Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra (Il Traditore, Italien/Deutschland/Frankreich/Brasilien 2019)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
TV-Premiere. Pflichttermin für von Fans von italienischen Mafiafilmen – und von guten Filmen. Marco Bellocchio erzählt das Leben von Tommaso Buscetta, einem hochrangigem Mitglied der Cosa Nostra, der in den Achtzigern zum Kronzeugen gegen sie wird.
mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Cali, Giovanni Calcagno, Bruno Cariello, Alberto Storti
Marco Bellocchios neuer Film ist eine packende Geschichtsstunde mit einer höchst zwiespältigen, grandios von Pierfrancesco Favino gespielten Hauptfigur. Dieser Tommaso Buscetta ist ein Berufsverbrecher, ein hoch respektiertes Mitglied der Cosa Nostra und schließlich ein Verräter, der in einem aufsehenerregendem, weltweit beachtetem Prozess zum Kronzeugen gegen die Mafia wird. Nicht etwa, weil Buscetta Gewissensbisse bekam, sondern weil die Bosse in den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen, sich blutig und skrupellos zu bekämpfen. Dabei verstießen sie gegen den Ehrenkodex der Mafia und ermordeten auch Frauen und Kinder.
Als auch das Leben von seiner Familie bedroht war, entschloss er sich, mit der italienischen Justiz zusammen zu arbeiten und so die echte Cosa Nostra gegenüber Toto Riina, der mit dem skrupellosen Morden begann, zu verteidigen. Gegenüber Richter Giovanni Falcone redete er über sein Leben; wobei er nie mehr als nötig verriet. Seine Aussage führte 1986 in Italien zu dem bislang größten Prozess gegen das Organisierte Verbrechen. In dem ‚Maxi-Prozess‘ wurden 475 Personen angeklagt. 360 wurden verurteilt. 1992 wurde Falcone, zusammen mit seiner Frau und ihren Leibwächtern in Palermo durch eine unter Autobahn deponierte Bombe ermordet. Die italienische Gesellschaft war schockiert.
Buscetta war danach zu weiteren Aussagen bereit – und die Mafia, wie wir sie aus der italienischen Folklore, Sachbüchern, Romanen und Spielfilmen kennen, war endgültig tot.
Am 2. April 2000 starb der 1921 in Palermo geborene Berufsverbrecher Buscetta in Florida an einer Krebserkrankung.
In dem akribisch erzähltem Gangsterdrama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ lässt Bellochio diese Zeit wieder auferstehen in Bildern, die auch in einem Mafiafilm von Francesco Rosi, Damiano Damiani oder Elio Petri, um nur die bekanntesten Regisseure zu nennen, die über viele Jahre gegen die Mafia und den korrupten italienischen Staat anfilmten, gut gepasst hätten. Während diese Regisseure in ihren sich immer nah an der Realität entlangbewegenden Geschichten immer wieder Figuren und Handlungen erfinden mussten, konnte Bellochio sich auf die historisch verbürgten Tatsachen verlassen. Diese sind, bis zu Falcones Tod und seinen unmittelbaren Nachwirkungen, allseits bekannt. Jedenfalls in Italien. Und jeder, der sich mit der Organisierten Kriminalität, der Mafia und der Cosa Nostra beschäftigte, kennt diese Geschichte ebenfalls.
Buscettas Schicksal zwischen 1992 und seinem Tod 2000 ist dann weniger bekannt. Als Kronzeuge kam er selbstverständlich in ein Zeugenschutzprogramm. In den USA erhielt er eine neue Existenz. In Salem, New Hampshire, seiner ersten Station in den USA, führte er dann das biedere Leben, das er niemals führen wollte. Außerdem bestritt jetzt seine Frau das Einkommen.
Diese zweite, kürzere Hälfte des Films ist dann auch die schwächere Hälfte. Ein Mafiosi als unzufriedener Frührentner, dessen langweiliger Alltag nur durch gelegentliche Aussagen vor Gericht unterbrochen wird, ist halt nur mäßig spannend. Ein Mafiosi, der zum Verräter wird, um seine Familie und sich zu beschützen, und dafür gegen seine früheren Freunde aussagt, erzählt eine spannendere emotionale Reise. Auch wenn letztendlich rätselhaft bleibt, was Buscetta genau zu seinem Verrat bewog.
Trotzdem vergeht auch diese Stunde, die sich auf die Zeit nach dem ‚Maxi-Prozess‘ konzentriert, in dem hundertfünfzigminütigem, immer wieder tief in der Mafiafolklore, Mafia- und Gangsterfilmen badendem Epos erstaunlich schnell.
Für Fans von Mafiafilmen ist „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ daher selbstverständlich ein Pflichttermin. Fans guter Filme sollten ihn sich ebenfalls ansehen.
Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra (Il Traditore, Italien/Deutschland/Frankreich/Brasilien 2019)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Cali, Giovanni Calcagno, Bruno Cariello, Alberto Storti
Die Bewertung der Glaubwürdigkeit der einzelnen Szenen aus Mafiafilmklassikern (Der Pate, Donnie Brasco, Die Unbestechlichen, viel Scorsese), den Sopranos und einer Animationsserie verstehe ich nicht.
Aber die Erklärungen von Michael Franzese sind sehr interessant. Er war in New York Capo der Colombo-Mafiafamilie. 1995, nach einer Haftstrafe, verabschiedete er sich vom Verbrecherleben. Seitdem publiziert er Bücher und hält Reden.
Spielfilmlange Doku über die Geschäfte der Ndrangheta mit der illegalen Entsorgung von Giftmüll.
Danach zeigt Arte um 21.45 Uhr die Doku „Corleone. Pate der Paten“ (Frankreich 2013) (Teil 1, Teil 2) und um 00.15 Uhr die ebenfalls spielfilmlange Doku „Selfie – Tod mit 16 in Neapel“ (Frankreich 2019). Mehr Mafia an einem Abend geht nicht.
Die Valachi-Papiere (Carteggio Valachi/Cosa Nostra, Italien/Frankreich 1972)
Regie Terence Young
Drehbuch: Stephen Geller, Dino Maiuri, Massimo de Rita
LV: Peter Maas: The Valachi Papers, 1968 (Die Valachi Papiere)
Biopic über Joe Valachi. Er war über dreißig Jahre Mitglied der Mafia und wurde, nachdem Don Vito Genovese ihn zum Tod verurteilte, in den frühen Sechzigern zum Kronzeugen gegen die Mafia.
Valachi war der erste Mafia-Gangster, der für eine Strafminderung der Polizei sein gesamtes Leben erzählte.
„James Bond“-Regisseur Terence Young inszenierte, im Fahrwasser von „Der Pate“, einen harten Thriller, der damals auch ein Kassenhit war. Das ist gut, aber natürlich ist Martin Scorseses „GoodFellas“ tausendmal besser.
Mit Charles Bronson, Lino Ventura, Joseph Wiseman, Jill Ireland, Amadeo Nazzari