Neu im Kino/Filmkritik: Was ist „The Testament of Ann Lee“?

März 15, 2026

Sie haderte mit der Amtskirche. Also gründete sie ihre eigene Kirche. Sie scharrte einige Gläubige um sich. Sie war ständigen Angriffen ausgesetzt. 1774 wanderte die am 29. Februar 1736 in Manchester geborene Ann Lee mit einigen wenigen Gläubigen in die USA aus. Im Verwaltungsbezirk Watervliet im Bundesstaat New York gründeten sie in einem Waldgebiet eine Gemeinde. Sie missionierten. Sie verkauften von ihnen hergestellte Möbel. Immer wieder wurden sie angegriffen. Am 8. September 1784 starb sie.

Aus diesem Leben hätte man einen spannenden Film, ein Biopic, in dem wir einiges über Ann Lee, ihren Glauben, ihre Überzeugungen, das Leben der von ihr gegründeten Glaubensgemeinschaft und warum ihre einige ihrer Ideen 240 Jahre nach ihrem Tod immer noch wichtig sind, erfahren können. Jedenfalls für Regisseurin Mona Fastvold, die das Drehbuch zusammen mit ihrem Partner Brady Corbet (dem Regisseur von „The Brutalist“, zu dem sie ebenfalls gemeinsam das Drehbuch schrieben) schrieb, waren sie wichtig genug, um ein Biopic über Ann Lee zu drehen. Ob Ann Lees Ideen auch für uns in irgendeiner Form wichtig sind, ist eine andere Frage. In jedem Fall hätte „The Testament of Ann Lee“ ein Film werden können, der zum Nachdenken und Diskutieren einlädt.

Stattdessen wurde es ein gut gemachter, gänzlich unironischer, die Gläubigen und Ann Lee nie verurteilender Film, in dem von der Glaubensgemeinschaft der Shaker vor allem ihre Gottesdienste im Gedächtnis bleiben. Diese Schüttelorgien mit viel Gesang und Tanz sehen aus wie heiße Sexszenen aus einem Hollywood-Film ohne Geschlechtsverkehr, ohne Berührungen und vollständig bekleidet.

Daneben werden Ann Lees Glauben und ihre Ansichten zunehmend an den Rand gedrängt. Anfangs, in England, sind sie noch präsenter. Zwischen erzwungener Ehe, vier kurz nach der Geburt verstorbenen Kindern und ihren religiösen Ansichten versucht sie ihren Weg zu finden. Lee schließt sich einer Vorläufer-Sekte der Shaker an. Sie predigt über die zweite Ankunft von Christi, der dieses Mal als Frau erscheinen soll. Sie ist gegen die Ehe und gegen Sex. Sie hat die Idee einer gleichberechtigten Gemeinschaft. Ihr Denken war vom Quäkertum und dem Calvinismus beeinflusst. Sie gründet eine christliche Freikirche mit ihr als Oberhaupt. In den USA wurden sie geachtet für ihre zeitlosen Möbel und Erfindungen.

Mona Fastvold sagt das in dem in England spielendem Teil des Films auch, setzt es aber kaum in einen Bezug zur damaligen Gesellschaft, außer dass die von ihrem Glauben und Gottes Wohlwollen überzeugten Shaker mit ihren Gottesdiensten etwas seltsam waren. In der zweiten Hälfte des Films, die nach einer gefährlichen Überfahrt in den USA spielt, wird Fastvolds Musical-Drama zunehmend zu einer ermüdenden, sich immer wieder wiederholenden, redundanten Abfolge von Gesangseinlagen, Fahrten ins Land zwecks Missionierungen und gewalttätigen Anfeindungen von anderen Auswanderern. Das gelobte Land ist nicht das den Auswanderern versprochene Paradies.

Das ist gut gespielt, gut inszeniert, musikalisch stimmig unterlegt und zunehmend arg redundant. Das Biopic regt nicht zur Diskussion über Ann Lee, ihre Ansichten und ihr Werk an. Am Ende des 137-minütigen Films bleibt nur die Ekstase bei den gemeinsamen Gottesdiensten im Gedächtnis. Die hat eine ähnliche Halbwertzeit wie die Ekstase bei einem Musikfestival.

The Testament of Ann Lee (The Testament of Ann Lee, USA 2025)

Regie: Mona Fastvold

Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold

mit Amanda Seyfried, Thomasin Mckenzie, Lewis Pullman, Tim Blake Nelson, Christopher Abbott, Stacy Martin

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „The Testament of Ann Lee“

Metacritic über „The Testament of Ann Lee“

Rotten Tomatoes über „The Testament of Ann Lee“

Wikipedia über „The Testament of Ann Lee“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: Für den Oscar als Bester Film des Jahres nominiert: „Der Brutalist“

Januar 31, 2025

Alles an „Der Brutalist“ sagt überdeutlich, wie wichtig, groß, grandios und monumental dieser Film aus Sicht seiner Macher ist.

Er dauert 216 Minuten. Im Film gibt es eine fest einprogrammierte 15-minütige Pause, in der eine Uhr rückwärts läuft.

Gedreht wurde er im in den fünfziger Jahren benutztem VistaVision-Format. Bekannte VistaVision-Filme sind „Krieg und Frieden“, „Der Schwarze Falke“, „Die oberen Zehntausend“, „Der unsichtbare Dritte“ und „Der Besessene“.

In den wenigen Kinos, in denen es möglich ist, wird „Der Brutalist“ auch in einer 70-mm-Fassung gezeigt. Nur so kann das VistaVision-Bild seine ganze Pracht entfalten,

Die Geschichte versteht sich von der ersten bis zur letzten Minute als das große, die US-amerikanische Seele und den amerikanischen Traum erkundende und erklärende Nationalepos.

Der Lohn für diese Bemühungen und den selbstgewählten Anspruch sind überschwängliches Kritikerlob, Preise, wie, nach seiner Premiere bei den Filmfestspielen von Venedig, der Silberne Löwe für die Beste Regie und zuletzt zehn Oscar-Nominierungen, unter anderem als Bester Film, für die Beste Regie (Brady Corbet), das Beste Drehbuch (Brady Corbet und Mona Fastvold), den Besten Hauptdarsteller (Adrien Brody), den Besten Nebendarsteller (Guy Pearce), die Beste Nebendarstellerin (Felicity Jones), die Beste Kamera (Lol Crawley) und den Besten Schnitt (Dávid Jancsó).

Brady Corbet erzählt die Geschichte des Emgranten László Tóth (Adrien Brody). Der in Europa bekannte Bauhaus-Architekt und titelgebende „Brutalist“ kommt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als mittelloser Einwanderer in die USA. Als er Jahre später den Industriellen Harrison Lee Van Buren Sr. (Guy Pearce) trifft und dieser von seinen Entwürfen fasziniert ist, wendet sich sein Schicksal. Tóth soll zu Ehren von Van Burens verstorbener Mutter ein Institut mit Bibliothek, Sporthalle, Auditorium und Kapelle errichten.

Wer jetzt denkt, dass in „Der Brutalist“ der Bau dieses Mammutprojekts im Mittelpunkt steht, irrt sich. Wer denkt, dass es zwischen dem Architekten und dem Bauherrn einen über den Film tragenden Konflikt gibt, irrt sich. Sicher, es gibt einige kleinere Streitigkeiten zwischen den beiden Männern, aber die sind schnell beigelegt. Van Buren ist von der ersten bis zur letzten Minute ein enthusiastischer Förderer von Tóth und des von ihm in Auftrag gegebenen, selbstverständlich immer teurer werdenden Projekts.

Und wer denkt, dass der Film anhand der fiktiven Biographie eines Architekten schnell zu einer informativen Geschichtsstunde über das Bauhaus und den Brutalismus wird, irrt sich ebenfalls. Diese Architekten verbanden mit ihren Gebäuden auch gesellschaftspolitische Utopien. Im Film ist davon nichts zu hören.

Stattdessen erzählt Brady Corbet, meist in langen Szenen in Nahaufnahmen in karg möblierten Innenräumen, elliptisch die Geschichte eines Einwanderers und seiner Jahre nach ihm in die USA kommenden Familie. Das ist nicht schlecht und hat auch einen weitgehend über die epische Dauer von gut vier Stunden andauernden erzählerischen Schwung. Aber „Der Brutalist“ ist niemals „There will be Blood“. Das liegt an seinem Desinteresse an der gezeigten Architektur und dem abwesenden zentralen Konflikt zwischen dem Künstler und dem Kapitalisten.

Der Brutalist“ ist ein durchaus beeindruckender und gut gemachter Film. Aber er ist auch nicht so gut, wie er gerade hochgejubelt wird. Das Drama ist breitbeiniges, von seiner eigenen Größe hemmungslos überzeugtes Überwältigungskino, das einen geschüttelt, aber nicht berührt zurücklässt.

Der Brutalist (The Brutalist, USA 2024)

Regie: Brady Corbet

Drehbuch: Brady Corbet, Mona Fastvold

mit Adrien Brody, Felicity Jones, Guy Pearce, Joe Alwyn, Raffey Cassidy, Stacy Martin, Emma Laird, Isaach de Bankolé, Alessandro Nivola

Länge: 216 Minuten (inkl. 15 Minuten Pause)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Der Brutalist“

Metacritic über „Der Brutalist“

Rotten Tomatoes über „Der Brutalist“

Wikipedie über „Der Brutalist“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Brady Corbets „Vox Lux“ (Vox Lux, USA 2018)