DVD-Kritik: Die Banddoku „Oasis: Supersonic“

November 14, 2016

Frühe Neunziger: Neben Grunge war Britpop der Sound der Stunde und die britischen Musikmagazine, die im Wochentakt eine neue Band hypten, inszenierten einen großen Kampf zwischen „Oasis“ und einer anderen britischen Band, deren Name mir jetzt nicht einfällt, wer mehr Singles verkaufen würde. Dazwischen, davor und danach berichteten sie über die Streitereien zwischen den Brüdern Noel und Liam Gallagher, die eine wahre Hassliebe aufeinander verband, und ihrer Exzesse. Sie waren Proleten aus der Gosse, die mit einem übergroßen Ego, das klassische Rockstar-Leben (Drogen, Hotelzimmer zertrümmern, schlecht benehmen) mit einer grundsympathischen Underdogattitüde lebten. Die anderen Bandmitglieder waren Staffage. Und die Live-Konzerte überzeugten wohl eher als Event. Hörte man. YouTube gab es ja noch nicht. Als Ersatz gab es, selbst erlebt, eine Oasis-Coverband, die mit einem Bandbus anreisten, den sich sonst nur Stars leisten, und einer ausverkauften Halle, die sonst nur bei bekannten Musikern halbwegs garantiert ist.

Nach Deutschland kamen die Berichte über die verbalen und nicht verbalen Ausfälle der Gallagher-Brüder in der Prä-Intenet-Zeit nur mit Verspätung, aber auch hier liefen überall die Song von ihrem Debüt „Definitely Maybe“ (1994), ihrem besten Album „(What’s the Story) Morning Glory?“ (1995) und, auch wenn es danach noch weitere CDs gab, ihrem pompösen Abschied „Be here now“ (1997). Es war auch das Ende des Britpop.

Aber der von Mat Whitecross (The Road to Guantanamo) zusammengestellte Dokumentarfilm „Oasis: Supersonic“ erzählt nicht die Geschichte des Britpop, sondern die von „Oasis“ von ihren Anfängen bis August 1996, als sie an zwei Tagen vor einer Viertel Million Fans in Knebworth auftraten. Es waren, so Mark Savage (BBC) in einem Artikel zu zwanzigjährigen Jubiläum des Doppelkonzerts, „Britpop’s biggest Gigs“. Erst ein Jahr später erschien „Be here now“.

Bei seiner Doku halfen ihm die Gallagher-Brüder, die auch mitproduzierten. Beide Brüder, die heute nicht mehr miteinander reden, ihre Mutter Peggie Gallagher, Paul ‚Bonehead‘ Arthurs und viele weitere Freunde und Bekannte der Gallaghers, die im Film seltener zu hören sind, sprechen ausführlich über den Aufstieg der Band. Whitecross, ein bekennender Fan der Band, sagt im Bonusmaterial in einem fast halbstündigem Gespräch, dass er in der ersten achtstündigen Schnittversion zwanzig Erzähler hatte (es gibt noch weitere Interviews), die ihm oft von Liam und Noel empfohlen wurden und die mit ihm ausführlich über diese Jahre sprachen. Die Gespräche schnitt er dann zu einem fiktiven Gespräch zusammen (im Bonusmaterial gibt es unter „Audiointerviews“ fünfzehn weitere Minuten „Oasis“-Geschichten). Dazu kommen, auf der visuellen Ebene, viele, oft unbekannte Fotos und Filme aus verschiedenen mehr oder weniger öffentlich zugänglichen Quellen, wie dem Management und Fotografen.

Bis auf wenige sekundenlangen Ausnahmen, komponierte Whitercross „Oasis: Supersonic“ dann wie in die Musikdoku „Amy“ (über Amy Winehouse), die damals noch nicht fertig gestellt war. Aber der künstlerische Ansatz, in dem historische Aufnahmen durchgehend von einem Voice-Over begleitet werden, gefiel ihm. Weil Whitecross immer den Namen des Sprechers einblendet, oft mit einem historischen Foto oder Filmschnipsel von ihm, kann man der Tonspur gut folgen. Die Bilder sind eine fast im Sekundentakt geschnittene Mischung aus Animationen, Fotos, Live-, Backstage- und Studio-Aufnahmen, die die damalige Zeit wieder aufleben lassen. Sie sind allerdings auch oft von einer erbärmlich schlechten Bildqualität und die Kamera wackelt heftiger als im „Blair Witch Project“. Die bekannten „Oasis“-Songs werden dabei nur kurz angespielt. Insgesamt entsteht so eine fast schon monotone Mischung aus hektischen Bildern und beruhigender Erzählung, die zu einem Bilderbuch, einer nostalgischen Rückschau wird, die sich vor allem an Fans der Band richtet und die keine Probleme damit haben, dass die Geschichte von „Oasis“ von Noel und Liam Gallagher erzählt wird. Entsprechend unkritisch gerät „Oasis: Supersonic“.

Unterhaltsam und informativ ist die zweistündige Dokumentation trotzdem.

P. S.: Ich empfehle die Originalversion, zur Not mit Untertiteln. In der deutschen Version sind die Interviewpartner synchronisiert, was nicht so toll ist.

oasis-supersonic-dvd-cover

Oasis: Supersonic (Oasis: Supersonic, Großbritannien 2016)

Regie: Mat Whitecross

Drehbuch: Mat Whitecross

mit Liam Gallagher, Noel Gallagher, Paul Gallagher, Peggie Gallagher, Paul Arthurs

Anmerkung: Manchmal auch nur als „Supersonic“ gelistet.

DVD

Ascot Elite

Bild: 1.85:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Interview mit Regisseur Mat Whitecross, Audiointerviews, Trailer, Wendecover

Länge: 115 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Oasis: Supersonic“

Metacritic über „Oasis: Supersonic“

Rotten Tomatoes über „Oasis: Supersonic“

Wikipedia über „Oasis: Supersonic“ und Oasis (deutsch, englisch)

Homepage von Oasis

Meine Besprechung von Mat Whitecross‘ „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ (Großbritannien 2014)

So war Knebworth


DVD-Kritik: „Fleming“ – mehr Bond-Metafilm als Biopic

November 5, 2014

Manchmal muss man dem Geheimhaltungsbedürfnis des Militärs wirklich dankbar sein. Es ist schon lange bekannt, dass James-Bond-Erfinder Ian Fleming im Zweiten Weltkrieg persönlicher Assistent von Konteradmiral John H. Godrey, dem Chef des Marinegeheimdienstes, war, er gegen die Deutschen kämpfte und später in seinen James-Bond-Romanen auch Erlebnisse aus dieser Zeit verarbeitete. Aber was er genau tat und wie er in welche Missionen involviert war, wissen wir nicht. Als Schriftsteller musste er sich nicht um Fakten kümmern und die Bond-Romane spielen auch nicht während des Zweiten Weltkriegs, sondern danach und so kann man der Behauptung der Serienmacher, dass die Bond-Romane auf seinen damaligen Erlebnissen basieren glauben. Oder auch nicht. Jedenfalls ist es eine gute Story, die sich nicht sonderlich um die Fakten kümmern muss und bislang wurden Flemings Kriegserlebnisse filmisch und literarisch kaum ausgeschlachtet.
Jetzt, nach zwei ziemlich vergessenen TV-Filmen aus den späten Achtzigern, die anscheinend auch grottenschlecht waren, gibt es einen weiteren Versuch, Flemings Erlebnisse während des Krieges als die Blaupause für seine James-Bond-Romane und Filme, die ja seit Ewigkeiten nur noch sehr lose auf den Romanen und Kurzgeschichten von Fleming basieren, zu nehmen.
In der dreistündigen TV-Miniserie „Fleming – Der Mann, der Bond wurde“ erzählen die Macher die Geschichte von Flemings Jahren beim Militär.
Dabei besteht ein großer Teil des Spaßes beim Ansehen der vier Episoden am Enträtseln der filmischen und literarischen Vorbilder. Denn die TV-Miniserie ist ein James-Bond-Film im Kleinstformat mit Admiral John Godfrey als M, Second Officer Monday als Miss Moneypeney (Tendenz: die aktuelle Ausgabe, die auch mal im Feld arbeitet) und Ian Fleming als James Bond, der zu seinem Missvergnügen an dem Schreibtisch verbannt wird und der zahlreiche Sex-Affären hat. Diese Affären und seine sexuellen Vorlieben nehmen dann auch die meiste Erzählzeit ein, während die Missionen eher kurz gestreift werden, was auch daran liegt, dass Fleming viele unorthodoxe Ideen hatte (die er teilweise direkt aus Spionageromanen klaute), aber nicht im Feld arbeiten durfte, weil er, wie wir in einigen Übungen sehen können, einfach kein Soldat war. Ein kaltblütiger Killer war er auch nicht. Wenn er in der vierten Episode, die während der letzten Kriegstage spielt, doch nach Deutschland darf und hinter die feindlichen Linien gelangt, macht er nicht unbedingt die beste Figur. Aber er erzählt nachher, wie auch Admiral Godrey meint, eine verdammt gute Geschichte, für die es leider keine Beweise gibt.
Obwohl „Fleming“ eine aus vier Episoden bestehende Miniserie ist, spannen die Macher keinen großen erzählerischen Bogen. Sie erzählen strickt im 45-Minuten-Format, immer in einem anderen Kriegsjahr, von Affären und Geheimdienstaktionen, die, so sollen wir glauben fast unverändert in die James-Bond-Geschichten, in denen James Bond alles richtig macht, was Ian Fleming falsch macht, eingeflossen sind. Die Tricks sind mau, aber die Ausstattung – es wurde hauptsächlich in Innenräumen gedreht – gefällt, weil es etwas vom Charme eines Vierziger-Jahre-Films verspürt. Und Ian-Fleming-Schauspieler Dominic Cooper macht auch keine schlechte Figur als spionagebegeisterter Frauenheld und Spieler.

Fleming - DVD-Cover 4

Fleming – Der Mann, der Bond wurde (Großbritannien 2014)
Regie: Mat Whitecross
Drehbuch: John Brownlow, Don MacPherson
mit Dominic Cooper, Lara Pulver, Samuel West, Anna Chancellor, Rupert Evans, Lesley Manville, Pip Torrens, Camilla Rutherford
auch bekannt als „Mein Name ist Fleming, Ian Fleming“ (TV-Titel)

DVD
Polyband
Bild: 1,78:1 (16:9)
Ton Deutsch, Englisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Englisch
Bonusmaterial: –
Länge: 180 Minuten (4 x 45 Minuten)
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

BBC America über „Fleming“

Rotten Tomatoes über „Fleming“

Metacritic über „Fleming“

Wikipedia über „Fleming“

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

Meine Besprechung von William Boyds James-Bond-Roman “Solo” (Solo, 2013)

Meine Besprechung von Ian Flemings ersten drei James-Bond-Romanen “Casino Royale”, “Leben und sterben lassen” und “Moonraker”

Meine Besprechung des James-Bond-Films „Skyfall“ (Skyfall, GB/USA 2012)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte