Neu im Kino/Filmkritik: Prinzessin „Scarlet“ auf Rachefeldzug in der Anderswelt

Februar 25, 2026

Dänemark, im 16. Jahrhundert: zuerst bringt König Claudius den rechtmäßigen und guten König Amleth um. Später tötet er Amleths Tochter, Prinzessin Scarlet, die sich nicht seinen Wünschen beugen möchte.

Scarlet landet nach ihrem Tod nicht im Himmel oder in der Hölle, sondern in der Anderswelt, einem bedrohlichem Zwischenzustand jenseits von Raum und Zeit, mit Drache und Monstern und vielen Gefahren und einem unklaren Verhältnis zum Tod. So ist Hijiri, ein etwas später in der Anderswelt eintreffender junger Mann überzeugt, nicht tot zu sein. Er war als Notfallsanitäter doch gerade in der Gegenwart (also dem 21. Jahrhundert) in Tokio in einem Einsatz.

Scarlet und Hijiri bilden in Mamoru Hosadas neuem Fantasy-Anime „Scarlet“ das gegensätzliche Paar. Sie ist die vom Hass auf den Mörder ihres Vaters und ihren Mörder besessene Kriegerin, die keinem Kampf ausweicht und skrupellos tötet. Jetzt sucht sie in der Anderswelt König Claudius. Sie will ihn endgültig töten und in die Hölle schicken.

Hijiri ist das komplette Gegenteil von Scarlet. Er ist aus einem anderen Jahrhundert, einer anderen Welt und Kultur. Er ist mitfühlend, glaubt an das Gute, rettet und heilt jeden, der seine Hilfe benötigt, und er ist grundsätzlich optimistisch.

In „Scarlet“ präsentiert Mamour Hosoda seine sich viele Freiheiten nehmende Version von William Shakespeares Rachetragödie „Hamlet“. Zu Hosodas früheren Werken gehören „Mirai – Das Mädchen aus der Zukunft“ (2018), nominiert für den Oscar als bester Animationsfilm, und „Belle“ (2021), das in Cannes seine Premiere hatte. „Belle“ ist an der Kinokasse sein bislang erfolgreichster Film.

Scarlet“ hatte bei den Filmfestspielen in Venedig letztes Jahr seine Premiere und er kam bei der Kritik gut an. Denn obwohl Hosoda seine Geschichte primär für ein junges weibliches Publikum erzählt, ist sein Anime keine banale Liebesgeschichte für Teenager.

Er erzählt eine spannende und zum Nachdenken anregende Geschichte. Im Mittelpunkt stehen dabei eine starke Heldin, die wirklich keinen Mann benötigt, um sie aus gefährlichen Situationen zu retten, und ihr sehr sympathisches Love-Interest. Der kann dann, auch dank seinem gut gefülltem Notfallrucksack, ihre Wunden heilen. Zuerst die körperlichen, später auch die seelischen.

Hosoda erzählt Scarlets Geschichte bildgewaltig und sich sehr komplex zwischen verschiedenen Zeiten und Welten bewegend.

Scarlet (Hateshinaki Sukāretto, Japan 2025)

Regie: Mamoru Hosoda

Drehbuch: Mamoru Hosoda

Länge: 112 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Scarlet“

Metacritic über „Scarlet“

Rotten Tomatoes über „Scarlet“

Wikipedia über „Scarlet“

Meine Besprechung von Mamoru Hosodas „Belle“ (Ryū to Sobakasu no Hime, Japan 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Belle“ und das Biest im Cyberspace

Juni 11, 2022

‚Die Schöne und das Biest‘ für die Generation TikTok“ lautet der Werbespruch für „Belle“. Das klingt jetzt zuerst einmal abschreckend. Allerdings ist „Belle“ ein Animationsfilm, der vom japanischen Animationsstudio Chizu produziert wurde, das einen ausgezeichneten Ruf hat. Sozusagen, im Werbesprech, das japanische Pixar.

Die von „Belle“-Regisseur Mamoru Hosoda („Miral – Das Mädchen aus der Zukunft“, „Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“) erfundene Geschichte interpretiert die bekannte Geschichte von der Schönen und dem Biest neu.

Die Schöne ist die schüchterne siebzehnjährige Suzu. Sie lebt zurückgezogen mit ihrem Vater in einem kleinen Dorf. Seit dem Tod ihrer Mutter vermeidet sie, so gut es geht, jeden Kontakt zu anderen Menschen. Und sie kann nicht mehr singen.

Als sie sich auf „U“ anmeldet, ändert sich ihr Leben. „U“ ist eine virtuelle Welt mit fünf Milliarden Nutzern (bei aktuell acht Millliarden Menschen weltweit ist das eine beachtliche Nutzerzahl). Die Avatare werden in dieser Welt nicht von den Benutzern ausgewählt, sondern aufgrund der biometrischen Daten und der wahren Persönlichkeit der Anmeldenden errechnet. In U wird das Mauerblümchen zu Belle. Als sie beginnt zu singen, begeistert sie sofort die anderen User. In U wird sie immer bekannter. Alle lieben sie.

Da taucht das Biest auf. Es ist ein böser Avatar, der alles zerstört und für Chaos sorgt. Trotzdem sieht Suzu in ihm eine ähnlich verletzte Seele. Sie will ihm helfen. In U und, mit ihren Freunden, in der realen Welt.

Diese beiden Welten sind in „Belle“ auch optisch getrennt. Die reale Welt besteht aus handgemalten japanischen Landschaften. Die virtuelle Welt ist computeranimiert. Sie ist kälter, technischer und hat andere Farben. Diese Welt erinnert an virtuelle Welten, wie wir sie aus Cyberpunkt-Filmen, wie den „Matrix“-Filmen, und Science-Fiction-Animes, wie „Ghost in the Shell“ kennen. Wobei Hosoda die positiven Möglichkeiten des Cyberspace betont. Daher sind seine Bilder von U sehr bunt und freundlich.Das Erzähltempo und die Schnittgeschwindigkeit sind, im Gegensatz zu dem TikTok-Werbespruch, gemächlich und mit zwei Stunden ist der Film ziemlich lang geraten.

Die Story selbst folgt gelungen den Konventionen eines Liebesfilms und Popmärchens, ohne dies bis zum letzten Detail zu kopieren. Das wird besonders deutlich am Filmende, wenn es darum geht, die Identität vom Biest zu enthüllen.

Vor allem pubertierende Mädchen dürften begeistert sein.

Belle (Ryū to Sobakasu no Hime, Japan 2021)

Regie: Mamoru Hosoda

Drehbuch: Mamoru Hosoda

mit (im Original den Stimmen von) Kaho Nakamura, Ryō Narita, Shōta Sometani, Tina Tamashiro, Lilas Ikuta, Ryōko Moriyama

mit (in der deutschen Fassung den Stimmen von) Lara „Loft“ Trautmann, nico Sablik, Tim Schwarzmaier, Laura Oettel, Lea Kalbhenn, Patrick Baehr, Julia Biedermann

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Japanische Homepage zum Film

Moviepilot über „Belle“

Metacritic über „Belle“

Rotten Tomatoes über „Belle“

Wikipedia über „Belle“