LV (inspiriert von): Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen, 2019
Juan Romero kann es nicht fassen: der Starjournalist Lars Bogenius, dem er für einen Bericht für das bekannte Politikmagazin „Chronik“ zuarbeiten soll, scheint die Geschichte ziemlich frei zu erfinden. Als Romero dem Magazin von seinem Verdacht erzählt, glauben sie ihm nicht. Also beginnt Romero nach Beweisen für seinen Verdacht zu suchen.
TV-Premiere. Kurzweilige Mediensatire und Sittengemälde eines auflagenstarken Wochenmagazins, inspiriert und nah an den bekannten Fakten des Falls Claas Relotius erzählt.
Alle die seit einiger Zeit die Medien verfolgen, haben natürlich die Affäre Claas Relotius mitbekommen. Er war ein Starjournalist, der Preise erhielt und zuletzt für den „Spiegel“ arbeitete. Im Herbst 2018 fielen seinem „Spiegel“-Kollegem Juan Moreno Unstimmigkeiten in einer Reportage seines Kollegen auf. Moreno recherchierte und konnte danach in der Reportage mehrere grobe Fehler belegen. Der „Spiegel“ sah sich danach Relotius‘ andere Reportagen an und entdeckte auch in ihnen zahlreiche Fehler. Teils stimmten Fakten nicht, teils übertrieb er, teils log er schlichtweg.
Michael Bully Herbig verfilmte jetzt diese Geschichte nah an den allseits bekannten Fakten entlang. Trotzdem veränderte er alle Namen und auch im Presseheft steht, der Film sei von wahren Begebenheiten inspiriert. Das geschah wahrscheinlich nur, um etwaige Klagen zu vermeiden.
Herbig erzählt den Fell Relotius satirisch überspitzt und im Rahmen einer klaren Hollywood-Dramaturgie. Da ist Juan Romero (Elyas M’Barek) der etwas verwuschelte, immer etwas überfordert wirkende Underdog, der zuerst darüber empört ist, dass Lars Bogenius (Jonas Nay) für die „Chronik“ eine Reportage über aus Südamerika illegal in die USA kommende Flüchtllinge schreiben soll. Schließlich arbeitet er schon seit Ewigkeiten in der Gegend. Er kennt die Problematik und er hat viele Ansprechpersonen. Da könne er in einer Reportage mühelos die mexikanische und die amerikanische Seite des Problems schildern. Aber seine Vorgesetzten in der Hamburger Zentrale des Nachrichtenmagazins wollen, dass ihr Starreporter Bogenius die amerikanische Seite der Reportage übernimmt. Am Ende stünden beide Namen unter der Reportage.
Dieser Bogenius entspricht dem Hollywood-Bild eines Bösewichts. Er ist ein gut aussehender, immer korrekt angezogener, eiskalter Manipulateur und Lügner, der langsam den Überblick über seine Lügen verliert. So gibt es die todkranke Schwester, von der er seinen Kollegen mit tränenerstickter Stimme erzählt, überhaupt nicht. Die besten „Reportagen“ schreibt er frei fantasierend zwischen Strandpromenade und Hotelpool.
Als Romero die Reportage seines Kollegen liest, fallen ihm zahlreiche Unstimmigkeiten und Merkwürdigkeiten auf. So soll er glauben, dass die „Border Wolves“, eine sich patriotisch nennende Bürgerwehr, die illegale Einwanderer jagt, auf diese schießt und sie ohne Wasser zurück in die Wüste in den sicheren Tod schickt. Das wären schwere Verbrechen und Bogenius ein Zeuge.
Romero wird bei seinen Chefs vorstellig. Die ignorieren seine Hinweise. Schließlich ist Bogenius ihr Starreporter. Er treibt die Auflage in die Höhe. Und die hauseigenen Faktenchecker haben alles akribisch überprüft. Die hätten jeden Fehler sofort entdeckt.
Zusammen mit seinem Fotografen Milo (Michael Ostrowski), einem tief entspanntem Österreicher, beginnt Romero die Fakten zu überprüfen.
„Tausend Zeilen“ ist eine kurzweilige Mediensatire, die selbstverständlich an Helmut Dietls „Schtonk“ erinnert. In Dietls Satire ging es um die gefälschten Hitler-Tagebücher und um einen Skandal, der im Film mühelos zu einem Sittengemälde der bundesdeutschen Gesellschaft ausgeweitet werden konnte. In „Tausend Zeilen“ geht es letztendlich nur um einen Skandal innerhalb des Journalismus, der in der Branche auch zu einer Diskussion über die Grundlagen journalistischen Arbeiten führte. Herbigs Film ist dann auch „nur“ das Sittengemälde einer Branche, genauer gesagt eines Wochenmagazins, in dem die Chefs sich mehr für die Details ihrer Büroausstattung als für die Details einer Magazingeschichte interessieren.
Herbig erzählt dies sehr süffig als klassische David-Gegen-Goliath-Geschichte entlang der allgemein bekannten Fakten und der bekannten Verteilung von Gut und Böse.
Tausend Zeilen (Deutschland 2022)
Regie: Michael Bully Herbig
Drehbuch: Hermann Florin
LV (inspiriert von): Juan Moreno: Tausend Zeilen Lügen, 2019
mit Elyas M’Barek, Jonas Nay, Michael Ostrowski, Michael Maertens, Jörg Hartmann, Marie Burchard, Sara Fazilat, Jörg Thadeusz, Kurt Krömer
Der Adolf ist wieder da. Also, für alle, die ihm begegnen, ist er nicht der echte Adolf Hitler. Denn der ist ja seit 1945 tot. Heute, 2015, kann es sich daher nur um einen Spinner oder einen Komiker, der Method Acting auf die Spitze treibt, handeln. Allerdings, und das ist die ziemlich grandiose (wenn auch nicht neue) Prämisse von Timur Vermes‘ Bestseller und jetzt David Wnendts freier Verfilmung des Buches, ist dieser Adolf Hitler der echte Adolf Hitler, der plötzlich aus dem Nichts in Berlin auftaucht, sich über die Gegenwart wundert und, nachdem ein notleidender TV-Reporter ihn durch ganz Deutschland begleitete und filmte, schnell als Komiker durch die Sender gereicht wird. Ein großer Teil des Humors entsteht aus dem Aufeinandertreffen von Hitler, seinen Ansichten und der deutschen Gegenwart, die ganz anders ist als das Deutschland, das er kannte.
Dazu gibt es eine ziemlich gelungene Mediensatire über die Kämpfe in einem Sender und die Reaktionen auf der Straße und in TV-Shows auf Adolf Hitler. Seinen ersten Auftritt vor einem großen Publikum hat er mit einer improvisierten Rede über das Fernsehen in der fiktiven Privatsender-Show „Krass Alter“ mit Michael Kessler als Moderator. Danach tritt Hitler bei Frank Plasberg, Jörg Thadeusz und im Circus HalliGalli, im lockeren Gespräch mit Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf, auf.
Und dann gibt es noch, während des gesamten Films, viele Begegnungen von Adolf Hitler auf der Straße mit ganz normalen Menschen. Sie wollen vor dem Brandenburger Tor ein Selfie mit ihm machen. Sie reagieren, wenn er seine Wäsche in einer Wäscherei abgibt, überhaupt nicht; – was auch an dem typischen Berliner Leben-und-leben-lassen-Einstellung liegt. Und sie stimmen Hitlers Ansichten zu. Teilweise ungefragt; – was aber niemand, der schon einmal mit ganz normalen Menschen sprach oder an einem Wahlkampfstand den Tiraden der Wähler lauschte, erstaunt. Diese dokumentarischen Teile, in denen Hitler-Darsteller Oliver Masucci in seiner Rolle improvisieren musste, verleihen der Satire dann auch eine realistische Grundierung, die auf den gesamten Film abfärbt. Denn auch in den anderen Teilen wirken die Dialoge immer natürlich und die Schauspieler stolpern nicht steif durch das Bild oder versuchen krampfhaft witzig zu sein. Am Ende ist kaum noch zu erkennen, was im Drehbuch stand und was improvisiert ist und dann radikal zusammengeschnitten wurde. So hatte Wnendt nachdem er im Sommer 2014 mit Masucci als Hitler und einem kleinen Team durch Deutschland gefahren war, 380 Stunden Filmmaterial, das für den Film auf wenige Minuten zusammengeschnitten wurde.
Allerdings erzählt „Er ist wieder da“ auch nichts, was man nicht schon in anderen Satiren oder Mockumentaries, wie „Borat“ oder „Muxmäuschenstill“, gesehen hat. In der kleinen Independent-Produktion „Muxmäuschenstill“ brauchten Regisseur Markus Mittermaier und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg vor elf Jahren für ihre Bestandsaufnahme der deutschen Wirklichkeit keinen Hitler-Wiedergänger, sondern nur einen biederen jungen Mann im Anzug, der als selbsternannter Blockwart für Ideale und Verantwortungsbewusstsein auf die Straße ging und die Massen begeisterte.
Insgesamt ist „Er ist wieder da“, angesichts der vielen Fallen des Themas, ein überraschend gelungener Film, der allerdings mit zwei Stunden für eine satirische Mockumentary zu lang geraten ist. Zu oft plätschert Wnendts Film ziellos vor sich hin, indem er einfach die Ereignisse chronologisch und ohne dramaturgischen Fokus erfasst. Da hätte ich mir eine stärkere Zuspitzung gewünscht. Immerhin gibt Katja Riemann eine beängstigend glaubwürdige Mischung aus Eva Braun und Leni Riefenstahl ab und das Ende, wenn Hitler über seine Zukunft sinniert, während wir Bilder aus aktuellen Nachrichtensendungen sehen, ist eine eindeutige Warnung.