DVD-Kritik: Über Francis Galluppis formidables Neo-Noir-Debüt „The Last Stop in Yuma County“

November 15, 2024

Die nächste Tankstelle ist hundert Meilen weit weg. Sagt der nette Mann von der Tankstelle. Und weil der Tanklaster sich verspätet habe, könne er nur den Aufenthalt im nebenan liegenden Diner empfehlen. Dieses Angebot nehmen an diesem sonnigen Tag in der Wüste von Arizona ein Vertreter für Messer, ein älteres Ehepaar und zwei Bankräuber auf der Flucht an. Später kommen der junge, etwas naiv-einfältige Deputy Sheriff von Yuma County, ein Native American (der einen Wagen mit einem vollen Tank besitzt) und ein junges Gangsterpärchen vorbei. Er sieht sie in der Tradition von Kit und Holly (aus Terrence Malicks „Badlands“; um nur eine der lässig eingestreuten filmischen Anspielungen zu nennen). Sie alle haben natürlich Schuss- und Stichwaffen dabei. Und mindestens die Hälfte der Diner-Gäste und die Kellnerin, die gleichzeitig die Frau des Sheriffs ist, wissen, dass im Kofferraum des Autos der Bankräuber die Beute von dem Überfall ist.

Aber, ehrlich gesagt, ist schon ab dem Moment, als die beiden Bankräuber den Diner betreten die Frage nur noch: wann und wie bringen sie sich um? Und, uh, wer überlebt? Falls überhaupt jemand überlebt.

The Last Stop in Yuma County“ ist das überaus gelungene schwarzhumorige Spielfilmdebüt von Francis Galluppi. Davor drehte er mehrere Kurzfilme und Musikvideos. Er drehte „The Last Stop in Yuma County“ an zwanzig Tagen auf der Four Aces Movie Ranch in Palmdale, Kalifornien, für ein Budget von einer Million US-Dollar. Dank der liebevollen Retro-Ausstattung irgendwo zwischen siebziger und frühe achtziger Jahre in der US-Provinz, dem spielfreudigen Ensemble aus höchstens gesichtsbekannten Schauspielern, dem straffen Drehbuch und der kurzen Laufzeit von unter neunzig Minuten ist Galluppis chronologisch erzählter schwarzhumoriger Neo-Noir-Gangsterfilm ein Vergnügen. Auch wenn es am Ende, wegen ein, zwei überraschenden, aber eigentlich überflüssigen Schlenkern, etwas lang dauert.

Seine Premiere hatte der Neo-Noir 2023 auf dem Fantastic Fest in Austin, Texas. Beim Sitges – Catalonian International Film Festival und beim Calgary Underground Film Festival wurde er als bester Spielfilm ausgezeichnet. In Deutschland lief er im Februar in mehreren Städten während der Fantasy Filmfest White Nights.

Außerdem wurde Regisseur Francis Galluppi von Sam Raimi, dem der Film gefiel, mit der Entwicklung und Regie eines neuen „Evil Dead“-Films beauftragt.

The Last Stop in Yuma County (The Last Stop in Yuma County, USA 2023)

Regie: Francis Galluppi

Drehbuch: Francis Galluppi

mit Jim Cummings, Faizon Love, Jocelin Donahue, Richard Brake, Barbara Crampton, Michael Abbott Jr., Nicholas Logan, Gene Jones

DVD/Streaming

Pandastorm Pictures

Bild: 2.39:1

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD Master Audio 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch

Bonusmaterial: – (abhängig von der Ausgabe; beim Mediabook sind angekündigt: die Bonusfilme „High Desert Hell“ (2019), „The Gemini Project“ (2020), drei Audiokommentare, ein „Behind the Scenes“-Featurette und weitere Extras)

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Der Film erscheint auch als Mediabook.

Hinweise

Moviepilot über „The Last Stop in Yuma County“

Metacritic über „The Last Stop in Yuma County“

Rotten Tomatoes über „The Last Stop in Yuma County“

Wikipedia über „The Last Stop in Yuma County“ (deutsch, englisch)

 


Neu im Kino/Filmkritik: „The Inspection“: Hast du das Zeug zum US-Marine?

August 24, 2023

Für Ellis French ist es die letzte Chance. Seine Mutter hat ihn rausgeworfen. Sie kann und will nicht akzeptieren, dass er schwul ist. Seitdem lebt er auf der Straße. Seine Zukunftsaussichten sind düster. Letztendlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis er stirbt. Das hat er in den vergangenen Jahren bei vielen seiner ebenfalls obachlosen Freunde gesehen. Um diesem Schicksal zu entgehen, bewirbt er sich bei den US-Marines. Die erste Station ist ein Bootcamp, in dem gnadenlos ausgesiebt wird.

In seinem Spielfilmdebüt „The Inspection“ erzählt Elegance Bratton letztendlich seine Geschichte und damit auch, wie es ist, in einer Institution, die Homosexualität ablehnt, als schwuler schwarzer Mann zu bestehen. Denn schnell bemerkt French, dass er nicht der einzige Schwule in dem Bootcamp ist. Aber – der Film spielt 2003 – niemand redet darüber.

Bratton schildert das Leben im Bootcamp akribisch, fast schon dokumentarisch, ohne irgendeine kritische Distanz und ohne konkrete Zeitbezüge. Wenn es im Film nicht den Hinweis gäbe, dass er vor zwanzig Jahren spielt, könnte er genausogut vor vierzig Jahren oder heute spielen. Durch den Hinweis auf das Handlungsjahr wird „The Inspection“ zu einem historischen Film, bei dem das Militär sich auf die Schulter klopfen kann. Die „Don’t ask. Don’t tell.“-Zeit im Umgang mit der Homosexualität ist vorbei. Heute loben hochrangige Offiziere in öffentlichen Anhörungen gegenüber konservativen Politikern überschwänglich die Leistungen queerer Soldaten. Aber die Ausbildung dürfte heute noch genauso wie damals ablaufen. Gleiches gilt für das Verhalten der Rekruten untereinander.

Für den historischen Hintergrund interessiert Elegance Bratton sich nicht weiter. 9/11 und der darauf folgende ‚war on terror‘ werden nicht angesprochen. Dabei meldeten sich nach dem Anschlag auf das World Trade Center zahlreiche junge Männer freiwillig beim US-Militär. Sie wollten ihr Land gegen islamistische Terroristen verteidigen.

French ist das egal. Er hat sich beim Militär nur gemeldet, um nicht auf der Straße zu sterben.

Das Bootcamp schildert Bratton dann, bis auf wenige Momente, in denen wir in Frenchs Kopf sind, quasi-dokumentarisch, beobachtend und ohne Wertungen. Eigentlich schildert er diese Ausbildung, die darauf angelegt ist, Menschen zu brechen, sie zu Mördern und Befehlsempfängern zu machen, als eine gute Schule der Mannwerdung. Im Gegensatz zu Stanley Kubricks „Full Metal Jacket“, der die Ausbildung und das Sterben auf dem Schlachtfeld zeigt, zeigt Bratton nur das Bootcamp, das aus einem schwulem Obdachlosen einen Befehle empfangenden Uniformträger macht; – jedenfalls wenn er das Bootcamp erfolgreich abschließt. Danach ist er „Ein Offizier und Gentleman“.

Letztendlich ist „The Inspection“ gut gemachte Militärpropaganda für das Arthaus-Kino.

The Inspection (The Inspection, USA 2022)

Regie: Elegance Bratton

Drehbuch: Elegance Bratton

mit Jeremy Pope, Bokeem Woodbine, Gabrielle Union, Raúl Castillo, McCaul Lombardi, Aaron Dominguez, Nicholas Logan, Eman Esfandi, Andrew Kai, Aubrey Joseph

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „The Inspection“

Metacritic über „The Inspection“

Rotten Tomatoes über „The Inspection“

Wikipedia über „The Inspection“ (deutsch, englisch)