Es ist nicht nur das Ende

Dezember 8, 2008

Wow, da werfe ich das Wort Vertrag in die unendlichen Weiten des Internets und es geht los. Bernd hat hier ja einiges zu Verträgen gesagt und so hab ich das auch verstanden: gegenseitige Erwartungen an eine Geschichte. Im Filmbereich hat der Begriff es sogar auf einen Buchtitel gebracht hat: „Der Publikumsvertrag“. Da hat sich, meines Wissens, keiner so über den Begriff „Vertrag“ empört, wie hier.

Doch „Sterbezeit“, der vierte Roman des mit dem Glauser und Deutschen Krimipreis ausgezeichneten Norbert Horst, ist nach meiner Ansicht nicht nur wegen des Endes misslungen. Und es war sicher ein Fehler, sich nur auf das Ende zu konzentrieren. Denn das Ende ist nur der Abschluss einer enttäuschenden Lektüre, bei dem kein Plot überzeugt.

Sterbezeit“ besteht aus diesen Plots:

Hauptplot: der Fall mit den skelettierten Händen im Keller

Subplot 1: der tote Junkie-Sohn in der Villa der Eltern

Subplot 2: die tote alte Frau und ihr trauernder Mann

Privater Plot 1: seine Beziehung zu Ayse

Privater Plot 2: die drogensüchtige Tochter der entfernten Verwandten

Bei jedem Plot stellt sich die Frage, was der Held (und auch die anderen Charaktere) wollen. Bei den Polizeiplots können wir einfach sagen: er will den Fall klären. Dafür wird er bezahlt und das reicht eigentlich schon als Motivation.

(Obwohl viele Ermittler noch eine persönliche Motivation haben. Was wäre Rebus ohne seinen Hass auf die da oben und auf Big Ger Cafferty? Und was wäre der letzte Rebus-Roman ohne diese persönlichen Motive?)

Im privaten Plot 1 will er mit Ayse zusammenbleiben.

Im privaten Plot 2 will er die fünfzehnjährige Tochter seiner Cousine (die er seit Jahren nicht mehr gesehen hat) vor dem Drogenkonsum bewahren.

Jetzt hat Kirchenberg in jedem Plot ein Ziel. Anschließend muss er Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um sein Ziel zu erreichen. Denn die anderen (zum Beispiel der Täter, andere in die Verbrechen involvierte Personen, seine Vorgesetzten, seine Kollegen, seine Freundin) wollen das verhindern. Der Held muss sein Ziel verfolgen und seine Handlungen müssen zu Veränderungen in der Welt und/oder in seiner Persönlichkeit führen. Denn jede Handlung bewirkt irgendetwas. In den drei Krimiplots von „Sterbezeit“ muss es den Kampf zwischen dem Polizisten, der ein Verbrechen aufklären will (also Gerechtigkeit wiederherstellen will) und dem Täter, der genau das verhindern will, geben.

Wie tut Kirchenberg nun, um seine Ziele zu erreichen?

In beiden privaten Plots hat er keinen Gegner.

Die Beziehung zu Ayse ist konfliktfrei. Sie will bei ihm bleiben und deshalb bleibt sie bei ihm.

Im zweiten privaten Plot reicht es nur zu einem Pflichtbesuch, der auch nach Kirchenbergs Meinung in die Hose geht.

Später treffen sie sich auf der Polizeistation und sie sagt, dass sie nie Drogen genommen habe und nicht deale. Er glaubt (!) ihr. Auch hier haben die Taten des Erzählers nichts geändert. Also wieder Zielerreichung durch Abwesenheit eines Konflikts.

Oder: Gähn!

Die beiden Polizei-Subplots, eigentlich eher kurze Episoden, enden ähnlich. Denn die Fälle werden ohne Kirchenberg aufgeklärt. Beim ersten Gespräch mit Kirchenberg gesteht der alte Mann freiwillig und ohne zu zögern, dass er seine Frau umgebracht hat.

Der Junkie starb an einer Überdosis. Beide Fälle werden schnell zu den Akten gelegt.

Nachdem Kirchenberg jetzt in vier Plots das vom Autor gesetzte Ziel erreicht hat, ohne sich anstrengen zu müssen, bleibt das Gesamtgewicht der dramatischen Handlung auf dem Hauptplot.

Doch auch hier tut Kirchenberg, außer Dienst nach Vorschrift, nichts. Die Initiative wird von dem neuen Assistenten übernommen, der den Fall aufklären möchte und dafür Ideen entwickelt. Kirchenberg legt dem Neuen keine Steine in den Weg. Aber aktive Ermittlungen sehen anders aus.

Am Ende der Ermittlungen gibt es ein aus meiner Sicht unbefriedigendes Ergebnis. Das liegt nicht nur an dem mangelhaftem Einsatz von Kirchenberg bei der Lösung des Falles. Es ist auch die von Autor Norbert Horst angebotene Lösung. Kirchenberg glaubt, dass vor dreißig Jahren die Mutter eine Beziehung zu einem Knacki hatte. Als der Knacki entlassen wurde, hat er ihren Mann umgebracht. Anschließend haben er/sie die Leiche über halb Deutschland verteilt. Er hat den Namen des Vaters angenommen und gemeinsam haben sie die Tochter großgezogen. Dafür haben sie alle Beziehungen zu ihren vorherigen Leben abgebrochen. Und zwei Hände (den wirklich belastenden Beweis) im Keller des Hauses, in dem sie zur Miete wohnten, versteckt.

Hm.

Allerdings könnte auch sie ihren Mann umgebracht haben. Oder es könnte auch irgendeine andere Lösung geben.

Das soll dann das großartige Ende von 280 Seiten Lektüre sein.

(Der Hinweis, dass in Wirklichkeit die Bösen nicht immer bestraft und dass nicht alle Verbrechen restlos aufgeklärt würden, ist aus mindestens zwei Gründen so richtig wie unerheblich.

Erstens: der Autor ist Herr über die von ihm erfundene Welt. Er kann daher auch über das Ende bestimmen.

Zweitens: selbst wenn der Held scheitert, dann müssen wenigstens seine vorherigen Bemühungen das Ziel [hier die Aufklärung eines alten Mordfalles] zu erreichen, wesentlich energischer gewesen sein. Er muss sein Ziel, wie zum Beispiel Rebus in seinem letzten Fall, fanatisch verfolgen.

Eigentlich muss jeder Charakter in einer Geschichte ein Fanatiker sein, der mit allen für ihn akzeptablen Mitteln sein Ziel verfolgt. In einer Geschichte liebe ich solche fanatischen Charaktere; in der Wirklichkeit nicht.)

Strukturell hört Horst für mich am Ende des zweiten Aktes auf. In diesem Moment kennt der Held seinen Gegner und er will ihn in einer letzten Anstrengung besiegen. Aber diese Konfrontation zwischen dem Helden und seinem Antagonisten (dem Mörder) fehlt in „Sterbezeit“.

Jetzt könnte gesagt werden: es gibt doch diese Konfrontation.

Nun, die sieht so aus: Der Kommissar sagt der Tochter, was nach seiner Meinung damals geschah. Der Knacki sitzt nach mehreren Schlaganfällen bewegungslos im Stuhl und reagiert nicht auf die Beschuldigungen von Kirchenberg. Keine Reaktion. Absolut keine Reaktion. Auch die Tochter reagiert nicht auf die Äußerungen von Kirchenberg, die im wesentlichen eine Menge Mutmaßungen sind: „können uns vielleicht auch nicht alles zusammenreimen“, „Dieser Mann (…) heißt mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Rudolf Daniels.“ „Da können wir nur raten.“ „Ich weiß es nicht.“ „Ich glaube, dass dieser Mann dort Ihren Vater getötet hat, um an seiner Stelle weiterzuleben.“

Sie schiebt ihren „Vater“ nachdem sie angehört hat, dass er erstens nicht ihr Vater ist und zweitens der Mörder ihres Vaters ist, in den Wintergarten und beginnt ihm aus einem Buch vorzulesen.

Ende.

Das war die große Konfrontation zwischen dem Polizisten (dem Guten) und dem Mörder (dem Bösen)? Die Konfrontation, in der sich zum letzten Mal zwei widerstreitende Prinzipien gegenüberstehen und nur eines gewinnen kann? Die Konfrontation, die uns für die Lektüre des Buches belohnt?

Nein, das ist höchstens ein Ermittlungsansatz. Denn sogar die Identität des Mannes ist noch nicht geklärt.


TV-Tipp für den 8. Dezember: Die großen Kriminalfälle

Dezember 8, 2008

ARD, 21.00

Die großen Mordfälle: Der Ripper von Magdeburg (D 2008, R.: Hans-Dieter Rutsch)

Drehbuch: Hans-Dieter Rutsch

Heute beschäftigt sich die gute Dokureihe mit einem jungen Mann, der 1973 in der DDR als Dreifachmörder zum Tode verurteilt wurde. Später wurde er aus politischen Gründen begnadigt (Die Todesstrafe war schlecht für’s Image.), 1991 dank der Einheit aus dem Gefängnis entlassen, 1995 wegen eines weiteren Mordes wieder verurteilt und vor kurzem wurde Jürgen S. (eigentlich Peter A.) entlassen. Rutsch zeichnet das Leben des „Ripper von Magdeburg“ zwischen DDR und BRD nach.

Wiederholung: Dienstag, 9. Dezember, 03.25 Uhr (Taggenau! – und vielleicht in der ARD-Mediathek)

Hinweise

ARD über die Doku

Volksstimme über die Doku und die Hintergründe


TV-Tipp für den 7. Dezember: Der blaue Engel

Dezember 7, 2008

Arte, 22.55

Der blaue Engel (D 1930, R.: Josef von Sternberg)

Drehbuch: Robert Liebmann, Carl Zuckmayer, Karl Vollmöller

LV: Heinrich Mann: Professor Unrat, 1905

Lehrer Rath verliebt sich in die Nachtclubsängerin Lola Lola. Schnell darauf beginnt sein gesellschaftlicher Abstieg.

Ein UFA-Klassiker aus der Zeit, als Babelsberg das Zentrum des deutschen Films war. „Der blaue Engel“ war ein Kassenschlager und gilt heute als einer der Klassiker des Films. Marlene Dietrich setzte danach ihrer Karriere in Hollywood fort.

„Der von [Produzent Erich] Pommer lancierte Film entstand übrigens sozusagen hinter dem Rücken der UFA-Gewaltigen, für die Heinrich Mann natürlich ein suspekter Autor war. Dieser fand nach einer ersten Voraufführung den Film durchaus akzeptabel. ‚Gerade ein wirklicher Roman ist nicht ohne weiteres verfilmbar. Er hat viele Seiten, und nur eine ist dem Film zugewendet. Er muss richtig gedreht werden. Das ist hier meines Erachtens auch geschehen’, schrieb er 1930 an K. Lemke.“ (Barbara Rogall, Film-Blätter 1974)

Die Musik ist von Friedrich Holländer. „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ wurde ein Gassenhauer; „Nimm dich in acht vor blonden Frauen“, „Ich bin die fesche Lola“ und „Kinder, heut abend, such ich mir was aus“ sind nicht so bekannt.

Und die Vorlage, Heinrich Manns grandiose Satire auf den Wilhelminismus und die spießbürgerliche Doppelmoral, ist ein Klassiker der deutschen Literatur. Die Geschichte ist heute (im Gegensatz zu „Der Untertan“) etwas veraltet, aber dank der Sprache fesselt sie heute immer noch. Hier sind die ersten Zeilen des lesenswerten Romans:

„Da er Raat hieß, nannte die ganze Schule ihn Unrat. Nichts konnte einfacher und natürlicher sein. Der und jener Professor wechselten zuweilen ihr Pseudonym. Ein neuer Schub Schüler gelangte in die Klasse, legte mordgierig eine vom vorigen Jahrgang noch nicht genug gewürdigte Komik an dem Lehrer bloß und nannte sie schonungslos beim Namen. Unrat aber trug den seinigen seit vielen Generationen, der ganzen Stadt war er geläufig, seine Kollegen benutzten ihn außerhalb des Gymnasiums und auch drinnen, sobald er den Rücken drehte.“

Mit Emil Jannings, Marlene Dietrich, Kurt Gerron, Rosa Valetti, Hans Albers

Wiederholungen

Mittwoch, 24. Dezember, 23.50 Uhr

Freitag, 26. Dezember, 03.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Der blaue Engel“

Die Zeit: Volker Schlöndorff über „Der blaue Engel“

Deutsche Marlene-Dietrich-Seite über „Der blaue Engel“

Englische Marlene-Dietrich-Seite über „Der blaue Engel“

Filmstarts über „Der blaue Engel“

Kindlers Neues Literaturlexikon über Heinrich Manns „Professor Unrat“


TV-Tipp für den 6. Dezember: Das Schweigen der Lämmer

Dezember 6, 2008

Pro 7, 22.10

Das Schweigen der Lämmer (USA 1991, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Ted Tally

LV: Thomas Harris: The silence of the lambs, 1988 (Das Schweigen der Lämmer)

FBI-Agentin Starling verfolgt einen Serienkiller und verliebt sich in den inhaftierten Hannibal Lecter.

Inzwischen schon ein Klassiker, der – zu Recht – etliche Oscars erhielt (Bester Film, Regie, Drehbuch, Hauptrolle). Beim wiederholten Sehen fällt auf, wie wenig von den schockierenden Ereignissen wirklich zu sehen ist – und wie konservativ die Kameraführung ist. Achten Sie auf die erste Begegnung von Jodie Foster und Anthony Hopkins. Da ist keine Bewegung überflüssig, kein Schnitt zuviel und es wird sich in jeder Sekunde auf das Drehbuch und die Schauspieler verlassen.

Hitchcock hätte der Film gefallen.

Ted Tally erhielt für sein Drehbuch auch einen Edgar.

Mit Jodie Foster, Anthony Hopkins, Scott Glenn, Ted Levine, Anthony Heald, Diane Baker, Roger Corman, Charles Napier, Chris Isaak (SWAT-Commander), George A. Romero (FBI-Agent in Memphis, ungenannt)

Hinweis

Homepage von Thomas Harris


Neue TV-Krimi-Buch-Tipps online

Dezember 6, 2008

Alfred hat in gewohnter Qualität aus einer Bleiwüste ein ansehnliches Werk gemacht. Es kann hier bewundert werden. Und das gibt es die demnächst im Fernsehen:

Fast hat man den Eindruck, dass die Sender sich vor der großen Weihnachtsoffensive zurückhalten; – die dann bis auf einige bereits im Kino gesehene oder bewusst nicht gesehene Blockbuster auch nur aus Wiederholungen von bereits wiederholten Filmen besteht.
Die sehenswerten Wiederholungen der kommenden beiden Wochen sind die „Heißer Verdacht“-Fälle (mit „Tödliche Verstrickung“ ist auch ein lange nicht mehr gezeigter Fall dabei), Jonathan Demmes Thomas-Harris-Verfilmung „Das Schweigen der Lämmer“, Martin Scorseses Nicholas-Pileggi-Verfilmung „Casino“ (es soll ja zwei Menschen geben, die ihn die vergangenen Wochen verpasst haben), Elisabeth Rappenaus Stuart-M.-Kaminsky-Verfilmung „Frequenz Mord“ (ein Film mit Catherine Deneuve kann nicht ganz schlecht sein), Brad McGanns hochgelobte Maurice-Gee-Verfilmung „Als das Meer verschwand“ (Das ist eine weitere TV-Premiere für den Videorekorder.), und dann gibt es noch einige, bereits in den vergangenen Wochen öfters gezeigte Hitchcock-Filme.


R. i. P. John Michael Hayes

Dezember 5, 2008

R. i. P. John Michael Hayes (11. Mai 1919 – 19. November 2008)

Eben erst habe ich bei Cinema Retro entdeckt, dass Drehbuchautor John Michael Hayes tot ist. Er schrieb die Drehbücher zu den Hitchcock-Klassikern „Das Fenster zum Hof“ (Rear Window, 1953), „Über den Dächern von Nizza“ (To catch a thief, 1954), „Immer Ärger mit Harry“ (The trouble with Harry, 1954) und „Der Mann, der zuviel wusste“ (The man who knew to much, 1955). Danach schrieb er unter anderem die Drehbücher zu „Glut und Asche“ (Peyton Place, 1957), „Telefon Butterfield 8“ (Butterfield 8, 1960), „Infam“ (The children’s hour, 1961) und „Nevada Smith“ (1966). Mehrere seiner Bücher wurden für wichtige Filmpreise nominiert. Für „Das Fenster zum Hof“ erhielt er einen Edgar. 2004 erhielt er von der Writers Guild of America den Laurel Award for Screen Writing Achievement.

Nachrufe gibt es in der L. A. Times, New York Times, The Independent, und in der Süddeutschen Zeitung gab es immerhin eine Kurzmeldung.


True-Crime-Spurensuche online

Dezember 5, 2008

Nach langer Zeit gibt es endlich wieder eine neue Spurensuche bei den Alligatorpapieren und dieses Mal beschäftige ich mich nur mit Sachbüchern. Es sind Gay Taleses wundervolle Chronik „Ehre deinen Vater“ (Honor Thy Father, 1971) über die Mafiafamilie Bonanno, Sabine Rückerts „Unrecht im Namen des Volkes – Ein Justizirrtum und seine Folgen“ (2007/2008), Pieke Biermanns Reportagen „Der Asphalt unter Berlin“ (2008), die aktuelle Ausgabe des „Grundrechte-Report 2008 – Zur Lage der Bürger- und Menschenrechte in Deutschland“ (2008) und Frank Litteks „Alle Achtung! – Sich erfolgreich schützen und zur Wehr setzten bei Überfällen, Einbrüchen, Taschendiebstählen etc.“ (2008).


TV-Tipp für den 5. Dezember: Der letzte Scharfschütze

Dezember 5, 2008

ARD, 01.20

Der letzte Scharfschütze (USA 1976, R.: Don Siegel)

Drehbuch: Scott Hale, Miles Hood Swarthout

LV: Glendon Swarthout: The Shootist, 1975 (Der Superschütze)

Revolverheld Books will seine letzten vom Krebs gekennzeichneten Tage in Ruhe verbringen. Aber so einfach ist das nicht.

Einer der besten Spätwestern – und John Waynes letzter Film.

Don Siegel unterzog in ‚The Shootist – Der Scharfschütze’ den Mythos einer distanzierten Würdigung, die noch einmal dem Western zurückgab, was ihm in den letzten Jahren abhanden gekommen war: Ruhe. Und vielleicht exakt diese Botschaft ist es, die endgültig dem Genre ein friedvolles Ende bescheren hätte können: nämlich, die, dass der Western tot, die Grenze erschlossen, die Gesellschaft korrupt ist und dass man sich darüber nicht besonders aufregen muss.“ (Georg Seesslen: Western)

Die Western Writers of America verliehen Swarthouts Buch den Spur-Award als bester Western-Roman des Jahres 1975. Später nahmen sie „The Shootist“ in die Liste der 21 besten Western, Swarthout in die Liste der besten Western-Autoren und die Verfilmung in die Liste der zehn besten Western des zwanzigsten Jahrhunderts auf.

Mit John Wayne, Lauren Bacall, James Stewart, Ron Howard, Richard Boone, John Carradine

Auch “The Shootist – Der Scharfschütze”

Hinweis

Homepage von Glendon Swarthout


Kleinkram: Jason Starr schreibt, Dave Gibbons antwortet, Paul Laverty auch, ein Text über Chester Himes, einer über die „Tannöd“-Verfilmung und die Dezember-„Krimi-Couch“

Dezember 4, 2008

Jason Starr gastbloggte die vergangenen Tage bei The Rap Sheet über die Taschenbuchausgabe von „The Follower“ (deutscher Erscheinungstermin noch unklar), Buch-Trailer (mit zwei schönen Beispielen, vor allem zu seinem Buch), den Beginn der Dreharbeiten zu dem auf seiner Kurzgeschichte „The Bully“ basierendem Film, seine erste Graphic Novel „The Chill“ bei dem DC-Imprint Vertigo Crime (Ian Rankin schreibt dafür auch eine Geschichte) und am Ende bedankt er sich höflich.

I think that some of the best crime-writing being done right now can be found in comics. Writers such as Brian Azzarello, Ed Brubaker, Greg Rucka, and Brian Wood have been doing amazing work for years.

Dave Gibbons, „the Artist behind WATCHMEN“, beantwortet bei Tor einige Fragen. Kinogänger haben den vielversprechenden Watchmen-Trailer (dafür sind Trailer ja da) wahrscheinlich bereits genossen.

In der taz beantwortet Paul Laverty, der Drehbuchautor von „It’s a Free World“ und zalreichen weiteren Ken-Loach-Filmen, einige Fragen.

Michael A. Gonzales schreibt im Noirzine über Chester Himes.

In der Netzeitung gibt es eine dpa-Artikel über die „Tannöd“-Verfilmung.

Und die Dezember-Ausgabe der Krimi-Couch ist online; mit Ian Rankins „Ein Rest von Schuld“, John le Carrés „Marionetten“ und einigen weiteren Kapitalverbrechen. Gut, dass „Der blaue Hammer“ greifbar ist.


TV-Tipp für den 4. Dezember: Outland – Planet der Verdammten

Dezember 4, 2008

Tele 5, 20.15

Outland .- Planet der Verdammten (GB 1981, R.: Peter Hyams)

Drehbuch: Peter Hyams

Buch zum Film: Alan Dean Foster: Outland (Outland, 1981)

Auf einem Jupitermond betreibt ein Konzern eine ertragreiche Mine. Als der dort stationierte Polizist O’Niel herausfindet, dass die Arbeiter unter Drogen gesetzt werden und deshalb vor dem Ablauf ihres Vertrages sterben, stellt er sich gegen den Leiter der Mine. Und der versteht keinen Spaß.

Der Weltraumwestern „Outland“ wurde schnell auf die prägnante Formel „High Noon im Weltraum“ gebracht. Dabei ist die Atmosphäre in der Weltraumstation beklemmender als in einem Western, es gibt etwas Kapitalismuskritik und Sean Connery als Einzelner gegen die Bösen ist immer eine gute Wahl.

Intelligente Unterhaltung und bestimmt einer der besten Thriller des Jahres“ (Sunday Telegraph)

It’s also a movie of unexpected pleasures, including some uncommonly handsome science-fiction sets, a straightforward narrative that recalls “High Noon“ without that film’s holy seriousness, some wonderfully effective chases through the darkest interiors of this huge, hermetically sealed moon camp, plus two staunch, robust performances by Mr. Connery and Miss Sternhagen. “Outland“ is what most people mean when they talk about good escapist entertainment.“ (Vincent Canby, New York Times, 22. Mai 1981)

Der Film wurde für einen Hugo nominiert. „Jäger des verlorenen Schatzes“ erhielt die Trophäe.

mit Sean Connery, Peter Boyle, Frances Sternhagen, James B. Sikking, Steven Berkoff

Wiederholung: Freitag, 5. Dezember, 00.30 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Outland“

And you call yourself a Scientist! über Outland (nicht so begeistert)

Classic Science Fiction über Outland (begeistert)


Die dunkle Seite von Edinburgh

Dezember 3, 2008

guthrie-post-mortem

Wem Allan Guthries “Abschied ohne Küsse” zu düster war, der sollte um “Post Mortem” einen großen Bogen machen. In seinem für den Debüt-Dagger der britischen Autorenvereinigung Crime Writers’ Association nominiertem Werk bewegen sich im winterlichen Edingburgh einige mehr als halbseidene Charaktere auf eine tödliche Konfrontation, die kaum einer von ihnen überleben wird, zu. Es sind ein Gangstertrio, das bei seinen Postfilialen-Überfällen und Geiselnahmen mit beispielloser Brutalität vorgeht. Das Gleichgewicht innerhalb des Trios gerät außer Kontrolle, als Robin Greaves, der Kopf der Bande, von einem schmierigen Privatdetektiv erfährt, dass seine Frau ihn mit seinem Komplizen betrügt. Wie ihm der Detektiv das auf den ersten Seiten von „Post Mortem“ schonend beibringt, ist großes Theater. Die zweite Partei ist der Privatdetektiv und dessen Laufbursche, der einen Überfall des Trios beobachtet, und die mit diesem Wissen ihren Schnitt machen wollen. Als dritte Partei gesellt sich der Ex-Knacki und Geldeintreiber Pearce dazu. Als seine Mutter bei einem Überfall von Greaves erstochen wird, beginnt Pearce sie zu jagen und spätestens jetzt verläuft für keinen der Charaktere mehr etwas nach Plan; – falls er überhaupt jemals einen hatte.

Der Plot von „Post Mortem“ mit den parallel ablaufenden Geschichten ist nicht neu und in der Post-Tarantino-Euphorie der neunziger Jahre wurden solche Geschichten von dummen Gangstern, dem großen Ding, der eigenen Unfähigkeit und dem grandios-blutigem Scheitern von Plänen schon tausendmal, begleitet vom Gelächter des Publikums, erzählt.

Allan Guthries Debüt unterscheidet sich von diesen Werken vor allem durch seinen dreckig-ironiefreien Tonfall, der ihn für eine popkulturelle Verwertung sperrt. Er lässt seine grimmige Geschichte an zwei Tagen spielen. Er jongliert, ohne dabei ins Straucheln zu geraten, mit einem guten Dutzend verschiedener Charaktere und mehreren parallelen Handlungssträngen. Er erzählt die Geschichte lakonisch-knapp auf 280 Seiten in der deutschen Ausgabe; die Erstausgabe hat keine 200 Seiten.

In seinem zweiten Roman „Abschied ohne Küsse“, der wie „Post Mortem“ zuerst in den USA erschien und in seiner Heimatstadt Edinburgh spielt, erzählt Guthrie dann eine bittere Rachegeschichte, in der ein Vater den Tod seiner Tochter rächen will. Dieser verdient seine Brötchen als skrupelloser Schuldeneintreiber für den bereits in „Post Mortem“ auftauchenden Kredithai Cooper. Erzählerisch machte Allan Guthrie mit seinem zweiten Roman einen gewaltigen Schritt in die richtige Richtung. Denn während „Post Mortem“ zu sehr an der vorhersehbaren Geschichte und dem etwas übertriebenem Ende litt, erzählt Guthrie in „Abschied ohne Küsse“ ganz traditionell eine Geschichte mit einer gemeinen Pointe.

Sein auch von bekannten Autoren wie Ian Rankin, Ken Bruen, Jason Starr, Bill Pronzini und George Pelecanos gelobtes Debüt „Post Mortem“ ist dagegen vor allem die überzeugende Talentprobe eines neuen Noir-Autors. 2009 will der Rotbuch Verlag das dritte Buch von Guthrie „Hard Man“ auf Deutsch veröffentlichen.

Allan Guthrie: Post Mortem

(übersetzt von Gerold Hens)

Rotbuch Verlag, 2008

288 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Allan Guthrie: Two-Way Split

PointBlank, 2004

Hinweise

Homepage von Allan Guthrie

Meine Besprechung von Allan Guthries „Abschied ohne Küsse“ (Kiss Her Goodbye, 2005)


TV-Tipp für den 3. Dezember: Lichter der Vorstadt

Dezember 3, 2008

Arte, 22.45

Lichter der Vorstadt (Fin/D/F 2006, R.: Aki Kaurismäki)

Drehbuch: Aki Kaurismäki

Willkommen in Kaurismäki-Land. Dieses Mal erzählt er, als Abschluss seiner Verlierer-Trilogie, die Geschichte des Wachmanns Koistinen, der sich in eine Blondine verliebt. Diese will – wir ahnen es – von ihm nur einen Zugangscode für ein Juweliergeschäft haben.

Nach dem grandiosen „Der Mann ohne Vergangenheit“ ist „Lichter der Vorstadt“ ein enttäuschendes Werk. Denn in „Lichter der Vorstadt“ ist alles zu stilisiert und zu verknappt, um noch ernst genommen zu werden. Aber in Zeiten, in denen anscheinend kein Film unter 120 Minuten mehr im Kino gezeigt wird, ist Kaurismäki das probate Gegenmittel gegen den Exzess. Denn mit 75 Minuten hat „Lichter der Vorstadt“ die gewohnt-kurze Kaurismäki-Länge.

Eine Einsamkeitszeremonie. Das selbstauferlegte Martyrium eines Nachtwächters. Und von Liebe – fast – keine Spur. Eilig verständigte sich die Kaurismäki-Gemeinschaft auf ein Minimalziel, auf die Freude an sublimem Rhythmus und Kadrage, an Tangos und Garagenrock, an pointiert gesetztem Licht und klaren Farben, an unübertroffen sparsamen und wirkungsvollen Dialogen: Immerhin, wo Kaurismäki draufsteht, war auch diesmal wieder Kaurismäki drin.“ (Jan Schulz-Ojala in Eue/Söffker: Aki Kaurismäki)

mit Janne Hyytiäinen, Maria Järvenhelmi, Maria Heiskanen, Ilkka Koivula

Wiederholungen

Montag, 15. Dezember, 01.15 Uhr (Taggenau!)

Mittwoch, 24. Dezember, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

Film-Zeit über „Lichter der Vorstadt“

Meine Besprechung des von Ralph Eue und Linda Söffker herausgegebenen Filmbuchs „Aki Kaurismäki“


Cover der Woche

Dezember 2, 2008

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Kurzmeldungen: Shawn Ryan über „The Shield“, Alexandra Sokoloff über den dritten Akt, Andrea Maria Schenkel gewinnt einen Preis, Krimileser „Bernd“ über Verträge, Die Dezember-Ausgabe von The Big Thrill, Dreimal „Noir of the Week“

Dezember 2, 2008

Im A. V. Club spricht Shawn Ryan über das Ende der von ihm erfundenen Serie „The Shield“:

By the time we started filming the first episode of the final season, we had a pretty good idea where we were gonna go. Then we figured some other things out along the way, as we were filming. So it was a process. It evolved. But I always think it’s better to take your time and go through a lot of ideas—and dismiss a lot of ideas—before figuring out where to land. It’s a good way to care for your audience, too. If you spend hours and hours and days and weeks coming up with the ending, then there’s a chance the fans won’t figure it out on their own.

Er fasst die Entwicklung von sieben Staffeln „The Shield“ so zusammen:

The original central question still holds true, I guess: „What are you willing to accept, in terms of behavior, from the people who protect you?“ That was a very resonant question in 2002, when we were still in the shadow of 9/11. But I think as the series has gone on, the question has turned more inward, relating more to Vic and the other guys on the Strike Team in terms of, „What price do people pay for having bent the rules?“

Außerdem spricht er über „Nash Bridges“, seine Zukunftspläne (wozu auch eine Polizeiserie gehört, die James Ellroy schreibt und eine Privatdetektivserie) und seine Lieblingsserien.

Bei Murderati ist Alexandra Sokoloff bei den Elemten des dritten Aktes einer Geschichte angekommen:

The third act so often falls apart or disappoints, don’t you think? We all seem to be somewhat afraid of it – that is, unless it’s all there in our heads to begin with and we can just – “speed we to our climax”, as Shakespeare said.

But even then, a third act is a lot of pressure. (…)

The essence of a third act is the final showdown between protagonist and antagonist.

Sometimes that’s all there is to it – one final battle between the protagonist and antagonist. In which case some good revelatory twists are probably required.

Andrea Maria Schenkel hat für „Tannöd“ den schwedischen Krimipreis „Martin Beck Preis“ in der Kategorie „Internationaler Kriminalroman“ gewonnen. Der Name „Martin Beck“ – Uuh, muss ich euch das wirklich sagen?

Herzlichen Glückwunsch!

Der dritte Roman „Bunker“ von Andrea Maria Schenkel erscheint Ende Februar 2009. Er ist wieder ziemlich kurz und erzählt aus der Perspektive des Täters und des Opfers die Geschichte einer Geiselnahme.

Bernd hat einiges Lesenswerte zu Verträgen und Genreerwartungen geschrieben. Der Anlaß war meine Besprechung von Norbert Horsts „Sterbezeit“ und die Reaktion von Dieter darauf.

Die Tage werde ich noch ausführlicher schreiben, was mir neben dem Ende an dem Buch nicht gefallen hat. Und das ist einiges.

Die ziemlich dünne Dezember-Ausgabe von The Big Thril, dem Magazin der International Thriller Writers ist online. Es gibt einige Buchvorstellungen und Interviews mit Steve Berry, Stephen Coonts und Nick Stone.

Und es gibt die Möglichkeit für eine Person 150 signierte Thriller zu gewinnen.


Der Noir of the Week ist „Das verlorene Wochenende“ (The lost weekend, USA 1945, Regie: Billy Wilder, Drehbuch: Billy Wilder, Charles Bracket, mit Ray Milland, Jane Wyman). Filmhistoriker Bill Hare feiert den Film ab.

Davor wurden die Cornell-Woolrich-Verfilmungen „Angst in der Nacht“ (Fear in the night, USA 1947, Regie/Drehbuch: Maxwell Shane) und „Im Dunkel der Nacht“ (Nightmare, USA 1956, Regie/Drehbuch: Maxwell Shane) unter die Lupe genommen. Die literarische Vorlage war beide Male die Kurzgeschichte „Nightmare“, die Woolrich als William Irish veröffentlichte. Thomas C. Renzi, der Autor von „Cornell Woolrich from Pulp Noir to Film Noir“, schrieb die Besprechungen.


TV-Tipp für den 2. Dezember: Die fünf Geächteten

Dezember 2, 2008

Tele 5, 21.55

Die fünf Geächteten (USA 1967, R.: John Sturges)

Drehbuch: Edward Anhalt

Was geschah nach der Schießerei am O. K. Corral? Dieser Film erzählt die weitere Geschichte von Wyatt Earp, Doc Holliday und den Clantons.

„Der Film ist (…) weniger in seinen Fakten authentisch (in Wirklichkeit wurde Clanten von einem Deputy-Marshal in Arizona erschossen), als in der Zeichnung von Milieu, Umständen und Charakteren. Er ist überhaupt nicht langweilig für Freunde einer kühlen, nüchternen, intelligenten Beschreibung einer Entwicklung“ (Joe Hembus: Das Western-Lexikon) über diesen Sturges-Film, der immer noch im Schatten von seinem zehn Jahre früher gedrehtem Klassiker „Zwei rechnen ab“ (Gunfight at the O. K. Corral) steht. „Die fünf Geächteten“ ist für Western-Fans ein sehr angenehmer, gut gealterter Zeitvertreib.

Mit James Garner, Jason Robarts, Robert Ryan, Albert Salmi, Monte Markham, Jon Voight, Edward Anhalt (Doktor in Denver, ungenannt)

Wiederholung: Mittwoch, 3. Dezember, 08.50 Uhr

Hinweise

Riding the High Country über „Hour of the Gun“

DVD Verdict über „Hour of the Gun“

TCM über „Hour of the Gun“



Zitat des Tages: David Mamet über überflüssige Szenen

Dezember 1, 2008

Wann ist eine Szene überflüssig? Wenn sie nicht dem Fortschritt der Sache dient, um die es dem Film von Anfang an geht. Was geschieht während einer Abschweifung? Die Konzentration des Publikums gerät auf Abwege. Die Zuschauer sind aus ihrer Anteilnahme herausgerissen, und der Filmemacher hat seinen wichtigsten Partner verloren: die unkritische, weil durch die Sache beanspruchte Teilnahme des Publikums.

David Mamet: Bamibi vs. Godzilla

Alexander Verlag 2008, S. 90


TV-Tipp für den 1. Dezember: King Kong und die weiße Frau

Dezember 1, 2008

MDR, 22.55

King Kong und die weiße Frau (USA 1933, R.: Ernest B. Schoedsack, Merian C. Cooper)

Drehbuch: James Ashmore Creelman, Ruth Rose

Story/Originalentwurf: Edgar Wallace, Merian C. Cooper

Auf einer Südseeinsel entdeckt eine Filmcrew einen riesigen Affen und bringt ihn nach New York.

Auch heute noch beeindruckender Klassiker des Monsterfilms.

Im Anschluss läuft „Graf Zaroff – Genie des Bösen“. Ein weiterer Klassiker, der von Schoedsack und Irving Pichel in den Kulissen von „King Kong und die weiße Frau“ gedreht wurde.

Mit Fay Wray, Robert Armstrong, Bruce Cabot, Frank Reicher, Sam Hardy

Hinweise

Filmsite über „King Kong“

The Stop Button über „King Kong“

Senses of Cinema über „King Kong“