Sie gehören zum Bild der Großstädte: Fahrradkuriere, die bei Wind und Wetter Essen ausliefern. Souleyman ist einer von ihnen. Er fährt, immer unter Zeitdruck, durch Paris, trifft viele Menschen, teils Bekannte, teils Arbeitskollegen, teils Menschen, die ihm mehr oder weniger eigennützig helfen, und er bereitet sich auf eine Anhörung bei der Asylbehörde vor. Diese Anhörung ist dann auch der Schwachpunkt von Boris Lojkines Drama „Souleymans Geschichte“. Souleyman lässt sich vor der Anhörung von einem anderen Ausländer, der daraus ein Geschäft gemacht hat, beraten. Er empfiehlt allen die gleiche Geschichte, die sie auswendig lernen und bei der Anhörung erzählen sollen. Souleyman kommt, während er die Geschichte auswendig lernt, nie auf den Gedanken, dass die Beamten der Asylbehörde diese auswendig gelernte Geschichte schon hundertmal genauso gehört haben.
Davon abgesehen taucht Lojkine tief in Souleymans Leben ein. Er verfolgt ihn bei der Arbeit, zeigt ihn in seinem Umfeld und in der Asylbewerberunterkunft. Es ist ein Leben ganz unten im Kapitalismus.
Der Rhythmus ist schnell. Ständig unter Zeitdruck hetzt Souleyman von einem Kunden zum nächsten – und versucht dazwischen seine persönlichen Angelegenheiten zu klären. Die Monotonie des immer gleichen in dem Hamsterrad, in dem Souleyman sich befindet, ebenso.
Lojkines Film steht in der Tradition von Ken Loach und des sozialkritischen Kinos. Allerdings verzichtet er auf den bei Loach immer vorhandenen erzählerischen und analytischen Überbau. Wie ein Reporter beobachtet Lojkine Souleyman und zeigt einfach, was an zwei ziemlich normalen Tagen passiert.
Danach wird man die Essensauslieferer mit anderen Augen sehen.
Seine Premiere hatte „Souleymans Geschichte“ 2024 in Cannes in der Reihe Un Certain Regard. Dort erhielt er den Preis der Jury und den Fipresci-Preis. 2025 erhielt „Souleymans Geschichte“ vier Césars für das Drehbuch, den Schnitt, die beste Nebendarstellerin und den besten Nachwuchsdarsteller. Abou Sangeré, der Souleyman spielt, wurde auch in Cannes als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Souleymans Geschichte (L’Histoire de Souleymane, Frankreich 2024)
Regie: Boris Lojkine
Drehbuch: Boris Lojkine, Delphine Agut
mit Abou Sangaré, Nina Meurisse, Alpha Oumar Sow, Emmanuel Yovanie, Younoussa Diallo, Ghislain Mahan, Mamadou Barry, Yaya Diallo, Keita Diallo
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 12 Jahre
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Hinweise
AlloCiné über „Souleymans Geschichte“
Moviepilot über „Souleymans Geschichte“
Metacritic über „Souleymans Geschichte“
Rotten Tomatoes über „Souleymans Geschichte“
Wikipedia über „Souleymans Geschichte“ (deutsch, englisch, französisch)
Veröffentlicht von AxelB