Neu im Kino/Filmkritik: „The Change“ is coming – und das ist keine gute Sache

November 5, 2025

Nun denn: (1) Spoilerwarnung und (2) ein vorgezogenes Fazit: „The Change“ ist eine sehenswerte Dystopie über die heutigen Vereinigten Staaten von Amerika und eine Warnung vor einer möglichen Entwicklung.

Als Ellen Taylor (Diane Lane), eine Professorin an der Georgetown University in Washington, D. C., nach acht Jahren eine ehemalige Studentin wieder trifft, ist sie etwas irritiert. Denn die Begegnung ist auf der Feier ihres 25. Hochzeitstages mit ihrem Mann Paul (Kyle Chandler). Die frühere Studentin mit dem porentief reinen Aussehen einer perfekten konservativen Vorstadthausfrau ist jetzt die neue Freundin von ihrem zu Selbstzweifeln neigendem Sohn Josh (Dylan O’Brien). Elizabeth ‚Liz‘ Nettles (Phoebe Dynevor) ist außerdem die Autorin des Bestsellers „The Change“. In dem Sachbuch entwirft sie eine faschistoid-konservative und radikal antidemokratische Vision der USA. Die akademisch aufgeklärte, linksliberale Ellen hielt Liz schon als Studentin für extrem konservativ, antidemokratisch und demagogisch. Das sagte sie der Studentin auch in ihrem Seminar und sie setzte sich dafür ein, sie von der Universität zu verweisen.

Wie sich die Beziehung zwischen Ellen, Liz und ihrem Sohn weiterentwickelt, wie Liz‘ Buch „The Change“ und die daraus entstandene Bewegung die USA hin zu einer immer intoleranteren Tugenddiktatur verändert und wie die jährlichen Feiern zum Hochzeitstag innerhalb weniger Jahre zu einer immer deprimierenden Angelegenheit werden, zeichnet Jan Komasa („Corpus Christi“) in fünf klar voneinander abgetrennten Kapiteln nach. Die Entwicklung geschieht sprunghaft, weil zwischen den einzelnen Kapiteln immer ein Jahr, einmal zwei Jahre vergehen. Die Entwicklung der USA ist nur im Kosmos der Familie Taylor (wozu neben Josh auch drei Töchter gehören) und ihren vermögenden Nachbarn (die namenlose Nebenfiguren bleiben) in der bürgerlich-gepflegten Vorstadt sichtbar. Auf erklärende Nachrichteneinblendungen oder längliche Erklärdialoge verzichtet er.

Diese Begrenzung und dass Komasa nur kryptisch auf die Ziele der Bewegung „The Change“ eingeht, ist zugleich die Stärke und Schwäche der Dystopie. Das klare Konzept, das ohne Kompromisse durchexzerziert wird, führt zur Konzentration auf wenige Personen, einen Handlungsort und einen jährlich wiederkehrenden Zeitpunkt. Es hat etwas von einem Ritual mit fest gelegten Abläufen, die jedes Jahr trostloser ablaufen.

Der Nachteil ist, dass alles, was nicht innerhalb dieses Konzepts vernünftig abbildbar ist, ignoriert wird. So zeigen sich die Auswirkungen des von der Bewegung „The Change“ geforderten autoritären Einparteiensystems (was nur eine Umschreibung für Diktatur ist) ausschließlich an der zunehmenden Isolierung der Familie Taylor. Ellen, Paul und ihre vier Kinder müssen berufliche Repressalien erdulden – oder sich anpassen. Das politische Programm der neuen Regierung bleibt nebulös. Was sie abseits eines immer weiter ausgebauten repressiven Überwachungsapparats tut, bleibt unklar.

Komasa wurde 1981 in Polen geboren, wuchs dort, auf, studierte an Filmhochschule Lodz und erlebte die politischen Wandlungen Polens in den vergangenen Jahrzehnten aus nächster Nähe. Das und der Blick von Außen auf die US-amerikanische Kultur führen zu einem scharfen Blick auf gesellschaftliche Bruchlinien und wie aus einer Demokratie eine Diktatur werden kann. Wie Politik eine Familie zerstört, zeigt Komasa eindringlich auf den jährlichen Familientreffen.

Wobei es, wie die letzten Bilder zeigen, ihm nicht darum geht, zu zeigen, wie Politik eine Familie zerstört, sondern wie eine gekränkte Frau sich an der Person, die sie kränkte, rächen will. Dafür zerstört sie die gesamte Familie. Das von ihr aufgebaute Terrorregime diente nur diesem einen Zweck. Die Zerstörung der Demokratie als Kollateralschaden einer Demütigung. Diese durchaus überraschende Pointe raubt der vorher erfolgten Analyse dann einiges von seiner Kraft und lässt den politisch interessierten Zuschauer etwas ratlos zurück. Ideologien und antidemokratische Bestrebungen können auf verschiedenen Ebenen bekämpft werden. Aber Kränkungen?

Dessen ungeachtet kann „The Change“ Diskussionen provozieren. Und eine pointierte Warnung sein, wie schnell aus einer liberalen Demokratie eine Diktatur werden kann.

The Change (Anniversary, USA 2025)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Lori Rosene-Gambino (nach einer Geschichte von Jan Komasa und Lori Rosene-Gambino)

mit Diane Lane, Kyle Chandler, Madeline Brewer, Zoe Deutch, Phoebe Dynevor, Mckenna Grace, Daryl McCormack, Dylan O’Brien, Sky Yang, Selda Kaya

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Change“

Metacritic über „The Change“

Rotten Tomatoes über „The Change“

Wikipedia über „The Chance“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)


TV-Tipp für den 31. August: Corpus Christi

August 30, 2022

Arte, 22.00

Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Mateusz Pacewicz

Nach der Verbüßung seiner Jugendstrafe würde Daniel gerne Priester werden. Aufgrund seiner Vorstrafen ist das unmöglich. Als er in einem Dorf für einen Geistlichen gehalten wird, nimmt er diese Rolle an und spaltet mit seiner unkonventionellen Art schnell die Dorfgemeinde

Jan Komasas auf einem wahren Fall beruhende Hochstapler-Geschichte war in Polen ein Kritiker- und Publikumserfolg, der sogar in den deutschen Kinos lief.

„Corpus Christi“ ist ein sperriger, aber auch sehenswerter Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Corpus Christi“

Metacritic über „Corpus Christi“

Rotten Tomatoes über „Corpus Christi“

Wikipedia über „Corpus Christi“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)


TV-Tipp für den 18. November: Corpus Christi

November 17, 2021

WDR, 23.15

Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Mateusz Pacewicz

Nach der Verbüßung seiner Jugendstrafe würde Daniel gerne Priester werden. Aufgrund seiner Vorstrafen ist das unmöglich. Als er in einem Dorf für einen Geistlichen gehalten wird, nimmt er diese Rolle an und spaltet mit seiner unkonventionellen Art schnell die Dorfgemeinde

TV-Premiere. Jan Komasas auf einem wahren Fall beruhende Hochstapler-Geschichte war in Polen ein Kritiker- und Publikumserfolg, der sogar in den deutschen Kinos lief.

Corpus Christi“ ist ein sperriger, aber auch sehenswerter Film.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Corpus Christi“

Metacritic über „Corpus Christi“

Rotten Tomatoes über „Corpus Christi“

Wikipedia über „Corpus Christi“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Jan Komasas „Corpus Christi“ (Boże Ciało, Polen 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: Polens Kandidat für den diesjährigen Auslandsoscar: „Corpus Christi“

September 3, 2020

Auf dem Plakat steht Daniel mit ausbreiteten Armen und einem Rockstar-Kreischen, das ihn sofort zum Leadsänger einer Rockband qualifiziert. Wenn da nicht die tiefkatholische Priesterkluft wäre.

Diese Irritation macht neugierig und sie verrät auch schon viel über den Film, der Gegensätze aufeinanderprallen lässt und die Frage stellt, wie ein Pfarrer sein muss.

Denn Daniel ist kein Heiliger und auch kein verhinderter Rockstar, sondern ein Verbrecher mit einem Hang zum unchristlichen Leben. Im Jugendgefängnis hilft er dann als Messdiener bei den Gottesdiensten. Schon vor dem Beginn der Filmgeschichte erfolgte dabei bei ihm eine Bekehrung. Er würde, nach der Verbüßung seiner Strafe, gerne Priester werden. Aber davor stehen zwei Hürden. Die eine, seine mangelhafte schulische Bildung, könnte er überwinden. Die andere nicht. Denn Vorbestrafte werden nicht zum Priesterseminar und dem darauf folgendem Priesteramt zugelassen.

Nach der Entlassung aus der archaischen Strafanstalt soll er sich am anderen Ende Polens bei dem Besitzer eines Sägewerks melden. Der Unternehmer ist dafür bekannt, ehemaligen Gefangenen eine zweite Chance zu geben. Als Daniel vor dem abseits gelegenem Sägewerk steht, ist er unschlüssig.

Er geht zum nahe gelegenem Dorf in die Kirche. Dort sagt er gegenüber einer Besucherin, er sei Priester und zeigt ihr seine Soutane. Diese kleine Angeberei führt dazu, dass er im Haus des Dorfpfarrers aufgenommen wird. Weil dieser für einige Tage weg muss, vertraut er Daniel das Amt und seine Gläubigen an.

Daniel klärt den Irrtum nicht auf. Am nächsten Tag steht er in der Kirche vor den Gläubigen, die seiner Predigt lauschen wollen. Und mit seine unorthodoxen Predigten und Taten beginnt er das Leben seiner Gemeindemitglieder zu beeinflussen.

Dieses Jahr war Jan Komosas „Corpus Christi“ Polens Kandidat für den prestigeträchtigen Auslandsoscar. Gegen den überragenden Gewinner und großen Abräumer der Oscar-Nacht, Bong Joon Hos „Parasite“, hatte er dann keine Chance. Beim Polnischen Filmpreis sah das ganz anders aus. Dort erhielt das Drama alle wichtigen Preise, wozu die Preise für bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Kamera, beste Haupt- und Nebendarsteller (beide Geschlechter) und der Publikumspreis gehörten. Insgesamt erhielt er elf von fünfzehn möglichen Auszeichnungen. Mit über 1,5 Millionen Zuschauern war er letztes Jahr in Polen ein Kinohit. In den Jahrescharts steht er auf dem achten Platz. Direkt hinter „Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers“.

Und es fand sich ein deutscher Verleih, der den Film jetzt in unsere Kinos bringt. Damit gehört „Corpus Christi“ zu den wenigen Filmen aus unserem Nachbarland, der bei uns im Kino läuft.

Corpus Christi“ ist sperrige Kost, die so gar nichts mit den üblichen Blockbuster und Arthaus-Hits zu tun hat. Komosa zeigt eine düstere Welt, in der sich Daniel immer mehr in Schuldgefühle und Schuld verstrickt. Er stochert im großen Trauma des Dorfes – ein nächtlicher Autounfall, bei dem sieben Mitglieder der Dorfgemeinschaft, sechs davon Jugendliche, starben – herum. Er will herausfinden, was damals geschah und er will diese Wunde in der Seele des Dorfes schließen. Mit seinen die Konventionen eines streng reglementierten Gottesdienst sprengenden Predigten und Taten irritiert er die Gläubigen. Es ist eine Irritation, die sie ihr Leben und ihren Glauben neu betrachten lassen.

Er bringt frischen Wind in ein Dorf, das wie ein deutsches Dorf aus den fünfziger Jahren aussieht. Die Dorfgemeinschaft, vor der Daniel predigt, vervollständigt das Bild. Sie erinnert an damalige Gemeinschaften, in denen Autoritäten und die Kirche nicht hinterfragt wurden. Die richtige Kleidung ist der Ausweis für die Kompetenz. Es ist damit auch eine engstirnige Dorfgemeinschaft, in der das Wort des Patriarchen, von dem alle abhängig sind, und der Kirche Gesetz sind. Das ist dann, wenn die Dörfler die Witwe des Verursachers des tödlichen Unfalls zur Aussätzigen erklären und Daniel mit den trauernden Hinterbliebenen der Opfer des Unfalls eine Urschreitherapie ausprobiert, nicht allzu weit von den „Jagdszenen aus Niederbayern“ entfernt.

Komasa zeigt diese uns so seltsam vertraut erscheinende Welt mit einer ruhig beobachtenden Kamera, die oft Aktion und Reaktion in einem Bild zeigt und einfache Antworten vermeidet.

Corpus Christi (Boże Ciało, Polen 2019)

Regie: Jan Komasa

Drehbuch: Mateusz Pacewicz

mit Bartosz Bielena, Eliza Rycembel, Aleksandra Konieczna, Tomasz Zietek, Leszek Lichota, Lukasz Simlat

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Corpus Christi“

Metacritic über „Corpus Christi“

Rotten Tomatoes über „Corpus Christi“

Wikipedia über „Corpus Christi“ (deutsch, englisch)