Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra (Il Traditore, Italien/Deutschland/Frankreich/Brasilien 2019)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
TV-Premiere. Pflichttermin für von Fans von italienischen Mafiafilmen – und von guten Filmen. Marco Bellocchio erzählt das Leben von Tommaso Buscetta, einem hochrangigem Mitglied der Cosa Nostra, der in den Achtzigern zum Kronzeugen gegen sie wird.
mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Cali, Giovanni Calcagno, Bruno Cariello, Alberto Storti
Nanni Morettis neuer Film beginnt mit einem Autounfall. Stockbesoffen fährt Andrea durch das Wohnviertel, überfährt eine Fußgängerin und kracht in die Parterrewohnung des Hauses, in dem er noch bei seinen Eltern wohnt. Seine Eltern sind Vittorio (Nanni Moretti) und Dora (Margherita Buy). Beide sind Richter. Aber nach dem Unfall hilft der rechtsprinzipientreue Vittorio seinem Sohn Andrea nicht. Er fordert, dass er die Verantwortung für seine Tat übernimmt. Und das bedeutet eine längere, auch die Ehe von Vittorio und Dora belastende, Haftstrafe für Andrea.
Die Wohnung die Andrea zerstörte, ist das Arbeitszimmer von Lucio (Riccardo Scamarcio). Seine siebenjährige Tochter wird öfter von einem älteren Ehepaar behütet. Nachdem der schon leicht demente ‚Großvater‘ mit Lucios Tochter im Wald ein kindisches Spiel spielte, hält er ihn für einen Pädophilen. Er beginnt Beweise für seine wilde Vermutung zu suchen und gefährdet dabei seine Ehe, seine Familie und auch sein gesamtes Leben.
Andreas Unfall wurde von Monica (Alba Rohrwacher) beobachtet. Die psychisch instabile Schwangere war auf dem Weg zum Krankenhaus. Später muss sie ihre Tochter weitgehend allein aufziehen. Ihr Mann ist als Bauleiter bei großen Projekten beruflich viel unterwegs. Monicas Leben verändert sich, als ihr Schwager auftaucht.
Diese im Film porträtierten vier Familien leben in Rom in den titelgebenden „Drei Etagen“ eines bürgerlichen Wohnhauses. Über ein Jahrzehnt, von 2010 bis 2020, beobachtet Nanni Moretti („Liebes Tagebuch“) deren Leben und wie sehr sie mehr nebeneinander als miteinander leben. Das ist aus der Perspektive dramaturgischer Verdichtung natürlich enttäuschend. Aber halt realistisch. Die meisten Nachbarn kann man, im Gegensatz zur eigenen Familie, ignorieren und meistens tut man genau das. Schließlich ist die Adresse die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit. Auch der Aufbau des Films – die erste Stunde des Films spielt 2010, die nächste halbe Stunde fünf Jahre später und die letzte halbe Stunde wieder fünf Jahre später – lädt zu einem episodischem Erzählen ein. In diesem Drama gibt es nicht die klaren, Hollywood-Dramaturgieregeln gehorchenden, sich gegenseitig verdichtenden Spannungsbögen.
Moretti beobachtet, feinfühlig wie gewohnt, seine Figuren mit großer Sympathie und ohne sie zu verurteilen. Das ist nicht schlecht, aber letztendlich bleibt alles doch etwas zu sehr an der Oberfläche, im Plakativen und im Ungefähren. Nur einmal wird ein konkretes Datum genannt, ansonsten sind die Ereignisse in diesem römischen Haus vollkommen von aktuellen Entwicklungen abgekoppelt.
So ist der Ensemblefilm ein schöner und auch in vielen Szenen immer wieder berührender Film. Am Ende bleibt allerdings das Gefühl, dass man nur das filmische Äquivalent zum Blättern in einem Fotoalbum erhalten hat.
Marco Bellocchios neuer Film ist eine packende Geschichtsstunde mit einer höchst zwiespältigen, grandios von Pierfrancesco Favino gespielten Hauptfigur. Dieser Tommaso Buscetta ist ein Berufsverbrecher, ein hoch respektiertes Mitglied der Cosa Nostra und schließlich ein Verräter, der in einem aufsehenerregendem, weltweit beachtetem Prozess zum Kronzeugen gegen die Mafia wird. Nicht etwa, weil Buscetta Gewissensbisse bekam, sondern weil die Bosse in den frühen achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen, sich blutig und skrupellos zu bekämpfen. Dabei verstießen sie gegen den Ehrenkodex der Mafia und ermordeten auch Frauen und Kinder.
Als auch das Leben von seiner Familie bedroht war, entschloss er sich, mit der italienischen Justiz zusammen zu arbeiten und so die echte Cosa Nostra gegenüber Toto Riina, der mit dem skrupellosen Morden begann, zu verteidigen. Gegenüber Richter Giovanni Falcone redete er über sein Leben; wobei er nie mehr als nötig verriet. Seine Aussage führte 1986 in Italien zu dem bislang größten Prozess gegen das Organisierte Verbrechen. In dem ‚Maxi-Prozess‘ wurden 475 Personen angeklagt. 360 wurden verurteilt. 1992 wurde Falcone, zusammen mit seiner Frau und ihren Leibwächtern in Palermo durch eine unter Autobahn deponierte Bombe ermordet. Die italienische Gesellschaft war schockiert.
Buscetta war danach zu weiteren Aussagen bereit – und die Mafia, wie wir sie aus der italienischen Folklore, Sachbüchern, Romanen und Spielfilmen kennen, war endgültig tot.
Am 2. April 2000 starb der 1921 in Palermo geborene Berufsverbrecher Buscetta in Florida an einer Krebserkrankung.
In dem akribisch erzähltem Gangsterdrama „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ lässt Bellochio diese Zeit wieder auferstehen in Bildern, die auch in einem Mafiafilm von Francesco Rosi, Damiano Damiani oder Elio Petri, um nur die bekanntesten Regisseure zu nennen, die über viele Jahre gegen die Mafia und den korrupten italienischen Staat anfilmten, gut gepasst hätten. Während diese Regisseure in ihren sich immer nah an der Realität entlangbewegenden Geschichten immer wieder Figuren und Handlungen erfinden mussten, konnte Bellochio sich auf die historisch verbürgten Tatsachen verlassen. Diese sind, bis zu Falcones Tod und seinen unmittelbaren Nachwirkungen, allseits bekannt. Jedenfalls in Italien. Und jeder, der sich mit der Organisierten Kriminalität, der Mafia und der Cosa Nostra beschäftigte, kennt diese Geschichte ebenfalls.
Buscettas Schicksal zwischen 1992 und seinem Tod 2000 ist dann weniger bekannt. Als Kronzeuge kam er selbstverständlich in ein Zeugenschutzprogramm. In den USA erhielt er eine neue Existenz. In Salem, New Hampshire, seiner ersten Station in den USA, führte er dann das biedere Leben, das er niemals führen wollte. Außerdem bestritt jetzt seine Frau das Einkommen.
Diese zweite, kürzere Hälfte des Films ist dann auch die schwächere Hälfte. Ein Mafiosi als unzufriedener Frührentner, dessen langweiliger Alltag nur durch gelegentliche Aussagen vor Gericht unterbrochen wird, ist halt nur mäßig spannend. Ein Mafiosi, der zum Verräter wird, um seine Familie und sich zu beschützen, und dafür gegen seine früheren Freunde aussagt, erzählt eine spannendere emotionale Reise. Auch wenn letztendlich rätselhaft bleibt, was Buscetta genau zu seinem Verrat bewog.
Trotzdem vergeht auch diese Stunde, die sich auf die Zeit nach dem ‚Maxi-Prozess‘ konzentriert, in dem hundertfünfzigminütigem, immer wieder tief in der Mafiafolklore, Mafia- und Gangsterfilmen badendem Epos erstaunlich schnell.
Für Fans von Mafiafilmen ist „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ daher selbstverständlich ein Pflichttermin. Fans guter Filme sollten ihn sich ebenfalls ansehen.
Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra (Il Traditore, Italien/Deutschland/Frankreich/Brasilien 2019)
Regie: Marco Bellocchio
Drehbuch: Marco Bellocchio, Ludovica Rampoldi, Valia Santella, Francesco Piccolo
mit Pierfrancesco Favino, Maria Fernanda Candido, Fabrizio Ferracane, Luigi Lo Cascio, Fausto Russo Alesi, Nicola Cali, Giovanni Calcagno, Bruno Cariello, Alberto Storti
Es beginnt mit einem zünftigem Arbeiteraufstand. Gemeinsam, revolutionäre Parolen skandierend, marschieren die Arbeiter gegen die Polizei, die verschlossenen Werktore und den Kapitalismus. Das ist bestes italienisches Siebziger-Jahre-Agitpropkino und Kino ist es auch. Denn schnell unterbricht Margherita (Margherita Buy) den Kampf für ein Gespräch mit ihrem Kameramann.
Margherita ist eine erfolgreiche Regisseurin, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hat und ihre flügge werdende Tochter, die einen Führerschein für wichtiger als eine gute Lateinnote hält, lebt bei ihrem Vater. Neben den Dreharbeiten für ihr Arbeiterdrama, – einer der Filme, die heute nicht mehr gemacht werden -, kümmert sie sich auch, wenn sie die Zeit dafür findet, um ihre im Krankenhaus im Sterben liegende Mutter Ada (Giulia Lazzarini). Ihr Bruder Giovanni (Nanni Moretti, eine Legende des italienischen Kinos) kümmert sich vor allem liebevoll um Ada, die, als frühere Lehrerin, immer noch alle mit ihrem enzyklopädischem Wissen beeindruckt. Er scheint auch, nach seiner Kündigung, mit sich und seinem Leben im Reinen zu sein, während Margherita von Selbstzweifeln geplagt ist. Sie steht im Mittelpunkt von „Mia Madre“.
Ihre Selbstzweifel sind die von Nanni Moretti. Immerhin verarbeitet er seit Jahrzehnten in seinen Filmen auch immer persönliche Erlebnisse, oft stellte er sich, seine Gefühle, seine politischen Ansichten und seine Zweifel in den Mittelpunkt seiner Filme, in denen er die Wünsche, Sehnsüchte und Zweifel des linken Bürgertums reflektierte. Auch „Mia Madre“ ist so ein persönlicher Film, der deshalb auch als inoffizielles Making-of zu seinem vorherigen Film „Habemus Papam – Ein Papst büxt aus“ (2011) gesehen werden kann. So hatte Moretti damals Probleme mit Michel Piccoli, dem großen Star des Films, und während des Drehs starb seine Mutter, die ebenfalls eine Lateinlehrerin war.
Es ist, auch wegen des Themas, ein sehr humorfreier, fast schon depressiver Film. Ganz im Gegensatz zu dem verspielten „Liebes Tagebuch“, mit dem er vor über zwanzig Jahren in Deutschland endlich bekannt wurde.
Allerdings funktioniert die Balance aus Szenen von den anstrengenden Dreharbeiten (inclusive der Zweifel, ob ihr relevanter Film wirklich relevant ist), übereilten Krankenhausbesuchen, Gesprächen mit der Tochter, Erinnerungen und Träumen, vor allem realistische Alpträume (wie ihre unter Wasser stehenden Wohnung) nicht wirklich. Was auch daran liegt, dass die Szenen von den Drehbarbeiten mit dem großen US-Star Barry Huggins (John Turturro) etwas zu sehr auf Klamauk angelegt sind. Andererseits reflektiert eben diese leichte Unausgewogenheit zwischen den verschiedene Anforderungen mit denen Margherita kämpft, auch ihre Selbstzweifel und ihr vor allem durch das Sterben ihrer Mutter aus dem Gleichgewicht geratenes Leben.
Die für Margherita und uns am Filmende kommende große Enthüllung über ihre Mutter ist dann auch zu unvermittelt, um wirklich zu überzeugen. Es wirkt eher wie ein schlecht platzierter Taschenspielertrick.
Das gesagt, ist „Mia Madre“ natürlich ein Film, der seine Figuren mit großer Sympathie betrachtet und der sich fragt, wie man zwischen Beruf und Privatleben eine Balance findet, sich verändert und wie man mit dem Sterben seiner Eltern umgeht. Denn das Leben ist nicht perfekt. Und da wäre ein perfekter Film auch die falsche Antwort, weshalb „Mia Madre“ dann vielleicht gerade deswegen perfekt ist.
Auch ohne Vespa.