Zodiac – Die Spur des Killers (USA 2007, R.: David Fincher)
Drehbuch: James Vanderbilt
LV: Robert Graysmith: Zodiac, 1976 (Zodiac – Auf der Spur eines Serienkillers)
Finchers epische, detailversessene Verfilmung über die Jagd nach dem Zodiac-Killer, der auch als Inspiration für den Killer in dem ersten „Dirty Harry“-Film diente. Der Zodiac-Killer versetzte in den späten Sechzigern die Bevölkerung in und um San Francisco in Angst und Schrecken. Dazu trugen neben seinen Taten und dem ausbleibenden Fahndungserfolg der Polizei auch seine verschlüsselten Briefe an die Öffentlichkeit bei. Bis heute ist seine Identität unklar.
Das Drehbuch war für den Edgar den Preis der Writers Guild of America nominiert.
Mit Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey jr., Brian Cox, Cloe Sevigny, Elias Koteas, Dermot Mulroney
James Bond 007 – Ein Quantum Trost (GB 2008, R.: Marc Forster)
Drehbuch: Paul Haggis, Neal Purvis, Robert Wade
LV: Ian Fleming: Quantum of Solace, 1960 (Das Minimum an Trost, Ein Minimum an Trost [Kurzgeschichte])
TV-Premiere des zweiten, ziemlich komplett in die Hose gegangenen Einsatzes von Daniel Craig als James Bond.
Die Story aka Der Vorwand für ganz viele, ganz doll im schlechten Jason-Bourne-Stil zerschnipselten Verfolgungsjagden und Actionszenen: James Bond will den Tod von seiner Geliebten Vesper Lynd rächen und legt sich mit der geheimnisvollen Organisation Quantum (ist wahrscheinlich ein Nachfolger von Spectre) an.
Mit Daniel Craig, Olga Kurylenko, Mathieu Amalric, Judi Dench, Giancarlo Giannini, Gemma Arterton, Jeffrey Wright, Jesper Christensen, Rory Kinnear
Wiederholung: Montag, 25. April, 00.20 Uhr (Taggenau!)
Graham Greene und „Brighton Rock“ sind fast so etwas wie englische Nationalheiligtümer. Greene (2. Oktober 1904 – 3. April 1991) schrieb zahlreiche Bücher, die er selbst mal als populäre, mal als hohe Literatur einsortierte und diese Trennung irgendwann als unsinnig aufgab. Bei den populären Werken tummelte er sich gerne im Feld des Kriminalromans oder Polit-Thrillers. „Der dritte Mann“, „Unser Mann in Havanna“, „Der Honorarkonsul“ und „Der stille Amerikaner“, waren spannende, teils satirische Unterhaltung mit Tiefgang (und gefielen mir schon als Teenager).
In seinen literarischen Werken, wie „Die Kraft und die Herrlichkeit“ und „Das Herz aller Dinge“, ging’s dann eher um seinen Katholizismus und damit zusammenhängender moralischer Fragen, die, ohne diese katholische Brille, doch etwas seltsam anmuten.
Bei „Brighton Rock“ (das bei uns „Am Abgrund des Lebens“ heißt) wusste Greene selbst lange nicht, ob er den Roman bei seinen populären oder literarischen Werken einsortieren sollte.
Die Geschichte spricht natürlich für’s Populäre. In den dreißiger Jahren bekämpfen sich in dem Seebad Brighton zwei Gangsterbanden. Die eine wird, nach dem Tod ihres Anführers, von dem siebzehnjährigem, skrupellosem Pinkie, der unbedingt in der Hierarchie aufsteigen will, angeführt. Nachdem er und seine Bande einen anderen Gangster umgebracht haben, versuchen sie ihre Spuren zu verwischen. Allerdings haben sie nicht mit Ida Arnold, einer älteren Frau, die herausfinden will, warum Hale ermordet wurde und der ebenfalls siebzehnjährigen Serviererin Rose gerechnet. Pinkie macht sich an die naive Rose heran. Zuerst will er herausfinden, was sie weiß (zu viel, wie er schnell feststellen muss), später versucht er sie mundtot zu machen, indem er sie heiratet. Aber Ida beginnt auf Rose einzureden und Pinkie hat keine Ahnung, wie sehr er ihren Liebesbeteuerungen glauben kann. Außerdem ist er überhaupt nicht in sie verliebt.
Das klingt doch nach einem ausgewachsenen Gangsterroman und einem fetzigen Drama um Schuld und Sühne.
So ist Pinkie das absolut Böse. Rose dagegen engelhaft rein, gutgläubig und naiv.
Gerade diese plakative Gegenüberstellung von „Gut“ und „Böse“ ist dann auch arg langweilig. Denn anscheinend war Pinkie einfach schon immer Böse und wird es immer bleiben. Er ist dabei autonom von allen gesellschaftlichen und sozialen Bindungen. Er ist ein Monstrum; Damit ist er als jugendlicher Psychopath einerseits natürlich furchtbar und beängstigend. Andererseits berührt er als literarischer Charakter auch nicht weiter. Und die knappen Hinweise, in denen er mit seinem katholischen Glauben hadert, wirken aufgesetzt.
Seine Freundin bleibt als absoluter Gegenentwurf ebenso blass. Sie erscheint schon für die damalige Zeit etwas zu naiv und zu unschuldig.
Insofern ist Graham Greenes Roman „Am Abgrund des Lebens“, der erste seiner katholischen Romane, eine doch etwas enttäuschende, teils sogar langatmige Lektüre.
Für die erste Verfilmung schrieb Greene das Drehbuch und auch der Film spielt in den späten Dreißigern, als Brighton noch nicht, wie am Anfang des Films betont wird, ein friedlicher Touristenort war. Die Filmstory folgt der Geschichte des Buches, aber etliche Szenen wurden auch für den Film geschrieben und sind entsprechend wirkungsvoll und Richard Attenborough überzeugte in einem seiner ersten Filmauftritte als psychopathisch-amoralischer Junggangster. Danach durfte er die Rolle in unbekannteren Filmen immer wieder spielen. Er verlieh Pinkie ein Gesicht, das man noch lange nach dem Ende des Films im Gedächtnis behält.
Auch heute noch ist John Boultings Noir „Brighton Rock“ einer der besten englischen Gangsterfilme. Dort wird „Brighton Rock“ auch, immer noch, ohne zu Zögern in die entsprechenden Listen wichtiger Kriminalfilme und englischer Filme aufgenommen. Bei uns erlebte das kraftvolle Krimidrama anscheinend erst 1997 im Fernsehen (auf „tm3“!) seine Premiere und verschwand danach wieder im Archiv.
Gerade daher lohnt sich die bei uns längst überfällige Entdeckung der ersten, immer noch überzeugenden Verfilmung von „Brighton Rock“. Auch wenn die zum Start der aktuellen Verfilmung von „Brighton Rock“ veröffentlichte DVD sehr spartanisch ausgestattet ist.
Rowan Joffe, der auch das Drehbuch für „The American“ schrieb, verlegte in seinem Spielfilmdebüt die Geschichte von den Dreißigern in die Sechziger. Genauer gesagt: 1964. Damit kann er einige atmosphärische Bilder von den Kämpfen zwischen den rivalisierenden Jugendgruppen der Mods und Rocker (Remember „Quadrophenia“?) inszenieren.
Aber gleichzeitig wirkt die von Joffe abgesehen vom Verlegen der Handlungszeit kaum aktualisierte und geänderter Geschichte in diesem Umfeld arg unglaubwürdig. Denn die Naivität von Rose wirkt, im Gegensatz zum Buch und der ersten Verfilmung, einfach nur noch übertrieben und fernab jeglicher Wirklichkeit.
Dennoch gibt es in Joffes „Brighton Rock“ vieles, was für den Film spricht: die Schauspieler und ihr Spiel, die Ausstattung, die Kamera, die immer wieder angenehm altmodisch ist, die sparsam eingestreuten Referenzen auf ältere Filme (natürlich auch auf Boultings Verfilmung) und traditionsbewusste Inszenierung. So scheint das Ende von „Brighton Rock“ direkt aus einem klassischen Noir übernommen worden zu sein.
Aber letztendlich Ende hinterlässt „Brighton Rock“ ein schales Gefühl. Man will den Film lieben, man bewundert vieles, aber es bleibt museales Kunsthandwerk, bei dem die Geschichte, ihre Charaktere und ihre Konflikte, immer mehr an der Wirklichkeit scheitert. Pinkie (Sam Riley) ist einfach zu sehr ein Gangster aus einer anderen Zeit und Rose (Andrea Riseborough) ist einfach zu weltfremd. Da helfen auch Ida (Helen Mirren, die deutlich weniger Pfunde auf die Waage bringt als die von Graham Greene erfundene Ida) und ihr Freund Phil Corkery (John Hurt) nicht mehr.
Rowan Joffe über seinen Film:
Natürlich ist das Buch 1947 schon von John Boulting adaptiert worden. Doch ganz so wie ein Stück von Shakespeare verdient „Brighton Rock“ verschiedene Adaptionen. Bei der ersten Verfilmung arbeitete Greene persönlich am Drehbuch mit, und ich maße mir nicht an zu behaupten, dass ich seine Authentizität erreichen oder verbessern könnte. Aber wir arbeiten nicht unter so strengen Zensurauflagen wie in den späten Vierzigern, so dass wir die Story nun so düster, gewalttätig und fast pervers sinnlich erzählen können, wie Greene sie tatsächlich geschrieben hat. Ich überlegte anfangs, den Plot in die Gegenwart zu versetzen, denn die Parallelen zur Neuzeit mit zunehmenden Massenmorden unter britischen Jugendlichen sind offensichtlich. Aber ich entschied mich dagegen, weil die Liebesgeschichte zwischen Pinkie und der Serviererin Rose dadurch an Kraft verloren hätte. Die Unschuld und enorme Naivität des Mädchens sind undenkbar im Zeitalter des Internet, und man hätte den Roman kompromittieren müssen, um 2010 glaubhafte Gründe für eine solch isolierte Figur zu finden.
1964 durften Teenager zum ersten Mal ökonomisch, kulturell und physisch ihre Muskeln spielen lassen und natürlich war Brighton auch der Schauplatz der Bandenkämpfe zwischen den jungen Mods und gealterten Rockern. Zudem eröffneten nach der Legalisierung des Pferdewettens pro Woche über einhundert Buchmacher ihre Büros, was mit einer massiven Welle organisierten Verbrechens einherging. Es war die große Ära jener britischen Gangster, die ein Underdog wie Pinkie zu Helden der Arbeiterklasse idealisieren würde. Und: 1964 wurde in Großbritannien letztmals die Todesstrafe verhängt, sodass die Furcht vor dem Strang eine essenzielle Motivation für Pinkies verzweifelte Versuche ist, um Zeugen seines Rachemordes zu beseitigen.
Einer meiner absoluten Lieblingsfilme ist Jean-Pierre Melvilles „Vier im Roten Kreis“ (Le cercle rouge, 1970) und John [Mathieson, Kameramann u. a. bei „Gladiator“ und „Robin Hood“, A. d. V.] gelang es tatsächlich, einen kompletten Satz an Kameralinsen und Equipment aus den Sechzigern aufzutreiben. Dadurch fühlte es sich beim Drehen an, als filmten wir wie seinerzeit Melville, auch wenn wir durch die Sperrigkeit der alten Technik unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt war. Was nichts schlechtes ist, zwingt es einen doch, Szenen sehr strategisch und ökonomisch zu drehen.
Das Buch ist noch immer ein Bestseller, was auch an der brillanten Studie eines Antihelden liegt, dessen Charakter zu 99 Prozent verdorben ist – währen ein Prozent an positiven Werten noch Hoffnung auf Pinkies Läuterung lässt. Doch auch wenn er kaum zum Vorbild taugt, bietet er juvenilen Zuschauern gewisses Identifikationspotential. Zugleich aber ist sein Schicksal Warnung vor einer Spirale der Gewalt. Denn auch 2010 gibt es nicht nur in England unzählige Jugendlichen, die verzweifelt ihrer unterprivilegierten Herkunft entfliehen wollen und eine kriminelle Karriere einschlagen. Und seit den Sechzigern hat es unter britischen Jugendbanden nicht mehr so viele Messerattacken wie in den letzten Jahren gegeben.
(aus dem Presseheft)
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Graham Greene: Am Abgrund des Lebens
(übersetzt von Barbara Rojahn-Deyk)
dtv, 2011
352 Seiten
9,90 Euro
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Deutsche Ausgabe (dieser Übersetzung)
Paul Zsolnay Verlag, Wien 1994
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Originalausgabe
Brighton Rock
William Heinemann Ltd., London, 1938
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Die erste Verfilmung
Brighton Rock (Brighton Rock, Großbritannien 1947)
Regie: John Boulting
Drehbuch: Terence Rattingan, Graham Greene
mit Richard Attenborough, Carol Marsh, Hermione Baddeley, William Hartnell, Harcourt Williams
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DVD
Arthaus/Kinowelt
Bild: 1,33:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Mono DD)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial: Wendecover
Länge: 89 Minuten
FSK: ab 16 Jahre
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Die zweite Verfilmung
Brighton Rock (Brighton Rock, GB 2010)
Regie: Rowan Joffe
Drehbuch: Rowan Joffe
mit Sam Riley, Andrea Riseborough, Helen Mirren, John Hurt, Phil Davis, Nonso Anozie, Craig Parkinson, Andy Serkis, Sean Harris, Geoff Bell
Kommissarin Lucas: Am Ende muss Glück sein (D 2011, R.: Maris Pfeifer)
Drehbuch: Friedrich Ani
Kommissarin Lucas ist schockiert: das sechzigjährige Mordopfer besserte ihre Stütze mit Sex für Geld auf. Lucas muss im Milieu des käuflichen Sex ermitteln.
Dank des Drehbuchautors und weil die “Kommissarin Lucas”-Macher sich immer um ein bestimmtes Niveau bemühen, könnte das ein spannender Krimi sein.
„Wenn schon nicht großes Kino, dann ist der erste Film von Regisseurin Maris Pfeiffer für die Krimireihe „Kommissarin Lucas“ jedoch Fernsehen, das den Mut zum Außergewöhnlichen hat, zum Unwahrscheinlichen, das reizt und irritiert.“ (Thomas Gehringer, Tagesspiegel, 22. April 2011)
mit Ulrike Kriener, Florian Stetter, Michael Roll, Inez Björg David, Alexander Lutz, Hannelore Elsner, Tilo Prückner, Hannelore Elsner, Elmar Wepper, Renate Krößner, Vladimir Burlakov
Wer die nächsten Tage nicht mit dem Verstecken und Suchen von Ostereiern beschäftigt ist, findet einige Perlen im TV-Programm. Es beginnt mit Steven Soderberghs Elmore-Leonard-Verfilmung „Out of sight“ und geht mit „Kommissarin Lucas: Am Ende muss Glück sein“ (nach einem Drehbuch von Friedrich Ani), Francis Ford Coppolas Mario-Puzo-Verfilmungen „Der Pate II“ und „Der Pate III“, Sidney Lumets Agatha-Christie-Verfilmung „Mord im Orient-Express“, Jacques Derays Derek-Raymond-Verfilmung „Mörderischer Engel“, Bertrand Taverniers Jim-Thompson-Verfilmung „Der Saustall“, Roger Spottiswoodes Patricia-Highsmith-Verfilmung „Mr. Ripley und die Kunst des Tötens“ (nach einem Drehbuch von Donald Westlake), Oliver Stones John-Ridley-Verfilmung „U-Turn – Kein Weg zurück“, Richard Brooks Evan-Hunter-Verfilmung „Die Saat der Gewalt“ und, als TV-Premiere, Béla Tarrs Georges-Simenon-Verfilmung „Der Mann aus London“ weiter.
LV: James Ellroy: Watchman/The night Watchman (Originalgeschichte)
Die Story klingt nach einem typischen Ellroy – oder dem typischen Cop-Thriller der Marke „Korrupter Cop sitzt in der Scheiße; entdeckt, (Überraschung!) dass die Polizei korrupt ist und stellt sich auf die Seite der Guten“. Denken Sie nur an die Ellroy-Verfilmung „Dark Blue“ (für die Ayer das Drehbuch schrieb), ersetzen Kurt Russell durch Keanu Reeves, lassen den Rookie Scott Speedman weg und wir haben den nächsten düsteren, bleihaltigen LA-Copthriller.
Ellroys Story ist eine nicht veröffentlichte Originalgeschichte und sollte bereits vor Jahren als „Watchman“ oder auch „The night Watchman“ verfilmt werden. David Fincher, Spike Lee und Oliver Stone waren als Regisseure im Gespräch. Für den Film wurde Ellroys Drehbuch dann von mehreren Autoren (zwei schafften es in die Credits, aber Ayer soll und John Ridley hat vor Jahren an dem Drehbuch gearbeitet) bearbeitet.
Mit Keanu Reeves, Forest Whitaker, Hugh Laurie, Chris Evans, Martha Higareda, Cedric the Entertainer, Amaury Nolasco
Wiederholung: Montag, 25. April, 02.15 Uhr (Taggenau!)
1957: Indiana Jones ist zurück. Dieses Mal, tja, also es geht irgendwie um einen außerirdischen Kristallschädel mit supertollen Kräften (Oh my god!), bösen Russen, die ihn haben wollen, einem alten Kumpel, der irgendwie zwischen die Fronten geraten ist, einen jungen Typ, der sein Sohn sein soll und viel sinnlosem Remmidemmi in Nevada und Südamerika.
Ein lahmer, vollgequasselter Actionfilm, bei dem das „Buch zum Film“ besser als der Film ist.
Mit Harrison Ford, Cate Blanchett, Karen Allen, Shia LaBeouf, Ray Winstone, John Hurt, Jim Broadbent, Igor Jijikine
„Ein Zug für zwei Halunken“ gehört zu den unbekannten und unterschätzen Werken von Robert Aldrich („Das dreckige Dutzend“, „Wiegenlied für eine Leiche“, „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“, „Rattennest“, „Vera Cruz“).
Dabei erzählt er eine für Robert Aldrich durchaus typische Geschichte: In den dreißiger Jahren fahren Landstreicher und Arbeitslose illegal auf Zügen mit. Die Zugführer versuchten dabei, mehr oder weniger erfolgreich, die Hobos am Mitfahren zu hindern (für Deutsche: es geht um das Delikt der Beförderungserschleichung). Am erfolgreichsten und auch brutalsten ist Shack (Ernest Borgnine), der Zugführer des Zugs Nummer 19. Er diskutiert nicht, sondern er schlägt gleich mit dem Hammer zu und wirft die Hobos gern vom fahrenden Zug.
Eines Tages beschließt Ass Nr. 1 (Lee Marvin), der ungekrönte König der Tramps, im Zug Nummer 19 mitzufahren. Und als ob das noch nicht gefährlich genug sei, verkündet er sein Vorhaben groß auf einem Wasserturm. Ab da wird bei den Landstreichern und dem Bahnpersonal gewettet, ob Ass Nr. 1 auf dem Zug von Shack mitfahren kann.
Das archetypische und hochgradig gekünstelte in dem archaischen Kampf zwischen dem abgrundtief bösem Shack und dem freiheitsliebendem Ass Nr. 1 unterstreichen Robert Aldrich und Drehbuchautor Christopher Knopf noch, indem Shack und Ass Nr. 1 keinen richtigen Namen und keine Back-Story haben. Wir wissen also nicht, wie sie zu den Männern wurden, die sie sind. Es wird auch nicht nach dem Sinn des Kampfes gefragt. Denn keiner von beiden verfolgt ein höheres Ziel. Stattdessen streiten sie sich wie kleine Kinder, die beide unbedingt dieses Legomobil haben müssen.
Gleichzeitig, auch weil Robert Aldrich in vielen kleinen Szenen und Geschichten immer wieder den Kapitalismus und die Conditio Humana (bzw. seinen zynischen Blick auf sie) spiegelt und sich nicht wirklich um eine Rekonstruktion der dreißiger Jahre kümmert, wird das Fabel-hafte der Geschichte deutlich und der Kampf der beiden Männer kann leicht auf andere Kämpfe übertragen werden und dann stehen Shack und Ass Nr. 1 für absolut konträre und unvereinbare Prinzipien.
Dann ist „Ein Zug für zwei Halunken“ auch ein Kommentar zu den frühen Siebzigern, als die Gesellschaft und Hollywood sich veränderten. Aber Aldrich setzt in dem Kampf von Establishment (Shack) und Anti-Establishment (Ass Nr. 1) nicht auf die Jugend. Denn Ass Nr. 1 hat zwar einen jugendlichen Begleiter (Keith Carradine), den er eher notgedrungen mitnimmt, und der bei dem Kampf von Kultur und Gegenkultur nicht für eine Seite Partei ergreift, sondern nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist. Das hat den damaligen Jugendlichen (die eifrige Kinogänger sind) selbstverständlich nicht gefallen.
Die älteren Kinozuschauer dürften sich dagegen an den Gewalttätigkeiten stören. Schon in den ersten Minuten wird ein Hobo von Shack handgreiflich aus seinem Zug geworfen und von einem anderem Zug überfahren. Auch der Schlusskampf zwischen Shack und Ass Nr. 1 wurde von Aldrich gewohnt hart und kompromisslos inszeniert.
Und natürlich stellt sich die Frage, was Ass Nr. 1 erreichen wollte. Er darf sich „Emperor of the North Pole“ nennen, was man mit „Besitzer eines Königreiches“ übersetzen könnte und einfach nur die höfliche Umschreibung für einen komplett bedeutungslosen Titel ist.
Die DVD
Die DVD-Ausgabe von Koch Media ist wirklich ein Geschenk für den Filmfan. Das beginnt mit dem schönen Cover (Wendecover!), geht über die tolle Bild- und Tonqualität des Films bis hin zum Bonusmaterial. Neben dem deutschen und englischem Trailer und einer Bildergalerie gibt es ein kurzes, in den Archiven gefundenes „Making of“. Das ist sozusagen die Pflicht. Die Kür ist ein informatives 28-seitiges Booklet und ein ebenfalls sehr informativer Audiokommentar von Dana Polan, Professor für Cinema Studies an der Tisch School of the Arts der New York University.
Ein Zug für zwei Halunken (Emperor of the North Pole/Emperor of the North, USA 1973)
Regie: Robert Aldrich
Drehbuch: Christopher Knopf
mit Lee Marvin, Ernest Borgnine, Keith Carradine, Charles Tyner, Malcolm Atterbury, Simon Oakland, Harry Caesar, Hal Baylor, Matt Clark, Elisha Cook Jr., Sid Haig, Lance Henriksen
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DVD
Koch Media
Bild: 1,85:1 (16:9)
Ton: Deutsch, Englisch, Italienisch (Dolby Digital 2.0)
Untertitel: Italienisch
Bonusmaterial: Audiokommentar von Filmhistoriker Prof. Dana Polan, Making of, Deutscher Kinotrailer, Englische Teaser und Trailer, Bildergalerie, 28-seitiges Booklet, Wendecover
Nach dem nächsten Weltkrieg verbietet ein Diktator, der sich „Vater“ nennt, die Ursache für alles Übel: Gefühle. Als einer seiner Vollstrecker, der gnadenlos gegen Menschen, die doch Gefühle entwickeln (und damit so etwas wie einen freien Willen haben), jagt, dann doch Gefühle entwickelt…
Kleiner Kultfilm, der ganz hübsch „Fahrenheit 451“ (und ähnliche Dystopien, in denen die Regierung alles ausmerzt, was ihnen nicht in den Kram passt und eine Schöne Neue Welt errichtet) mit „Matrix“-artigen Kämpfen verbindet und das alles mit vielen Aufnahmen aus Berlin (einerseits weil in Babelsberg gedreht wurde, andererseits weil die Architektur zwischen Faschismus und Moderne einfach toll aussieht), etwas „Metropolis“-Style und Faschismus-Look garniert. Die meisten Kritiker mochten den Film nicht (der Rotten-Tomatoes-Frischegrad ist 37 Prozent), die wenigen Zuschauer (in Deutschland war’s eine DVD-Premiere) mochten den durchaus geschickt bekannte Versatzstücke miteinander verbindenden Film und die Phoenix Film Critics Society nominierte den Film in der Kategorie „Übersehener Film des Jahres“.
Kurt Wimmer verspielte seinen Credit in der SF-Szene mit dem komplett misslungenen SF-Film „Ultraviolet“ und Christian Bale wurde Batman.
mit Christian Bale, Emily Watson, Taye Diggs, William Fichtner, Sean Bean, Dominic Purcell, Angus MacFadyen, Mehmet Kurtulus, David Hemmings
Hm, das waren schon die wichtigsten Informationen zu dem am Mittwoch, den 20. April, im ZDF startendem Cross-Media-Projekt. Denn nachdem um 23.20 Uhr („Für alle Nachtschwärmer wird ‚Wer rettet Dina Foxx?‘ noch einmal um 2.40 Uhr wiederholt.“ O-Ton ZDF) in einem fünfzigminütigem Film gezeigt wird, wie die radikale Datenschützerin Dina Foxx als Mörderin ihres Freundes im Knast verschwindet, kann danach im Netz nach Spuren für ihre Unschuld und den wahren Schuldigen gesucht werden und Informationen und Hinweise mit anderen Usern ausgetauscht und gemeinsam Spuren verfolgt werden.
Dabei gibt es neben dem hoffentlich spannendem Rätselelement auch einiges an Informationen über die schöne neue Welt des Internets und den Möglichkeiten und Gefahren der modernen Datenverarbeitung. Das soll, was nach dem Ansehen der Clips kein Geheimnis sein dürfte, vor allem ein jüngeres Publikum ansprechen. Das lobenswerte Ansinnen wird von den Programmplanern dann, trotz Osterferien, durch den absolut bescheuerten Sendeplatz (23.20 Uhr!) gleich ordentlich torpediert wird.
Twin Peaks: Das Geheimnis von Twin Peaks (USA 1990, R.: David Lynch)
Drehbuch: Mark Frost, David Lynch
Wer ermordete die 17-jährige Laura Palmer? Die Frage bewegte vor zwanzig Jahren nicht nur den FBI-Agenten Dale Cooper, der in dem lauschigen Städtchen Twin Peaks ermittelte, sondern auch die Zuschauer.
Zuletzt zeigte Kabel 1 2003 die Serie. Naja, die ersten 16 Folgen, dann schlug der Quotengott erbarmungslos zu und die letzten Episoden wurden nicht gezeigt. Das wird bei Arte nicht passieren. Denn Arte wird ab heute bis Ende Juni jeden Dienstag zwei bis drei Folgen „Twin Peaks“ zeigen. Und das ohne lästige Werbepausen.
Mit Kyle MacLachlan, Michael Ontkean, Mädchen Amick, Dana Ashbrook, Richard Beymer, Lara Flynn Boyle, James Marshall, Everett McGill, Jack Nance, Ray Wise, Joan Chen, Piper Laurie, Sheryl Lee
Wiederholung: Donnerstag, 21. April, 01.25 Uhr (Taggenau!)
„Meilenstein der Fernsehgeschichte“ meint Martin Compart in „Crime TV“ über die sechsteilige BBC-Serie „Am Rande der Finsternis“.
„Es ist aus vielerlei Gründen einer der aufregendsten Filme seit langem, unter anderem, weil er plastisch, mit atmosphärischer Eleganz, vor Augen führt, dass Politik längst nicht mehr das zentrale Steuerungselement der Gesellschaft ist, in dem der Sinn des Systems zusammenfließt“, schrieb Wolfram Knorr im Januar 1988 in der „Weltwoche“.
1986 gewann die Miniserie sechs BAFTA-Awards und war für fünf weitere nominiert. Im Bonusmaterial heißt es, dass keine Serie mehr Preise gewonnen habe; – wobei man den Preisregen natürlich aus damaliger Sicht, als bereits eine Nominierung etwas Besonderes war, sehen muss. In den vergangenen Jahren hat die Zahl der zu vergebenden Preise ja inflationär zugenommen.
Und in England waren Kritiker und Zuschauer von der Krimiserie begeistert.
In Deutschland lief die Serie anscheinend nur einmal im TV; – was für die Qualität der Serie spricht.
2010 gab es dann das Hollywood-Spielfilmremake. „Auftrag Mord“ hieß der Film. Martin Campbell, der bereits das Original inszenierte und danach als James-Bond-Regisseur Weltruhm erlangte, führte wieder Regie (Vielleicht dachte er dabei an Alfred Hitchcock, der seinen „Mann, der zuviel wusste“ auch zweimal drehte.). Mel Gibson übernahm nach siebenjähriger Leinwandabstinenz die Hauptrolle. In etlichen Kritiken stand, dass das Original besser sei. Aber wer kannte damals wirklich das Original?
Denn die Geschichte des Yorkshire-Polizisten Ronald Craven, der zunehmend fanatisch den Mörder seiner in der Öko-Aktivistengruppe GAIA politisch aktiven 21-jährigen Tochter sucht und sich dabei mit der Regierung, den Geheimdiensten und multinationalen Konzernen anliegt, ist fest in den frühen achtziger Jahren (nach Harrisburg, aber noch vor Tschernobyl) verhaftet. Das gilt für die Geschichte und wie sie erzählt wird. Denn die oft scheinbar endlos langen Einstellungen auf unbewegte Gesichter sind heute, abgesehen von langatmig-depressiven skandinavischen Krimis, nicht mehr zeitgemäß.
Dafür ist das Thema des Ökothrillers immer noch und nach Fukushima und je mehr von dem Geschäftsgebaren des AKW-Betreibers Tepco ans Tageslicht kommt, aktueller denn je. Denn auch International Irradiated Fuels Ltd., der Atomkonzern im Film, der in Northmoor schwach radioaktives Material lagern soll (es aber mit den Grenzwerten nicht so genau nimmt), hat de facto einen Staat im Staat errichtet und Staat und Wirtschaft tun alles, um ihre schmutzigen Geschäfte zu schützen.
Vielleicht ist „Am Rande der Finsternis“ aus heutiger Sicht etwas überschätzt. Aber in in jedem Fall ist der Sechsteiler ein sehenswerter, langsam erzählter Öko-Thriller, der einen ziemlich zynischen Blick auf die Geschäfte der Geheimdienste, Konzerne und Politik wirft.
Die DVD
Das umfangreiche Bonusmaterial wurde von der englischen DVD-Ausgabe von 2003 übernommen und allein schon der Umfang zeigt, wie wichtig die inzwischen über 25 Jahre alte Serie ist. Es gibt eine extra für die DVD produzierte, über halbstündige Doku zur Serie, bei dem auch Drehbuchautor Troy Kennedy Martin (Erfinder der langlebigen Polizeiserie „Z Cars“, Drehbücher für Polizeiserie „The Sweeney“ [Die Füchse], „The Italian Job“ [Charlie staubt Millionen ab] und „Kelly’s Heroes“ [Stoßtrupp Gold]) ausführlich zu Wort kommt.
Außerdem wurde in den BBC-Archiven gewühlt. Es gibt Aufnahmen von der BAFTA-Preisverleihung, Interviews mit Hauptdarsteller Bob Peck (der 1999 53-jährig starb) und eine kleine Kritikerrunde, die nach der dritten Folge ausgestrahlt wurde.
Insgesamt gibt es eine sehr informative Stunde, in der die damaligen Reaktionen neben neueren Meinungen und Rückblicken stehen.
Weniger beeindruckend ist dagegen die oft erschreckend schlechte Bildqualität der einzelnen Folgen. Gerade in den Nachtaufnahmen und den Aufnahmen aus der unterirdischen Lagerstätte Northmoor (in der fünften Episode) sind oft milchig-zugesuppt und die Helligkeit schwankt stark. Da glaubt man eher, einen Film aus den dreißiger Jahren als eine TV-Serie aus den Achtzigern zu sehen.
Am Rande der Finsternis (Edge of Darkness, GB 1985)
Regie: Martin Campbell
Drehbuch: Troy Kennedy Martin
mit Bob Peck, Joanne Whalley, Joe Don Baker, John Woodvine, Charles Kay, Ian McNeice
auch bekannt als „Der Plutonium-Affäre“
–
DVD
Polyband
Bild: 1,33:1 (4:3)
Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital Mono 1.0)
Untertitel: –
Extras (mit deutschen Untertiteln): MAGNOX – Die Geheimnisse von „Am Rande der Finsternis“, Haben Sie das gesehen?, Broadcasting Press Guild Award 1986, Der 1986er BAFTA-Award, Interview mit Bob Peck, Alternativer Abspann Episode 6
Vengeance – Killer unter sich (Hongkong/Frankreich 2009, R.: Johnny To)
Drehbuch: Ka-Fai Wai
In Macao wird die Tochter des französischen Restaurantbesitzers Francis Costello in ihrer Wohnung schwer verletzt. Ihre Familie wird ermordet. Costello beschließt, die Täter zu stellen. Dabei helfen dem ehemaligen Profikiller einige Kollegen, die er zufällig im Hotel trifft.
Das ging aber schnell. Bereits wenige Monate nach der DVD-Premiere läuft Johnny Tos neuester Neo-Noir-Thriller im TV.
Mit seinen neuesten Film „Vengeance“ zeigt Hongkong-Regisseur Johnnie To wieder einmal, wofür ihn Filmfans seitdem sie vor zehn Jahren seinen stilisierten Gangsterfilm „The Mission“ (Unbedingt ansehen!) sahen, lieben: schnörkelloses Genrekino mit stilvoll eingestreuten Zitaten und gerade in ihrer Reduktion grandiosen Actionszenen. Das ist in seiner Stilisierung pures Kino, das näher bei Jean-Pierre Melville als an der Wirklichkeit ist.
Denn sie kennen kein Erbarmen (D 2006, R.: Hans-Jürgen Panitz, Peter Dollinger)
Drehbuch: Hans-Jürgen Panitz, Peter Dollinger
Sehr informative, spielfilmlange Doku über den Italo-Western.
Mit Franco Nero, Ferdinando Baldi, Claudia Cardinale, Pierre Brice, Sergio Corbucci, Damiano Damiani, Clint Eastwood, Alberto Grimaldi, Robert Hossein, Sergio Leone, Antonio Margheriti, Tomas Milian, Ennio Morricone, Bud Spencer, Jean-Louis Trintignant, Eli Wallach
Zwei Männer entführen die junge, gut aussehende und vermögende Alice Creed (Gemma Arterton aka Bond-Girl Strawberry Fields in „Ein Quantum Trost“). Die beiden Entführer, der ältere Vic (Eddie Marsan) und sein Gehilfe, der jüngere Danny (Martin Compston), haben sich, wie schon die präzise wie ein Schweizer Uhrwerk abgelaufenen Vorbereitungen gezeigt haben, gut auf die Entführung vorbereitet.
Die beiden Ex-Knackis haben offensichtlich ihre Hausaufgaben gemacht und sich auf alles vorbereitet, bis Danny allein mit Alice im Apartment ist und sie auf die Toilette muss. Er stellt ihr einen Eimer vor’s Bett und sie soll, angekettet an einen Bettpfosten, ihr Geschäft erledigen. Es gelingt ihr trotzdem, an Dannys Pistole zu kommen – und wir erleben, nach 28 straff erzählten Minuten, unsere erste echte Überraschung. Zahlreiche weitere folgen in dem kleinen, aber sehr feinem, wendungsreichem Entführungsthriller, der aus der bekannten Situation und einem sehr überschaubarem Budget ein Maximum an Spannung herausholt. Denn „Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ ist ein Drei-Personen-Stück, das die meiste Zeit in dem absolut anonymem Apartment, in dem Alice Creed gefangen gehalten wird, spielt. Diese Beschränkung wird von Autor und Regisseur J. Blakeson, der hier nach zwei Kurzfilmen sein Spielfilmdebüt vorlegt, als Vorteil gesehen. Denn so lenkt nichts von den sich ständig verändernden Beziehungen innerhalb des Trios ab. Und Blakeson weiß, wie er mit minimalen Mitteln, wie einer Kugelhülse, Spannung aufbaut.
„Spurlos – Die Entführung der Alice Creed“ will einfach nur neunzig Minuten spannend unterhalten. Und das tut er glänzend.
Spurlos – Die Entführung der Alice Creed (The Disappearance of Alice Creed, GB 2009)
Regie: J. Blakeson
Drehbuch: J. Blakeson
mit Gemma Arterton, Martin Compston, Eddie Marsan
–
DVD
Ascot-Elite
Bild: 2.40:1 (16:9)
Ton: Deutsch (DTS, Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch
Bonusmaterial (angekündigt): Originaltrailer, Making of Featurette, Interview mit Regisseur, Interview mit Produzent, Interview mit Gemma Arterton, Interview mit Eddie Marsan, Interview mit Martin Compston, Interview mit Philip Blaubach (Kameramann), Behind the Scenes, Wendecover
LV: Max Allan Collins (Text), Richard Piers Rayner (Zeichnungen): Road to Perdition, 1998 (Road to Perdition, Graphic Novel)
Buch zum Film: Max Allan Collins: Road to Perdition, 2002 (Road to Perdition)
Chicago, 30er Jahre: Profikiller Michael Sullivan steht plötzlich selbst auf der Abschußliste. Nachdem seine Familie umgebracht wird, flüchtet er mit seinem Sohn aus Chicago.
„Sam Mendes ist eine äußerst sehenswerte, in die Tiefe des Vater-Sohn-Verhältnisses lotende Film-noir-Tragödie gelungen, mit exzellenten Schauspielern und großartiger Kamerarbeit von Conrad L. Hall.“ (Sönke Lars Neuwöhner, tip 18/2002) oder „großartig besetzter, klassisch epigonaler Gangsterfilm“ (Adrian Prechtel, AZ 5. 9. 2002). Wahrscheinlich bin ich einer der wenigen Menschen, die die Graphic Novel dem etwas langatmigen Film vorziehen.
Max Allan Collins schrieb nach der erfolgreichen Verfilmung weitere Romane und Graphic-Novels, in denen die Geschichte von Michael Sullivan jr. weitererzählt wird. Übersetzt wurde nur die erste Fortsetzung „Road to Purgatory“ (2004, Road to Purgatory – Straße der Vergeltung).
Wie üblich dürfte die 20.15 Uhr-Ausstrahlung gekürzt sein.
R. i. P. Craig Thomas (24. November 1942, Cardiff – 4. April 2011, Somerset)
Für mich war der Engländer Craig Thomas, der Erfinder des Techno-Thrillers, ein sehr wichtiger Autor. Zum ersten Mal begegnete ich ihm als Ideenlieferant für den Clint-Eastwood-Film „Firefox“. Mein erster Clint-Eastwood-Film, aber nicht der letzte. Danach las, nein, verschlang ich die Vorlage, einem, so mein damaliges Gefühl, spannender Thriller über einen Amerikaner, der den Russen ein Superduperflugzeug mopsen soll, und Craig Thomas wanderte auf meine Zu-lesen-Liste. Er gehörte auch zu den ersten Autoren, die ich im Original las, weil der Heyne Verlag nicht schnell genug die Übersetzungen lieferte und einige Bücher, wie sein Debüt „Rat Trap“, überhaupt nicht übersetzte.
„Rat Trap“ ist ein 250-seitiger Thriller über eine Flugzeugentführung. Das war damals – der Roman erschien 1976 – ein großes Thema und der britische SIS-Geheimdienstchef Kenneth Aubrey, der in fast allen Romanen von Craig Thomas eine wichtige Rolle hatte, musste sich hier noch mit einem Cameo-Auftritt begnügen.. Die späteren Romane von Craig Thomas waren dann länger. So um die vier- bis fünfhundert Seiten.
Die direkt an „Firefox“ anschließende Fortsetzung „Firefox Down“ verschlang ich in wenigen Tagen.
Craig Thomas war auch der erste Autor, von dem ich mit meinem schmalen Taschengeld ein Hardcover im Original kaufte. „The Bear’s Tears“ hieß das Werk – und ich erinnere mich an keine einzige Zeile mehr.
Irgendwann in den frühen Neunzigern verlor ich das Interesse an den dicken Geheimdienstschinken des ehemaligen Lehrers. Nach dem Ende des Kalten Krieges hatte er, wie alle Spionageromanschriftsteller, sein großes Thema, den Kampf zwischen Ost und West, verloren. Es wurde sogar gefragt, ob es jetzt, am „Ende der Geschichte“, überhaupt noch Geheimdienste geben müsse. Naja, die Frage wurde schnell und schon lange vor 9/11 beantwortet.
Craig Thomas schrieb weiter. 1998 veröffentlichte er mit „Slipping into Shadow“ seinen letzten Roman. Warum er danach aufhörte zu schreiben, weiß ich nicht.
„Was Craig Thomas schreibt, ist Kolportage, allerdings in Vollendung. Er nistet sich in den Lücken der Zeitgeschichte ein und spekuliert munter drauflos.“ (Rudi Kost/Thomas Klingenmaier: Steckbriefe, rororo 1995)
Gleichzeitig war er (lange vor Tom Clancy) der erste, der in seinen Agentenschmökern die Geschichte mit Unmengen an technischen Details über mehr oder weniger fantastischen militärischen Waffensystemen aufpeppte. Das Publikum, wie die Millionenauflagen zeigten, liebte ihn dafür.
Unter Thriller-Fans wird er deshalb als Erfinder des Techno-Thrillers und der Vorlage für einen Clint-Eastwood-Film in Erinnerung bleiben.
Craig Thomas starb am 4. April 2011 an einer Pneumonie, die die Folge eines kurzen Kampfes gegen eine akute myeloische Leukämie war.
James Bond: Stirb an einem anderen Tag (USA/GB 2002, R.: Lee Tamahori)
Drehbuch: Neal Purvis, Robert Wade
LV: Charakter von Ian Fleming
Buch zum Film: Raymond Benson: Die Another Day, 2002
Nachdem James Bond kurzzeitig von M gefeuert wird, darf er wieder die Welt retten. Aktuelle Schauplätze sind Nordkorea, Hongkong, Kuba, London und Island.
Vierter und letzter Bond-Film mit Pierce Brosnan, der sich nicht sonderlich von den vorherigen unterscheidet: kurzweiliges Popcornkino für die ganze Familie.
Mit Pierce Brosnan, Halle Berry, Rick Yune, Judi Dench, John Cleese, Toby Stephens, Michael Madsen, Rosamund Pike, Michael G. Wilson, Madonna
Robert Gregory Browne: Down Among The Dead Men (St. Martin’s)
Max Allan Collins/Matthew Clemens: You Can’t Stop Me (Pinnacle)
J.T. Ellison: The Cold Room (Mira)
Shane Gericke: Torn Apart (Pinnacle)
John Trace: The Venice Conspiracy (Hachette Digital)
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Best First Novel
Carla Buckley: The Things That Keep Us Here (Random House)
Paul Doiron: The Poacher’s Son (Minatour)
Reece Hirsch: The Insider (Berkley)
Thomas Kaufman: Dring The Tea (Minatour)
Chevy Stevens: Still Missing (St. Martin’s)
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Best Short Story
Mike Carey: Second Wind (in „The New Dead“, St. Martin’s)
Michael Connelly: Blue on Black (Strand Magazine)
Richard Helms: The God for Vengeance Cry (Dell Magazine)
Harley Jane Kozak: Madeeda (Crimes By Midnight)
Nicolas Kaufman: Chasing the Dragon (ChiZine Magazine)
Mickey Spillane/Max Allan Collins: Long Time Dead (Strand Magazine)
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Die Preisverleihung ist während des Thriller Fest am 9. Juli 2011 im Grand Hyatt, New York City.
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Bis jetzt wurde (wenn ich mich nicht irre) noch kein nominiertes Buch übersetzt, aber gerade die in der Kategorie „bestes Hardcover“ nominierten Thriller dürften demnächst alle übersetzt werden.