Die BBC-Dokumentation „The Ascent of Money“ des Harvard Professors Niall Ferguson erhielt 2009 den International Emmy Award als beste Dokumentation. Nach dem Ansehen der dreistündigen deutschen Fassung „Der Aufstieg des Geldes“ erschließt sich mir nicht die Preisvergabe nicht.
Das kann daran liegen, dass die deutsche Fassung aus vier 45-minütigen Episoden besteht. Die ursprüngliche Fassung bestand aus sechs jeweils gut 50-minütigen Episoden; also gute fünf Stunden. Eine neuere, anders geschnittene Fassung besteht aus vier einstündigen Episoden. Tja, und dann gibt es noch von BBC Germany und DCTP erstellte deutsche Fassung, die auf den vier einstündigen Episoden basiert und diese um ein Viertel kürzte.
In dieser Version ist die Argumentation des Wirtschaftshistorikers Ferguson, ohne solides wirtschaftswissenschaftliches Wissen, ziemlich unverständlich und eher verwirrend als erhellend. Denn ein roter Faden ist kaum auszumachen. Ferguson springt von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück, quer über den gesamten Globus; weshalb er ständig und ohne erkennbaren Mehrwert vor exotischer Kulisse steht. Denn bis auf ganz wenige Ausnahme wurde auf Interviews verzichtet. Stattdessen erzählt der Historiker Anekdoten aus der Geschichte des Geldes und der Börse. Mehr der Börse. Er erzählt von den Rothschilds und wie sie Geld verdienten. Er erzählt von der US-Immobilienkrise, dem Niedergang Argentiniens durch Staatsanleihen, der ökonomischen Verbindung zwischen China und den USA (die er „Chimerica“ nennt) und dem Sinn von Versicherungen.
Aber es bleiben Anekdoten, die einerseits viel Wissen voraussetzen (Wer weiß schon, was Derivate sind? Was Anleihen sind?), andererseits dürften sie alle, die das ökonomische Wissen haben und sich etwas für Wirtschaftsgeschichte interessieren, altbekannt sein.
So verschenkt die deutsche, extrem spartanisch ausgestattete Fassung von „Der Aufstieg des Geldes“ die Möglichkeit, einem breiten Publikum unterhaltsam ökonomische Zusammenhänge zu erklären.
Der Aufstieg des Geldes (The Ascent of Money, GB 2009)
Regie: Adrian Penninck
Drehbuch: Niall Ferguson
LV (wenn man so will): Niall Ferguson: The Ascent of Money, 2008 (Der Aufstieg des Geldes)
Castle: Johanna Beckett/Todsicheres Glück (USA 2010, R.: Tom Wright [Johanna Beckett], Emile Levisetti [Todsicheres Glück])
Drehbuch: Will Beall, Shalisha Francis (beide „Johanna Beckett“), Alexi Hawley, Shalisha Francis (beide „Todsicheres Glück“)
Erfinder: Andrew W. Marlowe
Heute gibt’s endlich neue Folgen mit dem sympathisch-egozentrisch-kindsköpfigem Bestsellerautor Richard Castle, der zusammen mit seiner zwangsverpflichteten Muse, Detective Kate Beckett, die ihm das nötige Hintergrundwissen für seine Krimis liefern soll, Mordfälle in New York aufklärt.
Kabel 1 zeigt die neuen Folgen „Johanna Beckett“ und „Todsicheres Glück“ und, direkt im Anschluss ab 22.10 Uhr, die alten Folgen „Gefrorenes Blut“ und „Voodoo“ – und dann, um 00.05 Uhr, als Wiederholung wieder „Johanna Beckett“ und „Todsicheres Glück“ (um 01.00 Uhr).
Das wird ein kurzweiliger Abend. Kabel 1 will in den kommenden Wochen die letzten zwölf Folgen der dritten „Castle“-Staffel zeigen. In den USA startet demnächst die vierte Staffel der erfolgreichen Crimi-Comedy.
In Deutschland erscheint der erste Nikki-Heat-Roman „Heat Wave“ von Richard Castle im März 2012 bei Cross Cult. Für den Mai ist „Naked Heat“ angekündigt. Wie Richard Castle in Interviews zugibt, ist Nikki Heat die fiktionalisierte Version von Kate Beckett.
mit Nathan Fillion (Richard Castle), Stana Katic (Kate Beckett), Susan Sullivan (Martha Rodgers), Molly C. Quinn (Alexis Castle), Jon Huertas (Javier Esposito), Seamus Dever (Kevin Ryan), Ruben Santiago-Hudson (Captain Roy Montgomery), Tamala Jones (Lanie Parish)
Ich kann es kurz machen: Aki Kaurismäkis neuer Film „Le Havre“ ist nach den etwas enttäuschenden „Lichter der Vorstadt“ (zu knappe Dialoge, zu viel ‚going through the motions‘) wieder ein richtig guter Kaurismäki-Film, der in vielem an den „Mann ohne Vergangenheit“ erinnert.
Die in Le Havre spielende Geschichte ist einfach (ein Schuhputzer hilft einem schwarzen Flüchtlingskind – und bald hilft das ganze Viertel den beiden). Die Dialoge und die Inszenierung sind gewohnt knapp. Die Ausstattung erinnert an französische Filme aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre und eigentlich fehlt nur noch, dass Jean Gabin um die Ecke schlendert.
Aber Gabin starb bereits 1976. Dafür ist der Francois-Truffaut-Darsteller Jean-Pierre Léaud als Denunziant dabei.
Und wer will, kann sich an den vielen Querverweisen und Zitaten delektieren. Aber man kann „Le Havre“ auch einfach als in einer Gegenwart, die wie die Vergangenheit aussieht, spielendes Märchen sehen. Immerhin hat Aki Kaurismäki dieses Mal, so hat er mir gegenüber in einem Gespräch betont, gleich drei Happy Ends.
Le Havre (Le Havre, Finnland/Frankreich/Deutschland 2011)
Regie: Aki Kaurismäki
Drehbuch: Aki Kaurismäki
mit André Wilms, Kati Outinen, jean-Pierre Darroussin, Blondin Miguel, Elina Salo, Evelyne Didi, Quoc-Dung Nguyen, Roberto Piazza (aka Little Bob; Denn was wäre ein Kaurismäki-Film ohne Musik?), Jean-Pierre Léaud
Länge: 93 Minuten (Ein Epos! Jedenfalls für Kaurismäki.)
Lord of War – Händler des Todes (USA 2005, R.: Andrew Niccol)
Drehbuch: Andrew Niccol
There are over 550 million firearms in worldwide circulation. That’s one firearm for every twelve people on the planet. The only question is: How do we arm the other 11? (Yuri Orlov)
Einer der wenigen ansehbaren Nicolas-Cage-Filme, die der Schauspieler in diesem Jahrzehnt drehte. Dafür sammelte er in den vergangenen Jahren Razzie-Nominierungen.
In der knalligen Satire „Lord of War – Händler des Todes“ spielt er Yuri Orlov, einen Waffenhändler, der ungefähr jeden Potentaten der Nach-Kalter-Kriegs-Welt mit Waffen beliefert. Der Film erzählt in kurzen Episoden die Geschichte seines märchenhaften Aufstiegs von den Hinterhöfen Little Odessas in die Hinterhöfe der Weltpolitik. Denn mit dem illegalen Waffenhandel kann viel Geld verdient werden.
That was intentional, just to be a little subversive and make almost like a ‘how-to’ film – how to be an arms dealer – and I thought that would be a more interesting way into it than a typical story structure. (Andrew Niccol)
Mit Nicholas Cage, Jared Leto, Bridget Moynahan, Ian Holm, Ethan Hawke
Wiederholung: Freitag, 9. September, 00.35 Uhr (Taggenau! – wegen der FSK-16-Freigabe dürfte dann die Kinoversion laufen)
„Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ steht auf dem DVD-Cover und man möchte hinzufügen, dass es nach dem Krieg nicht besser wird. Denn „5 Days of War“ ist ein Spielfilm, der großzügig von Georgien gefördert wurde. Das legt, unabhängig von der historischen Wahrheit über den georgischen Fünftagekrieg im August 2008, eine bestimmte Sichtweise nahe und wenn dann nach achtzehn Minuten der Journalist Thomas Anders (Rupert Friend) und sein Kameramann Sebastian Ganz (Richard Coyle) erleben müssen, wie russische Jets eine friedliche und betont folkloristische georgische Hochzeitsfeier zerbomben, muss über die Verteilung der Sympathien kein weiteres Wort mehr verloren werden. Dagegen ist die historische Wahrheit; – nun, deutlich komplexer.
Die Bemühungen von Anders, die Bilder von dem Massaker auf der Hochzeit an einen amerikanischen TV-Sender zu verkaufen, scheitern. Zusammen mit Tatia (Emanuelle Chriqui), die in den USA studierte und seit dem Anschlag ihre Eltern vermisst, machen die beiden Reporter sich mit ihr auf die Suche nach ihrer Familie. Denn eine solche Human-Touch-Geschichte ist verkäuflich. Während ihrer Suche begegnen sie dann mehrfach den russischen Soldaten, besonders der von Colonel Demidov (Rade Serbedzija) geleiteten Einheit, und dokumentieren auch die Hinrichtung einer älteren Frau an einem Flussufer. Die Soldaten entdecken sie und wollen die Aufnahme haben. Anders und Ganz gelingt, mit der Hilfe einer georgischen Spezialeinheit, die Flucht. Aber noch sind sie nicht in Sicherheit – und gerade gegen Ende hat man den Eindruck, dass es den Russen nicht mehr um die Besetzung des Landes, sondern um die Tötung der Journalisten geht.
1986 betrat der finnische Regisseur Renny Harlin mit seinem Debütfilm „Born American“ die internationale Bühne. Der Kalte-Kriegs-Actionfilm, wie ihn Hollywood zu dieser Zeit, zwischen „Die rote Flut“ und „Invasion U. S. A.“ auch nicht anders produzierte, wurde in Finnland wegen hetzerischer Tendenzen verboten. Seitdem dreht Harlin, mit wechselndem kommerziellem Erfolg, in Hollywood Action-Filmen der Prä-Michael-Bay-Schule.
Auch „5 Days of War“ funktioniert in erster Linie als weitgehend austauschbarer Kriegsfilm mit einer sanften Liebesgeschichte. Denn in welchem Land gerade Soldaten, Söldner, Freischärler oder Rebellen Zivilisten ermorden ist für die Filmgeschichte ziemlich egal. In „5 Days of War“ sind es, wie in „Born American“, die Russen – und der georgische Präsident (Andy Garcia) präsentiert sich als eine Art Über-Ghandi.
Der Konflikt zwischen Russland und Georgien, über den wir im Film fast nichts erfahren, ist nur der Hintergrund für die eigentliche, fast schon nebenbei gezeigte Botschaft, dass in einem Krieg immer zuerst die Zivilbevölkerung leidet und dass heute die Medien (was vor allem für das Fernsehen gilt) nur noch an Entertainment interessiert sind. Gerade die Medienkritik ist so unterschwellig, dass sie zuerst kaum auffällt und einigen, wenn Anders und Ganz ihre Bilder am Filmende veröffentlichen, die Pointe entgehen könnte.
Eher schon fällt die zwiespältige Rolle von Kriegsreportern auf. Sie sind am Ort der Katastrophe, aber anstatt zu helfen, filmen sie. Und sie wollen einfach nur, mit möglichst spektakulären Bildern, dokumentieren, ohne Partei zu ergreifen. Inwiefern diese Position überhaupt machbar ist, wird in „5 Days of War“ nicht thematisiert. Denn in dem Film ist allen Kriegsreportern die Politik, verstanden als Verhandlungen zwischen Staatsoberhäuptern, herzlich egal. Ihnen geht es einfach nur um möglichst spektakuläre Bilder.
Und da ist Renny Harlin ihr bester Verbündeter. Denn die Bilder sind für eine nach Hollywood-Maßstäben kleine Produktion beeindruckend. Harlin drehte vor Ort in Georgien, teils in Gebieten, in denen die Gefechte stattgefunden hatten, und, dank der Unterstützung des Militärs, konnte er auf eine beeindruckende Menge an Hubschraubern, Panzern und Statisten zurückgreifen. Entsprechend groß sind die zahlreichen Kriegsszenen geraten und, wenn nicht die vielen schlechten CGI-Effekte wären, müssten sie sich auch nicht vor einer Big-Budget-Produktion verstecken.
„5 Days of War“ ist als Kriegsfilm mit humanistischer Botschaft, sanfter Medienkritik und Hohegesang auf die tapferen Kriegsreporter durchaus gelungen. Als Polit-Thriller ist er dagegen ein ziemliches antikommunistisches Desaster. Und insgesamt ist „5 Days of War“ einer von Renny Harlins besten Filmen. Aber was heißt das schon, bei einem Mann, der mit „Stirb langsam 2“ (guter zweiter Teil), „Cliffhanger“ (mit seinem Freund Sylvester Stallone), „Deep Blue Sea“, „Die Piratenbraut“, „Tödliche Weihnachten“ (beide mit seiner damaligen Frau Geena Davis) und „Mindhunters“ (ebenfalls mit Val Kilmer) vor allem als mehr oder wenig glückloser Zweitverwerter mit Hang zu lärmiger Action aufgefallen ist und der in den vergangenen Jahren insgesamt fünf Razzie-Nominierungen erhielt.
Die DVD
Das Bonusmaterial ist quantitativ mit knapp 45 Minuten überzeugend, qualitativ aber bis auf das gut fünfzehnminütige Interview mit Renny Harlin vernachlässigbar. Emmanuelle Chriqui und Johnathon Schaech geben eher belangloses von sich; Val Kilmer (ich schätze mal zwei bis drei Drehtage) läuft einmal kurz ins Bild. Es gibt fünfzehn Minuten unkommentierte „Behind the Scenes“ und den deutschen Trailer.
5 Days of War (5 Days of War, USA 2010)
Regie: Renny Harlin
Drehbuch: Mikko Alanne (nach einem Drehbuch von David Battle)
mit Rupert Friend, Emmanuelle Chriqui, Richard Coyle, Andy Garcia, Val Kilmer, Dean Cain, Johnathon Schaech, Heather Graham, Rade Serbedzija, Antje Traue
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DVD
Entertainment One
Bild: 16:9
Ton: Deutsch, Englisch, Französisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch
Bonusmaterial: Cast & Crew Interviews, Behind the Scenes, Trailer
Tatort: Endstation (D 1995, R.: Hagen Mueller-Stahl)
Drehbuch: Günter Lamprecht, Matti Geschonneck
Kommissar Markowitz will sich, auf Bitten eines Anwalts, mit Harald Schäfer unterhalten. Schäfer ist arbeitslos und seine Frau will sich von ihm trennen und das gemeinsame Kind mitnehmen. Als Markowitz mit ihm reden will, dreht er durch und nimmt Markowitz als Geisel.
Das führt dazu, das Markowitz fast während des gesamten Films an eine Heizung gefesselt ist und die Geschichte in einem Zimmer spielt. Trotzdem ist der letzte Markowitz-“Tatort“ ein feiner „Tatort“.
Matti Geschonneck, der die vorherigen Markowitz-“Tatorte“ inszenierte, schrieb dieses Mal nur das Drehbuch.
Tja, damals waren die Berlin-“Tatorte“ wirklich sehenswert und heute sind die acht zwischen 1991 und 1995 entstandenen, selten gezeigten Markowitz-“Tatorte“ eine Chronik Berlin in den Nachwendejahren.
„Endstation“ lief zuletzt vor acht Jahren im TV. Da lohnt sich das Aufnehmen.
mit Günter Lamprecht, Hans Nitschke,Folkert Milster, Hartmut Schreier, Horst Bollmann
Das Buch inspirierte die Krimiserie „Homicide“. Simon war danach auch für „The Wire“ und „Treme“ verantwortlich.
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Zum Abschluss noch einige TV-Serien-Tipps:
Wochentäglich zeigt Arte um 17.00 Uhr die kultige englische Krimiserie „Simon Templar“ (mit Roger Moore) und JEDERZEIT ONLINE. Wer also die gestrige Auftaktfolge verpasst, hat nichts verpasst, weil er ja in die Mediathek gehen kann.
Montags zeigt ZDFneo um 22.35 Uhr die englische Krimiserie „Luther„. Die BBC hat gerade die dritte Staffel bestellt. Da sieht’s allerdings mit dem Nachsehen der ersten Folge dumm aus.
Polizist Coleman jagt den Nachtclubbesitzer Simon, mit dem er befreundet ist und der Überfälle begeht. Zwischen den beiden Männern steht Simons Freund Cathy.
Nach „Der eiskalte Engel“ und „Vier im roten Kreis“ war „Der Chef“ die dritte Zusammenarbeit von Alain Delon und Jean-Pierre Melville und zum ersten Mal spielte Delon einen Polizisten. Aber weil es Melville in „Der Chef“ auch um die Austauschbarkeit von Gangstern und Polizisten ging, unterschied Delons Rolle sich kaum von seinen vorherigen Rollen als Gangster. Denn Melville räumt Coleman und Simon etwa gleich viel Leinwandzeit ein.
„Melvilles letzter Film (…) ist ein würdiger Abschluss im Werk eines seines Metiers und seiner Liebe zum Kino sicheren Ultra-Professionellen, der die düstersten und unheimlichsten, aber auch ästhetisch vollkommendsten und menschlichsten Filme schuf, die in Frankreich je gedreht worden sind.“ (Hans Gerhold: Un Flic in „Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film 27, 1982)
„‘Un Flic’ ist vermutlich der kälteste Film Melvilles, und Alain Delon gelingt als Chef-Fahnder Edouard Coleman der Pariser Kriminalpolizei eine brillante Charakterstudie über die Einsamkeit und Isolation des professionellen Menschenjägers.“ (Wolfgang Schweiger: Der Polizeifilm, 1989)
Mit Alain Delon, Catherine Deneuve, Richard Crenna, Riccardo Cucciolla, Michel Conrad
Nach elf Jahren legt Dennis Lehane wieder einen Krimi mit den Privatdetektiven Patrick Kenzie und Anie Gennaro vor. Aber in den vergangenen Jahren änderte sich einiges. Die beiden haben geheiratet und eine vierjährige Tochter. Angie studiert und steht kurz vor ihrer Soziologie-Abschlussprüfung. Patrick bemüht sich um eine Festanstellung in einer großen Detektei, deren Kundschaft aus sehr reichen Kunden besteht. Patricks Gerechtigkeitssinn und sein renitentes Verhalten sind da natürlich ein großes Problem. Und Patrick fragt sich inzwischen immer öfter, ob ihm der Job immer noch gefällt.
Da bittet ihn Beatrice McCready ihre inzwischen sechzehnjährige Nichte Amanda zu suchen. Patrick und Angie hatten, wie wir aus dem auch grandios verfilmten „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ wissen, Amanda bereits vor zwölf Jahren gesucht, gefunden und zurück zu ihrer Mutter gebracht.
Schon damals fragte Patrick sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, indem er Amanda aus einer funktionierenden, Amanda liebenden Familie herausriss und zurück zu ihrer Mutter, einer Alkoholikerin, brachten. Jetzt wird er mit den Konsequenzen seiner Entscheidung konfrontiert. Und er begegnet der fast erwachsenen Amanda, die in verschiedene Verbrechen verwickelt ist und von der Russenmafia gesucht wird.
Und genau diese Frage, ob Patrick sich damals richtig entschied, hat wahrscheinlich auch Dennis Lehane angetrieben, nach über zehn Jahren, in denen er mit Einzelwerken, wie „Mystic River“, „Shutter Island“ und „Im Aufruhr jener Tage“, sehr erfolgreich verschiedene Genrevarianten ausprobierte, wieder eine Geschichte mit den beiden, bei Krimifans beliebten Privatdetektiven zu schreiben, die eine interessante Weiterentwicklung von Robert B. Parkers Privatdetektiv Spenser sind. „Moonlight Mile“ liest sich dann, vor allem auf den ersten Seiten, mit Patrick als Spenser, Bubba als Hawk und Angie als Susan Silverman als Spenser-Pastiche. Dazu tragen auch die vielen Gespräche über Patricks Arbeitsethos, über seine damalige Entscheidung, ob er sie jetzt, mit einem eigenen Kind, wieder so treffen würde, über das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, bei. Auch der wenig überraschende Plot, in dem die einzelnen Charaktere sich endlos Geschichten erzählen, erinnert an Parkers Spenser-Romane. Aber während Spenser sich mit Susan über sein Machotum unterhält, unterhalten Patrick und Angie sich bevorzugt über die Erziehung ihrer Tochter.
Das liest sich dann oft wie ein Erziehungsratgeber, angereichert mit etwas elterlichem Stolz auf die eigenen Kinder, dem ein Krimiplot beigegeben wurde, der den Helden eher auf die Zuschauerbank verbannt. Auch am Ende.
Die wichtigsten Erkenntnisse am Ende von „Moonlight Mile“ dürften sein, dass Patrick Kenzie und Anie Gennaro älter, ruhiger und vernünftiger geworden sind und dass die Abstiegsängste des Mittelstandes jetzt auch im Privatdetektivroman angekommen sind.
Um nicht falsch verstanden zu werden: „Moonlight Mile“ ist ein flott zu lesender, schnörkellos geschriebener Krimi und eine willkommenes Wiedersehen mit Patrick Kenzie und Angie Gennaro. Ich hätte mir (immerhin habe ich keine Kinder) nur eine bessere Geschichte dafür gewünscht.
Dennis Lehane: Moonlight Mile
(übersetzt von Andrea Fischer)
Ullstein, 2011
384 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
Moonlight Mile
William Morrow and Company, 2010
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Die Fälle von Patrick Kenzie und Angela Gennaro
Streng vertraulich (A Drink before the War, 1994)
Absender unbekannt (Darkness, take my Hand, 1996)
In tiefer Trauer (Sacred, 1997)
Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel (Gone, Baby, Gone, 1998)
Die Millionen eines Gehetzten (F/I 1962, R.: Jean-Pierre Melville)
Drehbuch: Jean-Pierre Melville
LV: Georges Simenon: L’aîné des Ferchaux, 1945 (Der ältere Bruder)
Der labile Boxer Michel Maudet wird der Sekretär des siebzigjährigen Multimillionärs Dieudonné Ferchaux, der sich wegen einer alten Affäre nach New York absetzen will. Als sie dort ankommen, erfahren sie, dass die Affäre aufgeflogen und Ferchaux nach Frankreich ausgeliefert werden soll. Gemeinsam flüchten sie nach Louisiana – und dort verändert sich die Beziehung zwischen den beiden Männern.
Selten gezeigter und daher fast unbekannter Melville-Klassiker.
„‚L’aîné des Ferchaux‘ ist Melvilles Haltepunkt, eine behutsame Kontemplation über sein Handwerk und eine sentimental journey durch die USA in dem Sinne, dass er keinen Reisebericht von Sehenswürdigkeiten und journalistischen Verallgemeinerungen über eine Nation dreht, sondern die Reise seiner Protagonisten zu einer filmisch höchst persönlichen Version und Vision Amerikas gestaltet. (…)
Die Reise ohne Ziel erlaubt weitgehende Freiheit von vorgegebenen Erzählstrukturen, Digressionen von der Handlungslinie.“ (Hans Gerhold in Jean-Pierre Melville, Hanser Reihe Film Band 27, 1981)
mit Jean-Paul Belmondo, Charles Vanel, Michèle Mercier, Stefania Sandrelli, Malvina Silberberg, Todd Martin
21 Gramm (USA 2003, R.: Alejandro González Iñárritu)
Drehbuch: Guillermo Arriaga
Ein Autounfall verbindet drei verschiedene Geschichten.
Wie bereits in ihrem Debüt „Amores Perros – Was ist Liebe?“ verbinden Iñárritu und Arriaga mehrere kleine Geschichten miteinander und erzählen sie nicht chronologisch. Weil man die meiste Zeit mit dem Zusammensetzen der mit hektischer Handkamera gefilmten Geschichten beschäftigt ist, fällt nicht auf, dass sie doch sehr banal sind.
„Und doch bleibt am Ende nur der Eindruck einer virtuosen Stilübung, weil die kolportagehafte Story zu dünn ist für ihre inszenatorische Aufquirlung.“ (Rainer Gansera, SZ, 6. September 2003)
Mit Sean Penn, Naomi Watts, Danny Huston, Benicio Del Toro, Charlotte Gainsbourg
Gesetz der Straße – Brooklyn’s Finest (USA 2009, Regie: Antoine Fuqua)
Drehbuch: Michael C. Martin
Hochkarätig besetzter Ensemblefilm über drei Polizisten, die versuchen in Brooklyn ihren Weg zu gehen: der eine wartet nur noch auf seine Pensionierung, der andere will einen Undercover-Einsatz beenden und muss dafür einen Freund verraten, der dritte will Geld für seine Familie besorgen und geht dafür über Leichen.
Die Geschichten mögen etwas zu sehr die bekannten Cop-Film-Klischees bedienen, aber insgesamt ist „Brooklyn’s Finest“ ein sehenswerter, vor Ort gedrehter Cop-Film und damit auch eine Bestandsaufnahme der Gesellschaft.
mit Richard Gere, Don Cheadle, Ethan Hawke, Wesley Snipes, Vincent D’Onofrio, Will Patton, Lili Taylor, Ellen Barkin, Brían F. O’Byrne, Michael K. Williams, Lili Taylor
Allzuviel Story gibt es in dem neuen „Deadpool“-Comic von Krimiautor Victor Gischler nicht. Eigentlich sammelt Deadpool, der Söldner mit der großen Klappe, nur die Deadpool-Inkarnationen Lady Deadpool, Kid Deadpool (der im Xavier-Institut für Problemkinder ein echtes Problemkind ist), Headpool (den wir noch aus Deadpools Rettungsaktion im Wilden Land kennen [siehe „Kopfsprung“ und „Nächster Halt: Zombieville“] und den es in unserer Dimension, auf eine einsame Insel, auf der ein verrückter Wissenschaftler und seine wunderschöne Tochter leben, verschlagen hat) und Dogpool („Laut Akte kein guter Hund. Bellt gern die ganze Nacht und zerkaut Schuhe.“) in verschiedenenDimensionen ein, um gemeinsam mit ihnen das Multiverse zu retten.
Aber wenn Victor Gischler das erzählt, dann ist das ein höchst vergnüglicher Ritt durch andere Comic-Welten (General America, früher bekannt als Captain America, und die X-Men kriegen ihr Fett weg), bekannten Story-Versatzstücken, wie der herzzerreißenden Geschichte von Dogpool, der für wissenschafliche Experimente und als Zirkusattraktion missbraucht wird, und die uns bekannte Welt. Vor allem wenn der großmäulige Deadpool mal wieder das Geschehen sarkastisch kommentiert und dabei nicht mit popkulturellen Anspielungen spart, gibt es etliche gemeine Witze und Einzeiler. So nennt er General America als „Patriotenmarketingang“ und schickt ihn mit einem „Schlaf gut, Schildbürger“ ins Reich der Träume. „Deadpool Corps“ ist, wie auch die anderen „Deadpool“-Geschichten von Victor Gischler, eine sehr witzige Angelegenheit.
Und dabei ist „Deadpool Corps“ nur das Vorspiel für die kommenden Abenteuer dieser bunten Chaostruppe. Aber was für eines.
Victor Gischler (Autor)/Rob Liefeld/Whilce Portacio/Philip Bond/Paco Medina/Kyle Baker (Zeichner): Deadpool Corps (Deadpool Sonderband 2)
Tatort: Wer zweimal stirbt (D 1991, R.: Ilse Hofmann)
Drehbuch: Thomas Wesskamp, Stefan Cantz
In ihrem zweiten Einsatz müssen die Kommissare Batic und Leitmayr sich mit einem Unternehmer herumschlagen, den sie für den Boss eines Drogenrings halten. Nachdem ihr Kronzeuge erschossen wird, nimmt der Zwillingsbruder des Ermordeten (Heiner Lauterbach in einer Doppelrolle) dessen Platz ein.
Nostalgia rules!
mit Miroslav Nemec, Udo Wachtveitl, Heiner Lauterbach, Cathrin Vaessen, Holger Mahlich, Saskia Vester, Diego Wallraff
Nick (Jason Bateman), Dale (Charlie Day) und Kurt (Jason Sudeikis) sind drei Freunde – und sie haben, vor allem nachdem der supernette Chef von Kurt bei einem Autounfall stirbt (Donald Sutherland in einem viel zu kurzem Auftritt), alle furchtbare Chefs. Kurts neuer Chef (Colin Farrell) ist ein debiler Volltrottel, der den Betrieb nur möglichst schnell herunterwirtschaften will (Warum er ihn nicht gewinnbringend verkauft oder einen Geschäftsführer einstellt, weiß nur die Drehbuchgöttin.). Dr. Julia Harris (Jennifer Aniston) ist eine notgeile Zahnärztin, die nur ihren Assistenten Dale vor dessen Hochzeit flachlegen will (Warum -, ach fragen Sie die Drehbuchgöttin.). Und Nick hat einen macht- und kontrollbesessenen Chef, der es genießt, seine Untergebenen, vor allem natürlich Nick, der für den Aufstieg ins Management alles gibt, zu quälen. Kevin Spacey läuft hier mal wieder zu großer Form auf.
Sowieso scheinen alle Schauspieler, wie schon bei den grottigen Elmore-Leonard-‚Verfilmungen‘ „Be Cool“ und „The Big Bounce“, bei den Dreharbeiten ihren Spaß gehabt zu haben.
Aber es hilft nichts. Denn die drei Freunde, die in einer Bierlaune zu der Einsicht kommen, dass ihr Leben ohne ihre Chefs besser sei und sie der Menschheit einen Gefallen täten, wenn sie sie umbrächten, sind dann doch einfach zu blöde. Und es macht einfach nur begrenzt Spaß, einem Trio von Volldeppen zuzusehen.
Dass dann ihre Mordpläne einerseits voll in die Hose gehen (und damit auch ungefähr große Teile des Humors in „Kill the Boss“ treffen), andererseits am Ende ihre Wünsche doch in Erfüllung gehen, überrascht wirklich nur Menschen, die noch nie eine Komödie gesehen haben. Dagegen überrascht schon eher, wie harmlos die Komödie ist. Denn natürlich hätten die Filmemacher eine richtig gemeine Schwarze Komödie oder eine wüste Satire auf den derzeitigen Kapitalismus machen können.
Aber die Macher beschränken sich auf’s blödeln. In den USA gab’s dann auch prompt ein R-Rating; was dazu führt, dass in den USA unter 17-jährige den Film nur in Begleitung eines Erwachsenen sehen dürfen. Sie können dann sehen, wie Jennifer Aniston, nackt bis auf ihren Arztkittel, der ihren Busen immer züchtig bedeckt, ihren Angestellten bedrängt. Sie können dann hören, wie öfters das schlimme F-Wort ausgesprochen wird. Besonders wenn die drei Möchtegern-Mörder sich von ihrem Killer aus dem Ghetto (Jamie Foxx) beraten lassen. Der möchte nämlich gerne mit seinem Vornamen „Motherfucker“ angesprochen werden.
Wenn Sie das witzig finden, werden Sie „Kill the Boss“ wahrscheinlich für die Komödie des Jahres halten.
Und, vielleicht weil Regisseur Seth Gordon und die Autoren Michael Markowitz, John Francis Daley und Jonathan Goldstein vom Fernsehen kommen, wirkt nicht nur die gesamte Ästhetik wie eine TV-Komödie. Es gibt lange, nachts spielende Szenen, in denen unsere drei Helden im Auto sitzen und reden und reden und reden. Das kann kostengünstig in einer Garage oder auf dem Studio-Hinterhof gedreht werden. Aber Kino lebt von Bildern und nicht von Dialogen. Auch die Story taugt höchstens für eine TV-Folge.
„Kill the Boss“ ist, obwohl ich während des Films öfters lachte, ein Zeugnis der vertanenen Möglichkeiten. Nicks Chef hätte wahrscheinlich noch nicht einmal „er hat sich bemüht“ ins Zeugnis geschrieben.
Kill the Boss (Horrible Bosses, USA 2011)
Regie: Seth Gordon
Drehbuch: Michael Markowitz, John Francis Daley, Jonathan Goldstein
mit Jason Bateman, Charlie Day, Jason Sudeikis, Jennifer Aniston, Colin Farrell, Kevin Spacey, Donald Sutherland, Jamie Foxx
Länge: 98 Minuten
FSK: ? (aber ich habe „ab 16 Jahre“ und „ohne Altersbeschränkung“ gefunden)
Neben der positiven Darstellung von Kokain, der Verharmlosung von kriminellen Verhaltensweisen und einer rassistischen Andeutung ist vor allem die im Film verwendete Sprache der Grund für eine Altersbeschränkung. Dales sexbesessene Chefin lässt kein anzügliches Wort aus, und auch die anderen finden eine Vielzahl von Umschreibungen für den Genitalbereich oder fluchen aufs heftigste. Dies alles mag zur starken Überzeichnung der Handlung der Komödie ein sinnvolles Stilmittel sein, aus Sicht des Jugendschutzes empfiehlt die Kommission aber eine Freigabe ab 14 Jahren.
Auf thematischer und bildlicher Ebene enthält die überdrehte Komödie keine Elemente, die Jugendliche ab 16 Jahren emotional beeinträchtigen könnte. Die Mordpläne sind eindeutig als humoristische, nicht auf die Realität zu übertragende Grundidee gekennzeichnet. Eine moralische Desorientierung kann hier ausgeschlossen werden. Auch die stark sexualisierte, stellenweise diffamierende und frauenfeindliche Sprache ist in diesem Kontext für ab 16-Jährige als persiflierendes Stilmittel erkennbar. Für Jugendliche hat dieser Sprachgebrauch keine Vorbildfunktion, da sie sich zu den agierenden Protagonisten distanzierend verhalten können.
Früher geht’s nicht, aber wenn der Donnerstag auch der Monatserste ist, dann erscheint die KrimiZeit-Bestenliste auch am ersten Tag des Monats. Hier also die KrimiZeit-Bestenliste für den September:
1 (3) Didier Daeninckx: Tod auf Bewährung
2 (9) Walter Mosley: Manhattan Karma
3 (1) Mechtild Borrmann: Wer das Schweigen bricht
4 (6) Olen Steinhauer: Last Exit
5 (-) Dominique Manotti: Einschlägig bekannt
6 (-) Norbert Horst: Splitter im Auge
7 (2) Jan Costin Wagner: Das Licht in einem dunklen Haus
8 (-) Petros Markaris: Faule Kredite
9 (-) Massimo Carlotto: Banditenliebe
10 (-) C.J. Box: Blutschnee
–
In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.
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Die Hälfte neue Bücher und, wenig überraschend, Norbert Horst ist auch dabei. Ich hab „Splitter im Auge“ nach fünfzig Seite genervt weggelegt und hätte ich die ersten Seiten nicht in der U-Bahn gelesen, hätte ich das Buch noch früher weggelegt.
Zeichentrickfilmklassiker über einen sex- und drogensüchtigen Kater im New York der sechziger Jahre.
Das ist nichts für kleine Kinder. In den USA war „Fritz the Cat“ der erste Trickfilm, der ein X-Rating erhielt. Der Film war trotzdem ein Kassenerfolg.