Wow, da werfe ich das Wort Vertrag in die unendlichen Weiten des Internets und es geht los. Bernd hat hier ja einiges zu Verträgen gesagt und so hab ich das auch verstanden: gegenseitige Erwartungen an eine Geschichte. Im Filmbereich hat der Begriff es sogar auf einen Buchtitel gebracht hat: „Der Publikumsvertrag“. Da hat sich, meines Wissens, keiner so über den Begriff „Vertrag“ empört, wie hier.
Doch „Sterbezeit“, der vierte Roman des mit dem Glauser und Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Norbert Horst, ist nach meiner Ansicht nicht nur wegen des Endes misslungen. Und es war sicher ein Fehler, sich nur auf das Ende zu konzentrieren. Denn das Ende ist nur der Abschluss einer enttäuschenden Lektüre, bei dem kein Plot überzeugt.
„Sterbezeit“ besteht aus diesen Plots:
Hauptplot: der Fall mit den skelettierten Händen im Keller
Subplot 1: der tote Junkie-Sohn in der Villa der Eltern
Subplot 2: die tote alte Frau und ihr trauernder Mann
Privater Plot 1: seine Beziehung zu Ayse
Privater Plot 2: die drogensüchtige Tochter der entfernten Verwandten
Bei jedem Plot stellt sich die Frage, was der Held (und auch die anderen Charaktere) wollen. Bei den Polizeiplots können wir einfach sagen: er will den Fall klären. Dafür wird er bezahlt und das reicht eigentlich schon als Motivation.
(Obwohl viele Ermittler noch eine persönliche Motivation haben. Was wäre Rebus ohne seinen Hass auf die da oben und auf Big Ger Cafferty? Und was wäre der letzte Rebus-Roman ohne diese persönlichen Motive?)
Im privaten Plot 1 will er mit Ayse zusammenbleiben.
Im privaten Plot 2 will er die fünfzehnjährige Tochter seiner Cousine (die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat) vor dem Drogenkonsum bewahren.
Jetzt hat Kirchenberg in jedem Plot ein Ziel. Anschließend muss er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sein Ziel zu erreichen. Denn die anderen (zum Beispiel der Täter, andere in die Verbrechen involvierte Personen, seine Vorgesetzten, seine Kollegen, seine Freundin) wollen das verhindern. Der Held muss sein Ziel verfolgen und seine Handlungen müssen zu Veränderungen in der Welt und/oder in seiner Persönlichkeit führen. Denn jede Handlung bewirkt irgendetwas. In den drei Krimiplots von „Sterbezeit“ muss es den Kampf zwischen dem Polizisten, der ein Verbrechen aufklären will (also Gerechtigkeit wiederherstellen will) und dem Täter, der genau das verhindern will, geben.
Wie tut Kirchenberg nun, um seine Ziele zu erreichen?
In beiden privaten Plots hat er keinen Gegner.
Die Beziehung zu Ayse ist konfliktfrei. Sie will bei ihm bleiben und deshalb bleibt sie bei ihm.
Im zweiten privaten Plot reicht es nur zu einem Pflichtbesuch, der auch nach Kirchenbergs Meinung in die Hose geht.
Später treffen sie sich auf der Polizeistation und sie sagt, dass sie nie Drogen genommen habe und nicht deale. Er glaubt (!) ihr. Auch hier haben die Taten des Erzählers nichts geändert. Also wieder Zielerreichung durch Abwesenheit eines Konflikts.
Oder: Gähn!
Die beiden Polizei-Subplots, eigentlich eher kurze Episoden, enden ähnlich. Denn die Fälle werden ohne Kirchenberg aufgeklärt. Beim ersten Gespräch mit Kirchenberg gesteht der alte Mann freiwillig und ohne zu zögern, dass er seine Frau umgebracht hat.
Der Junkie starb an einer Überdosis. Beide Fälle werden schnell zu den Akten gelegt.
Nachdem Kirchenberg jetzt in vier Plots das vom Autor gesetzte Ziel erreicht hat, ohne sich anstrengen zu müssen, bleibt das Gesamtgewicht der dramatischen Handlung auf dem Hauptplot.
Doch auch hier tut Kirchenberg, außer Dienst nach Vorschrift, nichts. Die Initiative wird von dem neuen Assistenten übernommen, der den Fall aufklären möchte und dafür Ideen entwickelt. Kirchenberg legt dem Neuen keine Steine in den Weg. Aber aktive Ermittlungen sehen anders aus.
Am Ende der Ermittlungen gibt es ein aus meiner Sicht unbefriedigendes Ergebnis. Das liegt nicht nur an dem mangelhaftem Einsatz von Kirchenberg bei der Lösung des Falles. Es ist auch die von Autor Norbert Horst angebotene Lösung. Kirchenberg glaubt, dass vor dreißig Jahren die Mutter eine Beziehung zu einem Knacki hatte. Als der Knacki entlassen wurde, hat er ihren Mann umgebracht. Anschließend haben er/sie die Leiche über halb Deutschland verteilt. Er hat den Namen des Vaters angenommen und gemeinsam haben sie die Tochter großgezogen. Dafür haben sie alle Beziehungen zu ihren vorherigen Leben abgebrochen. Und zwei Hände (den wirklich belastenden Beweis) im Keller des Hauses, in dem sie zur Miete wohnten, versteckt.
Hm.
Allerdings könnte auch sie ihren Mann umgebracht haben. Oder es könnte auch irgendeine andere Lösung geben.
Das soll dann das großartige Ende von 280 Seiten Lektüre sein.
(Der Hinweis, dass in Wirklichkeit die Bösen nicht immer bestraft und dass nicht alle Verbrechen restlos aufgeklärt würden, ist aus mindestens zwei Gründen so richtig wie unerheblich.
Erstens: der Autor ist Herr über die von ihm erfundene Welt. Er kann daher auch über das Ende bestimmen.
Zweitens: selbst wenn der Held scheitert, dann müssen wenigstens seine vorherigen Bemühungen das Ziel [hier die Aufklärung eines alten Mordfalles] zu erreichen, wesentlich energischer gewesen sein. Er muss sein Ziel, wie zum Beispiel Rebus in seinem letzten Fall, fanatisch verfolgen.
Eigentlich muss jeder Charakter in einer Geschichte ein Fanatiker sein, der mit allen für ihn akzeptablen Mitteln sein Ziel verfolgt. In einer Geschichte liebe ich solche fanatischen Charaktere; in der Wirklichkeit nicht.)
Strukturell hört Horst für mich am Ende des zweiten Aktes auf. In diesem Moment kennt der Held seinen Gegner und er will ihn in einer letzten Anstrengung besiegen. Aber diese Konfrontation zwischen dem Helden und seinem Antagonisten (dem Mörder) fehlt in „Sterbezeit“.
Jetzt könnte gesagt werden: es gibt doch diese Konfrontation.
Nun, die sieht so aus: Der Kommissar sagt der Tochter, was nach seiner Meinung damals geschah. Der Knacki sitzt nach mehreren Schlaganfällen bewegungslos im Stuhl und reagiert nicht auf die Beschuldigungen von Kirchenberg. Keine Reaktion. Absolut keine Reaktion. Auch die Tochter reagiert nicht auf die Äußerungen von Kirchenberg, die im wesentlichen eine Menge Mutmaßungen sind: „können uns vielleicht auch nicht alles zusammenreimen“, „Dieser Mann (…) heißt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Rudolf Daniels.“ „Da können wir nur raten.“ „Ich weiß es nicht.“ „Ich glaube, dass dieser Mann dort Ihren Vater getötet hat, um an seiner Stelle weiterzuleben.“
Sie schiebt ihren „Vater“ nachdem sie angehört hat, dass er erstens nicht ihr Vater ist und zweitens der Mörder ihres Vaters ist, in den Wintergarten und beginnt ihm aus einem Buch vorzulesen.
Ende.
Das war die große Konfrontation zwischen dem Polizisten (dem Guten) und dem Mörder (dem Bösen)? Die Konfrontation, in der sich zum letzten Mal zwei widerstreitende Prinzipien gegenüberstehen und nur eines gewinnen kann? Die Konfrontation, die uns für die Lektüre des Buches belohnt?
Nein, das ist höchstens ein Ermittlungsansatz. Denn sogar die Identität des Mannes ist noch nicht geklärt.
Veröffentlicht von AxelB 
