
“72 Stunden”, das Debüt von Jason Pinter, war für den Barry Award, den neuen Strand Magazine Critics Award und den Romantic Times Reviewers Choice Award nominiert. Während der Barry ein in der Krimiszene durchaus bekannter Preis ist, sind die beiden anderen hier unbekannter. Allerdings wird der Strand Magazine Award von bekannten Krimikritikern vergeben. Und bei drei Nominierungen sind die Erwartungen selbstverständlich höher als bei einem x-beliebigen Debüt. Auch die positiven Kritiken (mehr) und die Blurbs bekannter Schriftsteller (weniger), hauptsächlich aus dem Bereich Bestsellerautoren von Thrillern, steigern die Erwartungen.
Und vielleicht ist deshalb „72 Stunden“ ein eher enttäuschender Thriller. Der Anfang ist gar nicht so schlecht. Der vierundzwanzigjährige Ich-Erzähler Henry Parker liegt blutend auf dem Boden eines verlassenen Hauses. Vor ihm liegen zwei Männer, die ihn für verschiedene Parteien umbringen wollten. Bevor er vielleicht stirbt, beginnt Parker uns seine Geschichte zu erzählen (Yep, das Buch ist eine einzige lange Rückblende.). Wie er vor einem Monat aus der Provinz nach New York kam und anfing als Journalist für die New York Gazette zu schreiben. In den ersten Wochen richtet er sich in New York ein, versucht die Beziehung zu seiner Studi-Freundin Mya Loverne zu kitten und, endlich, von seinem Journalistenidol Jack O’Donnell einen kleinen Rechercheauftrag erhält. O’Donnell schreibt seit Wochen an einer großen Geschichte über die New Yorker Mafia. Parker soll dafür den Ex-Knacki Luis Guzman befragen. Das Interview verläuft normal. Doch Parker fragt sich, wie ein Knacki, der als Wachmann arbeitet, sich ein neunzig Quadratmeter-Apartment leisten kann. Er will es herausfinden (Ohoh!). Deshalb geht er nach dem Interview wieder zurück zu den Guzmans und stolpert in eine unschöne Szene. Ein Mann hat Luis Guzman und seine Frau Christine gefesselt und geschlagen. Er bedroht Parker mit einem Revolver. In dem anschließenden Kampf löst sich ein Schuss und der Mann stirbt (wie nicht anders zu erwarten). Sie sagt ihm, er solle abhauen und er tut es (Auch zukünftige Top-Journalisten dürfen absolut idiotisch handeln).
Am nächsten Tag sieht Parker sein Bild in der Zeitung. Der Tote war ein Polizist (Tja, Pech gehabt.). Parker soll ihn kaltblütig ermordet haben (Da haben die Guzmans doch tatsächlich die Polizei belogen!) und mit einem Päckchen (das alle haben wollen und das Parker natürlich nicht hat) geflohen sein.
In diesem Moment sind wir zwar erst auf Seite achtzig, aber auf den folgenden dreihundert Seiten verläuft die Geschichte geradlinig auf den bekannten Gleisen von New York nach St. Louis und zurück. Die Polizei jagt ihn als Polizistenmörder. Die Mafia will das Päckchen haben und schickt einen gnadenlosen Killer los. Seine Freundin will ihm nicht helfen. Aber dafür hilft ihm eine andere, selbstverständlich gutaussehende, Frau. Und warum der Polizist die Guzmans gefoltert hat, können Krimifans, obwohl die Aktion mit dem Päckchen nicht gerade für die Intelligenz der Bösen spricht, sich ebenfalls denken. Weil Pinter keinen 250-seitigen Noir, sondern einen 370-seitigen Thriller über einen unschuldig Verfolgten schrieb, tat er nach dem Polizistenmord, was für einen Thriller normal ist: er wechselt die Perspektive zwischen dem Gejagten und den Jägern. Dummerweise muss Pinter dafür in den Kapiteln, die aus der Perspektive der Jäger erzählt sind, auch die eingangs gewählte Ich-Perspektive aufgeben. So zerstört er alle paar Seiten den Lesefluss und brüllt: „Alles nur erfunden!“
Das klingt jetzt nach einem furchtbaren Desaster. Aber als Thriller, bei dem auf jeder Seite klar ist, in welcher Gefahr Henry Parker (ein absolut gewöhnlicher Name, der mich sofort an Spider-Man Peter Parker erinnerte) sich befindet und weil die gesamte Geschichte während der titelgebenden 72 Stunden spielt, funktioniert Pinters Erstling als nicht sonderlich plausibler, seine Geschichte unnötig detailliert erzählender 08/15-Thriller für die U-Bahn.
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Jason Pinter: 72 Stunden
(übersetzt von Maike Walter)
Mira, 2008
384 Seiten
7,95 Euro
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Originalausgabe
The Mark
Harlequin Enterprises, 2007
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Hinweise
The Man in Black (Blog von Jason Pinter)
YouTube-Kanal von Jason Pinter
Let’s do Lunch: Interview mit Jason Pinter (28. Juni 2006)
Ja,
genauso ist es !
(Und so ein triviales Zeugs übersetzen sie, wo es doch deutlich besseres gibt ? Schande)
Ganz einfach: USA: Mira -> Deutschland: Mira (da sind die Wege schon einmal kürzer) und das von mir beschriebene positive Echo ist natürlich auch gut, um eine Übersetzung anzuleiern.
Oh, und dass Pinter gleich weitere Bücher geschrieben hat, war sicher auch hilfreich.
(Allerdings ist Pinter, wie Cornelia Read und John Hart, auch ein Debüt-Autor, der in den USA ein positives und hier, falls überhaupt, ein eher negatives Echo bekommt. Marcus Sakey, der in den USA breit abgefeiert wird, wurde dagegen hier kaum beachtet.
Bei Mickey Spillanes „Dead Street“, Ken Bruen/Jason Starr, Christa Faust und George Pelecanos, um nur einige zu nennen, sind die Kritiken in den USA wesentlich euphorischer als hier. Faust hab ich inzwischen schon auf einigen Jahresbestenlisten entdeckt.)
[…] Pinter (72 Stunden) hat in seinem Blog die Antworten von Menschen, die im Literaturbetrieb als Hersteller, Kritiker […]