Neu im Kino/Filmkritik: „Blink Twice“ und alles ist in Ordnung. Ehrlich!

August 22, 2024

Wenn Slater King (Channing Tatum) in einem Video reumütig bekennt, dass er Fehler gemacht habe, aufrichtig bereue, in Therapie sei und jetzt auf seiner Insel das einsame, naturverbundene Leben genieße, dann sollten schon die ersten Alarmglocken läuten. Schließlich haben wir schon unzählige dieser gelogenen Promi-Geständnisse gehört. King wirkt bei dem Geständnis nicht reumütig, sondern arrogant, egozentrisch und von sich und seiner Macht überzeugt. Er steht über den Gesetzen und absolviert hier, während er um eine Million Dollar reicher wird, einen Publicity-Stunt.

Aber natürlich hindert das Frida (Naomi Ackie), die ein Slater-King-Groupie ist, und ihre ebenso junge und gutaussehende Freundin Jess (Alia Shawkat), die bei einer Spendengala von Tech-Millardär Slater King als Kellnerinnen arbeiten, nicht daran, sich von ihm auf seine Insel einladen und dort von all den dort vorhandenen Annehmlichkeiten und Drogen einlullen zu lassen.

Sicher, das einheimische Personal verhält sich etwas merkwürdig und dass sie sich beim Betreten der Insel von ihren Smartphones trennen mussten ist unangenehm, aber abgesehen davon ist alles paradiesisch. King und seine Freunde, eine bunte Mischung aus langjährigen Vertrauten, C-Berühmheiten und schmückendem, weiblichen Beiwerk, sind alle guter Laune, konsumieren eifrig Drogen und genießen das Luxus-Inselleben.

Dass dieses Paradies nicht so paradiesisch ist, ist offensichtlich. Auch wenn in dem Thriller „Blink Twice“ lange, sehr lange unklar ist, was das dunkle Geheimnis von Kings Paradies sein könnte.

Den ersten wirklichen Riss erhält das Paradies, als Fridas Freundin Jess nach mehreren Tagen und Nächten exzessiver Party verschwindet und die anderen Gäste sich nicht an Jess erinnern können. Es ist, als habe sie niemals existiert. Frida beginnt sie zu suchen.

Blink Twice“ ist das gelungene Regiedebüt von Schauspielerin Zoë Kravitz, das als gemeine Post-Jeffrey-Epstein-Satire gelesen werden kann. Bereits 2017 und damit vor der #MeToo-Bewegung begann sie mit dem Schreiben des Drehbuchs. Ihre Ausgangsfrage war, was geschähe, wenn Frauen nicht mehr nach den von Männern gemachten Regeln spielen würden. Als Setting wählte sie eine Insel mit mächtigen Männern und machtlosen Frauen. Inszenieren tat sie ihre Geschichte dann als stilistisch überhöhtes Slow-Burning-Mystery, bei dem wir Zuschauer von der ersten Minute an wissen, dass Frida, Jess und die anderen Besucherinnen fröhlich und nichtsahnend in eine potentiell tödliche Falle hineinlaufen. Bis das Paradies auch für sie die ersten Risse bekommt, vergeht ziemlich viel Filmzeit. Diese Zeit nutzt Kravitz, um sorgfältig Spuren auszulegen und Dinge anzudeuten, die später wichtig und erklärt werden. Das gefällt, auch weil die Schlusspointe sehr gemein ist.

Die Erklärung für die Ereignisse auf der Insel ist Filmwissenschaft, die mit der echten Wissenschaft nichts zu tun hat. Und über die verschiedenen Gäste von Slater King, die immerhin von so Hochkarätern wie Christian Slater, Haley Joel Osment, Kyle MacLachlan, Simon Rex und Geena Davis gespielt werden, bleiben arg blass. Und das Bemühen, alles richtig zu machen, ist immer erkennbar. 

Aber insgesamt ist die gallige Slow-Burning-Satire über die schönen unmoralischen Reichen ein gelungenes und vielversprechendes Debüt.

Blink Twice (Blink Twice, USA 2024)

Regie: Zoë Kravitz

Drehbuch: Zoë Kravitz, E.T. Feigenbaum

mit Naomi Ackie, Channing Tatum, Alia Shawkat, Christian Slater, Simon Rex, Adria Arjona, Haley Joel Osment, Liz Caribel, Levon Hawke, Trew Mullen, Geena Davis, Kyle MacLachlan, Cris Costa, María Elena Olivares

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 16 Jahe

Hinweise

Moviepilot über „Blink Twice“

Metacritic über „Blink Twice“

Rotten Tomatoes über „Blink Twice“

Wikipedia über „Blink Twice“ (deutsch, englisch)


Neu im Kino/Filmkritik: In Sean Bakers „Red Rocket“ will ein Pornostar durchstarten

April 16, 2022

Sean Baker, der Regisseur der grandiosen Filme „Tangerine L. A.“ und „The Florida Project“, ist zurück und er bleibt sich treu. Mit unbekannten Schauspielern und spontan engagierten Laien drehte er vor Ort. Und wieder spielt die Geschichte in einem Milieu, das so selten im Kino gezeigt wird.

Dieses Mal dreht sich alles um Mikey Saber. Der 41-jährige kehrt aus Hollywood zurück in seine alte Heimatstadt, die er niemals wieder besuchen wollte. In Hollywood war er ein Filmstar. In Pornos. Jetzt hat er in der Stadt der Träume so massive Geldprobleme, dass er sich gerade so ein Busticket leisten konnte. In Texas City, einer Hafenstadt an der Golfküste mit Ölraffinerien in der Sichtweite vom Haus seiner Frau, klopft er bei seiner Immer-noch-Ehefrau Lexi an die Tür.

Dort ist er ungefähr so willkommen wie ein Tripper.

Trotzdem darf er bei ihr und ihrer Mutter, die beide in der heruntergekommenen und versifften Hütte hausen (die Bretterbude ging bei uns noch nicht einmal als Gartenhaus ohne Wohnzweck durch), wohnen. Zunächst nur für einige Tage, die dann zu Wochen werden.

Er sucht eine Arbeit. Weil er viele Jahre in der Pornobranche arbeitete und er diese Jahre in seinem Lebenslauf verschweigt, klafft eine jahrelange Lücke in ihm. Diese versucht er meist erfolglos mit seinem Charme zu füllen. Er hängt im Donut Hole ab. Der in Sichtweite der Raffinerien liegende Laden heißt wirklich so und musste für den Film nicht umbenannt werden. Dort scharwenzelt er um die siebzehnjährige Bedienung Strawberry herum. Er fantasiert ihr gegenüber etwas von einer großen Chance in Hollywood, die sie mit ihm hätte, während er ziemlich eindeutig mit ihr Sex haben möchte. Er beginnt mit Drogen zu handeln. Für diese Arbeit braucht der immer großspurig-optimistische Sonnyboy keinen lückenlosen Lebenslauf.

Und er hat ein Talent, seine Probleme zielsicher zu vergrößern.

Daher ist, wenn er am Filmanfang den Bus verlässt, klar, in welche Richtung sich seine Rückkehr in seine alte Heimat entwickeln wird.

Und trotzdem fühlen wir mit diesem großmäuligen Unsympath. Das liegt an Simon Rex, der den Blender Mikey Saber als einen Mann spielt, der letztendlich immer noch ein die Wirklichkeit ignorierendes, an den amerikanischen Traum glaubendes Kind ist. Für Rex ist die Rolle dieses Schmarotzers, nachdem er schon seit den Neunzigern in Filmen und TV-Serien auftritt, der Durchbruch. Bis jetzt ist er als Schauspieler vor allem durch mehrere „Scary Movie“-Komödien bekannt. Außerdem ist er der Rapper ‚Dirt Nasty‘.

Sean Baker erzählt seine Schwarze Komödie mit spürbarer Sympathie für Saber und die Menschen, die er in Texas City trifft. Er verschließt aber nie die Augen vor ihren Defiziten und ihren prekären Lebensumständen, die mit ‚ärmlich‘ noch zu positiv beschrieben sind.

Er drehte „Red Rocket“, wie seine vorherigen Filme, mit einem geringem Budget, einer kleinen Kerncrew von weniger als zehn Leuten, vor Ort mit vielen Laiendarstellern und Zufallsentdeckungen. Die Dreharbeiten waren, während der Coronavirus-Pandemie, in Texas City an 23 Tagen im Herbst 2020. Spielen tut der Film im Sommer 2016, vor der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, der ein Bruder im Geist von Saber ist. Beiden gelingt es, andere Menschen zu verführen (wobei ich Trump schon immer für einen talent- und charmefreien Hohlkopf hielt) und in ihren Bannkreis zu ziehen. Beiden sind andere Menschen und ihre Gefühle egal. Schließlich gibt es für sie nur eine wichtige Person im Universum.

Witzig aus europäischer Sicht ist die auch in „Red Rocket“ sichtbare US-amerikanische Prüderie. So gibt es zwar für einen US-Film viel nackte Haut zu sehen, aber den früheren Pornostar Mikey Saber sehen wir nur einmal nackt. Das macht die sehenswerte Komödie jetzt nicht besser oder schlechter, aber es verrät einiges über die US-Gesellschaft.

Red Rocket (Red Rocket, USA 2021)

Regie: Sean Baker

Drehbuch: Sean Baker, Chris Bergoch

mit Simon Rex, Bree Elrod, Suzanna Son, Brenda Deiss, Judy Hill, Brittney Rodriguez, Ethan Darbone, Shih-Ching Tsou, Parker Bigham

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Red Rocket“

Metacritic über „Red Rocket“

Rotten Tomatoes über „Red Rocket“

Wikipedia über „Red Rocket“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Sean Bakers „Tangerine L. A.“ (Tangerine, USA 2015)

Meine Besprechung von Sean Bakers „The Florida Project“ (The Florida Project, USA 2017)

Die Pressekonferenz in Cannes nach der Weltpremiere des Werkes

Eine Fragestunde mit Sean Baker und Teammitgliedern zum Film in Austin