Neu im Kino/Filmkritik: Heftig, blutig und sehr personalintensiv diese „Therapie für Wikinger“

Dezember 29, 2025

Manfred (Mads Mikkelsen) war schon immer etwas seltsam. Jetzt, 15 Jahre nachdem sein Bruder Anker (Nikolaj Lie Kaas) für den heftig aus dem Ruder gelaufenen Diebstahl von 41,2 Millionen Kronen inhaftiert wurde und Manfred die Beute versteckte, hält Manfred sich für John Lennon. Sicher, einige Kleinigkeiten, wie musikalische Fähigkeiten, Frisur, Brille, stimmen nicht, aber Manfred will nur mit John angesprochen werden. Sonst stürzt er sich aus dem nächsten Fenster, egal wie tief er dann fällt, oder er lässt sich aus dem fahrenden Auto fallen. Egal wie schnell es fährt und wie stark die Straße befahren ist. Und selbstverständlich erinnert sich John nicht daran, was Manfred getan hat und wo Manfred die Beute auf dem Grundstück der Eltern versteckte.

Anker hofft mit einen Besuch in ihrem im Wald gelegenem Elternhaus, das inzwischen einem Ehepaar gehört, das es zu einem Airbnb machte, etwas gegen Manfreds Dissoziative Persönlichkeitsstörung unternehmen zu können – und an die Beute zu kommen. Ein Arzt unterstützt ihn dabei. Er hat sogar eine noch bessere Idee: er will herausfinden, was passiert, wenn man mehrere Menschen mit einer Dissoziativen Persönlichkeitsstörung zusammen bringt und sie in ihrer Sicht der Welt bestätigt. In diesem Fall müssten die Beatles wieder vereinigt werden. Die entsprechenden persönlichkeitsgestörten Menschen sind schnell gefunden. Sie werden von Anker und dem Arzt aus verschiedenen Kliniken geholt. Ein Glückstreffer ist ein Patient, der zwischen zwei Beatles-Musikern und vielen weiteren, teils vollkommen gegensätzlichen Identitäten wechselt. Diese abrupten Persönlichkeitswechsel sorgen für weitere Lacher in Anders Thomas Jensens neuer Komödie. Zu Jensens früheren Filmen gehören „Blinkende Lichter“, „Dänische Delikatessen“, „Men & Chicken“ und „Helden der Wahrscheinlichkeit“. Außerdem schrieb er zahlreiche von anderen Regisseuren verfilmte Drehbücher.

Therapie für Wikinger“ ist, wie Jensens vorherige von ihm inszenierte Filme, keine Komödie für sensible Feingeister. Das beginnt schon mit der als Trickfilm präsentierten Einleitung (die am Filmende fortgeführt wird) über einen Wikingerhäuptling, der, nachdem sein Sohn einen Arm verliert, den anderen Stammesmitgliedern ebenfalls einen Arm abhackt. Denn, so denkt er, wenn alle gleich sind, wird niemand mehr wegen eines fehlenden Arms angestarrt. Bei dem abgehacktem Arm bleibt es nicht.

Nach dieser Einstimmung ist der Ton für den Film gesetzt. Keine der von Anders Thomas Jensen für seinen neuen Film „Therapie für Wikinger“ erfundenen Figuren hat einen besonders großen Respekt vor der eigenen und der körperlichen Unversehrtheit anderer Menschen. Die unterschiedlichen Ansichten und Ziele der durchgehend etwas dummen, manisch auf ihr Ziel fixierten Figuren prallen ungehemmt aufeinander. Schnell entwickelt sich eine aus Screwball-Komödien bekannte Dynamik von weiteren, immer absurderen, aber gleichzeitig auch vollkommen vernünftigen und folgerichtigen Aktionen und Reaktionen.

Daraus macht Jensen eine schwarzhumorige Geschichte mit brutalem Humor, Klamauk und musikalischen Experimenten zwischen Abba, Beatles und, aufgrund des fehlenden musikalischen Könnens der Film-‚Beatles‘, experimentellen Klängen.

Auch die Botschaft überdehnt Jensen so sehr, dass sie von einer begrüßenswerten Ansicht in nackte Idiotie und Wahnsinn umschlägt – und so auch zum Nachdenken darüber anregen kann.

Insgesamt ist diese „Therapie für Wikinger“ eine ziemlich unterhaltsame Angelegenheit. Wenn man den richtigen Humor dafür hat.

Therapie für Wikinger (Den sidste viking, Dänemark 2025)

Regie: Thomas Anders Jensen

Drehbuch: Thomas Anders Jensen

mit Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Sofie Gråbøl, Søren Malling, Bodil Jørgensen, Lars Brygmann, Kardo Razzazi, Nicolas Bro, Peter Düring, Lars Ranthe, Anette Støvelbæk, Rikke Louise Andersson

Internationaler Titel: The Last Viking

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Therapie für Wikinger“

Metacritic über „Therapie für Wikinger“

Rotten Tomatoes über „Therapie für Wikinger“

Wikipedia über „Therapie für Wikinger“ (dänisch, deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Anders Thomas Jensens „Men & Chicken“ (Mænd & høns, Dänemark/Deutschland 2014)

Anders Thomas Jensen in Berlin


TV-Tipp für den 10. Juli: Die Kommune

Juli 9, 2019

Arte, 20.15

Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

In den siebziger Jahren gründen Erik und Anna in Kopenhagen in einer riesigen Villa eine Kommune. Alles ist ziemlich perfekt, bis Erik eine Affäre mit einer seiner Studentinnen beginnt.

Sehenswerte TV-Premiere. Thomas Vinterbergs von eigenen Erinnerungen inspirierter Blick auf die siebziger Jahre, als neue Lebensmodelle ausprobiert wurden, die sich an eingeübten Konventionen rieben.

Mehr in meiner ausführlichen Besprechung.

Am Donnerstag läuft Vinterbergs neuer Film „Kursk“ bei uns an. Das mit vielen deutschen Schauspielern besetzte U-Boot-Drama, das den Untergang des russischen Atom-U-Bootes Kursk im August 2000 aus verschiedenen Perspektiven nacherzählt, ist einen Blick wert. Warum erfahrt ihr zum Filmstart in meiner Besprechung.

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen

Hinweise

Moviepilot über „Die Kommune“

Rotten Tomatoes über „Die Kommune“

Wikipedia über „Die Kommune“ (englisch, dänisch)

Berlinale über „Die Kommune“

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ (Kollektivet, Dänemark 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Thomas Vinterbergs „Die Kommune“ lebt – in den Siebzigern

April 21, 2016

Wie war das Leben damals in den Siebzigern in einer Kommune? Regisseur Thomas Vinterberg, der in einer solchen Wohngemeinschaft aufwuchs, fand diese Zeit zwischen seinem siebten und neunzehnten Lebensjahr ganz normal. Aber er wurde immer wieder danach gefragt. Also schrieb er zunächst ein Theaterstück und dann, zusammen mit Tobias Lindholm, dessen Drama „A War“ gerade im Kino läuft, ein Drehbuch, das er verfilmte und auf der Berlinale im Wettbewerb präsentierte. Trine Dyrholm wurde als beste Darstellerin ausgezeichnet.

Mitten in den Siebzigern erbt der Architekt und Universitätsdozent Erik (Ulrich Thomsen) das im Kopenhagener Nobelviertel liegende elterliche Anwesen. Er möchte es sofort gewinnbringend verkaufen. Aber seine Frau Anna (Trine Dyrholm), eine TV-Nachrichtensprecherin, überzeugt ihn, dass sie mit ihrer vierzehnjährigen Tochter einziehen und, um die Kosten zu senken, ihre Freunde als Mitbewohner einladen sollen. Kurz gesagt: sie gründen mit ihren alten und einigen neuen Freunden eine Kommune, in der alles herrschaftsfrei ausdiskutiert und geteilt werden soll. Denn damals war eine Wohngemeinschaft kein Zweckbündnis, sondern ein politisches Statement und ein Gegenentwurf zur bürgerlichen Gesellschaft und zur ebenso bürgerlichen Familie mit ihrem repressiven Charakter. Eine Kommune war die Gegenwart gewordene Utopie einer anderen, besseren, egalitären Gesellschaft.

Das, was auch in Vinterbergs Film so paradiesisch beginnt, böte natürlich die Möglichkeit, mit den Ideen vom Zusammenleben in Kommunen, mehr oder weniger witzig, mehr oder weniger boshaft und mehr oder weniger analytisch, abzurechnen. Immerhin scheiterten die Experimente des herrschaftsfreien Zusammenlebens. Die egalitären und in jeder Beziehung neidfreien Idealvorstellungen erwiesen sich als nicht alltagstauglich. In den real existierenden Kommunen bildeten sich Herrschafts- und Machtstrukturen, die fast immer auch zu einem Ende der Kommune führten. Seltener wurden, beginnend bei Mietzahlungen und Putzplänen, Verfahren entwickelt. „Die Kommune“ könnte auch zur Metapher für das Zusammenleben im Allgemeinen und im Besonderen werden.

Aber für Vinterberg ist seine Jugend eine Zeit voller goldener Erinnerungen und absurder Momente, die – auch wenn der Film höchstens autobiographisch inspiriert ist – einen sehr liebevollen Blick auf die Zeit wirft. Die Filmgeschichte konzentriert sich dabei auf Erik und Anna und ihre Beziehung. Denn Erik verliebt sich in eine seiner Studentinnen. Eine gut aussehende Brigitte-Bardot-Kopie. Als ihre Tochter seine Affäre entdeckt, steht Anna vor der Frage, wie sie damit umgeht. Sie schlägt vor, dass Emma (Helene Reingaard Neumann) bei ihnen einzieht.

Spätestens ab diesem Moment ist offensichtlich, dass „Die Kommune“ kein Ensemblestück ist, in dem die einzelnen Mitglieder der Kommune zu komplexen Charakteren werden, sondern dass es ein Nicht-Ensemble-Ensemblefilm ist. Die anderen Hausbewohner liefern einen zeitgeschichtlichen Hintergrund. Sie sind zusätzliche Farben für ein doch eher banales Ehedrama. Denn selbstverständlich führt die Anwesenheit von Emma in der Kommune zu einigen Problemen und weitreichenden Entscheidungen.

Das gesagt ist „Die Kommune“ auch ein leicht sentimental-verklärender, anekdotischer Rückblick auf eine Zeit, als neue Formen des Zusammenlebens ausprobiert wurden

Die Kommune - Plakat

Die Kommune (Kollektivet, Dänemark 2016)

Regie: Thomas Vinterberg

Drehbuch: Thomas Vinterberg, Tobias Lindholm

mit Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrom Hansen, Lars Ranthe, Fares Fares, Magnus Millang, Julie Agnete Vang, Anne Gry Henningsen

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Die Kommune“

Rotten Tomatoes über „Die Kommune“

Wikipedia über „Die Kommune“ (englisch, dänisch)

Berlinale über „Die Kommune“

Meine Besprechung von Thomas Vinterbergs „Am grünen Rand der Welt“ (Far from the Madding Crowd, USA/Großbritannien 2015)