Neu im Kino/Filmkritik: „Souleymans Geschichte“ oder Zwei Tage aus dem Leben eines Fahrradkuriers und Asylbewerbers

Februar 21, 2026

Sie gehören zum Bild der Großstädte: Fahrradkuriere, die bei Wind und Wetter Essen ausliefern. Souleyman ist einer von ihnen. Er fährt, immer unter Zeitdruck, durch Paris, trifft viele Menschen, teils Bekannte, teils Arbeitskollegen, teils Menschen, die ihm mehr oder weniger eigennützig helfen, und er bereitet sich auf eine Anhörung bei der Asylbehörde vor. Diese Anhörung ist dann auch der Schwachpunkt von Boris Lojkines Drama „Souleymans Geschichte“. Souleyman lässt sich vor der Anhörung von einem anderen Ausländer, der daraus ein Geschäft gemacht hat, beraten. Er empfiehlt allen die gleiche Geschichte, die sie auswendig lernen und bei der Anhörung erzählen sollen. Souleyman kommt, während er die Geschichte auswendig lernt, nie auf den Gedanken, dass die Beamten der Asylbehörde diese auswendig gelernte Geschichte schon hundertmal genauso gehört haben.

Davon abgesehen taucht Lojkine tief in Souleymans Leben ein. Er verfolgt ihn bei der Arbeit, zeigt ihn in seinem Umfeld und in der Asylbewerberunterkunft. Es ist ein Leben ganz unten im Kapitalismus.

Der Rhythmus ist schnell. Ständig unter Zeitdruck hetzt Souleyman von einem Kunden zum nächsten – und versucht dazwischen seine persönlichen Angelegenheiten zu klären. Die Monotonie des immer gleichen in dem Hamsterrad, in dem Souleyman sich befindet, ebenso.

Lojkines Film steht in der Tradition von Ken Loach und des sozialkritischen Kinos. Allerdings verzichtet er auf den bei Loach immer vorhandenen erzählerischen und analytischen Überbau. Wie ein Reporter beobachtet Lojkine Souleyman und zeigt einfach, was an zwei ziemlich normalen Tagen passiert.

Danach wird man die Essensauslieferer mit anderen Augen sehen.

Seine Premiere hatte „Souleymans Geschichte“ 2024 in Cannes in der Reihe Un Certain Regard. Dort erhielt er den Preis der Jury und den Fipresci-Preis. 2025 erhielt „Souleymans Geschichte“ vier Césars für das Drehbuch, den Schnitt, die beste Nebendarstellerin und den besten Nachwuchsdarsteller. Abou Sangeré, der Souleyman spielt, wurde auch in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Souleymans Geschichte (L’Histoire de Souleymane, Frankreich 2024)

Regie: Boris Lojkine

Drehbuch: Boris Lojkine, Delphine Agut

mit Abou Sangaré, Nina Meurisse, Alpha Oumar Sow, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo, Ghislain Mahan, Mamadou Barry, Yaya Diallo, Keita Diallo

Länge: 94 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

AlloCiné über „Souleymans Geschichte“

Moviepilot über „Souleymans Geschichte“

Metacritic über „Souleymans Geschichte“

Rotten Tomatoes über „Souleymans Geschichte“

Wikipedia über „Souleymans Geschichte“ (deutsch, englisch, französisch)


TV-Tipp für den 22. Mai: Petite Maman

Mai 21, 2025

WDR, 23.30

Petite Maman – Als wir Kinder waren (Petite Maman, Frankreich 2021)

Regie: Céline Sciamma

Drehbuch: Céline Sciamma

Nach dem Tod ihrer Großmutter, wollen Nellys Eltern ihre Wohnung ausräumen. Alleingelassen streift die achtjährige Nelly durch den Wald und trifft die gleichaltrige Marion. Diese ist ihre Mutter als Kind.

Stilles, von der Kritik hochgelobtes Drama, das sich nicht um die Paradoxien von Zeitreisen kümmert, sondern sich für den Umgang mit Trauer interessiert.

Warum mich der Film überhaupt nicht angesprochen hat, verrate ich in meiner ausführlichen Besprechung.

mit Gabrielle Sanz, Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Hinweise

AlloCiné über „Petite Maman“

Moviepilot über „Petite Maman“

Metacritic über „Petite Maman“

Rotten Tomatoes über „Petite Maman“

Wikipedia über „Petite Maman“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ (Petite Maman, Frankreich 2021)


Neu im Kino/Filmkritik: „Petite Maman – Als wir Kinder waren“ ist kein Film für mich

März 18, 2022

Manche, auch objektiv schlechte Filme sprechen einen an. Sie gefallen trotz eklanter Fehler. Andere Filme nicht. So ein Fall ist für mich Céline Sciammas neuer Film „Petite Maman – Als wir Kinder waren“.

Es geht um die achtjährige Nelly. Mit ihren Eltern verbringt sie einige Tage in der Wohnung ihrer kürzlich verstorbenen Großmutter. Sie wollen sie ausräumen. Aber Nellys Mutter Marion will nicht bleiben. Sie fährt wieder weg. Während ihr Vater sich durch die Hinterlassenschaften der Großmutter wühlt, erkundet Nelly den Wald. Sie sucht eine von ihrer Mutter erbaute Hütte. Auf ihren Streifzügen trifft sie die gleichaltrige Marion (!), die ihre eineiige Zwillingsschwester sein könnte. Sie verstehen sich. Sie bauen die Hütte, streifen durch den Wald und fahren Boot. Sie besuchen gegenseitig ihre Eltern.

Langsam begreift Nelly, dass ihre neue Freundin ihre Mutter als Kind ist. Und so verknüpfen sich Gegenwart und Vergangenheit.

Sciamma erzählt dies mit wenigen Dialogen und einem großen Desinteresse an all den mit Zeitreisen oder, präziser, dem Zusammenfallen von zwei Zeitebenen verknüpften philosophischen und logischen Fragen. „Petite Maman“ ist und will kein Science-Fiction-Film sein. Sciamma behandelt diese Begegnung von Mutter und Tochter als gleichaltrige Zwillinge als sei es etwas vollkommen alltägliches. Mutter und Tochter freuen sich über die neue Spielkameradin. Auch die anderen Menschen, mit denen Nelly und Marion interagieren, sind nicht erstaunt. Es sind wenige Menschen und menschenleere Orte, an denen sich das sehr ruhig erzählte, intime Drama abspielt.

Wenn man die Geschichte als Trauerphasen begreift und sich nicht weiter mit logischen Problemen aufhält, oder wenn man sich einfach an dem Spiel der Zwillinge Joséphine und Gabrielle Sanz, die Nelly und Marion spielen, erfreut, wird man vielleicht mehr mit „Petite Maman“ anfangen können.

Denn, wie gesagt, der Film hat mich überhaupt nicht angesprochen; – aber vielleicht habe ich ihn auch nur in der falschen Stimmung gesehen. Schließlich sind die meisten Kritiken überaus positiv.

Petite Maman – Als wir Kinder waren (Petite Maman, Frankreich 2021)

Regie: Céline Sciamma

Drehbuch: Céline Sciamma

mit Gabrielle Sanz, Joséphine Sanz, Nina Meurisse, Stéphane Varupenne, Margot Abascal

Länge: 73 Minuten

FSK: ab 0 Jahre (weil, aus der Begründung: „Der Film ist auf jeglichen Ebenen ruhig in Szene gesetzt. Ängstigungen oder anderweitige Überforderungen lassen sich daher rundweg und bei allen Altersgruppen ausschließen.“ Das ist keine Empfehlung, Kinder in den Film zu schicken.)

Hinweise

AlloCiné über „Petite Maman“

Moviepilot über „Petite Maman“

Metacritic über „Petite Maman“

Rotten Tomatoes über „Petite Maman“

Wikipedia über „Petite Maman“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Céline Sciammas „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Portrait de la jeune fille en feu, Frankreich 2019)