VoD-Kritik: „The Tunnel – Die Todesfalle“ nach einem LKW-Unfall

Februar 16, 2021

Kurz vor Weihnachten: während in dem Dorf noch auf eine weiße Weihnacht gehofft wird, sind die Berge bereits verschneit und auch in Norwegen gibt es den üblichen vorweihnachtlichen Reiseverkehr. Da rammt im knapp zehn Kilometer langen Storfjell-Tunnel ein Tanklaster eine Tunnelwand und versperrt die Straße. Die Telefonverbindung zur Rettungsstelle – natürlich nur über Handy – ist instabil. Daher ist unklar, wo der Unfall genau passierte. Auf der einen Seite des Tunnels ist kurz vorher eine Lawine heruntergegangen, die die Straße versperrt. Auf der anderen Seite nähert sich, als Rettungstruppe, die Freiwillige Feuerwehr. Immerhin haben sie mit Stein einen alten Hasen im Team, der den Tunnel besser als seine Hosentasche kennt.

Eigentlich wollen sie den Einsatz mit der nötigen Ruhe angehen. Da explodiert der Tanklaster.

Pål Øie erzählt seinen Katastrophenthriller „The Tunnel – Die Todesfalle“ mit handgemachten Actionszenen nordisch unterkühlt. Es gibt also nicht die tapferen Helden und erbärmlichen Feiglinge und die mit pompöser Musik erhaben zelebrierten Momente von Tapferkeit, Todesverachtung und übermenschlichem Mut, die wir aus mehr oder weniger prominent besetzten US-Katastrophenfilmen kennen. Natürlich gibt es auch in „The Tunnel – Die Todesfalle“ mutige Männer und Menschen, die mehr oder weniger egoistisch um ihr und das Überleben ihrer Familie kämpfen. Es gibt auch den Schnösel, der zuerst eine geführte Kolonne überholt, anschließend sein Auto auf einer Eisfläche in den Schnee setzt (off Kamera) und seine Tochter anpflaumt. Aber im Gegensatz zu einem normalen Katastrophenfilm gerät er nicht in Lebensgefahr, sondern muss die Zeit, in der Tunnel gesperrt ist, in einem gastlichen Lokal verbringen. Die anderen Figuren sind noch sparsamer gezeichnet. Ihr Sterben (falls wir es überhaupt sehen), ihre Leiden und ihr Mut berühren uns daher nicht.

Das macht „The Tunnel – Die Todesfalle“ zu einem okayen, wahrscheinlich sogar ziemlich realistischen Katastrophenfilm, von dem kein Bild, keine Szene, kein Tod und auch keine Rettung länger im Gedächtnis bleibt.

Das am Filmbeginn erklärte Selbstrettungsprinzip und die mangelhafte Ausstattung des knapp zehn Kilometer langen Tunnels, in dem im Film die Katastrophe passiert, ist erstaunlich. Anscheinend haben die einfach einen Tunnel, also eine aus zwei Fahrspuren bestehende, enge Röhre, durch den Berg gebohrt und verlassen sich anschließend darauf, dass nichts passiert. Es gibt keine Notausgänge und keine Noträume. Keine Feuerlöscher. Keine Überwachung, egal ob über Video oder irgendein anderes System. Und das Notruftelefon funktioniert auch nicht besser als die Handys, über die zuerst um Hilfe gerufen wird. Für mich klingt das nach einem Rezept für eine Katastrophe mit chaotischen Zuständen und vielen Toten.

Dabei ist „The Tunnel – Die Todesfalle“ wohl nicht die Idee einer nach Hollywood schielenden Drehbuchautorin, sondern ziemlich nah an der norwegischen Realität. Denn vor der Filmpremiere überprüfte die Feuerwehr die Sicherheit mehrerer Tunnel, in denen der Film gedreht wurde. Ihr Fazit: Der Film ist realistisch.

Für Deutschland scheint das nicht zu gelten. So schreibt das Bundesanstalt für Straßenwesen (BAST): „Für manche Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer ist das Durchfahren eines Tunnels mit einem unbehaglichen Gefühl verbunden, obwohl die Unfallhäufigkeit sogar nachweislich geringer ist als außerhalb von Tunneln. Deutschlands Straßentunnel gehören zu den sichersten der Welt. Die Sicherheitsstandards der Tunnel werden regelmäßig überprüft und den neuesten Erkenntnissen angepasst. Neue Tunnel werden auf Basis der aktuellen Techniken und Bauweisen errichtet und ausgestattet, ältere Straßentunnel werden entsprechend nachgerüstet.

Grundlage für das hohe Sicherheitsniveau sind die in Deutschland geltenden „Richtlinien für die Ausstattung und den Betrieb von Straßentunneln“ (RABT). Zusätzlich regelt seit 2004 eine europäische Richtlinie den grundlegenden Sicherheitsstandard für Straßentunnel im transeuropäischen Netz, um ein weitgehend einheitliches Sicherheitsniveau in allen europäischen Tunneln zu erreichen.“ (BAST: Sicherheit geht vor – Straßentunnel in Deutschland, 2017)

Unter anderen gibt es alle 600 Meter Nothalte- und Pannenbuchten mit Notrufkabinen. Es gibt alle 150 Meter Notrufkabinen mit Brandmeldern und Feuerlöschern. Mindestens alle 300 Meter Notausgänge. Es gibt an jeder Fahrbahnseite Notgehwege. Es gibt eine Videoüberwachung und die Möglichkeit für Lautsprecherdurchsagen. Und es gibt eine selbstleuchtende Beschilderung, die einen auch in absoluter Dunkelheit zum nächsten Ausgang führt

Danach wäre in Deutschland und in der EU der im Film geschilderte Verlauf der Katastrophe nicht möglich.

Aktuell ist keine DVD- und Blu-ray-Veröffentlichung geplant.

The Tunnel – Die Todesfalle (Tunnelen, Norwegen 2019)

Regie: Pål Øie

Drehbuch: Kjersti Helen Rasmussen

mit Thorbjørn Harr, Ylva Lyng Fuglerud, Lisa Carlehed, Mikkel Bratt Silset, Peter Førde, Daniel Alexander Skadal, Per Egil Aske, Tor Christian Bleikli

Länge: 104 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

EST/TVOD unter anderem bei iTunes, Amazon, Sky, Google, Maxdome, Videoload, Videociety, Chilli, On Demand und Vodafone

Hinweis

Wikipedia über „The Tunnel – Die Todesfalle“ 

 


%d Bloggern gefällt das: