Neu im Kino/Filmkritik: „Der Tod wird kommen“, aber wie?

März 14, 2026

In Brüssel wird Yann in seinem Hotelzimmer erschossen. Er war für Gangster Charles Mahr, nach einer jahrelangen Pause, als Kurier unterwegs. Im Rahmen eines Bildes schmuggelte er eine beträchtliche Menge Bargeld. Die Polizei verhaftete ihn. Kurz darauf kam er auf Kaution frei.

Mahr will wissen, wer der Polizei den Tipp gab und wer Yann erschoss. Die Killerin Tez soll es herausfinden und den Verantwortlichen für Yanns Tod töten.

In seinem neuesten Film hat Christoph Hochhäusler vieles: interessante Locations für einen Kriminalfilm, atmosphärische Bilder, gute Schauspieler und eine hoffnungslos überladene Story. Es ist ein Neo-Noir der gleichzeitig Gangsterfilm, Auftragsmördergeschichte und Detektivgeschichte ist. Dabei gestaltet sich Tez‘ Suche nach dem Mörder von Yann zunehmend unglaubwürdig. Als Killerin sollte sie möglichst unauffällig agieren. Als Auftragsmörderin kennt sie normalerweise ihr Ziel. Schließlich wird sie nicht engagiert, um ihr Ziel zu finden und anschließend zu töten, sondern um eine bestimmte, namentlich bekannte Person zu töten. Als Privatdetektivin kann sie dagegen, wie schon Humphrey Bogart als Sam Spade und Philip Marlowe maximal auffällig agieren. Es ist egal, ob sie von jemand wieder erkannt wird. Für die Erfüllung ihres Auftrags ist auch halbwegs egal, ob sie verfolgt wird. Das ist, als ob man einem Musiker sagt, er solle gleichzeitig unglaublich laut und unglaublich leise spielen. Das geht nicht. Entsprechend unglaubwürdig gestaltet sich Tez‘ den Genrekonventionen eines Privatgdetektivkrimis gehorchende Suche nach dem Mörder von Yann. 

Hochhäusler erzählt diese Mördersuche extrem langsam und mit wenigen, extrem steifen Dialogen.

Das gesagt ist Sophie Verbeeck, die Tez spielt, eine Entdeckung. Sie hat mehr Charisma als der gesamte Film. Wie ein schlecht gelaunter Junge stampft sie durch die Geschichte. Jede ihrer Bewegungen sagt, dass sie nicht an Nettigkeiten interessiert sei. Und wenn nötig, schießt sie um sich. Sie hätte einen besseren Film verdient.

Der Tod wird kommen (La Mort Viendra, Deutschland/Belgien/Luxemburg 2024)

Regie: Christoph Hochhäusler

Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer

mit Sophie Verbeeck, Louis-Do de Lencquesaing, Marc Limpach, Mourade Zeguendi, Nassim Rachi, Hilde van Mieghem, Delphine Bibet, Laura Sépul

Länge: 101 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Der Tod wird kommen“

Moviepilot über „Der Tod wird kommen“

Rotten Tomatoes über „Der Tod wird kommen“

Wikipedia über „Der Tod wird kommen“

Meine Besprechung von Christoph Hochhäuslers „Die Lügen der Sieger“ (Deutschland/Frankreich 2014)

Meine Besprechung von Christoph Hochhäuslers „Bis ans Ende der Nacht“ (Deutschland 2023)


Neu im Kino/Filmkritik: Der Möchtegern-Polit-Thriller „Die Lügen der Sieger“

Juni 18, 2015

Christoph Hochhäusler ist kein Dummer. Seine bisherigen Filme, wie „Falscher Bekenner“ und „Unter dir die Stadt“, kamen bei der Kritik ziemlich gut an, er setzt sich auch theoretisch mit dem Film auseinander und er ist einer der Herausgeber der Filmzeitschrift „Revolver“.
Mit seinem neuen Spielfilm „Die Lügen der Sieger“ will er offensichtlich den aktuellen Zustand der Berliner Republik, das Geflecht von Politik, Lobbyismus, Wirtschaftsinteressen, Beratungsfirmen und Journalismus vermessen. Das steht natürlich in der Tradition klassischer Polit-Thriller wie „Die Unbestechlichen“ (über die Watergate-Affäre) und neuerer Polit-Thriller, wie „State of Play“ (die britische TV-Serie und das Hollywood-Spielfilm-Remake).
Aber auch wenn man diese Tradition ignoriert (okay, das fällt schwer. Das ist so, als ob man bei Eric Clapton und den Rolling Stones den Blues-Einfluss ignorieren würde.), ist „Die Lügen der Sieger“ ein, höflich formuliert, sehr enttäuschender Film. Gerade weil er so viel besser als viele andere deutsche Filme, vor allem die unzähligen, banalen Komödien, sein könnte. Und vielleicht bin ich deswegen auch etwas zu ungnädig.
Fabian Groys, hochgelobter Einzelgänger-Journalist in der Hauptstadtredaktion eines Nachrichtenmagazins (jaja, sieht aus und riecht wie „Der Spiegel“), recherchiert eine große Story über den schändlichen Umgang der Bundeswehr mit kriegsversehrten Veteranen. Er vermutet, dass die Regierung für die Behandlung ihrer Leiden nicht aufkommen will. Als er die Praktikantin Nadja Koltes zugeteilt bekommt, wimmelt er sie mit den Recherchen für eine Boulevard-Geschichte ab: in Gelsenkirchen sprang ein Mann in einen Löwenkäfig.
Selbstverständlich – auch wenn es einige Zeit dauert, bis die Zusammenhänge erahnbar werden – hängen diese beiden Geschichten miteinander zusammen.
Und dann geht es noch um eine Gesetzesinitiative, die verhindert werden soll, eine Recyclingfirma, die ihre Angestellten vergiftet, und, weil auch das mit den anderen Geschichten zusammenhängt, um den Einfluss einer im Hintergrund bleibenden Organisation, die man sich am Besten als eine All-inclusive-Lobby-und-Problembeseitigungsfirma vorstellt. Ach, und es geht auch, ganz allgemein um den Einfluss von Lobbyvereinen – und, letztendlich, um alles und um nichts.
Dabei gäbe jedes dieser Themen genug Stoff für einen abendfüllenden Spielfilm. Aber anstatt mit einer klaren Analyse gegen einen Missstand vorzugehen, verzettelt Hochhäusler sich und liefert eine unglaubwürdig an der Wirklichkeit vorschrammende Kolportage ab, die viel zu oft in einer nicht produktiven, sondern nur frustierenden Verwirrung endet, wie diese Szene vom Filmanfang zeigt: wir sehen einen älteren Mann (so um die Fünfzig) der offensichtlich für ein Gespräch präpariert wird. Wir wissen nicht, wer er ist. Wir wissen nicht, um was es in dem wichtigen Gespräch gehen soll. Wir wissen nicht, wer ihn trainiert – und bei seinen Coaches ist auch unklar, ob sie eine dafür engagierte Firma sind und wer welche Position inne hat. So glauben wir zunächst, entsprechend der traditionellen Rollenverteilung, dass der ältere Coach der Chef ist und die etwa gleichaltrige Frau seine Untergebene. Viel später erfahren wir, dass es umgekehrt ist.
Fast keine Frage wird in dieser geheimnisvollen Szene aufgelöst, was jetzt nicht unbedingt ein Problem wäre. Geheimnisvolle Andeutungen steigern ja bekanntlich die Spannung.
Aber weil diese Szene uns mit für die Geschichte wichtigen Charakteren bekannt machen soll (alle drei werden später wichtig), hätten die Filmemacher uns in diesen Momenten ganz klar einige Informationen liefern müssen. Nämlich wer die Charaktere sind, was sie wollen, warum wir uns mit ihnen identifizieren sollen und wer von ihnen für die weitere Geschichte wichtig ist. Aber am Ende dieser Szene wissen wir noch nicht einmal wer der Trainierte ist. Ein Lobbyist? Ein Unternehmer? Ein Politiker? Ein Schauspieler? Wir wissen auch nicht, wofür er trainiert wird.
Diese Szene ist symptomatisch für den gesamten Film: er verkompliziert alles bis zum Gehtnichtmehr. Der Skandal, den der Journalist aufklären will, wird unter einem Berg von weiteren Themen begraben, die alle wichtig sind. Aber es fehlt ein erzählerischer Fokus und damit eine sinnvolle Struktur von Plots und Subplots. Dabei ist gerade in einem Polit-Thriller die Klarheit des Denkens wichtig. Immerhin will er über Missstände aufklären, für Empörung sorgen und zum Handeln auffordern. Nichts davon gelingt „Die Lügen der Sieger“. Eher schon befördert er ein konservativ-reaktionäres Gefühl, das sagt, dass alles hoffnungslos mit allem verflochten ist, alles furchtbar undurchschaubar ist und man sowieso nichts gegen die da Oben machen kann.
Und dabei habe ich noch nichts über den Protagonisten Fabian Groys gesagt, der sich natürlich in seine junge Praktikantin (die er zunächst nicht will, weil er immer allein arbeitet) verliebt, einen Halbstarken-Porsche fährt, alleinstehend, spielsüchtig und zuckerkrank ist. Trotzdem ist er kein komplexer Charakter, sondern eine reine Reißbrett-Figur, bei der seine pompös eingeführte Spielsucht und seine ebenso pompös eingeführte Krankheit für die Haupthandlung vollkommen unwichtig sind. Am Ende, nachdem die Haupthandlung abgeschlossen ist, gibt es dann einen Anschlag auf Groys‘ Leben, der nicht die Skrupellosigkeit der Bösewichter, sondern die Unplausibilität des Drehbuchs demonstriert. Das Hollywood-Äquivalent dazu wäre – ich will ja nichts verraten – der James-Bond-Bösewicht, der erst nachdem er von Bond besiegt wurde, einen von Anfang an zum Scheitern verurteilten Angriff auf Bonds Leben startet.
Dabei hätte man aus Groys‘ Spielsucht und seiner Krankheit wirklich etwas machen können. Immerhin könnten die Bösewichter beides benutzten, um seine Recherchen schwieriger zu gestalten und sie hätten versuchen können, ihn mit seiner Spielsucht und seiner Krankheit zu erpressen.

Die Lügen der Sieger - Plakat

Die Lügen der Sieger (Deutschland/Frankreich 2014)
Regie: Christoph Hochhäusler
Drehbuch: Christoph Hochhäusler, Ulrich Peltzer
mit Florian David Fitz, Lilith Stangenberg, Horst Kotterba, Ursina Lardi, Avred Birnbaum, Jakob Diehl, Cornelius Schwalm
Länge: 112 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
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Filmportal über „Die Lügen der Sieger“
Film-Zeit über „Die Lügen der Sieger“
Moviepilot über „Die Lügen der Sieger“