TV-Tipp für den 25. Juni: Erbarmungslos

Juni 25, 2011

RBB, 23.55

Erbarmungslos (USA 1992, R.: Clint Eastwood)

Drehbuch: David Webb Peoples

Wyoming, 1880: Als der ehemalige Revolverheld William Munny erfährt, dass die Huren von Big Whiskey ein Kopfgeld von 1000 Dollar auf zwei Cowboys aussetzten, die eine von ihnen verstümmelte, schnallt er wieder seinen Colt um. Denn er braucht das Geld für sich und seine beiden Kinder; – auch wenn er es mit zwei Gefährten teilen muss.

„‘Erbarmungslos’ ist offensichtlich ein feinfühlig gemachter und ausbalancierter Film, und, wenn man seine Einsichten in die menschliche Natur bedenkt, so düster, wie ein Genrefilm überhaupt nur sein kann. Aber er präsentiert sich nicht finster, was er teilweise seinen Autoren verdankt. (…) Abgesehen von ‘revisionistisch’ , war das von den Kritikern am häufigsten verwendete Wort ‘Meisterstück’.“ (Richard Schickel: Clint Eastwood – Eine Biographie)

„ein vorzüglicher Spätwestern, der wie seit Peckinpahs ‘The Wild Bunch’ nicht mehr verstört.“ (Fischer Film Almanach 1993)

„Erbarmungslos“ erhielt vier Oscars, unter anderem als bester Film. Clint Eastwood erhielt für seine Regie und sein Spiel zahlreiche Preise und Nominierungen.

Das Drehbuch war für den Edgar, Oscar, Golden Globe und WGA Award nominiert und erhielt von den Western Writers of America den Spur Award als bestes Western-Drehbuch.

Außerdem erhielt „Erbarmungslos“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards.

Bei Rotten Tomatoes liegt der Frischegrad für diesen Western bei 96 Prozent.

Auf einer 2008 veröffentlichten Liste der zehn besten Western setzte das American Film Institute „Erbarmunglos“ auf den vierten Platz.

mit Clint Eastwood, Gene Hackman, Morgan Freeman, Richard Harris, Jaimz Woolvett, Saul Rubinek, Francis Fisher, Jeremy Ratchford

Hinweise

Wikipedia über „Erbarmungslos“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Unforgiven“ von David Webb Peoples (Production Draft Sript, 23. April 1984)

epd Film: Rudolf Worschech über Clint Eastwood (2010)

Meine Besprechung von Pierre-Henri Verlhacs (Herausgeber) „Clint Eastwood – Bilder eines Lebens“ (2008)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


DVD-Kritik: David Lynch auf der „Lost Highway“

Juni 24, 2011

 

Im Rückblick war „Lost Highway“ der letzte große Film von David Lynch. Danach drehte er das für ihn absolut untypische Drama „The Straight Story“ (ein schöner Film, aber wirklich nicht das, was wir bei David Lynch erwarten), das als TV-Serie geplante, dann als Kinofilm realisierte „Mulholland Drive“ (was man beim Sehen auch bemerkte; außerdem kopierte Lynch schamlos die Struktur von „Lost Highway“), viele Kurzfilme, das als Spielfilm unansehbare „Inland Empire“ (als Kurzfilm-Compilation oder Kunstinstallation vielleicht okay, aber drei Stunden im Kino?) und, auch hier in Berlin, seltsame Auftritte.

Aber ist „Lost Highway“ vierzehn Jahre nach seiner Deutschlandpremiere, die am 10. April 1997 war, heute noch so faszinierend wie damals?

Machen wir den Test mit der neuen DVD-Ausgabe des Films, für die der Film auch geremastered wurde. Bild und Ton sind deutlich besser. Man sieht mehr Details, das Bild ist heller und die Farben sind auch natürlicher. Während man bei der alten DVD bei den Nachtaufnahmen fast nichts erkannte, sieht man bei der neuen DVD die Details sehr deutlich.

Das Bonusmaterial der neuen Ausgabe ist zwar etwas umfangreicher als bei der alten Veröffentlichung von Universum Film, aber immer noch kärglich. Damals gab es vier Interviewschnipsel mit Lynch und den Hauptdarstellern. Heute gibt es mehrere Ausschnitte aus dem Interview mit Lynch, die sich auf knappe fünf Minuten summieren. Dafür fehlen die anderen Interviews. Es gibt zehn Minuten Aufnahmen von den Dreharbeiten. Und den Trailer. Das war’s. Mehr wird nicht geboten.

Und jetzt zum Film, dessen Geschichte nicht wirklich nacherzählbar ist.

Nachdem David Lynch 1990 Barry Giffords Noir „Wild at heart“ verfilmte, schrieben sie für „Lost Highway“ gemeinsam das Drehbuch. In ihm geht es um einen eifersüchtigen Jazz-Musiker Fred Madison (Bill Pullman). Er und seine Frau Renee (Patricia Arquette) erhalten seltsame Briefe mit Videocassetten, auf denen Bilder von ihrem Haus aufgenommen wurden. Dieser unbekannte Beobachter bricht auch bei ihnen ein, filmt sie und schickt ihnen anschließend die Aufnahme. Die beiden Polizisten finden keine Spuren eines Einbruchs.

Nach dem Tod seiner Frau wird Madison zum Tode verurteilt. Immerhin existiert eine Videoaufnahme auf der man sieht, wie er sie im Schlafzimmer tötet. In der Todeszelle verwandelt er sich in einen anderen Mann. Aus Fred Madison wird Pete Dayton (Balthazar Getty). Die Polizei lässt Pete Dayton frei. Der junge Automechaniker kommt mit seinem Leben nach dieser seltsamen Erfahrung (denn auch für ihn ist unerklärlich, wie er in die Todeszelle kam) nicht mehr klar. Er verliebt sich in Alice Wakefield (Patricia Arquette), die Geliebte des Gangsters und Pornofilmproduzenten Mr. Eddy aka Dick Laurent (Robert Loggia). Aber in den ersten Minuten des Films sagte eine unbekannte Stimme Madison an der Sprechanlage seines Hauses, dass Dick Laurent tot sei. Und es gibt noch viel mehr Fragen, die sich im Lauf des Films stellen, ohne dass David Lynch und Barry Gifford sie im Film auch nur halbwegs beantworten. Denn egal welche Erklärung man sich zurechtbastelt, keine funktioniert wirklich. Wobei die Erklärung, dass Madison sich im Gefängnis in eine Fantasiewelt als junger Automechaniker flüchtet, trotz aller Fragen, noch die befriedigendste ist.

Aber Lynch und Gifford sind auch überhaupt nicht an einer stringenten, logischen Geschichte, in der am Ende alle wichtigen Fragen beantwortet sind, interessiert. In „Lost Highway“ folgen sie der Logik des Alptraums, aber ohne den absurden Humor von „Twin Peaks“ (der von David Lynch vorher inszenierten und produzierten TV-Serie). Auch ein geheimnisvoller Mann (Robert Blake in seiner bislang letzten Rolle), der dem Zwerg aus „Twin Peaks“ verdächtig gleicht, ist dabei und er bringt etwas von der irrealen „Twin Peaks“-Atmosphäre in den Film, in dem es nichts zu lachen gibt.

Denn „Lost Highway“ ist ernst, düster, fatalistisch und die Charaktere (vor allem der Protagonist Fred Madison) sind in ihren eigenen seelischen Gefängnissen gefangen. Entsprechend zäh, auch weil in etlichen Szenen nichts geschieht, ist „Lost Highway“ immer wieder. Gleichzeitig gibt es viele beeindruckende Szenen. Die erste Begegnung von Alice Wakefield, die in Mr. Eddys Auto sitzt, und Pete Dayton ansieht, während Lou Reeds „This magic moment“ erklingt. Wer da nicht an die Schwarze Serie denkt, muss noch einige Stunden in seine Filmbildung investieren. Oder Mr. Eddys Ausraster am Mulholland Drive oder die Begegnungen von Madison und dem geheimnisvollem Mann. Oder wenn Dayton während eines Einbruchs (der mit einem Mord enden soll) entdeckt, dass seine Freundin Alice Wakefield in einem Porno mitspielte und dazu die Teutonen-Rocker Rammstein „Heirate mich“ skandieren.

Sowieso ist der Soundtrack fantastisch. Denn David Lynch beauftragte damit, neben seinem Hauskomponisten Angelo Badalamenti, „Nine Inch Nails“-Mastermind Trent Reznor, der damals mit „The downward spiral“ und seinem Soundtrack für Oliver Stones „Natural Born Killers“ everybody’s darling war. Auch für „Lost Highway“ stellte er eine gelungene Mischung aus bekannten Songs von ihm und anderen Musikern (allein schon die geniale Idee, den Film mit David Bowies „I’m deranged“ und den Bildern einer nächtlichen Autobahnfahrt zu beginnen, stimmt sofort auf die kommenden beiden Stunden ein) und neuen Stücken zusammen. Ohne die Musik, die die Bilder kongenial ergänzt und kommentiert, wäre „Lost Highway“ nur halb so gut.

Diese Mischung war damals sehr beeindruckend und sorgte für etliche Diskussionen. Heute wirkt einiges arg gekünstelt. Dennoch ist „Lost Highway“ immer noch ein faszinierender zwischen Hysterie und Langeweile pendelnder Alptraum. Ziemlich „deranged“ eben.

Lost Highway (Lost Highway, USA 1997)

Regie: David Lynch

Drehbuch: David Lynch, Barry Gifford

mit Bill Pullman, Patricia Arquette, Robert Blake, Balthazar Getty, Robert Loggia, Gary Busey, Michael Massee, Lucy Butler

DVD

Concorde Home Entertainment

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch(DD 5.1, DTS), Englisch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Making-of (in Wirklichkeit ein „Behind the Scenes“), Interview mit David Lynch, Kinotrailer

Länge: 135 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

(BluRay und DVD-Box [mit „Mulholland Drive“ und „Inland Empire“] identisch)

Hinweise

Homepage von Barry Gifford

Homepage von David Lynch

Deutsche David-Lynch-Seite

Wikipedia über „Lost Highway“ (deutsch, englisch)

Drehbuch „Lost Highway“ von David Lynch und Barry Gifford

Charlie Rose unterhält sich mit David Lynch (12. Januar 2000; – und damit vor allem über „The Straight Story“)

 


TV-Tipp für den 24. Juni: Der Manchurian Kandidat

Juni 23, 2011

Pro 7, 20.15

Der Manchurian Kandidat (USA 2004, R.: Jonathan Demme)

Drehbuch: Daniel Pyne, Dean Georgaris

LV: Richard Condon: The Manchurian Candidate, 1959 (Botschafter der Angst, Der Manchurian Kandidat)

Der weltumspannende Konzern “Manchurian Global” hat einer Golfkrieg-I-Einheit falsche Erinnerungen implantiert. So wollen sie den vielversprechenden Politiker Raymond Shaw ins Weiße Haus bringen. Doch Shaws ehemaliger Vorgesetzter Ben Marco zweifelt an seinen Erinnerungen und will die Wahrheit herausfinden.

Gut besetztes Remake des Kalter Krieg-Klassikers „Botschafter der Angst“. Etliche der Nebendarsteller sind aus anderen Zusammenhängen oder aus verschiedenen hochkarätigen TV-Serien und Filmen bekannt. Der Film selbst ist gut – obwohl für mich die Prämisse heute schlechter funktioniert als vor über vierzig Jahren, als Frank Sinatra die Rolle von Denzel Washington spielte. Davon abgesehen gibt es zahlreiche grandiose Szenen (ich sage nur Meryl Streep), eine beeindruckende Vision des zu viels an Informationen, überraschende Verknüpfungen von Szenen und eine träumerische Stimmung. Fast immer könnte es sein, dass Ben Marco aus einem Alptraum aufwacht.

Insgesamt ist der Polit-Thriller „Der Manchurian Kandidat“ ein gelungenes, eigenständiges Remake, das besonders beim porträtieren der Verflechtung zwischen Politik und Wirtschaft ein gespenstisches Bild der USA entwirft.

Mit Denzel Washington, Meryl Streep, Liev Schreiber, Jon Voight, Kimberly Elise, Jeffrey Wright, Bruno Ganz, Vera Farmiga, Robyn Hitchcock (eigentlich Musiker), Al Franken (als TV-Interviewer fast als er selbst), Paul Lazar, Roger Corman, Zeljko Ivanek, Walter Mosley (eigentlich Krimiautor), Charles Napier, Jude Ciccolella, Dean Stockwell, Ted Levine, Miguel Ferrer, Sidney Lumet

Wiederholung: Samstag, 25. Juni, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Film-Zeit über „Der Manchurian Kandidat“

Drehbuch „The Manchurian Candidate“ von Daniel Pyne und Dean Georgaris

Wikipedia über Richard Condon (deutsch, englisch)

Kirjasto über Richard Condon

Wired for Books: Don Swain redet mit Richard Condon (1982, 1986, 1990 – jeweils eine knappe halbe Stunde)


Neu im Kino/Filmkritik: die rundum geglückte Michael-Connelly-Verfilmung „Der Mandant“

Juni 23, 2011

Los Angeles ist eine große Stadt. Deshalb hat Mickey Haller (Matthew McConaughey) sich eines Tages entschlossen, seine Büroarbeit nicht mehr im Büro, sondern in einem Lincoln Town Car zu erledigen, während er sich von seinem Chauffeur (einem seiner Mandanten, der so seine Schulden abfährt) von einem Gerichtsort zum nächsten fahren lässt. Haller ist einer dieser unzähligen Strafverteidiger, die versuchen für ihre Mandanten vor Gericht das Beste herauszuholen. Dass seine Mandanten normalerweise schuldig und oft schlecht zahlende Stammkunden sind, gehört zum Geschäft. Ebenso dass er die Ermittlungsfehler der Polizei schamlos ausnutzt und versucht das Verfahren bereits vor dem ersten Verhandlungstag beizulegen. Er ist kein Großverdiener. Aber er kommt über die Runden und er hat auch zu seiner Ex-Frau immer noch ein gutes Verhältnis.

Als er den stinkreichen Schnösel Louis Roulet (Ryan Phillippe) verteidigen soll, freut er sich über das erkleckliche Honorar für den einfachen Fall. Roulet wird Vergewaltigung und versuchter Mord vorgeworfen. Haller und sein Ermittler, der Privatdetektiv Frank Levin (William H. Macy mit Hippie-Matte), finden schnell genug Indizien, die die Version der Staatsanwaltschaft erschüttern. Aber Roulet will vor Gericht gehen, damit die ganze Welt erfährt, dass er unschuldig ist.

Und Mickey Haller fragt sich, als er in alten Fällen stöbert, ob Roulet nicht doch schuldig ist (was, wie gesagt, für Haller kein großes Problem wäre), er in den vergangenen Jahren mehrere Frauen ermordete und Haller vor einigen Jahren Jesus Martinez (Michael Pena), der immer seine Unschuld beteuerte, für einen von Roulets Morden ins Gefängnis brachte.

Jetzt will Haller diesen Fehler korrigieren. Aber Roulet will ihn als Verteidiger behalten und Haller muss alles, auch seine Zulassung, riskieren.

Bereits die Titelsequenz (Ja, es gibt endlich mal wieder eine Titelsequenz!) deutet an, wohin die Reise geht: ins Hollywoodkino alter Schule, als dort Filme für Erwachsene gemacht wurden, die an einem Samstagabend niveauvoll unterhalten werden wollen. „Der Mandant“ erinnert an das heute kaum noch vorhandene Hollywood-Kino der siebziger Jahre, an Filme wie „Die drei Tage des Condor“, „Die Unbestechlichen“, „Zeuge einer Verschwörung“ und „Hundstage“. Spannende Unterhaltung, bei der man sein Hirn nicht ausschalten muss. Die Regie ist straff. Das Drehbuch hat die Vorlage geschickt für die Leinwand adaptiert, ohne der Vorlage bis auf’s Komma zu folgen. Das taten zuletzt, mit wechselndem Erfolg, aber auch begleitet von der Frage, warum man sich einen Film ansehen soll, wenn man doch bereits die Vorlage gelesen hat, „The Killer inside me“ und „True Grit“. Regie und Kamera haben ungewöhnliche Bilder von Los Angeles eingefangen. Die Schauspieler sind glaubwürdig in ihren Rollen und Matthew McConaughey ist Mickey Haller. Denn danach wird es einem, auch bei der Lektüre von Connellys grandiosen Romanen, schwerfallen, ein anderes Gesicht als das von Matthew McConaughey als leicht zwiespältigen, aber letztendlich sympathischen Strafverteidiger Mickey Haller zu sehen.

Brad Furmans spannender Old-School-Thriller ist eine eigenständige Version von Michael Connellys Roman. Und wer bis jetzt den grandiosen Justizthriller „Der Mandant“ noch nicht gelesen hat, sollte das unbedingt und ganz schnell ändern.

Der Mandant (The Lincoln Lawyer, USA 2011)

Regie: Brad Furman

Drehbuch: John Romano

LV: Michael Connelly: The Lincoln Lawyer, 2005 (Der Mandant)

mit Matthew McConaughey, Ryan Phillippe, Marisa Tomei, William H. Macy, Josh Lucas, John Leguizamo, Michael Pena, Bob Gunton, Frances Fisher, Bryan Cranston

Länge: 119 Minuten


Die Vorlage

Michael Connelly: Der Mandant – Der Roman zum Film

(übersetzt von Sepp Leeb)

Heyne, 2011

544 Seiten

9,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Heyne, 2007

Originalausgabe

The Lincoln Lawyer

Little, Brown and Company, 2005

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Der Mandant“

Michael Connelly unterhält sich mit Matthew McConaughey über den Film

Meine Besprechung der Filmausgabe von Michael Connellys „Der Mandant“

 

Homepage von Michael Connelly

Meine Besprechung von Michael Connellys „The Lincoln Lawyer“ (2005, deutscher Titel: Der Mandant)

Meine Besprechung von Michael Connellys „Vergessene Stimmen“ (The Closers, 2005)

Meine Besprechung von Michael Connellys “L. A. Crime Report” (Crime Beat, 2004)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Kalter Tod” (The Overlook, 2007)

Meine Besprechung von Michael Connellys “Echo Park” (Echo Park, 2006)

Michael Connelly in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 23. Juni: Brügge sehen…und sterben?

Juni 22, 2011

 

ARD, 22.45

Brügge sehen…und sterben? (B/GB 2008, R.: Martin McDonagh)

Drehbuch: Martin McDonagh

Die Profikiller Ray und sein väterlicher Freund Ken sollen nach einem leicht missglückten Mord an einem Priester für einige Tage in Brügge untertauchen. Schnell verwandeln sie die friedliche Stadt in eine Kampfzone. Denn: „Shoot first. Sightsee later.“

Grandiose, mit dem Edgar ausgezeichnete schwarze Komödie

Mit Colin Farrell, Brendan Gleeson, Ralph Fiennes, Clémence Poésy, Zeljko Ivanek, Ciarán Hinds

Hinweise

Britische Homepage zum Film

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Brügge sehen…und sterben?“

Filmstew: Interview mit Martin McDonagh

IndieWire: Interview mit Martin McDonagh

Collider: Interview mit Martin McDonagh und Colin Farrell

Time porträtiert Martin McDonagh

New York Times ebenso

 

 


Kurzkritik: Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi

Juni 22, 2011

Erinnern Sie sich an den Auftritt des Kinderchores, bei dem alle Noten da waren, nur nicht in der richtigen Reihenfolge? Nun, bei „Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi“ geht es einem ähnlich. Es ist alles da, aber nichts stimmt. Naja, die Länge ist okay.

Aber der Rest? Da wird auf der kleinen Ostsee-Insel Hiddensee ein Baby entführt. Die beiden Inselpolizisten rufen Hilfe vom Festland, die Insel wird auf den Kopf gestellt und selbstverständlich findet einer der beiden Inselpolizisten dann auch das Baby. Aber wie es dazu kommt ist ganz schlecht mit Kommissar Zufall und einem dieser Alleingänge, die Polizisten in schlechten Krimis immer machen müssen, zusammenfantasiert.

Dabei hätte aus „Hühnergötter“ ein guter Krimi und eine feine Sozialstudie werden können, wenn, ja wenn das Autorenduo recherchiert hätte, wie die Polizei ein auf einer Insel verschwundenes Kind sucht, die Charaktere schärfer gezeichnet wären, die Kindesentführerin ein Gesicht und gute Gründe für ihr Tun bekäme, die Eltern des Babys mehr als Abziehbilder wären, die Inselpolizisten (die ja in weiteren Büchern ermitteln) gute Auftritte bekämen, das Verhältnis von Haupt- und Nebencharakteren geklärt wäre (im Moment sind alle irgendwie gleich unwichtig), es einen stringenten Plot (und keine Ansammlung zusammenhangloser Szenen) gäbe und, immerhin ist „Hühnergötter“ von seiner Struktur her ein Thriller, es spannend wäre.

Aber auch dann stünde man noch vor der Frage, warum jemand auf einer Insel, von der er nicht flüchten kann, ein Baby entführen sollte. Das klingt doch sehr nach dem Wunsch des Autorenduos Birgit Lautenbach und Johann Ebend, das sich so oft wie möglich auf Hiddensee aufhält, einfach eine Geschichte auf Hiddensee spielen zu lassen und, weil Krimis halt gut laufen, diese Liebeserklärung in einen Krimi mit einem möglichst spektakulärem Fall packt.

Entstanden ist so ein biederer Krimi, der von ebenso biederen TV-Krimis inspiriert (deutsche natürlich, britische und amerikanische TV-Krimis ignoriert man ja, weil die erstens schlecht sind und zweitens sowieso nicht in Deutschland spielen können) und, trotz der wenigen Seiten, verquast ist. Aber der Untertitel „Ein Hiddensee-Krimi“ ist ja ein deutlicher Hinweis auf die anvisierte Käuferschaft.

Birgit Lautenbach/Johann Ebend: Hühnergötter – Ein Hiddensee-Krimi

(durchgesehene Neuveröffentlichung)

Goldmann, 2011

160 Seiten

7,99 Euro

Erstausgabe

Prolibris Verlag, 2005

Hinweis

Alligatorpapiere: Befragung von Birgit Lautenbach und Johann Ebend

 


TV-Tipp für den 22. Juni: Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada

Juni 22, 2011

BR, 23.40

Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada (USA/F 2005, R.: Tommy Lee Jones)

Drehbuch: Guillermo Arriaga

Ein junger Grenzpolizist erschießt irrtümlich den Rancharbeiter Melquiades Estrada. Sein bester Freund, der Vorarbeiter Pete Perkins, will Estradas letzten Wunsch, eine Beerdigung in seiner Heimat Mexiko, erfüllen. Weil die Polizei sich nicht für den Tod eines Illegalen interessiert und Perkins altmodische Vorstellung von Moral und Ehre hat, entführt er den Todesschützen und begibt sich mit ihm und der Leiche auf den Weg zu Estradas Heimatdorf.

Toller noirischer Neo-Western, der leider nie richtig in unseren Kinos lief. In Cannes erhielten Tommy Lee Jones und Guillermo Arriaga die Preise für beste Regie und bestes Drehbuch. Außerdem erhielt „Die drei Begräbnisse des Melquides Estrada“ den Bronze Wrangler der Western Heritage Awards als bester Kinofilm.

Der Film ist Tommy Lee Jones’ bislang einziger Kinofilm.

mit Tommy Lee Jones, Barry Pepper, Julio César Cedillo, Dwight Yoakam, January Jones, Melissa Leo, Levon Helm, Guillermo Arriaga

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Wikipedia über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (deutsch, englisch)

Film-Zeit über „Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“

Unionsverlag über Guillermo Arriaga


DVD-Kritik: Die werktreue Jim-Thompson-Verfilmung „The Killer inside me“

Juni 21, 2011

Wie sehr hatte ich mich auf diesen Film gefreut. Michael Winterbottom, produktiver Kritikerliebling und eloquenter Springer zwischen allen Stilen und Genres, verfilmt nach einem Drehbuch von John Curran den Noir-Klassiker „The Killer inside me“ von Jim Thompson, der in USA inzwischen fast gottgleichen Status genießt. Die Besetzung mit Casey Affleck, Jessica Alba und Kate Hudson stimmt auch hoffnungsvoll. Und das sind nur die Hauptrollen. Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty und Bill Pullman übernahmen wichtige Nebenrollen.

Dann auf der Berlinale 2010 waren die Kritiker nicht begeistert von dem Film. Zu gewalttätig. Zu frauenverachtend, schrieben sie. Vor allem die Szene, in der Casey Affleck Jessica Alba minutenlang verprügelt, wurde genannt.

An der Kinokasse war auch nichts zu holen. Denn der Protagonist, der psychopathische Kleinstadtpolizist Lou Ford, ist ein direkter Vorgänger von Jeff Lindsays Seriencharakter Dexter Morgan (und der erfolgreichen TV-Serie „Dexter“), aber während Dexter als Serienmörder nur andere Serienmörder tötet und letztendlich zu den Guten gehört, ist Lou Ford der Bösewicht.

Auf dem Fantasy Filmfest 2010 sah ich mir den Film an und verließ mit gemischten Gefühlen das Kino. Die Retro-Titelsequenz gefiel mir sehr gut. Die ersten Minuten auch, aber dann fand ich den Gang der Handlung etwas schleppend. Die Prügelszene fand ich nicht so schlimm (Hm, vielleicht schon zu viele brutale Filme gesehen) und den Film insgesamt auch nicht so gewalttätig und frauenverachtend, wie die Kritiker nach der Uraufführung gesagt hatten. Aber wirklich gepackt hatte der Film mich nicht. Nicht schlecht, aber nicht so gut, wie ich erwartet hatte.

Dass Winterbottoms Version besser als die erste Verfilmung des Romans, 1975 von Burt Kennedy mit Stacy Keach als Lou Ford, ist, ist keine besondere Leistung. Denn Kennedy verlegte die Geschichte in die Gegenwart und es entstand ein durchschnittlicher und schnell vergessener Krimi, der manchmal im Nachtprogramm als Lückenfüller gezeigt wird.

Ganz im Gegensatz zu Jim Thompsons Roman. Als der Roman „Der Mörder in mir“ (The Killer inside me) 1952 erschien, war die Idee, dass ein höflicher, gut erzogener, hilfsbereiter Kleinstadtpolizist ein psychopathischer Mörder ist, schockierend. Denn damals waren Polizisten die Guten. Thompson ließ 1957 mit „Gefährliche Stadt“ (Wild Town) eine zweite Geschichte mit Lou Ford folgen, die natürlich nicht mehr die Überraschung von „Der Mörder in mir“ bot.

Aber vielleicht war ich auf dem Fantasy Filmfest einfach nicht in „Killer“-Stimmung gewesen.

Auch beim zweiten Ansehen gefiel mir die Retro-Titelsequenz, passend unterlegt mit dem hübsch harmlosen Song „Fever“, gesungen von Little Willie John, und die Geschwindigkeit mit der Michael Winterbottom in den ersten Minuten die Hauptpersonen, den Kleinstadtpolizisten Lou Ford (Casey Affleck) und die Prostituierte Joyce Lakeland (Jessica Alba), den Handlungsort, das texanische Ölkaff Central City, und die Zeit, die ach so heilen, wirtschaftlich prosperierenden fünfziger Jahre, etabliert.

Aber ziemlich schnell, vor allem nachdem Lou Ford sie und Elmer Conway (Jay R. Ferguson), den Sohn des örtlichen Ölmagnaten, umgebracht hat, zerfasert die Geschichte. Lou muss plötzlich an mehreren Fronten kämpfen. Dabei ist unklar, von welcher Front die größte Gefahr ausgeht. Ist es von Joe Rothman (Elias Koteas), einem Gewerkschaftler, der einen Verdacht hat, oder von Howard Hendricks (Simon Baker), einem Polizisten, der den Doppelmord aufklären soll, oder von Chester Conway (Ned Beatty), dem Vater des Ermordeten und als Ölmagnat der heimliche Herrscher der Stadt? Nur von Lous Freundin Amy Stanton (Kate Hudson), die hoffnungslos in ihn verliebt ist und lammfromm alles duldet, geht keine Gefahr aus. Sowieso ist das Frauenbild aus heutiger Sicht hoffnungslos veraltet und, wenn es nicht in ein historisches Umfeld gekleidet wäre, frauenfeindlich bis frauenverachtend. Und steht so in der Vorlage, die die Macher nur bebildern. Denn anstatt den Geist des Buches in den Film zu übertragen, folgen sie einfach blind Thompsons Roman, ohne darauf zu achten, dass einiges, was in einem Roman und in einer Ich-Erzählung gut funktioniert, in einem Film nicht mehr funktioniert.

Dazu gehören die vielen Gegner von Lou, die in ihrer Häufung dann doch nicht mehr so bedrohlich sind und sie teilweise einfach aus der Geschichte verschwinden und dass einige von Fords Problemen sich quasi nebenbei und außerhalb der Leinwand erledigen. Hier hätte etwas weniger Respekt von Drehbuchautor Curran und Regisseur Winterbottom vor der Vorlage gut getan.

Trotzdem hat mir der Film beim zweiten Ansehen, auch wenn ich mir keine 1-zu-1-Umsetzung der Geschichte, sondern des Geistes der Vorlage gewünscht hätte, besser gefallen. Bertrand Tavernier gelang das mit seiner hundsgemeinen Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“. Michael Winterbottoms Film ist dagegen in vielen Momenten bewundernswert und gut gelungen. Ausstattung, Musik und Kamera schaffen es, die fünfziger Jahre wieder auferstehen zu lassen. Die Schauspieler sind gut. Wobei Casey Affleck als harrmloser Bösewicht, wie schon in dem allseits abgefeierten Western „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ (den ich sterbenslangweilig fand), die perfekte Besetzung ist.

Das Bonusmaterial ist eine Frechheit. Es wird nur eine halbe Stunde mit Impressionen von den Dreharbeiten angeboten. Dabei hätte es Material gegeben. Zum Beispiel den Bericht von den Dreharbeiten oder die Berlinale-Pressekonferenz.

The Killer inside me (The Killer inside me, USA 2010)

Regie: Michael Winterbottom

Drehbuch: John Curran

mit Casey Affleck, Jessica Alba, Kate Hudson, Bill Pullman, Simon Baker, Elias Koteas, Ned Beatty, Tom Bower

BluRay

Universum Film

Bild: 2,25:1 (1080p/24)

Ton: Deutsch, Englisch (DTS-HD 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Behind the Scenes, Wendecover

Länge: 109 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

(DVD identisch)

Vorlage

Jim Thompson: The Killer inside me

Gold Medal, 1952

Deutsche Erstausgabe

Der Mörder in mir

Ullstein, 1982

(derzeit bei Diogenes erhältlich)

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „The Killer inside me“ (deutsch, englisch)

Berlinale: Roter Teppich und Pressekonferenz zu „The Killer inside me“

Kriminalakte über „The Killer inside me“


Mordlust über Jim Thompson

Crimetime über Jim Thompson

Wikipedia über Jim Thompson (Englisch)

Kirjasto über Jim Thompson

Popsubculture über Jim Thompson

 Kriminalakte über Jim Thompson


Cover der Woche

Juni 21, 2011


TV-Tipp für den 21. Juni: Folter – Made in USA

Juni 21, 2011

Arte, 20.15

Folter – Made in USA (Fr 2010, R.: Marie-Monique Robin)

Drehbuch: Marie-Monique Robin

Spielfilmlange Doku über Folter in der Ära Bush und was mit den Tätern geschah.

Wiederholung: Freitag, 24. Juni, 03.15 Uhr (Taggenau!)

Hinweis

Arte zur Doku


DVD-Kritik: Gregory Peck ist „Der gefährlichste Mann der Welt“

Juni 20, 2011

Damals, 1968, als J. Lee Thompsons Jay-Richard-Kennedy-Verfilmung „Der gefährlichste Mann der Welt“, nach einem Drehbuch von „Asphalt-Dschungel“-Autor Ben Maddow, in den Kinos gezeigt wurde, war die Sache mit dem Sender im Kopf noch Science Fiction. Heute; – nun, heute lassen sich Discobesucher einen RFID-Chip in den Arm schießen, damit sie ohne Warten in die Disco gehen können und die Rechnung sofort von ihrem Konto abgebucht werden kann, und fast jeder hat ein Handy/iPhone/Smartphone dabei, das vorzüglich als Peilsender funktioniert und – hey, letztendlich sind die Geräte immer noch Telefone – man belauscht werden kann.

Lauschen konnte in „Der gefährlichste Mann der Welt“ auch Lieutenant General Shelby (Arthur Hill). Er schickt Dr. John Hathaway (Gregory Peck), ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Biochemiker, nach China. Dort soll der Wissenschaftler von Professor Soong Li (Keye Luke), der für ihn ein Lehrer war, die Formel, mit der auch in unwirtlichen Gebieten Nahrung angebaut werden kann, bekommen. Zu seinem Schutz bekommt Hathaway eine Kombination aus Peilsender und Wanze implantiert. Außerdem, aber das verrät Shelby ihm nicht, ist das Implantat eine Bombe. Denn unter keinen Umständen soll Hathaway den kommunistischen Chinesen in die Hände fallen. Aber als Hathaway mit dem Mann, der ein kleines rotes Buch schrieb und der Herrscher Chinas ist (Na, haben Sie erraten wer es ist?), eine Partie Tischtennis spielt und mit ihm über die Freiheit der Forschung philosophiert, fragen sich Shelby und ein Kollege im Abhörzentrum im ländlichen England, ob sie nicht jetzt die Bombe zünden sollen.

Sie tun’s nicht und Hathaway trifft nach einer langen Reise in Soong Li, der in einem einsame gelegenem, gut bewachtem Labor forscht. Jetzt muss Hathaway nur noch an die Formel kommen (schwierig) und verschwinden (noch schwieriger).

Der gefährlichste Mann der Welt“ ist professionell erzählter, aber mäßig spannender und sich viel zu ernst nehmender Sixties Spy Stuff mit einigen interessanten Aspekten. Denn die Geschichte wird arg gradlinig und, was bei Spannungsroutinier J. Lee Thompson überrascht, im Mittelteil sogar langatmig erzählt. Anstatt in diesen Minuten die Geschichte energisch voranzutreiben, gibt es Impressionen aus dem kommunistischen China, Tischtennis und philosophische Diskussionen mit dem großen Vorsitzenden (immerhin wird er nicht als kompletter Blödkopf porträtiert, aber selbstverständlich gewinnt der aufrechte Westler den Diskurs) und Gelehrtenblabla. Außerdem ist Hathaway erst gegen Ende, nachdem er die Formel bekommen hat und vor den Chinesen flüchten muss, in Lebensgefahr. Dann kann J. Lee Thompson, der bereits in „Ein Köder für die Bestie“ und „Die Kanonen von Navarone“ erfolgreich mit Gregory Peck zusammen arbeitete, mit glänzend inszenierter Action glänzen.

Die Idee mit der Bombe im Kopf ist heute erschreckend aktuell, der damit verbundene sehr zynische Blick auf das Spionagegewerbe (deutlich näher bei John le Carré als bei Ian Fleming), das Ende (wenn es zu einer Kooperation mit den Russen, die damals in Spionagefilmen die Standard-Bösewichter waren, kommt), die zahlreichen Außenaufnahmen (es wurde auch in Taiwan gedreht) und der Blick in ein totalitäres Land, in dem jeder jeden bespitzelt (sogar die Tochter von Soong Li spitzelt, als überzeugte Kommunistin, ihren Vater aus) und die spannend inszenierten Actionszenen bieten genug Gründe für einen Blick auf dieses solide Genrewerk.

Als Bonusmaterial gibt es die gelungen zusammengekürzte 16-mm-Fassung des Films, eine umfangreiche Bildergalerie, einige entfallene Szenen und einen informativen Audiokommentar von Filmkritiker Lee Pfeiffer und Journalist Eddie Friedfield, die bereits die Audiokommentare der Derek-Flint-Filme bestritten. Das ist für einen so alten und heute ziemlich unbekannten Film ein rundum gelungenes, umfangreiches Paket.

Einige andere Meinungen

Britischer Propagandafilm (…) Ein nur leidlich spannender Agentenfilm ohne wirkliche Überraschungen.“ (Lexikon des internationalen Films)

Die Produktion will die veränderte politische Großwetterlage (Pakt mit den Russen gegen die Chinesen) zur Aufrechterhaltung der ‚gelben Gefahr‘ ausnutzen, wirkt aber besonders in der groben Darstellung innerchinesischer Verhältnisse lächerliche und politisch instinktlos.“ (Horst Schäfer/Wolfgang Schwarzer: Von ‚Che‘ bis ‚Z‘ – Polit-Thriller im Kino, 1991)

Peck spielt in diesem schwachen Spionage-Thriller, der seine zentrale Handlung aus Hitchcock ‚Der zerrissene Vorhang‘ (Torn Curtain, 1966) entliehen hat, den Nobelpreisträger, der nach China reist (…) Seine technischen Spielzeuge (…) sind Leihgaben von James Bond. Leider verzichtet Thompson auf die mögliche moralische Dimension der Handlung und gibt Bond-ähnlichen Heldentaten den Vorzug.“ (Paul Hardy, Hrsg.: Die Science Fiction Filmenzyklopädie, 1998)

Der gefährlichste Mann der Welt (The Chairman, GB 1968)

Regie: J. Lee Thompson

Drehbuch: Ben Maddow

LV: Jay Richard Kennedy: The Chairman, 1969 (auch „The most dangerous man in the world“; weil der Film in England unter diesem Titel gezeigt wurde; bei uns hieß das Buch dann „Schach dem Vorsitzenden“)

Musik: Jerry Goldsmith

mit Gregory Peck, Conrad Yama, Anne Heywood, Arthur Hill, Alan Dobie, Eric Young, Keye Luke

DVD

Koch Media

Bild: 2.35:1 (16:9)

Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)

Untertitel: Englisch, Italienisch

Bonusmaterial: Originaltrailer, Audiokommentar, Alternative Szenen, Miniversion des Films inkl. geschnittener Szenen, Bildergalerie

Länge: 95 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Wikipedia über „Der gefährlichste Mann der Welt“

Turner Classic Movies über „Der gefährlichste Mann der Welt“


TV-Tipp für den 20. Juni: Layer Cake

Juni 20, 2011

Kabel 1, 20.15

Layer Cake (GB 2004, R.: Matthew Vaughn)

Drehbuch: J.J. Connolly

LV: J.J. Connolly: Layer Cake, 2000 (Layer Cake: Willkommen im Club)

Ein Drogenhändler der besseren Art will aussteigen. Sein Boss hat vorher noch zwei Aufträge für ihn: er soll eine Junkie-Tochter aufspüren und eine riesige Menge Ecstasy aufkaufen. Das ist beides nicht so einfach.

Allgemein abgefeierter Gangsterthriller, der leider nie in die deutschen Kinos kam. Eine euphorische Stimme: „Aktionsreicher, beinharter Thriller in bester britischer Tradition. Hervorragend gespielt, fotografiert und inszeniert, bis ins kleinste Detail präzise entwickelt.“ (Lexikon des internationalen Films)

Mit Daniel Craig, Tom Hardy, Jamie Foreman, Sally Hawkins, Burn Gorman, Sienna Miller

Wiederholung: Dienstag, 21. Juni, 00.20 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Homepage zum Film

BBC-Interview mit Matthew Vaughn

Wikipedia über „Layer Cake“ (deutsch, englisch)


TV-Tipp für den 19. Juni: Stranger than Paradise

Juni 19, 2011

ZDFkultur, 20.15

Stranger than Paradise (USA/D 1984, R.: Jim Jarmusch)

Drehbuch: Jim Jarmusch

Musik: John Lurie

Willie, Eva und Eddie fahren von New York nach Florida.

Das „Kleine Fernsehspiel“ des ZDF als Talentförderer. Das echte Spielfilmdebüt (sein Abschlussfilm „Permanent Vacation“ ist, trotz seiner Länger, wohl doch eher als Talentprobe zu sehen.) von Jim Jarmusch gewann unter anderem den Special Jury Price in Sundance und die Goldene Kamera in Cannes und er war der Liebling der Filmkritiker und der Jugendlichen (jedenfalls wenn ihnen Punk, No Wave und die damalige New-Yorker-Kunstszene imponierten). Danach drehte Jarmusch „Down by Law“ (mit Tom Waits, John Lurie und Roberto Benigni), „Mystery Train“, „Dead Man“ und „Ghost Dog“.

Damals, Mitte der 80er, haben wir das Öde, Strenge, Hermetische gemocht. ‚Stranger than Paradise‘ war ein Film, der als cool galt, ein Film, an dem man sich gegenseitig erkennen konnte. Wer ihn bloß langweilig fand, hatte nichts verstanden. Wir mochten ihn, weil er von etwas erzählte, genauer: etwas der Erzählung voraussetzte, das wir kannten: einen diffusen Hunger nach Erfahrung, gepaart mit dem Misstrauen, vielleicht der Unfähigkeit, daraus Worte zu machen. Wir (das waren wohl vor allem Jungs) waren fasziniert von der Reduktion, von der Weigerung, eine Geschichte auf eine elaborierte Art zu erzählen, von der Coolness der Figuren.“ (Stefan Reinecke: Stranger than Paradise, in Rolf Aurich/Stefan Reinecke, Hrsg.: Jim Jarmusch, 2001)

Und heute?Schaun wir mal.

Jarmusch will Anfang 2012 auch in Deutschland einen Vampir-Film drehen.

mit John Lurie, Eszter Balint, Richard Edson, Cecillia Stark Danny Rosen, Rammellzee, Tom DiCillo

Wiederholung: Montag, 20. Juni, 01.45 Uhr

Hinweise

Wikipedia über Jim Jarmusch (deutsch, englisch)

The Jim Jarmusch Resource Page

Senses of Cinema über Jim Jarmusch


TV-Tipp für den 18. Juni: Gangster in Key Largo

Juni 18, 2011

RBB, 23.15

Gangster in Key Largo (USA 1948, R.: John Huston)

Drehbuch: Richard Brooks, John Huston

LV: Maxwell Anderson: Key Largo, 1939 (Theaterstück)

Ex-Major McCloud will in Key Largo nur die Eltern eines gefallenen Kriegskameraden besuchen. Dummerweise haben sich Gangster Johnny Rocco und seine Verbündeten im Hotel wohnlich eingerichtet. McCloud muss wieder zur Waffe greifen.

Im Rahmen eines Gangsterfilms wird das Unbehagen am Nachkriegs-Amerika präsentiert. Das Hotel wird zu einem Mikrokosmos von Verrat und Rache in der amerikanischen Ausprägung.

„Gangster in Key Largo“ ist der vierte und letzte Bogart/Bacall Film und das letzte Zusammentreffen von Bogart und Robinson vor der Kamera. Dieses Mal stirbt Bogart nicht vor Robinson, der hier seine letzte große Gangsterrolle hatte.

Weiter geht’s in der „langen Filmnacht: Humphrey Bogart“ um 00.50 Uhr mit der „Fahrkarte nach Marseille“ (USA 1944) und endet um 02.35 Uhr im „Konflikt“ (USA 1945). Wachbleiben oder aufnehmen lohnt sich.

Mit Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Edward G. Robinson, Lionel Barrymore, Claire Trevor

Auch bekannt als “Hafen des Lasters” (Kinotitel), „Gangster von Key Largo“

Hinweise

Wikipedia über „Gangster in Key Largo“ (deutsch, englisch)

Turner Classic Movies über „Key Largo“

Old School Reviews über „Key Largo“

Follow me now über „Gangster in Key Largo“


DVD-Kritik: Von der Hand an der Wiege zum „Mother’s Day“

Juni 17, 2011

Offiziell ist „Mother’s Day“ von Darren Lynn Bousman (Saw II, III, IV) ein Remake von Charles Kaufmans Troma-Film „Muttertag“, der in Deutschland auf dem Index steht, und einen gewissen Kultstatus genießt. Aber Scott Milams Drehbuch hat mit Kaufmans Film nichts mehr zu tun.

Der neue Film erzählt, wie die drei kriminellen Koffin-Brüder, von denen einer schwer verletzt ist, in einem Vorstadthaus mehrere Geisel nehmen. Sie haben geglaubt, dass das Haus noch immer ihrer Mutter Natalie Koffin gehört. Aber es wurde bereits vor zwei Monaten von einem Großstadtpaar gekauft, das an diesem Abend im Keller Dannys Geburtstag feiern will. Die Koffin-Brüder rufen verzweifelt und hoffnungslos überfordert von der Situation, über ihre Schwester, ihre Mutter zu Hilfe. Sie ist das Gehirn der Familie und, hinter ihrer höflichen Fassade, verbirgt sich ein Monster, das gnadenlos ihre Ziele durchsetzt. Besonders nachdem sie erfährt, dass ihr Sohn Ike in den vergangenen Monaten Geld, das sie bei Überfällen erbeuteten, an diese Adresse schickte. Die neuen Besitzer, Danny und Beth Sohapi leugnen, dass sie das Geld bekommen haben. Aber eine Mutter erkennt, wenn sie belogen wird und Lügen werden, wie einige andere Sachen, im Hause Koffin nicht geduldet.

Mother’s Day“ ist ein kleiner, effektiver Schocker mit einigen blutigen Sequenzen und einer höchst banalen Moral. Denn die Macher gehen davon aus, dass wir uns gegenseitig sofort an die Gurgel gehen, wenn wir nur mit einer Waffe bedroht werden. Dieser Zivilisationsverfall geht immer arg schnell und alle Geisel machen, auch wenn einige kurz zögern, mit. Das ist psychologisch dann doch ziemlich banal.

Entsprechend eindimensional sind die Charaktere geraten. Die Brüder sind böse. Die Geisel hilflos, egoistisch und gewaltbereit. Jedenfalls gegeneinander. Alle verhalten sich immer wieder arg bescheuert. So darf, um nur ein Beispiel zu nennen, der schwerverletzte, im Sterben liegende Bruder ständig mit seiner Pistole herumfuchteln, was immerhin zur spannenden Frage führt „Wann erschießt er wen zufällig mit seiner Waffe?“, und – hach, sind wir heute wieder pervers – eine Geisel soll mit ihm Sex haben. Als gäbe es nichts wichtigeres zu tun.

Außerdem haben die Koffin-Brüder einfach zu viele Geiseln genommen. Hier verwechseln Debütant Milam und Regisseur Bousman Masse mit Klasse. Denn keiner der acht ungefähr gleichaltrigen Erwachsenen hat individuelle Charakterzüge und uns ist daher letztendlich egal, wer überlebt oder ermordet oder gefoltert wird.

Diese Szenen hat Bousman nach der „Saw“-Schule mit einer ordentlichen Portion Splatter und Gore (irgendwie muss ja die FSK-18 gerechtfertigt werden), hysterischen Schreien und lauter Musik inszeniert. Sowieso gönnt Bousman den Zuschauern keine Atempausen und, wie ein schlechter DJ, nur einen Takt. Alles ist bei ihm immer etwas zu hektisch, zu hysterisch, zu sehr auf Schocks und zu wenig auf Psychologie und, manchmal vorhandene, Suspense bedacht.

Mother’s Day“ wäre daher nur ein durchaus spannender, aber durchschnittlicher Thriller; – wenn da nicht die titelgebende Mutter wäre.

Sie ist ein echter Charakter und dank Rebecca De Mornay, die fast zwanzig Jahr nach der „Hand an der Wiege“ wieder den Bösewicht spielt; ein Monster, das Hannibal Lector zu einem Schulbub degradiert. Wenn sie, ausgesucht höflich und etwas zu bieder gekleidet, wie die nette Mutter von nebenan, die am Wochenende immer Kuchen für die halbe Straße backt, ihren Kindern, die hoffnungslos unter ihrer Fuchtel stehen, Befehle erteilt, wenn sie die Geisel nach dem verschwundenen Geld fragt und ihnen die Regeln erklärt, läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Da muss sie gar nicht mehr zu einer Waffe greifen.

Dank Rebecca De Mornay (Wo war Sie nur die letzten Jahre?) ist „Mother’s Day“ ein atemberaubender Thriller. Jedenfalls wenn sie auf der Leinwand ist. Und sie hat ziemlich viele Szenen.

Mother’s Day – Mutter ist wieder da (Mother’s Day, USA 2010)

Regie: Darren Lynn Bousman

Drehbuch: Scott Milam (nach dem Drehbuch „Mother’s Day“ von Charles Kaufman und Warren Leight)

mit Rebecca De Mornay, Jaime King, Shawn Ashmore, Briana Evigan, Patrick Flueger, Warren Kole, Deborah Ann Woll, Frank Grillo, Matt O’Leary, Jessie Rusu, Lyriq Bent, Lisa Marcos, Tony Nappo, Kandyse McClure

DVD

Kinowelt

Bild: 2,40:1 (anamorph)

Ton: Deutsch (Dolby Surround, Dolby Digital 5.1 DD), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Bonusmaterial: Trailer (deutsch, englisch), Wendecover

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Wikipedia über „Mother’s Day – Mutter ist wieder da“

Homepage von Darren Lynn Bousman

Und hier der Trailer zum Original

 


TV-Tipp für den 17. Juni: Im Zwielicht

Juni 17, 2011

Das Vierte, 20.15

Im Zwielicht (USA 1997, R.: Robert Benton)

Drehbuch: Robert Benton, Richard Russo

Ex-Privatdetektiv Harry Ross jobbt für das mit ihm befreundete, sich im vergangenen Ruhm sonnendes Schauspielerpaar Jack und Catherine Ames. Während eines Botenganges für sie stolpert er über eine Leiche und die alten Instinkte werden wieder wach. Ross will seinen Freunden gegen die Erpresser helfen.

Betont altmodischer Privatdetektiv-Krimi, der sich ausdrücklich auf die Tradition bezieht (so kann er als dritter Lew-Harper-Film gesehen werden. Newman spielte Harper in „Ein Fall für Harper“ und „Unter Wasser stirbt man nicht“. Harper ist der Filmname des von Ross MacDonald erfundenen Privatdetektiv Lew Archer.), mit pointierten Dialogen und einem Haufen Altstars glänzend unterhält.

Die Musik ist von Elmer Bernstein.

Ein reines Vergnügen.“ (W. O. P. Kistner, AZ, 6. August 1998)

Benton zeigt angenehm gelassen, wie die Vergangenheit als Ballast wirkt, dem man nicht entrinnt, und wie ihr Fortwirken neues Unheil erzeugt.“ (Fischer Film Almanach 1999)

Das klingt doch verdammt nach Ross MacDonald.

mit Paul Newman, Susan Sarandon, Gene Hackman, Stockard Channing, James Garner, Reese Witherspoon, Giancarlo Esposito, Liev Schreiber, John Spencer, M. Emmet Walsh

Hinweise

Wikipedia über „Im Zwielicht“ (deutsch, englisch)

A. V. Club: Interview mit Robert Benton (4. März 1998)

The Hollywood Interview: Alex Simon redet mit Robert Benton (1998)

 


TV-Tipp für den 16. Juni: Jesse Stone: Totgeschwiegen

Juni 16, 2011

ZDFneo, 22-25

Jesse Stone – Totgeschwiegen (USA 2006, R.: Robert Harmon)

Drehbuch: J.T. Allen, Tom Selleck, Michael Brandman

LV: Robert B. Parker: Death in Paradise, 2001

Dritter Jesse-Stone-Film nach dem dritten Jesse-Stone-Roman. Dieses Mal muss Kleinstadtcop Jesse Stone den Mord an einer 14-jährigen aufklären. Seine Ermittlungen führen ihn in die besseren Kreise von Boston.

Ein weiterer feiner Polizeifilm.

Mit Tom Selleck, Edward Edwards, Viola Davis, John Diehl, William Devane

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Damn it! James N. Frey verrät, „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“

Juni 15, 2011

Zwischen 1984 und 1992 veröffentlichte James N. Frey neun Kriminalromane und sein „The Long Way to Die“ war 1988 als bestes Taschenbuch für den Edgar nominiert.

1987 veröffentlichte er seinen ersten Schreibratgeber „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ (How to write a damn good novel) und in den vergangenen zwanzig Jahren verdiente er sein Geld als Lehrer.

Sein neuester Schreibratgeber widmet sich, wie der Titel „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ verrät, einem sehr beliebtem Genre und er bietet auch einige gute Einsichten, warum bestimmte Thriller funktionieren und andere nicht thrillen. Aber ein verdammt gutes Buch ist „Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“ nicht, weil Frey gefühlte hundertmal pro Seite „verdammt“ sagt und weil die Empfehlungen, wenn sie stumpf angewandt werden, zu einem formelhaftem Thriller führen; – was bei einigen Thrillern, vor allem wenn sie unglaublich clever (sein zweites Lieblingswort) sein wollen, allerdings schon ein beträchtlicher Gewinn für uns Leser und Zuschauer wäre. Denn: „Meistens ist es (…) nicht die Idee, sondern die Ausführung, die zählt.“

Eine dieser von Frey genannten cleveren Ideen ist, dass wir erst am Ende erkennen, dass unser Held eigentlich der Bösewicht ist oder der Bösewicht erlebt am Ende eine wundersame Wandlung. Nun, nach Frey, funktioniert dies meistens nicht. Als Beispiel nennt er das Ende der Elmore-Leonard-Verfilmung „Todeszug nach Yuma“ (zum Glück zerstört das Ende nicht den Film, aber es ist schon ein gewaltiger Downer).

(Frey erwähnt zwar nicht „The Rock“. Aber er hätte es tun können. In dem Action-Thriller sollen Sean Connery und Nicolas Cage Ed Harris daran hindern, eine Bio-Bombe in ein vollbesetztes Stadion zu werfen. Harris, der einen Army-Soldaten spielt, hat sich mit anderen Soldaten und einem Haufen Geisel auf Alcatraz versteckt. In der letzten Sekunde beschließt Harris, seinen Plan doch nicht durchzuführen. In dem Moment fragte ich mich im Kino, warum ich mir die vorherigen zwei Stunden angesehen hatte.

Doch zurück zum Buch.)

Für Frey ist das seit Jahrhunderten bekannte Muster für einen Thriller: „Ein cleverer Held hat die ‚unmögliche‘ Aufgabe, Böses zu verhindern oder zu bekämpfen. Der Held ist tapfer; er steckt in furchtbaren Schwierigkeiten; die Mission ist dringend; es steht viel auf dem Spiel; und am besten ist es, wenn der Held sich für andere aufopfert.“ Oder noch kürzer: „Ein cleverer Held hat die dringende und ‚unmögliche‘ Aufgabe, Böses zu verhindern.“

Das klingt jetzt etwas banal, aber wenn der Held nur ein ganz gewöhnlicher Mensch ohne besondere Fähigkeiten wäre und wenn die Aufgabe nicht scheinbar unmöglich wäre (immerhin gewinnt er am Ende ja, aber nur unter großen Anstrengungen, meistens indem er sein Leben riskiert) und der Bösewicht nicht abgrundtief böse wäre (sich also durch nichts von seinem Ziel, auch wenn es noch so bescheuert ist, abbringen lassen will), dann haben wir wahrscheinlich auch keinen guten Thriller – und auch keinen guten Roman. Denn Frey wendet einfach nur das Grundprinzip für eine dramatische Geschichte auf den Thriller an.

Sehen wir uns einfach David Baldaccis, von und mit Clint Eastwood verfilmten Thriller „Absolute Power“, den Frey für einen – wir ahnen es – „verdammt guten Roman“ und „verdammt guten Film“ hält, an: ein Einbrecher (besondere Fähigkeiten!) beobachtet bei einem Einbruch, wie der Präsident der USA seine Geliebte umbringt. Der Einbrecher wird fortan von den Bodyguards des Präsidenten, die auch den gesamten Polizeiapparat auf ihn ansetzen, gejagt – und der Einbrecher muss seine Unschuld beweisen. Wenn das keine unmögliche Aufgabe ist.

William Goldman, der das Drehbuch schrieb und dafür den Roman kräftig veränderte, meint in seiner kurzweiligen Mischung aus Hollywood-Anekdoten, Biographie und Schreibratgeber „Wer hat hier gelogen?“ selbstkritisch-ironisch „’Absolute Power‘ ist kein herausragender Film“, aber der Film funktioniert als Thriller von der ersten bis zur letzten Minute.

Die meiste Zeit verbringt James N. Frey in seinem neuesten Schreibratgeber, indem er beispielhaft an mehreren Geschichten zeigt, wie ein Thriller konstruiert werden kann. Das hat zwar den Vorteil, dass anhand einiger Beispiele, die er von den ersten Ideen über die Konstruktion des Helden und des Bösewichts hin zu den einzelnen Elementen einer Geschichte entwickelt, zeigt, „wie man einen verdammt guten Thriller schreibt“. Aber andererseits langweilt das kleinteilige Durchexerzieren aller Arbeitsschritte auch und hinterlässt schnell den Eindruck des Seiten-Schindens.

Dennoch sind die Tipps und Hinweise von James N. Frey nützlich, um entweder einen spannenden Thriller zu schreiben oder bei einem Thriller zu wissen, was einem wahrscheinlich warum nicht gefällt. Auch weil Frey seine Meinung mit vielen Film- (mehr) und Roman-Beispielen (weniger) belegt.

James N. Frey: Wie man einen verdammt guten Thriller schreibt

(übersetzt von Ellen Schlootz)

Emons, 2011

304 Seiten

19,80 Euro

Originalausgabe

How to Write a Damn Good Thriller. A Step-by-Step Guide for Novelists and Screenwriters

St. Martin’s Press, 2010

Hinweis

Homepage von James N. Frey

 


TV-Tipp für den 15. Juni: Der Liebe verfallen

Juni 15, 2011

Tele 5, 20.15

Der Liebe verfallen (USA 1984, R.: Ulu Grosbard)

Drehbuch: Michael Cristofer

Ein Ingenieur und eine Designerin, beide glücklich verheiratet, treffen sich zuerst in einer Buchhandlung, dann in einem Pendlerzug nach Manhattan und – Überraschung! – sie verlieben sich ineinander. Aber sie wollen auch nicht die Gefühle ihrer Partner verletzten.

In der Zeichnung der Figuren setzt Ulu Grosbard ganz auf szenische Evidenz und Zielstrebigkeit (…) Jede Szene, die man in diesem Genre erwarten würde, ist drin; die Musikeinsätze sind immer verlässlich. Die Dialoge sind nur notdürftig verschleiert.“ (Gerhard Midding: Der unsichtbare Amerikaner, in Sabine Horst, Hrsg.: Robert De Niro, 2002)

Die Story ist nicht mehr als eine bittersüße Schnulze auf Hochglanzpapier.“ (Fischer Film Almanach 1986). Aber hochkarätig besetzt, hübsch gefilmt, mit der Musik von Dave Grusin („Die fabelhaften Baker Boys“) und das sind doch wahrlich genug Gründe, um sich den selten gezeigten Film (nach der OFDB ist heute sogar die TV-Premiere) anzusehen.

Ulu Grosbard inszenierte vor „Der Liebe verfallen“ die Krimis „Fesseln der Macht“, ebenfalls mit Robert De Niro, und „Stunde der Bewährung“, mit Dustin Hoffman.

Michael Cristofer schrieb später die Drehbücher für die John-Updike-Verfilmung „Die Hexen von Eastwick“, die Tom-Wolfe-Verfilmung „Fegefeuer der Eitelkeiten“ und die auch vom ihm inszenierte Cornell-Woolrich-Verfilmung „Original Sin“.

mit Robert De Niro, Meryl Streep, Harvey Keitel, Jane Kaczmarek, George Martin, Dianne Wiest, Victor Argo, Frances Conroy

Hinweise

Wikipedia über „Der Liebe verfallen“ (deutsch, englisch)


Cover der Woche

Juni 14, 2011