Neu im Kino/Filmkritik: Vor der „Große Freiheit“ gibt es die Haft

November 21, 2021

Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ konstatierte Rosa von Praunheim 1971. Und weil das auch der Titel von seinem damals entstandenem, dokumentarischem Spielfilm ist, konnte Sebastian Meise ihn für seinen sehenswerten Film nicht verwenden. Dabei wäre er auch eine gute Beschreibung seiner Geschichte. In Meises Drama geht es um den Homosexuellen Hans Hoffmann, der zwischen 1945, nachdem die Allierten ihn aus dem KZ befreien und er wegen seiner Homosexualität sofort in das nächste Gefängnis gesteckt wird, und 1968, dem Jahr seiner letzten Verurteilung, immer wieder im Gefängnis landet. Sein Verbrechen ist seine sexuelle Orientierung, die er auslebt. Er ist, wie gesagt, homosexuell. Und das, also auch freiwilige Geschlechtsverkehr mit anderen Männern, war bis 1969 aufgrund des Paragraphen 175 Strafgesetzbuch eine Straftat. Damals wurde die Strafbarkeit für homosexuelle Handlungen zwischen Männern über 21 Jahre abgeschafft.

Davor hielten Homosexuelle, aufgrund der berechtigten Angst vor Repressionen, ihre sexuelle Orientierung geheim. Die Hochphase dieser Verfolgung Homosexueller in der Bundesrepublik war in den fünfziger und sechziger Jahren. Jedes Jahr wurden deutlich über 1000, meistens deutlich über 2000 Männer verurteilt. Der Höchststand war 1959 mit über 3800 Verurtelungen. Die Jahre davor und danach nur unwesentlich weniger. Insgesamt wurden im Nachkriegsdeutschland zwischen 1950 und 1970 ungefähr 50.000 Männer wegen des Verstoßes gegen den § 175 verurteilt. Möglich waren Urteile von bis zu zehn Jahren Zuchthaus.

Das ist der reale Hintergrund, vor dem sich die Geschichte von Hans und Viktor entfaltet. Viktor ist ein lebenslänglich verurteilter Mörder. Als er erfährt, dass sein neuer Zellennachbar ein 175er sein soll, protestiert er. Erfolglos. Er muss seine Zelle mit Hans teilen.

Aus dem brüchigen Verständnis, das sie in den folgenden Wochen entwickeln, wird über die nächsten Jahre, die zu Jahrzehnten werden, eine Freundschaft. Denn Hans wird immer wieder aufgrund des § 175 verurteilt.

Regisseur Sebastian Meise und sein Co-Drehbuchautor Thomas Reider konzentrieren sich in ihrem Kammerspiel „Große Freiheit“ auf Hans Hoffmann (Franz Rogowski) und Viktor (Georg Friedrich) und wie sich aus anfänglicher Abneigung Vertrauen und Freundschaft entwickeln. Dabei erfahren wir wenig bis nichts über den von Viktor verübten Mord, über die Umstände, unter denen Hans seine Straftaten begangen hat und warum es ihm nicht gelingt, ein Leben zu führen, bei dem er zwar weiter Sex mit Männern haben kann, er aber nicht mit der Justiz in Konflikt gerät. Diese Konzentration auf Hans und Viktor ist die Stärke und auch eine der Schwächen des Films.

Ein weiteres Problem des Films ist, dass die Geschichte sich über 25 Jahre entfaltet, aber die beiden Hauptfiguren nicht altern. Es ist, als habe das Gefängnis einen Jungbrunneneffekt auf die beiden Raucher. Das Gegenteil dürfte der Wahrheit entsprechen.

Über das Ende, also wenn die titelgebende ‚große Freiheit‘ endlich da ist, Hans deswegen um 1970 entlassen wird und sie endlich genießen kann, müssen wir gesondert sprechen. Auch wenn absolut nichts gegen einen Auftritt von Free Jazzer Peter Brötzmann, der hier in einer Schwulenkneipe erwartbar kraftvoll losrotzt, zu sagen ist.

Neben Brotzmann ist Trompeter Nils Petter Molvær für die Filmmusik verantwortlich. Als Jazzfan bin ich darüber, auch wenn die Musik, bis auf das Free-Jazz-Konzert am Filmende, unauffällig ist, sehr erfreut.

P. S.: Endgültig gestrichen wurde der § 175 1994.

Große Freiheit (Deutschland/Österreich 2021)

Regie: Sebastian Meise

Drehbuch: Thomas Reider, Sebastian Meise

mit Franz Rogowski, Georg Friedrich, Anton von Lucke, Thomas Prenn

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Große Freiheit“

Moviepilot über „Große Freiheit“

Rotten Tomatoes über „Große Freiheit“

Wikipedia über „Große Freiheit“ (deutsch, englisch)


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