeistern. Alle anderen fragen sich natürlich, ob es außer Dinosaurier noch andere Gründe für einen Kinobesuch gibt.

Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ ist angekündigt als der Abschluss der aktuellen „Jurassic World“-Trilogie und, indem er die „Jurassic World“-Trilogie eindeutig mit der vorherigen „Jurassic Park“-Trilogie verbindet, ist dieser Dinosaurierfilm auch der Abschluss der „Jurassic Park/Jurassic World“-Filmreihe. So wurde der Film jedenfalls in den vergangenen Monaten angekündigt.

Abgesehen von den Dinosauriern vereinigt Colin Trevorrow in seinem neuesten „Jurassic World“-Film ungefähr alles, was aktuell an Blockbuster-Filmen so nervig und schlecht ist.

Beginnen wir mit der Story, in der eigentlich alle bekannten Hauptfiguren und wichtige Nebenfiguren aus den vorherigen fünf „Jurassic Park“/“Jurassic World“-Filmen wieder auftauchen.

Inzwischen sind die Dinosaurier überall und nirgends. Es gibt auch einen florierenden Schwarzmarkt mit Dinosauriern und irgendwie können sie sich fortpflanzen und doch nicht. Das Verhältnis zwischen Dinosauriern und Menschen ist unklar.

Owen Grady (Chris Pratt) und Claire Dearing (Bryce Dallas Howard), die Hauptdarsteller der „Jurassic World“-Filme, leben inzwischen seit Jahren mit der inzwischen pubertierenden Maisie Lockwood (Isabella Sermon) abseits der Zivilisation in den amerikanischen Wäldern. Lockwood ist, wie wir in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ erfahren haben, ein genetischer Klon von Sir Benjamin Lockwoods Tochter. Sie wird von Männern des Biotech-Konzerns Biosyn gesucht – und gefunden. Sie entführen das Mädchen und flüchten, über Umwege, in die Dolomiten.

Grady und Dearing verfolgen die Entführer.

Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort in den USA entdeckt Paläobotanikerin Dr. Ellie Sattler (Laura Dern), dass Dinosaurier-Heuschrecken an diesem Ort die gesamte Ernte gefressen haben. Also einerseits nur die Ernte, die nicht mit einem bestimmten Saatgut behandelt wurde, andererseits würden diese Heuschrecken innerhalb kürzester Zeit alle Ernten vernichten (Hatte ich schon gesagt, dass Logik nicht die große Stärke des Films ist? Anyway…).

Sattler trifft den Paläontologen Dr. Alan Grant (Sam Neill) an seiner aktuellen Dinosaurier-Ausgrabungsstätte. Gemeinsam machen die beiden alten Bekannten sich auf den Weg in die Dolomiten. Dort hat der Biotech-Konzern Biosyn in einem Tal ein neues Dinosaurier-Forschungszentrum mit universitärem Lehrbetrieb eingerichtet. Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) arbeitet dort (Keine Ahnung warum; wahrscheinlich weil es so im Drehbuch steht.). Er ist der firmeninterne Philosoph und er hat seine alten Freunde Sattler und Grant eingeladen. Denn – Überraschung! – in dem Forschunglabor wird mit Dinosaurier-DNA experimentiert. Biosyn, verkörpert von ihrem CEO Lewis Dodgson (Campbell Scott als Bösewicht des Films), und ihre Top-Forscher, unter anderem der ebenfalls aus den vorherigen Filme bekannte Dr. Henry Wu (BD Wong), benötigen für ihre Experimente Lockwood.

Kurz nach der entführten Lockwood treffen auch Grady und Dearing in den Dolomiten ein. Bruchlandend in einem eisbedecktem Staudamm des Firmengeländes. Die Temperaturen in dem restlichen Gelände scheinen dagegen eher tropisch zu sein. Geflogen wurden die Schrottmaschine, und damit ist die Combo unserer furchtlosen Helden endlich komplett, von der Cargopilotin Kayle Watts (DeWanda Wise).

Ab diesem Moment müssen sie in dem Gelände gegen frei herumlaufende Dinosaurier und Biosyn-Wachleute kämpfen und sie müssen herausfinden, was Biosyn plant.

Die Story wirkt wie die Visualisierung eines Brainstormings. Da werden alle Figuren, die einem einfallen, aufgeschrieben. Sattler, Grant, Malcolm und Wu aus dem ersten „Jurassic-Park“-Film. Malcolm hatte bereits in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ ein Cameo, das beim Publikum gut ankam. Wu ist auch in den beiden vorherigen „Jurassic World“-Filmen dabei. Selbstverständlich werden die aus den aktuellen „Jurassic World“-Filmen bekannten Figuren genannt. Also sind auch Dearing und Grady dabei; um nur die wichtigsten Figuren zu nennen.

Einer erinnert sich an Lewis Dodgson. Der wollte in „Jurassic Park“ Dino-Embryonen aus dem noch nicht eröffnetem Vergnügungspark schmuggeln. Jetzt ist er der CEO von Biosyn und damit der Bösewicht des Films. Weil der Originaldarsteller Cameron Thor eine mehrjährige Haftstrafe wegen sexueller Übergriffe bei einer Dreizehnjährigen verbüßt, übernahm Campbell Scott die Rolle. In allen anderen Fällen übernahmen die Schauspieler wieder die Rollen, die sie bereits in früheren Filmen des Franchises gespielt hatten. Und ihr werdet überrascht sein, wer von den Hauptpersonen alles nicht stirbt.

Über die Altersdifferenz zwischen ‚Indiana Jones‘ Grant und Sattler, die sich jetzt ihre Liebe gestehen, schweigen wir; wie der Film.

Dann werden einige Plot-Points aufgeschrieben. Und Handlungsorte. Die Orte, die schon einmal gezeigt wurde, werden dann wieder entfernt. Also keine Dinos auf einer Insel und auch keine Dinos, die eine Großstadt verwüsten. Das geschah schon in „Vergessene Welt: Jurassic Park“ mit San Diego. Aber Dinos in der Prärie und den Bergen gab es noch nicht. Irgendjemand im Meeting liebt die Dolomiten. Also spielt der gesamte dritte und auch der größte Teil des zweiten Aktes dort. Im ersten Akt werden die Figuren vorgestellt, die irgendwo in Amerika sind. Die Zahl der Orte erinnert an die Produktionsorte eines deutschen Films, der von mehreren Bundesländern Gelder erhielt und jetzt deshalb dort Geld ausgeben muss. Die Vorstellung der Figuren und ihre Charakterisierungen geraten arg dünn. Die Macher gehen einfach davon aus, dass wir die vorherigen Filme noch kennen, aber sie nicht gut genug kennen, um über Veränderungen in ihrem Charakter kundig reden zu können. Bei neuen Figuren muss dann eine knappe Beschreibung, wie eiskalte Killerin, taffe Pilotin und böser Firmenchef, alles erklären.

Sowieso wird die Motivation der Figuren von der Bruchpilotin Watts, nachdem sie Grady und Dearing vor einer Trupp Killer und mordgieriger Dinosaurier rettete, treffend mit einem ‚fragen Sie nicht‘ auf den Punkt gebracht.

Das gilt auch für die gesamte Filmgeschichte. Die Story, soweit sie überhaupt erkennbar ist, setzt vor allem den ersten „Jurassic Park“-Film fort und ergänzt sie um einige Handlungselemente und Figuren aus den späteren Filmen. „Jurassic World“ wird dabei weitgehend bis vollständig ignoriert. Das ist der beste Film der aktuellen Trilogie und eigentlich ein Reboot des ersten „Jurassic Park“-Films, nur dass der Dinosaurier-Vergnügungspark inzwischen eröffnet ist und die Dinosaurier dann durchdrehen.

Absolut störend, vor allem nach dem Realismus von „Top Gun: Maverick“, ist, dass in „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ mal wieder so gut wie alles vor Green Screens in Studiohallen gedreht wurden. Da gibt es keine Verbindung zwischen den CGI-Dinosauriern, den Menschen und ihrer Umwelt. So laufen sie durch den Schnee, aber wir sehen niemals ihren Atem und frieren tun sie auch nicht. Sie reiten ohne wehende Haare. Sie rasen auf einem Motorrad durch enge Gassen und drehen sich ständig nach ihren Verfolgern um. Sie können, immer wieder, schneller als ein Dinosaurier laufen. Und ihn, müheloser als ein wildes Pferd, mit einem handelsüblichem Lasso und etwas gutem Willen fangen. Das hat dann noch nicht einmal den Realismus einer alten Hollywood-Studioproduktion.

Was für ein Desaster; oder, anders gesagt: „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ ist die konsequente Fortsetzung des ebenfalls misslungenen zweiten Teils „Jurassic World: Das gefallene Königreich“.

Ach ja: Das dürfte niemanden überraschen: inzwischen reden die Macher schon über weitere mögliche „Jurassic Park“-Filme.

Jurassic World: Ein neues Zeitalter (Jurassic World: Dominion, USA 2022)

Regie: Colin Trevorrow

Drehbuch: Emily Carmichael, Colin Trevorrow (nach einer Geschichte von Derek Connolly und Colin Trevorrow, basierend auf Charakteren von Michael Crichton)

mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Laura Dern, Jeff Goldblum, Sam Neill, DeWanda Wise, Mamoudou Athie, BD Wong, Omar Sy, Isabella Sermon, Campbell Scott, Justice Smith, Scott Haze, Dichen Lachman, Daniella Pineda

Länge: 147 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“

Metacritic über „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“

Rotten Tomatoes über „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“

Wikipedia über „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „Jurassic World“ (Jurassic World, USA 2015)

Meine Besprechung von J. A. Bayonas „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ (Jurassic World: Fallen Kingdom, USA 2018)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „The Book of Henry“ (The Book of Henry, USA 2017)


Neu im Kino/Filmkritik: In der Mitte einer neuen Trilogie: „Jurassic World: Das gefallene Königreich“

Juni 6, 2018

Drei Jahre nachdem eine Horde Dinosaurier auf Isla Nublar einen Freizeitpark mit ihnen als Attraktion verwüstete, ist die Insel verwaist. Bis auf die Dinosaurier, die dort ungestört von den Menschen leben. Als auf der Insel ein Vulkan ausbrechen soll, ist ihr Überleben fraglich.

Eli Mills (Rafe Spall), der Geschäftsführer des Lockwood Estate, möchte sie retten. Sein Chef, der kranke Benjamin Lockwood (James Cromwell), war, neben John Hammond, einer der beiden Hauptfinanziers des Freizeitparks. Die Dinosaurier sollen auf eine andere Insel gebracht werden. Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) soll dabei helfen. Sie war früher die zahlenfixierte Leiterin des Parks. Jetzt kämpft sie für das Überleben der Dinos. Mills braucht sie, weil nur mit ihrem Handabdruck der Inselcomputer gestartet werden kann, mit dem die Dinos geortet werden können. Owen Grady (Chris Pratt) soll mitkommen, weil er ihnen helfen kann, Blue zu finden. Vor allem diesem besonders intelligenten Dino mit Führungsqualitäten (Dino! Nicht Affe.) gilt das Interesse der Expedition. Begleitet werden sie von einer kleinen Söldnerarmee, die das tut, was Söldnerarmee in solchen Filmen immer tun: schießen und eher illegale Aufträge erledigen.

Deshalb erfahren Grady und Dearing (inzwischen mit besserem Schuhwerk) schon auf der Insel, dass sie hereingelegt wurden. Mills will die Dinos nicht vor dem sicheren Tod retten, sondern sie meistbietend verkaufen.

Als der Vulkan ausbricht, sollen Grady und Dearing zu den Opfern der Katastrophe gehören. In letzter Sekunde gelingt ihnen die Flucht auf das rettende Transportschiff, das die Dinosaurier an einen anderen Ort bringen soll.

In diesem Moment ist noch nicht einmal die erste Stunde von J. A. Bayonas „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ um. Bayona, der Regisseur von „The Impossible“ und „Sieben Minuten nach Mitternacht“, übernahm die Regie, nachdem „Jurassic World“-Regisseur Colin Trevorrow keine Zeit hatte. Er sollte „Star Wars IX“ inszenieren. Das zerschlug sich später. Für „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ schrieb Trevorrow mit Derek Connolly das Drehbuch. Aktuell schreibt er, zusammen mit Emily Carmichael, das Drehbuch für den dritten „Jurassic World“-Film, der unter seiner Regie am 11. Juni 2021 die Trilogie global abschließen soll.

Unübersehbar ist bei Bayonas Film der Charakter eines Übergangswerk, das die Verbindung zwischen dem ersten und dritten Teil herstellen soll. Ohne große Erklärungen werden wir in die Handlung geworfen, die in der ersten Hälfte vor allem auf Isla Nublar, in der zweiten Hälfte auf dem riesigen Lockwood-Anwesen spielt. Es gibt viele Dialoge, die einfach nur Dinge erklären. Das ist nicht so wahnsinnig spannend. Es gibt reichlich Action und Spaß mit den Dinosaurier. Einige altbekannte, einige neue Dinosaurier. Insgesamt sind in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ mehr Dinosaurier zu sehen als in allen anderen „Jurassic“-Filmen zusammen und sie sind in ihrer vollen Pracht schon von der ersten Minute an zu sehen. Aber die reichlich vorhandene Action packt nicht, weil uns die durchgehend ziemlich eindimensionalen Charaktere weitgehend egal sind. Suspense und eine damit verbundene Atmosphäre der Bedrohung. ist ebenfalls dünn gesät. Vor allem wenn man an Bayonas Tsunami-Film „The Impossible“ denkt, der anfangs sehr direkt die bedrohliche Atmosphäre von „Der weiße Hai“ zitiert und der später eindrücklich die Folgen der wahren Katastrophe zeigt. Aber in dem Film geht es um Menschen in einer realen Situation. In „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ geht es um Eskapismus im Blockbuster-Format, bei dem, so lange riesige Tiere aufeinander losgehen, eine persönliche Handschrift und mehrere erzählerische Ebenen nicht benötigt werden.

Es gibt in „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ auch keine richtige, in sich abgeschlossene Geschichte, sondern nur einen Mittelteil, der dazu dient, viele Menschen und Tieren in die richtige Position für die finale Schlacht zu bringen.

In dem Gewusel bleibt dann wenig Zeit, um die verschiedenen Personen genauer zu charakterisieren und sie auf eine emotionale Reise zu schicken. Alles muss immer schnell gehen. Außerdem sind inzwischen auch im „Jurassic World“-Universum so viele wichtige Charaktere dabei, dass, wie bei einer TV-Serie, für den einzelnen Charakter innerhalb des Films kaum Zeit bleibt. So hat Jeff Goldblum im Film als vor dem menschlichen Treiben warnender Wissenschaftler Ian Malcolm nur zwei Szenen, die er sitzend wahrscheinlich innerhalb eines Tages abdrehte.

Es ist auch ein Film, der ständig an andere Filme erinnert. Schießwütige Söldner und die irrwitzige Idee, Dinosaurier auf das Festland zu bringen, kennen wir bereits aus „Vergessene Welt: Jurassic Park“ und „Jurassic Park III“. Anderes aus etlichen Monsterheulern, den neuen „Planet der Affen“-Filmen, „King Kong“, bzw. „Kong“ und, zuletzt, „Rampage“; – – – eigentlich erzählt „Rampage“ eine sehr ähnliche Geschichte, die dank der Konzentration auf wenige Personen und Tiere, deutlich besser und vor allem mit mehr Augenzwinkern, vulgo vergnüglicher, erzählt wird.

Jurassic World: Das gefallene Königreich (Jurassic World: Fallen Kingdom, USA 2018)

Regie: J. A. Bayona

Drehbuch: Colin Trevorrow, Derek Connolly

LV: Charaktere von Michael Crichton

mit Chris Pratt, Bryce Dallas Howard, Rafe Spall, Justice Smith, Daniella Pineda, James Cromwell, Toby Jones, Ted Levine, Jeff Goldblum, Isabella Sermon, BD Wong, Geraldine Chaplin

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Facebook-Seite zum Film

DEnglische Homepage zum Film

Moviepilot über „Jurassic World: Das gefallene Königreich“

Metacritic über „Jurassic World: „Das gefallene Königreich“

Rotten Tomatoes über „Jurassic World: Das gefallene Königreich“

Wikipedia über „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Colin Trevorrows „Jurassic World“ (Jurassic World, USA 2015)

Meine Besprechung von Juan Antonio Bayonas „The Impossible“ (Lo imposible, USA/Spanien 2012)

Meine Besprechung von J. A. Bayonas „Sieben Minuten nach Mitternacht“ (A Monster calls, USA/Spanien 2016)