Preisgekrönte Bücher: S. A. Cosby: Die Rache der Väter

September 21, 2022

In den vergangenen Monaten erhielt „Die Rache der Väter“ wichtige Krimipreise, wie den Thriller Award. Er stand auf den Nominierungslisten für den Edgar und den Dagger Award. Er erhielt auch etliche nicht direkt krimi-relevanten Preise.

Er stand außerdem, immerhin erschien der Roman in den USA bereits 2021, auf zahlreichen Jahresbestenlisten. Barack Obama empfahl das Buch in seiner Sommerleseliste. Ian Rankin meinte: „Dieser Roman ist die Defintion eines rasanten Krimis.“

Bei dem vielen Lob stellt sich irgendwann die Frage, ob der Roman den mit den Preisen hochgeschraubten Erwartungen standhält.

Schließlich ist die Story uralt: ein Vater will den Tod seines Kindes rächen. Auch wenn es, wie der deutsche Titel verrät, in diesem Fall zwei Väter sind, bleibt „Razorblade Tears“ (so der Originaltitel) im Kern eine simple Rachegeschichte.

Auch die ersten Variationen wirken wie ein Blick in den Klischeebaukasten 2.0. Gerächt werden sollen Isiah Randolph und Derek Jenkins, zwei junge Männer, die glücklich miteinander verheiratet waren und ermordet wurden. Die Polizei von Richmond, Virginia, kommt bei ihren Ermittlungen nicht voran; vielleicht will sie auch nicht zu viel Zeit in den Schwulenmord investieren.

Die Väter von Isaiah und Derek lehnten die sexuelle Orientierung ihrer Söhne ab. Als sie davon erfuhren, brachen sie die Verbindung zu ihnen ab. Sie sind, noch eine Gemeinsamkeit, ehemalige Häftlinge. Der eine ist jetzt erfolgreicher Unternehmer. Der andere ein heruntergekommener Alkoholiker. Der eine ist ein Schwarzer, der andere ein Weißer. Und sie mögen sich nicht.

Aber jetzt wollen der Schwarze Ike Randolph, der ein Unternehmen mit 15 Beschäftigten zur Rasen- und Gartenpflege hat, und der Weiße Buddy Lee Jenkins sich unter den ehemaligen Freunden ihrer Söhne umhören.

Bei ihren ersten Befragungen müssen sie mit ihren Gefühlen und ihrem Temperament kämpfen. Denn jede ihrer Befragungen im LGBTQ+-Milieu ist immer kurz davor, in handgreifliche Auseinandersetzungen auszuarten.

Als sie sich die gemeinsame Wohnung von Isiah und Derek ansehen, werden sie von zwei Mitgliedern der Rare Breed überrascht. Die Rare Breed sind eine Outlaw Motorcycle Gang, die tief in verschiedenen verbrecherischen Geschäften steckt. Kurz darauf ist einer der beiden Rocker tot. Der andere konnte flüchten. Anstatt zur Polizei zu gehen, lassen Ike und Buddy Lee die Leiche verschwinden.

Schon auf den ersten Seiten zeigt S. A. Cosby, dass er seine Vorbilder kennt und weiß, wie man eine packende Geschichte erzählt. Er wechselt kontinuierlich zwischen drei Perspektiven: der von Ike, der von Buddy Lee und der von Grayson und seiner Rockergang. Die Rare Breed haben, das wird schon früh im Buch verraten, etwas mit dem Tod von Isiah, der als Journalist für die „Rainbow Review“ arbeitete, und Derek, der in einer Bäckerei arbeitete, zu tun.

Die Klischees und vertrauten Handlungsabläufe bentzt Cosby, um sein Thema aus verschiedenen Perspektiven und in die Tiefe gehend zu behandeln. Vor allem beschäftigt Cosby sich mit der Frage, welche Bilder von Männlichkeit existieren und wie sie sie sich in den vergangenen Jahrzehnten veränderten. Es geht auch um die politischen, kulturellen und sozialen Spaltungen in den USA.

Davon erzählt er im Rahmen einer spannenden Detektiv- und Rachegeschichte, die auch die Geschichte einer Freundschaft ist. Denn selbstverständlich lernen Ike und Buddy Lee sich im Lauf ihrer gemeinsamen Ermittlungen besser kennen. Sie verstehen sich besser und sie ändern ihre Ansichten.

Für den gestandenen Krimifan gibt es außerdem etliche Anspielungen auf Kriminalromane und -filme. Sie zeigen, dass Cosby sich im Genre auskennt und in welcher Traditionslinie, nämlich der Noir- und Hardboiled-Tradition, er schreibt.

Die Sünden der Väter“ ist ein sicherer Anwärter für meine Jahresbestenliste; – wenn ich denn eine erstelle. Ich bin da ja notorisch schlampig.

S. A. Cosby: Die Sünden der Väter

(übersetzt von Jürgen Bürger)

Ars Vivendi, 2022

344 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Razorblade Tears

Flatiron Books, 2021

Hinweise

Perlentaucher über „Die Sünden der Väter“

Book  Marks über „Die Sünden der Väter“

Wikipedia über S. A. Cosby (deutsch, englisch)


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