Neu im Kino/Filmkritik: „Alpha“, der neue Film von Julia Ducournau

April 2, 2026

Blöder Film. Denn vieles fügt sich erst am Ende mehr oder weniger zusammen. Einiges bleibt unklar. Und weil sich bis zum Ende keine richtige Geschichte entfaltet (wie bei einem Rätselkrimi, in dem der Detektiv die Puzzlesteine zusammenfügt oder wie bei „Die üblichen Verdächtigen“ und „The sixth Sense“, wo das Ende die vorherige Geschichte in einem vollkommen anderem Licht erscheinen lässt), kann auch kaum über Julia Ducournaus neuen Film gesprochen werden.

Vielleicht soviel: er spielt in Frankreich in den achtziger Jahren. Die dreizehnjährige Alpha lässt sich während einer drogengeschwängerten Party ein „A“ in ihren Arm tätowieren. Ihre allein erziehende Mutter, Ärztin im örtlichen Krankenhaus, reagiert panisch. Nicht wegen der Tätowierung, sondern wegen ihrer Entstehung und der Möglichkeit, dass die Nadel nicht desinfiziert war. Sie führt sofort einen AIDS-Test durch. Ddie Tätowierung heilt nicht richtig. Alpha verändert sich. Sie könnte sich mit infiziert haben; – es kann sich allerdings auch um normaler pubertäre Veränderungen handeln.

In ihr Zimmer zieht ihr drogensüchtiger Onkel ein. Sie verstehen sich. Alpha baut eine tiefere Verbindung zu dem immer wieder sehr lebenslustigem Mann auf. Dummerweise gehört er zu den Infizierten.

Diese Infizierten sind Menschen, deren Körper sich immer mehr verändert. Sie sehen immer mehr aus wie griechische oder römische Statuen. Sie werden immer mehr zu einer Art netter und harmloser Marmor-Zombies. Über den Ursprung der Seuche erfahren wir nichts. Aber sie scheint weitgehend harmlos zu sein.

Oft ist in dem Horrorfilm unklar, ob es sich um eine Fantasie, eine Vor- oder eine Rückschau handelt. Die eine Chronologie und Erklärung, die man hat, wird wenige Minuten später in dem Film widerlegt. „Alpha“ funktioniert vor allem als surrealistischer (Alp)Traum.

Trotzdem bleibt am Ende der Eindruck, dass „Titane“-Regisseurin Julia Ducournau sich hoffnungslos in ihren Ideen verirrte. Nur wenig fügt sich zusammen. Einiges spielt, wenn man eine Chronologie erstellen will, weder in der Gegenwart, noch in der Vergangenheit, sondern in einer Fantasiewelt jenseits von Gegenwart und Vergangenheit. Zu vieles bleibt nur eine schön aussehende Idee. So sehen die Infizierten gut aus. Womit sie infiziert wurden, ist unklar. Aber AIDS ist es nicht. Der in der zweiten Hälfte auftauchende rote Wind sorgt ebenfalls für schön dystopische Bilder. Was der Wind dann mit den Infizierten, Alpha, ihrem Onkel und ihrer Mutter zu tun hat, bleibt der Fantasie des Zuschauers überlassen.

Die spätestens in der zweiten Hälfte erahnbare Erklärung am Filmende sorgt dann für etwas Klarheit. Es ändert aber nichts daran, dass „Alpha“ ein ziemlich frustrierender Horrorfilm ist. Früher nannte man solche Filme ‚ambitioniert‘.

Alpha (Alpha, Frankreich/Belgien 2025)

Regie: Julia Ducournau

Drehbuch: Julia Ducournau

mit Mélissa Boros, Tahar Rahim, Golshifteh Farahani, Finnegan Oldfield, Emma Mackey

Länge: 128 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Alpha“

AlloCiné über „Alpha“

Metacritic über „Alpha“

Rotten Tomatoes über „Alpha“

Wikipedia über „Alpha“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Julia Ducournaus „Titane“ (Titane, Frankreich 2021)


TV-Tipp für den 15. Mai: Titane

Mai 14, 2024

Arte, 22.15

Titane (Titane, Frankreich 2021)

Regie: Julia Ducournau

Drehbuch: Julia Ducournau

Seit ihrer Kindheit hat Alexia (Agathe Rousselle) in ihrem Kopf eine Titanplatte. Als junge Frau arbeitet sie als Tänzerin in einer sexuell extrem aufgeladenen Autoshow und hat Ärger mit einem übergriffigem Gast. Sie tötet ihn – und tötet, ohne an die Konsequenzen zu denken, munter weiter.

Kurz darauf wird sie als Serienkillerin gesucht. Sie nimmt eine falsche Identität an und versteckt sich in einer einsam gelegenen Feuerwehrstation unter den jungen Feuerwehrmännern.

TV-Premiere. Gutaussehender, auf Skandal getrimmter Body-Horrorfilm, der vor allem in der ersten Hälfte blutig überzeugt. In Cannes gab es dafür 2021 die Goldene Palme.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Lais Salameh

Hinweise

AlloCiné über „Titane“

Moviepilot über „Titane“

Metacritic über „Titane“

Rotten Tomatoes über „Titane“

Wikipedia über „Titane“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Julia Ducournaus „Titane“ (Titane, Frankreich 2021)


TV-Tipp für den 18. Mai: Raw

Mai 17, 2022

Tele 5, 22.10

Raw (Grave, Frankreich/Belgien/Italien 2016)

Regie: Julia Ducournau

Drehbuch: Julia Ducournau

Nach einem Uni-Initiationsritual entwickelt eine junge Studentin einen besorgniserrengenden Appetit auf Menschenfleich.

Spielfilmdebüt von Julia Ducournau, deren nächster Spielfilm „Titane“ ebenfalls ein Body-Horrorfilm ist. „Raw“ ist ein „Meisterstück der französischen harten Welle“ (Fantasy Filmfest), das bei allem Schrecken eine „suggestive Auseinandersetzung mit den Ängsten des Erwachsenenwerdens“ (Lexikon des internationalen Films) ist.

Mit Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Joana Preiss

Wiederholung: Samstag, 21. Mai, 00.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Raw“

Wikipedia über „Raw“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Julia Cucournaus „Titane“ (Titane, Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Cannes-Gewinner 2021: „Titane“ von Julia Ducournau

Oktober 7, 2021

Jetzt ist er da: der diesjährige Cannes-Gewinner. Ein spektakulär gutaussehender Film, der das Potential für einen Skandalfilm hat. Allerdings ist die Zeit der Skandalfilme, also die Zeit, als Kritiker wutschnaubend die Vorstellung verließen, kirchliche Würdenträger den endgültigen Verfall der Sitten konstatierten (natürlich ohne das Werk gesehen zu haben), Zuschauer bei der Vorstellung ohnmächtig wurden und der Film anschließend in mehreren Ländern verboten wurde, vorbei.

Heute gibt es für so einen Film eine Freigabe ab 16 Jahre; was, zugegeben, eine ziemlich gewagte Entscheidung ist. Denn „Titane“ ist mit seinen zahlreichen intensiven Body-Horror-Szenen wirklich kein Film für zartbesaitete Zuschauer.

Im Mittelpunkt steht Alexia (Agathe Rousselle). Als Kind wurde sie bei einem von ihrem Vater verursachtem Autounfall schwer verletzt. Seitdem hat sie eine Titanplatte in ihrem Kopf. Inzwischen ist sie eine junge Frau. In einer Autoshow, die sich kaum von einem Stripclub unterscheidet, arbeitet sie als Tänzerin. Nach der Show hat sie zuerst etwas, das wie wilder Sex mit einem Auto aussieht, und dann auf dem Parkplatz Ärger mit einem übergriffigem Gast.

Er ist eines ihrer Opfer und weil sie keine Energie darauf verschwendet, ihre Spuren zu verwischen, wird sie schnell als Serienkillerin gesucht. Im Fernsehen sieht sie auch das Bild eines vor zehn Jahren veschwundenen Jungen. Sie hat eine entfernte Ähnlichkeit mit ihm. Deshalb schneidet sie sich die Haare, bricht sich die Nase und gibt sich, in körperverhüllenden Kleidern, als Adrien aus.

Adriens Vater Vincent (Vincent Lindon) ist der Kommandant einer einsam gelegenen Feuerwehrstation. Die jugendlichen Feuerwehrleute, die er ausbildet und die ausschließlich Männer sind, übernachten dort. Für sie ist er die unumstrittene Führerfigur, die entsprechend frei schalten und walten kann. Eine Welt außerhalb der Station scheint es nicht zu geben.

Vincent akzeptiert Alexia sofort als Adrien. Ihr Schweigen und ihr ruppig-abweisendes Verhalten erklärt er sich mit den traumatischen Erfahrungen ihrer/seiner Entführung. Er sieht auch über Alexias dicker werdenden Bauch (einiges spricht dafür, dass der Vater kein Mensch, sondern ein Auto ist) hinweg. Aber wie lang kann er die immer offensichtlicher werdende Realität ignorieren?

Bereits mit ihrem ersten Film „Raw“ (Grave, Frankreich/Belgien 2016), der bei uns nur auf DVD erschien, tobte Julia Ducournau sich im Horrorgenre aus. Im Mittelpunkt ihrer Coming-of-Age-Geschichte steht eine Sechzehnjährige, die zur Kannibalin wird.

Auch „Titane“ ist ein heftiger Film. So weckt der erste Teil, wegen seiner Verbindung von Body-Horror, Autos und Sex, spontan Erinnerungen an David Cronenbergs J.-G.-Ballard-Verfilmung „Crash“. Die Serienkillergeschichte ist oft äußerst blutig und schwarzhumorig. Dabei ist es Alexia letztendlich egal, wen sie warum umbringt. Ihre Morde haben eine beeindruckende rohe Effektivität und sie sind durchaus einfallsreich in ihrer Brutalität. Aber nachdem die Polizei öffentlich nach ihr fahndet, muss sie ihr Aussehen verändern und untertauchen.

Der dann folgende zweite und subjektiv längere Teil des Films (Sorry, ich hatte nicht auf die Uhr gesehen.) führt in eine seltsam Testosteron-gesteuerte Männerwelt, die mit dem ersten Teil nichts zu tun hat.

Beide Teile können, wenn man die einzelnen Episoden zu einem überwölbenden Thema zusammenfassen will, als ein verquerer Schrei nach Zuneigung und ein Aufruf zur Toleranz gelesen werden kann. Jedenfalls wollte Ducourneau etwas über die Liebe erzählen.

Am Ende wirkt „Titane“ wie eine Best-of-Compilation des harten Horrorfilms: stilsicher inszeniert, – was in diesem Fall auch heißt, stilsicher Geschmacks-, Ekel- und Toleranzgrenzen des Publikums auslotend -, immer wieder überzeugende Szenen, die sich tonal vollkommen von der vorherigen Szene unterscheiden können, immer wieder strange und zu offensichtlich auf die große Empörung des Publikums spekulierend.

Ich war am Ende des Films ratlos, was ich von diesem disparatem Potpourri aus Ideen halten sollte und was mir der Film sagen wollte. Das liebt auch daran, dass ich mich aus Prinzip weigere, ohne Nachzudenken, auf einen hysterischen Erregungszug aufzuspringen oder besinnungslos die aktuellen Feuilleton-Schlagworte herunterzubeten.

Auch rückblickend ändert sich das nicht.

Titane (Titane, Frankreich 2021)

Regie: Julia Ducournau

Drehbuch: Julia Ducournau

mit Vincent Lindon, Agathe Rousselle, Garance Marillier, Lais Salameh

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

AlloCiné über „Titane“

Moviepilot über „Titane“

Metacritic über „Titane“

Rotten Tomatoes über „Titane“

Wikipedia über „Titane“ (deutsch, englisch, französisch)