Neu im Kino/Filmkritik: Was für ein „Jam“!

Dezember 28, 2019

Sabus neuer Film „Jam“ beginnt mit einem ziemlich spektakulärem Autounfall, der auch auf dem Plakat zu sehen ist. Ausgehend von diesem, ähem, Zusammentreffen bewegt die Filmgeschichte sich vorwärts und rückwärts in der Zeit. Dabei konzentriert Sabu sich in seiner gewohnt grotesk-absurden Erzählung auf drei Männer.

Hiroshi ist ein abgehalfterter Schnulzensänger, dessen Fans vor allem Damen im fortgeschrittenen Alter sind. Die meisten könnten seine Mutter oder Großmutter sein. Ihnen gibt er mit seinen Songs und den an seine Konzerte anschließenden Gespräche die nötige Seelenmassage. Nach einem Konzert wird er von einem seiner Fans entführt und ans Bett gefesselt. Sie will, dass Hiroshi ein Lied für sie komponiert und bei seinem nächsten Konzert singt.

Tetsuo ist gerade aus dem Gefängnis entlassen und auf einem sehr gewalttätigen Rachetrip an seinen früheren Kumpels. Begleitet wird er von seiner an Alzheimer leidenden, im Rollstuhl sitzenden Großmutter, die ihren verstorbenen Ehemann sucht.

Takeru arbeitet als Chauffeur. Seine Freundin liegt im Sterben. Weil ein Wahrsager ihm sagte, dass sie geheilt würde, wenn er jeden Tag ein paar gute Taten verübe, will er täglich Gutes tun. Deshalb bietet er einigen Männern, die dringend einen Fahrer benötigen, seine Dienste an. Dummerweise sind sie Verbrecher, die einen Fluchtwagenfahrer suchen. Jetzt haben sie ihn gefunden.

Wie diese drei Geschichten genau zusammenhängen, wird erst am Filmende deutlich.

Jam“ ist eine schwarzhumorige, sich zwischen alle Genrekonventionen setzende Groteske, die, wie man es von Sabu erwartet, die Macht des Zufalls beschwört und sie mit vielen Zitaten würzt. Diese sind mal mehr, mal weniger gegen den Strich gebürstet. Teils liefern sie auch die sofort erkennbare Interpretationsfolie für die Ereignisse. Schließlich wissen wir spätestens seit der Stephen-King-Verfilmung „Misery“, wozu Fans imstande sind.

Dabei sind die Einzelteile, einzelne Szenen, Situationen und Bilder, gelungener als das dann doch zu zerfaserte Gesamtbild. „Jam“ ist ein Sabu-Film, der vor allem seine alten Fans anspricht, die gerne wieder, mit einigen neuen Figuren, in Sabus Welt eintauchen.

Jam (Jam, Japan/Deutschland 2018)

Regie: Sabu (Pseudonym von Hiroyuki Tanaka)

Drehbuch: Sabu

mit Sho Aoyagi, Keita Machida, Nobuyuki Suzuki

Länge: 102 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Filmportal über „Jam“

Moviepilot über „Jam“

Rotten Tomatoes über „Jam“

Meine Besprechung von Sabus „Mr. Long“ (Mr. Long, Japan/Taiwan/Hongkong, China/Deutschland 2017)

Meine Besprechung von Sabus „Happiness“ (Happiness, Japan/Deutschland 2016)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Auftragsmörder „Mr. Long“ bekocht ehrliche Menschen

September 15, 2017

https://vimeo.com/230596601

Die ersten Minuten von „Mr. Long“ sind nicht repräsentativ für den gesamten Film. Aber grandios. Zuerst tötet ein Auftragskiller in Taiwan in einem Lagerraum eine Gruppe Männer. Dann wird er mit einem neuen Auftrag nach Japan geschickt. In Tokio soll er in einem Nachtclub einen Gangster ermorden. Aber der Anschlag geht schief und, als die Schergen des Gangsters ihn ermorden wollen, kann er flüchten.

In einer verlassenen Wohnsiedlung taucht er unter und ab jetzt verlässt SABU („Unlucky Monkey“, „Monday“, „Happiness“) in seinem neuesten Film „Mr. Long“ die Gefilde des düsteren Hongkong-Thrillers der John-Woo-Schule, die er in den Minuten makellos bediente. Bis zum blutigen Finale porträtiert SABU eine Geheimschaft armer, aber hilfsbereiter und freundlicher Menschen, die den schweigsamen Killer, den sie Mr. Long nennen, in ihre Gemeinschaft aufnehmen und, weil Mr. Long ein begnadeter Koch ist, verhelfen sie ihm zu einer fahrbaren Garküche. Damit eröffnet sich für ihn eine neue berufliche Perspektive und die Möglichkeit auf ein neues Leben. Weil Mr. Long kein japanisch spricht, erfolgt diese Annäherung an einen Jungen, seine Mutter und die Bewohner des Viertels stumm, mimisch und mit Gesten.

Mr. Long beginnt, nachdem er bis jetzt niemals über sein Leben nachdachte, über sein Leben nachzudenken. Gleichzeitig will er zurück nach Taiwan. Das nächste Schiff, das er benutzen kann, verlässt den Hafen erst in fünf Tagen.

Diesen über mehrere Tage anhaltenden Schwebezustand, in dem der Killer sich langsam öffnet, erzählt SABU feinfühlig,mit viel Humor, einem tiefen Humanismus und Glauben an das Gute im Menschen. Das ist dann mehr ein Märchen und weit ab von dem eiskalten Gangsterthriller, den man in den ersten Minuten erwartet.

Mr. Long“ erlebte seine Premiere auf der diesjährigen Berlinale im Wettbewerb.

Mr. Long (Mr. Long, Japan/Taiwan/Hongkong, China/Deutschland 2017)

Regie: SABU

Drehbuch: SABU

mit Chen Chang, Runyin Bai, Yiti Yao, Sho Aoyagi, Masashi Arifuku, Taro Suwa, Ritsuko Okusa

Länge: 129 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Moviepilot über „Mr. Long“

Rotten Tomatoes über „Mr. Long“

Wikipedia über „Mr. Long“

Berlinale über „Mr. Long“