Neu im Kino/Filmkritik: Robert Rodriguez ist „Hypnotic“

August 10, 2023

Nach einer längeren Kinopause – zuletzt lief 2019 sein Big-Budget-Science-Fiction-Film „Alita: Battle Angel“ im Kino – ist Robert Rodriguez zurück im Kino und wieder zurück bei seinen B-Movie-Wurzeln. Mit einem A-Cast.

Ben Affleck spielt Danny Rourke, einen Detective des Austin Police Departments, der immer noch seine spurlos verschwundene siebenjährige Tochter sucht. Bei einem auf seltsame Art aus dem Ruder laufendem Banküberfall entdeckt er in einem Schließfach ein Foto seiner Tochter und die kryptische Botschaft „Finde Lev Dellrayne“. Initiiert wurde der Banküberfall von einem geheimnisvollen Mann, der sich später als Dellrayne (William Fichtner) entpuppt. Er kann mit alltäglichen Satzfetzen und Worten Menschen dazu bringen, ihm bedingungslos zu gehorchen und Verbrechen auszuführen.

Bei seinen Ermittlungen trifft Rourke auf die Wahrsagerin Diana Cruz (Alice Braga). Sie erzählt ihm, es gebe Hypnotics, die die Gedanken und den Willen von anderen Menschen vollständig kontrollieren können.

Und mehr soll hier über die Story von „Hypnotics“ nicht verraten werden. Denn ein Teil des Spaßes beim Ansehen von diesem Psychothriller ist, dass man sich niemals sicher sein kann, was gerade Realität und was ein echt aussehendes Fantasiegebilde ist. Außerdem können Dellrayne und andere Hypnotics Menschen unglaublich schnell manipulieren. Dann wird, durch ein Wort oder ein Geräusch getriggert, aus einem Freund ein Feind, der, wie ein Zombie, nur noch ein Ziel hat.

Die von Rodriguez und Max Borenstein erfundene Geschichte kann als eine B-Picture-Variante von „Inception“ mit einer Spur von Stephen Kings „Feuerkind“ (Firestarter, 1980) beschrieben werden. Denn Rourkes Tochter hat Fähigkeiten, die sie für viele Menschen und Organisationen interessant macht.

Erzählt wird Rourkes Suche nach seiner Tochter als eine Mischung aus vielen Erklärdialogen, Action und Twists, in denen sich die Welt um Rourke innerhalb von Sekunden vollständig verändert und wir, quasi nebenbei, eine Tour durch Rodriguez Troublemaker Studios erhalten. Dort wurde fast der gesamte Film gedreht. Dort konnte Rodriguez die Sets mühelos dem aktuellen Bewusstseinszustand von Rourke anpassen. Dabei treibt Rodriguez das Grundprinzip jedes Verschwörungsthrillers, nämlich dass nichts ist, wie es scheint, auf die Spitze. Intellektuell ist das gleichzeitig ziemlich vergnüglich und frustrierend. Denn der Grad zwischen wunderschön abgefahrener, nicht Ernst zu nehmender, aber durchdachter Verschwörungstheorie und einem beliebigen anything goes ist schmal.

Leider verzichtet Rodriguez bei seinem neuesten Film auf den aus seinen anderen Actionthrillern bekannten Humor.

So ist „Hypnotic“ ein spannender, wendungsreicher, etwas glatt geratener B-Thriller, der immer auch etwas zu brav für seine fantastische Prämisse ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Hypnotic (Hypnotic, USA 2023)

Regie: Robert Rodriguez

Drehbuch: Robert Rodriguez, Max Borenstein (nach einer Idee von Robert Rodriguez)

mit Ben Affleck, Alice Braga, William Fichtner, JD Pardo, Hala Finley, Dayo Okeniyi, Jeff Fahey, Jackie Earle Haley

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Hypnotic“

Metacritic über „Hypnotic“

Rotten Tomatoes über „Hypnotic“

Wikipedia über „Hypnotic“

Meine Besprechung von Frank Miller/Robert Rodriguez‘ „Sin City 2: A Dame to kill for (Frank Miller’s Sin City: A Dame to kill for, USA 2014)

Meine Besprechung von Robert Rodriguez‘ „Alita: Battle Angel“ (Alita: Battle Angel, USA 2019)


Neu im Kino/Filmkritik: „Snitch – Ein riskanter Deal“ ist eine bitterböse Anklage gegen die US-Drogenpolitik

Juni 7, 2013

 

Wer in „Snitch – Ein riskanter Deal“ das prototypische Dwayne-Johnson-Actionvehikel mit viel Testosteron und wenig Hirn erwartet, sollte sein Geld lieber in einen zweiten Besuch von „“Fast & Furious 6“ stecken stecken. Denn „Snitch“ ist ein gelungener 70er-Jahre-Crime-Thriller mit etwas Action, vor allem am Ende, und Charakteren, die aufgrund der Umstände vor schwierigen Entscheidungen stehen.

So muss sich der Bauunternehmer John Matthews (Dwayne Johnson) fragen, was er für seinen achtzehnjährigen Sohn Jason (Rafi Gavron) tun wird. Jason wurde mit einem Päckchen Ecstasy-Pillen geschnappt. Er hat das Päckchen für einen Freund angenommen. Angeklagt ist er jetzt als Drogenhändler.

Jason erhält jetzt das Angebot, seine Strafe, die sich auch bei Ersttätern ausschließlich nach der Menge der konfiszierten Drogen bemisst, von zehn Jahren zu reduzieren, wenn er der Polizei einen anderen Drogenhändler nennt. Eine andere Möglichkeit, die Strafe zu reduzieren, gibt es nicht. Dummerweise kennt Jason keine Drogenhändler und er will auch nicht irgendeinen x-beliebigen Klassenkameraden verpetzen.

Als John sieht, wie es seinem Sohn im Gefängnis zunehmend schlechter geht, verfällt der anständige Bürger auf eine wahnwitzige Idee: wenn er der konservativen republikanischen Staatsanwältin Joanne Keeghan (Susan Sarandon) einen Drogenhändler liefert, könne das doch strafmildernd auf die Haft seines Sohnes angewandt werden.

Aber auch John kennt keine Drogenhändler. Er versucht den bei ihm angestellten Ex-Häftling Daniel James (Jon Bernthal), der als bereits zweimal verurteilter Familienvater ein ehrliches Leben führen will, zu überzeugen, seine guten Vorsätze aufzugeben.

Diesen Weg ins Verderben zeichnet Ric Roman Waugh („Felon“) für heutige Sehgewohnheiten ungewöhnlich ruhig nach und Dwayne Johnson, der unbesiegbare Muskelprotz darf hier, sehr reduziert, einen Normalbürger spielen, der sein Gehirn einsetzen muss. Denn seine Muskeln helfen ihm nicht gegenüber den Drogenhändlern und gegenüber der Staatsanwältin Keeghan, die ihre Menschenverachtung nur mühsam hinter Paragraphen verbirgt und Matthews kalt lächelnd als potentielles Bauernopfer in immer größere Gefahr bringt. Und das kann sie tun, weil es in den letzten Jahren im US-amerikanischen Justizsystem eine groteske Fehlentwicklung gab: im Kampf gegen die Drogenkriminalität wurden die Mindeststrafen auch für Ersttäter immer weiter angehoben. Nach den „Mandatory Drug Sentencing Laws“ gibt es für zehn Gramm LSD zehn Jahre Haft und der Täter kann seine Strafe für Drogenbesitz, die bis zu dreißig Jahren betragen kann, nur verringern, indem er einen anderen Drogenhändler verpfeift. So wollte man an die großen Bosse kommen. In der Realität sitzen Jungs wie Jason im Gefängnis.

Die Inspiration für „Snitch“ war die PBS-“Frontline“-Sendung „Snitch“ und dieser Fall:

Another case profiled is that of 18- year-old Joey Settembrino, a first time offender who received a 10-year prison sentence after being caught in a drug sting instigated by a friend who was facing federal prosecution. After Joey was busted, federal agents enlisted his father to try to set up others in a drug sting. If the father delivered, his son would be spared a lengthy prison term. The effort failed. Joey is serving a mandatory 10 years without parole.“

Snitch“ ist sicher nicht das typische Blockbuster-Futter, aber es ist ein angenehm altmodischer Thriller, in dem die Schauspieler im Vordergrund stehen und auch eine Botschaft transportiert wird. Denn natürlich fragt man sich, ob es wirklich richtig ist, wenn ein unbescholtener Einser-Schüler aufgrund der Gesetze zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt wird und sein ebenfalls unbescholtener Vater zum Verbrecher werden muss, um seinem Sohn helfen zu können. „Snitch“ zeigt im Rahmen einer spannenden, aber auch vorhersehbaren Genre-Geschichte, wie sehr in den USA Gesetz und Gerechtigkeitsempfinden im Kampf gegen die Drogenkriminalität auseinanderklaffen.

Snitch - Plakat

Snitch – Ein riskanter Deal (Snitch, USA 2013)

Regie: Ric Roman Waugh

Drehbuch: Justin Haythe, Ric Roman Waugh

mit Dwayne Johnson, Barry Pepper, Jon Bernthal, Susan Sarandon, Michael K. Williams, Rafi Gavron, Melina Kanakaredes, Velazquez Maria, Benjamin Bratt, Lela Loren, JD Pardo, David Harbour

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Metacritic über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Rotten Tomatoes über „Snitch – Ein riskanter Deal“

Wikipedia über „Snitch – Ein riskanter Deal“

PBS: Frontline-Sendung „Snitch“, die den Spielfilm inspirierte