Neu im Kino/Filmkritik: „Eine Erklärung für alles“ gibt es nicht

Dezember 19, 2024

Während seiner Abiturprüfung in einer Schule in Budapest beantwortet Abel keine Frage der Prüfer. Warum er das tut, ist unklar. Fast schon verzweifelt fragt ihn sein Geschichtslehrer Jakab nach der Anstecknadel mit dem ungarischen Nationalwappen, die Abel trägt. Auch diese Frage beantwortet Abel nicht.

Als Abels konservativ-nationalistischer Vater und Viktor-Orbán-Anhänger von der Frage des Lehrers erfährt und dass sein Sohn bei der Prüfung durchgefallen ist, ist für ihn klar, dass sein Sohn wegen der Anstecknadel durchgefallen ist. Früher wurde die Anstecknadel am Jahrestag des Unabhängigkeitskrieges von 1848 getragen. Heute ist sie ein Symbol der Nationalisten und das Tragen ist ein Bekenntnis zur Nation. Das Nicht-Tragen bedeutet das Gegenteil.

Nachdem eine junge Journalistin über Abels Prüfung berichtet, wird daraus ein landesweiter Skandal, der von Linken und Nationalisten befeuert wird.

Währenddessen schwärmt Abel für seine beste Freundin Janka und er fährt auf dem Fahrrad durch die Stadt.

In „Eine Erklärung für alles“ seziert Gábor Reisz aus verschiedenen Perspektiven die aktuelle Stimmungslage in seinem Land. Aus einem kleinem Ereignis – einer Prüfung, die der Prüfling zu Recht nicht bestanden hat – wird ein die Nation spaltender Skandal, weil die Menschen nicht offen miteinander reden. Sie kennen bereits die Antwort. Entsprechend schnell wird aus einem Gespräch zwischen Abels Vater und seinem Lehrer ein gegenseitiges Anschreien, bei dem jeder nur seine eigene Position bekräftigt.

Reisz erzählt diesen eskalierenden Konflikt mit den Mitteln des Arthaus-Kinos. Die Motive der Figuren bleiben teils im Dunkeln und sind teils so offensichtlich, dass sie nicht weiter erklärt werden müssen. Es gibt lange Szenen, in denen wenig passiert. Über mehrere Minuten verfolgt die Kamera verfolgt den durch die Stadt fahrenden Abel. In den Momenten wird „Eine Erklärung für alles“ zu einer wahren Geduldprobe.

Eine Erklärung für alles (Magyarázat mindenre, Ungarn/Slowakei 2023)

Regie: Gábor Reisz

Drehbuch: Gábor Reisz, Éva Schulze

mit Gáspár Adonyi-Walsh, István Znamenák, András Rusznák, Rebeka Hatházi, Eliza Sodró, Lilla Kizlinger, Krisztina Urbanovits

Länge: 127 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Eine Erklärung für alles“

Rotten Tomatoes über „Eine Erklärung für alles“

Wikipedia über „Eine Erklärung für alles“ (deutsch, englisch)