Neu im Kino/Filmkritik: „Bob Marley: One Love“ für Jamaika und den Rest der Welt

Februar 15, 2024

Bob Marley: One Love“ gehört zu den Biopics, die nicht das gesamte Leben eines Menschen von der Wiege bis zur Bahre schildern, sondern die sich auf einen kurzen entscheidenden Abschnitt im Leben des Porträtierten konzentrieren. „Selma“ war so ein Biopic.

Reinaldo Marcus Green, der zuletzt das Biopic „King Richard“ (über Richard Williams und seine Töchter Venus und Serena Williams) inszenierte, beginnt sein Bob-Marley-Biopic Ende 1976. Jamaika versinkt im nachkolonialen Bürgerkriegschaos. Bob Marley, schon damals ein Star, möchte mit einem Friedenskonzert zur Versöhnung aufrufen. Politisch ist das selbstverständlich unglaublich naiv. Aber Bob Marley ist ein Künstler und ein gläubiger Rastafari. Am 3. Dezember 1976, zwei Tage vor dem Smile Jamaica Concert, wird in seinem Haus in Kingston ein Anschlag auf ihn verübt. Neben ihm werden seine Frau Rita, sein Manager Don Taylor und der Band-Assistent Louis Griffiths teils schwer verletzt. Wie durch ein Wunder überleben alle.

Nach dem Konzert verlässt Bob Marley die Insel. Der Druck ist zu groß. Seine Frau Rita und seine Kinder schickt er in die USA zu Verwandten (und ziemlich vollständig aus der Filmgeschichte). Er selbst fliegt mit seiner Band, den Wailers, nach London. Dort nimmt er seine nächste Platte auf. „Exodus“ wird am 3. Juni 1977 veröffentlicht und ein riesiger Erfolg. Bob Marley wird noch populärer.

Er tourt durch die Welt. Sein Wunsch, auch in Afrika zu spielen, verwirklicht sich in dem Moment noch nicht.

Am 22. April 1978 kehrt er zu einem weiteren Friedenskonzert, dem One Love Peace Concert, nach Jamaika zurück.

Diese beiden Konzerte bilden in Greens Film die erzählerische Klammer.

Dazwischen gibt es viele Episoden und Musik, aber es wird nie klar, was Green an genau diesem Teil aus Bob Marleys Leben interessiert. Alle damit zusammenhängenden potentiell interessanten Fragen werden vermieden. Es gibt auch keine Perspektive auf Marleys Leben, die das präsentierte Material irgendwie ordnen würde. Entsprechend ziellos plätschert das Biopic zwischen Episoden aus Marleys Familienleben, Proben und Abhängen mit seiner Band, Auftritten und Gesprächen mit Vertrauten und zusammenhanglos eingestreuten Rückblenden vor sich hin.

Dabei hätten diese anderthalb Jahre das Potential gehabt, eine interessante Geschichte zu erzählen. Green hätte erzählen können, wie es ist, wenn man aus seiner Heimat flüchten muss und wieder zurückkehren und Frieden stiften möchte. Oder wie es ist, wenn man plötzlich von einem weltweit bekannten Star, der schon damals in Jamaika gottgleich verehrt wurde, zu einem Superstar wird und man so zu einer einflussreichen Stimme wird. Oder wenn man von Freunden ausgenutzt und Vertrauen missbraucht wird. Oder wie ein Künstler, der in London auf Punk-Musiker trifft, sich mit seinem neuen Werk neu erfinden möchte. Oder über seine Beziehung zu seiner Frau. Das alles wird in „Bob Marley: One Love“ kurz angesprochen, aber nie konsequent vertieft.

Stattdessen rückt mit zunehmender Filmzeit die Rastafari-Religion immer mehr in den Mittelpunkt. Allerdings auf einem so plakativen und nervigem Niveau, das wir sonst nur aus unerträglichen christlichen Faith-based-Movies kennen.

Am Ende ist „Bob Marley: One Love“ nur, mit einigen Auslassungen, die Verfilmung einiger Zeilen aus dem Wikipedia-Artikel über Bob Marley. Garniert wird die Bilderbuch-Zusammenstellung nicht zusammenhängender Ereignisse mit vielen Bob-Marley-Songs, die im Film von Bob Marley gesungen werden.

Bob Marley: One Love (Bob Marley: One Love, USA 2024)

Regie: Reinaldo Marcus Green

Drehbuch: Terence Winter, Frank E. Flowers, Zach Baylin, Reinaldo Marcus Green (nach einer Geschichte von Terence Winter und Frank E. Flowers)

mit Kingsley Ben-Adir, Lashana Lynch, James Norton, Tosin Cole, Umi Myers, Anthony Welsh, Nia Ashi, Aston Barrett Jr., Anna-Sharé Blake, Gawaine „J-Summa” Campbell, Naomi Cowan, Alexx A-Game, Michael Gandolfini, Quan-Dajai Henriques, Hector Roots Lewis, Abijah „Naki Wailer” Livingston, Nadine Marshall, Sheldon Shepherd, Andrae Simpson, Stefan A.D Wade

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Moviepilot über „Bob Marley: One Love“

Metacritic über „Bob Marley: One Love“

Rotten Tomatoes über „Bob Marley: One Love“

Wikipedia über „Bob Marley: One Love“ (deutsch, englisch) und Bob Marley (deutsch, englisch)

AllMusic über Bob Marley

Meine Besprechung von Reinaldo Marcus Greens „King Richard“ (King Richard, USA 2021)

Bonushinweise

Am Freitag, den 16. Februar, zeigt Arte um 21.45 Uhr die Doku „Marley“ (USA/Großbritannien 2012) und danach um 00.05 Uhr „Bob Marley: Uprising Live!“ (Deutschland 1980). Das Konzert wurde am 13. Juni 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle für den „Rockpalast“ aufgenommen.

Wahrscheinlich die bessere Wahl, die auch danach einige Tage in der Mediathek (Folge den Links) verfügbar ist.

Bob Marley live 1977 in London im Rainbow Theatre.

Bob Marley live 1980 in der Dortmunder Westfalenhalle


Neu im Kino/Filmkritik: Wie „King Richard“ Williams zwei weltberühmte Tennisstars schuf

Februar 23, 2022

Seien wir ehrlich: „King Richard“ ist besser als erwartet und auch besser als er es verdient. Und das sehe nicht nur ich so. Bei Rotten Tomatoes hat das Biopic einen Frischegrad von neunzig Prozent. Das dortige Zuschauervotum ist noch euphorischer. Bei Metacritic sind die Werte, wie gewohnt, etwas schlechter, aber immer noch deutlich im tiefgrünen Bereich. Er ist für sechs Oscars nominiert, unter anderem als Bester Film des Jahres, für das beste Drehbuch und Will Smith ist, zum dritten Mal, als bester Hauptdarsteller nominiert.

Dabei hätte einiges schief gehen können. Denn Serena und Venus Williams und ihre unbekanntere, aber für die Produktion sehr wichtige Schwester Isha Price gehören zu den Executive Producern bei dem Film, der ihre Geschichte erzählt, unter besonderer Berücksichtung der Rolle, die ihr Vater Richard Williams, der titelgebende „King Richard“, dabei spielte. Serena, Venus und ihre Geschwister wuchsen in den Achtzigern in Compton, Kalifornien, und in den Neunzigern in West Palm Beach, Florida, auf. Der Umzug wurde nötig, weil Rick Macci ihr Tennistrainer wurde und er sie, streng überwacht und immer wieder korrigiert von Richard Williams, auf die Profikarriere vorbereitete.

Bis dahin achtete Richard Williams auf ihre Schulbildung, trainierte sie, hielt sie damit in Compton von der Straße und den Drogengangs fern und versuchte bessere Trainer für Serena und Venus zu finden. Denn er hatte sich alles autodidaktisch beigebracht. Aber er hatte, nachdem er im Fernsehen ein Tennismatch gesehen hatte, bei dem die Gewinnerin 40.000 Dollar erhielt, beschlossen, dass seine damals noch nicht geborenen Töchter Tennisstars werden sollten. Das Ziel und den Weg dahin schrieb er in einem 78-seitigem Text auf. Die beiden Mädchen sollten auf dem Tennisplatz Unsummen verdienen und damit auch für seinen gesicherten Wohlstand im Alter sorgen.

Auch Nicht-Tennisfans wissen, wie die Geschichte ausging: die beiden Schwestern gewannen ab Mitte der neunziger Jahre alle wichtigen Preise mehrmals, wurden Stars und sehr reich. Allein schon die Preisgelder machten sie zu mehrfachen Millionärinnen. Der auf den ersten Blick vollkommen unrealistische Plan ihres besserwisserischen, strengen, aber auch liebevollen Vaters wurde Realität.

Durch die Beteiligung von Isha Price, Serena und Venus Williams und der Absicht, ihren seit einigen Tagen achtzigjährigen Vater in einem guten Licht zu zeigen, ist klar, dass es hier nicht um ein irgendwie geartetes kritisches Porträt geht. „King Richard“ ist eine vollkommen unkritische Lobhudelei, in der die beiden Töchter ihren Vater auf ein Podest heben.

Aber aufgrund des guten Drehbuchs von Zach Baylin, der Regie von Marcus Reinaldo Green und des Spiels von Will Smith als Richard, Aunjanue Ellis als seine Frau Oracene ‚Brandy‘, Saniyya Didney als Venus und Demi Singleton als Serena, um nur die vier Hauptrollen zu nennen, endet das sich auf die Jahre vor der Profikarriere der beiden Tennisspielerinnen konzentrierende Biopic nicht als teures Vanity Project für die nächste Geburtstagsfeier.

So ist „King Richard“ letztendlich ein Feelgood-Film, der über die beachtliche Laufzeit von fast zweieinhalb Stunden kurzweilig unterhält, einiges über das US-Tennisgeschäft verrät und die, zugegeben, arg geschönte Geschichte der Familie Williams erzählt. Es ist die Geschichte des amerikanischen Traums, der sich, gegen alle Widerstände, für die Williams‘ erfüllt. Weil sie, so der Film, hart arbeiten, ehrlich sind, zusammen halten, an sich glauben und gläubig sind.

Wer könnte etwas gegen diese Botschaft haben?

King Richard (King Richard, USA 2021)

Regie: Reinaldo Marcus Green

Drehbuch: Zach Baylin

mit Will Smith, Aunjanue Ellis, Saniyya Sidney, Demi Singleton, Tony Goldwyn, Jon Bernthal, Mikayla LaShae Bartholomew, Daniele Lawson, Layla Crawford, Lyndrea Price, Erika Ringor

Länge: 145 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „King Richard“

Metacritic über „King Richard“

Rotten Tomatoes über „King Richard“

Wikipedia über „King Richard“ (deutsch, englisch)

History vs. Hollywood bescheinigt eine hohe Faktentreue und weist gleichzeitig auf einige Auslassungen hin