Zwei Hinweise

Bei The Rap Sheet fragt Patrick Lennon sich, wie das Verbrechen sich im Überwachungsstaat ändert. Oder anders formuliert: Wie wird in zwanzig, dreißig Jahren in Krimis über Verbrechen geschrieben werden? Er meint:

I’m not going to reflect in this post on whether these changes are right or wrong (though I do have strong views on these matters). I’m just saying, it’s happening. The result will be a situation where the investigation of crime and the policing of the public will move from being the traditional consensus-based process we are familiar with to an essentially automated system, focused on monitoring (to identify possible criminals before they act) and on the use of databases (to target them after they act).

The role of the state, and above all the police, will be truly revolutionized in Britain over the coming decade. No doubt our future law-enforcement officers will still have their personal crises and secrets, they’ll still drink, listen to music, and crack great one-liners. But they’ll be doing a fundamentally different job for a radically different employer. While we might mourn the inevitable extinction of the 20th-century British police detective, his or her replacement will be stacked with potential for writers of crime fiction.

Bei uns sieht es ähnlich aus und dieser Wandel wird bis jetzt kaum diskutiert.

Die letzten Tage habe ich „Damages“ (die gesamte Serie) und „Unschuldig (eine Folge, aber gefühlte zehn Folgen) gesehen. Während „Damages“ gut funktionierte, fragte ich mich bei der „Unschuldig“ immer wieder ‚Was soll das?‘. Ich hatte die letzte Folge „Chaostage“ gesehen. Die Story: Ein Mann hat seine lebenslange Haft für den Mord an einem Polizisten verbüßt. Jetzt will er, weil er nur noch wenige Wochen zu leben hat und sein Enkelkind kennenlernen will, seine Unschuld beweisen. Seine Tochter verweigert nämlich jeden Kontakt. Anwältin Dr. Anna Winter und ihr Team ermittelt. Dummerweise war mir die Motivation des Verurteilten vollkommen unklar. Warum hat er so lange geschwiegen? Warum will er jetzt, dass seine Unschuld bewiesen wird? Immerhin hat er seine Strafe verbüßt und seine Familie war ihm in den letzten Jahrzehnten herzlich egal. Warum will er jetzt seinen Enkel kennenlernen?

Und dann die Story. Ich fragte mich bei jedem Gespräch: Warum reden die Leute mit der Anwältin? Warum helfen sie der Anwältin Beweise für ihre Schuld zu finden (Ich sage nur: Demolieren der Hütte.)? Außerdem fehlten innerhalb der Ermittlungen die überraschenden Wendungen (Es ist nicht überraschend, wenn ein an Alzheimer erkrankter Mann sich an die Vergangenheit erinnert. Das ist das Normale. Überraschend wäre, wenn der Alzheimerkranke sich an sein letztes Essen erinnert.).

Lisa Kling schreibt zufällig über dieses Problem in „What it’s like“:

Your characters should always have a plan.  That plan can be changed or thwarted or abandoned in favor of a new plan, but they should never be directionless.

I wrestled with this very issue on a recent project.  My characters were investigating a crime.  They spent a while poking around, looking for clues, but it somehow felt flat.  Then I realized the problem – they didn’t have a theory.  So their investigation seemed random and flailing rather than purposeful.  I rewrote the sequence so that they were specifically investigating one suspect at a time.  They found exactly the same clues in exactly the same order, but their attitudes had changed.  Instead of “Aha, a clue, but what does it mean?”, they could say “Aha, this clue means it wasn’t Suspect A after all.  But it might point to Suspect B.”  Much stronger.  The same is true for medical investigations.  On any given episode of “House,” they’ll go through a dozen theories before hitting on the right answer.  But there’s always a working theory.

Uh, und nicht der Autor, sondern der Zuschauer muss diesen Plan (also das Ziel von jedem Charakters in einer Szene) kennen. In „Damages“ ist das den Drehbuchautoren sehr gut geglückt.

4 Responses to Zwei Hinweise

  1. JL sagt:

    „dieser Wandel wird bis jetzt kaum diskutiert“: Sack, Garland, Wacquant, Valverde, Kreissl, Krauth usw. usf. ?

    Beste Grüße!

  2. AxelB sagt:

    Prantl, Grundrechtereport,…natürlich gibt es einiges, aber meistens bleibt das in den Fachkreisen (und einige der kritischen innenpolitischen Stimmen, wie Sack und Hirsch, sind schon lange im verdienten Rentenalter). In der Zwischenzeit dürfen Schäuble und Co. weiter den Präventionsstaat ausbauen; hier in Berlin wird die Videoüberwachung in der U-Bahn ausgebaut, weil so Verbrechen besser aufgeklärt werden können; Telefon- und Wohnraumüberwachung, Flugzeugabschussgesetz, Online-Durchsuchung und die Vorratsdatenspeicherung werden in Karlsruhe entschieden, undsoweiterundsofort.
    In Filmen (Tatort???) und Romanen wird das bis jetzt von deutschen Autoren noch (?) nicht reflektiert.

  3. JL sagt:

    Sie haben vollkommen recht! (Aber dann sollte man auch die Verfolgungsästhetik kritisieren, die im Kriminalroman vertreten und von Rezensenten gelobt wird.)

    Nix für Ungut und beste Grüße!

  4. AxelB sagt:

    Wenn’s gut gemacht ist. Die Bourne-Serie (und eigentlich jede Geschichte, die etwas mit Geheimdiensten zu tun hat) lebt natürlich von der allumfassenden Überwachung und wie ein einzelner diesen Apparat besiegt. Bei CSI und den Forensik-Krimis ist es das Konzept (Beweise lügen nicht. Die Wissenschaft kann alles.).
    Wobei in beiden der Wandel des Staates nicht thematisiert wird. Denn bei der neuen Politik der Inneren Sicherheit sollen Verbrechen ja verhindert werden, bevor sie stattfinden (siehe den Spielberg-Film „Minority Report“).
    (Warum fallen mir jetzt keine im hier und jetzt spielenden Kriminalromane ein, in denen dieser Wandel angesprochen wird? Ich meine jetzt mehr als so nebenbei mit „Wir haben jetzt diese neue supertolle Datenbank“ und „Patriot Act. Ich brauche keinen Durchsuchungsbefehl“. Und in denen die Kritik an dem Wandel kein umformulierter Leitartikel ist.)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..