Neu im Kino/Filmkritik: Noomi Rapace hat Angst vor dem „Babycall“

Juli 12, 2012

Noomi Rapace haben wir in den letzten Jahren als Lisbeth Salander in den Stieg-Larsson-Verfilmungen „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ und als ebenfalls schlagkräftige Zigeuner-Wahrsagerin in Guy Ritchies „Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“ kennen gelernt – und in Ridley Scotts Irgendwie-„Alien“-Prequel „Prometheus“ scheint sie wieder kein verhuschtes Mäuschen zu spielen.

Aber genau das spielt sie in Pål Sletaunes neuem Film „Babycall“ und allein schon dieser Besetzungscoup verschafft dem Psychothriller die nötige Aufmerksamkeit. Dabei ist die Story, die sich auf die von Noomi Rapace grandios gespielte Anna konzentriert, auch gut.

Anna ist die sehr verängstigte und überfürsorgliche Mutter des achtjährigen Anders. Sie hat auch allen Grund dazu. Ihr gewalttätiger Mann hatte Anders während eines Streits aus dem Fenster eines höheren Stockwerks gehalten. Danach bekamen Anna und Anders vom Sozialamt eine neue Identität und eine neue Wohnung in einer anonymen Mietskaserne. Hier könne, versichern ihr ihre beiden Sozialarbeiter beim Einzug, ihr Mann sie niemals finden.

Die zutiefst traumatisierte und verängstigte Anna will die ihr gebotene Chance auf ein neues Leben ergreifen. Gleichzeitig lässt sie, aus lauter Angst um das Leben von Anders, ihren Sohn nur neben sich im Bett schlafen. Sogar in der Schule würde sie am liebsten während des Unterrichts neben ihm sitzen.

Erst als die sie betreuenden Sozialarbeiter, ihr sagen, dass sie, wenn Anders nicht in seinem Zimmer schlafen dürfe, das Sorgerecht verliere, lässt sie ihn nachts alleine schlafen. Davor hat sie allerdings ein Babyphon gekauft. So hört sie immer, dass mit ihrem Sohn alles in Ordnung ist.

In der Nacht wird sie wach. Durch das Babyphon hört sie einen Streit. Aber Anders schläft friedlich in seinem Bett.

Etwas später erzählt ihr Anders, dass sein Vater ihn in der Schule besucht habe.

Und wir fragen uns, ob sie wirklich hört, wie eine andere Frau geschlagen wird, ober ob sie von ihrem Mann in den Wahnsinn getrieben werden soll oder ob sie das alles zusammenfantasiert. Immerhin hört sie die Stimmen nur, wenn sie allein ist. Und der See, zu dem sie mit Anders gehen will, ist plötzlich nicht mehr da.

Autor und Regisseur Pål Sletaune (Next Door, Wenn der Postmann gar nicht klingelt) legt in dem Psychothriller, in dem er Anna konsequent von Männern umgibt, die falschen Fährten kunstvoll und reichlich aus und so bleibt bis zum Schluss unklar, was in Annas Leben Wahn und Wirklichkeit ist.

Kameramann John Andreas Andersen (zuletzt „Jo Nesbø’s Headhunters“ und „King of Devil’s Island“) findet dazu die richtigen Bilder, die mit ihrem kühl-distanziertem Blick eine Objektivität vortäuschen, die sich am Ende als falscher Schein entpuppt. Jedenfalls irgendwie.

Babycall (Babycall, Norwegen 2011)

Regie: Pål Sletaune

Drehbuch: Pål Sletaune

mit Noomi Rapace, Kristoffer Joner, Vetle Qvenild Werring, Stig R. Amdam, Maria Bock

Länge: 95 Minuten

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Babycall“

Rotten Tomatoes über „Baby Call“

Wikipedia über „Baby Call“


TV-Tipp für den 12. Juli: Freiheit fürs Internet

Juli 12, 2012

3sat, 20.15

Freiheit fürs Internet

45-minütige Doku die zeigt, welches Potential in einem freien und unzensiertem Internet steckt – und warum Regierungen das nicht gut finden.

Ab 21.00 Uhr beschäftigt sich „scobel“ eine Stunde mit dem Thema.

Einige Infos zur Doku, inclusive dem Zugang zur Mediathek, gibt es hier.

 


Kurze Lobhuddelei auf Daniel Woodrells „Der Tod von Sweet Mister“

Juli 11, 2012

Der übergewichtige Shug ‚Shuggie‘ Akins ist erst dreizehn Jahre alt. Trotzdem muss er schon den halben Haushalt schmeißen. Seine Mutter Glenda, die ihn liebevoll „Sweet Mister“ nennt, ist eine Trinkerin mit wechselnden Liebhabern. Die jüngste Eroberung der Schönheit ist Red, der als wahres Vorbild Shuggie in die Feinheiten des kleinkriminellen Lebens einführt und nebenbei Glenda verprügelt.

Als Jimmy Vin Pearce in seinem Ford Thunderbird auftaucht, ist er, allein schon durch sein Auto, für Glenda die Verheißung auf ein besseres Leben und als die Konflikte eskalieren, sieht Shuggie seine Chance gekommen.

Mit „Der Tod von Sweet Mister“, das im Original bereits vor über zehn Jahren erschien, erzählte Daniel Woodrell seine in den Ozarks spielende Geschichte erstmals aus der Perspektive eines Jugendlichen. In seinem nächsten Roman „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006), der auch erfolgreich verfilmt wurde, war eine Jugendliche, die, um ihr heruntergekommenes Haus vor einer Pfändung zu bewahren, ihren verschwundenen Vater finden musste, die Protagonistin.

Dennoch sind diese beiden Country-Noirs keine Kinder- oder Jugendbücher. Dafür müssen Shuggie und Ree Dolly, die immerhin schon Sechzehn ist, viel zu früh Verantwortung für sich und ihre Familie übernehmen. Immerhin spielen Woodrells Geschichten, bis auf seinen Western „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on, 1987, später wegen der Verfilmung „Ride with the Devil“), in der Gegenwart in den Ozarks, einem Waldgebiet in Missouri, das, jedenfalls in den grandiosen Büchern von Daniel Woodrell, eine Hochburg der Hinterwäldler und des White Trashs ist, und wo sich Armut und kriminelle Aktivitäten glänzend verstehen.

Daniel Woodrell, der in West Plains,Missouri, lebt, beschreibt deren Leben, ohne etwas zu beschönigen, aber mit deutlicher Sympathie, in wenigen, präzise gewählten Worten und Bildern. Allein schon der Anfang von „Der Tod von Sweet Mister“ sagt so unglaublich viel über den Erzähler Shuggie, Red, deren Leben und die kommenden Ereignisse: „Als wir die Staatsgrenze überquert hatten, sagte Red, ich solle aussteigen und den Pick-up in eine andere Farbe umlackieren. Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist. Seine Stimme wollte mich diesen wartenden Würmern vorstellen.“

In knappen Szenen und dem Mut zur klug gesetzten Lücke, die vom Leser ausgefüllt werden muss, treibt Daniel Woodrell seine Geschichten voran. So bleiben seine Bücher angenehm schlank. Gleichzeitig lenkt nichts von seiner düsteren Weltsicht ab.

Insofern ist auch „Der Tod von Sweet Mister“ eine Mogelpackung. Denn anstatt einer schnellen und entsprechend schnell vergessenen Lektüre für einen lauen Sommerabend gibt es eine Geschichte, die einen noch lange danach beschäftigt.

Hinweis 1: Neue Daniel-Woodrell-Fans dürfen sich auf die Wiederveröffentlichung seiner drei René-Shade-Romane, die im November, bei Heyne als Sammelband „Im Süden: Die Bayou-Trilogie“ erscheinen, freuen. Die drei Romane waren seit Ewigkeiten nicht mehr erhältlich.

Hinweis 2: Daniel Woodrell ist, pünktlich zur Taschenbuchausgabe von „Winters Knochen“ (ebenfalls bei Heyne), vom 12. bis 18. September in Deutschland auf Lesereise. Die genauen Daten demnächst.

Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

(übersetzt von Peter Torberg)

Liebeskind, 2012

192 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

The Death of Sweet Mister

Marian Wood Books/G. P. Putnam’s Son, 2001

Hinweise

Kaliber.38 über Daniel Woodrell

Mordlust über Daniel Woodrell

Wikipedia über Daniel Woodrell

The Independent: John Williams über Daniel Woodrell (16. Juni 2006)

The Southeast Review interviewt Daniel Woodrell (1. April 2009)

River Cities’ Reader über Daniel Woodrell (8. April 2010)

The Wall Street Journal/Speakeasy (Steven Kurutz) unterhält sich mit Daniel Woodrell über “Winter’s Bone” (27. Februar 2011)

Daniel Woodrell bei Mulholand Books

Meine Besprechung von Daniel Woodrells „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006)

Daniel Woodrell in der Kriminalakte


TV-Tipp für den 11. Juli: Der Swimmingpool

Juli 10, 2012

HR, 00.15

Der Swimmingpool (F/I 1968, R.: Jacques Deray)

Drehbuch: Jean-Emmanuel Conil (Pseudonym von Alain Page), Jean-Claude Carrière (Adaption und Dialoge), Jacques Deray (Adaption und Dialoge)

Viel Story hat „Der Swimmingpool“ nicht, aber darum ging es auch nicht. Denn das High Concept hieß: Das ehemalige Liebespaar „Alain Delon und Romy Schneider am Swimmingpool. Und Jane Birkin ist auch dabei.“

Denn der Filmplot ist eine (wenn man mehr als Delon und Schneider leicht bekleidet am Swimmingpool sehen will) arg zähe Dreiecksgeschichte mit Sex und Mord unter der südfranzösischen Sonne.

mit Alain Delon, Romy Schneider, Maurice Ronet, Jane Birkin

Hinweise

Homepage von Alain Delon

Wikipedia über Alain Delon (deutsch, englisch, französisch)

Wikipedia über „Der Swimmingpool“ (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von „Der Leopard“ (mit Alain Delon und Burt Lancaster)

Meine Besprechung von „Die Abenteurer“ (mit Alain Delon und Lino Ventura)

Alain Delon in der Kriminalakte

Kriminalakte zum 75. Geburtstag von Alain Delon


Der emsige Robert Kirkman zwischen „The Walking Dead“ und „Haunt“

Juli 10, 2012

Robert Kirkmans „The Walking Dead“-Universum expandiert unaufhörlich. Zuerst ins Fernsehen mit einer erfolgreichen TV-Serie, die schnell – und auf Wunsch von Kirkman, der Mitproduzent ist – mit den aus der Comicserie bekannten Charakteren eigene Wege beschritt. In den USA wartet man schon auf die dritte Staffel der grandiosen Serie.

Die Tage erschien bei Heyne der Roman „The Walking Dead“ von Robert Kirkman und Jay Bonansinga. In dem Roman, der der Auftakt einer Trilogie ist, erzählen sie, wie Philip Blake zu dem selbsternannten Gouverneur von Woodbury wird. Der Despot war in den „The Walking Dead“-Sammelbänden 5 bis 8 der schreckliche Gegner von Rick Grimes und der von ihm angeführten Gruppe Überlebender.

Es gibt eine Webserie und Computerspiele, die mich nicht sonderlich interessieren.

Und dann gibt es auch noch das Mutterschiff: die Comicserie, von der in den USA gerade das einhundertste Heft veröffentlicht wurde und ein Ende der Geschichte ist nicht absehbar. Inzwischen ist der Grund für die Zombieplage, die fast alle Menschen tötete, ziemlich egal. Schließlich geht es Robert Kirkman schon seit den ersten „The Walking Dead“-Heften nicht um fröhliches Zombie-Klatschen oder um brachiale Zeitkritik, sondern um die Frage, wie Menschen in einer für sie neuen Situation überleben und sie ihr Leben in einer feindlichen Welt organisieren. Er fragt, was das Menschsein ausmacht und zeigt dies an den unterschiedlichen Reaktionen einer Gruppe von Menschen, die durch die USA reisen. Ihr letztes Ziel war Washington, D. C., weil es dort eine Erklärung und ein Mittel gegen die Zombies geben sollte.

Auf ihrer Reise dorthin erlebte die von Rick Grimes angeführte Gruppe viele Abenteuer. Grimes ist ein Polizist, der die Katastrophe nach einer Schussverletzung im Koma überlebte, seine inzwischen verstorbene Frau und ihren Sohn Carl suchte, sich einer Gruppe Überlebender anschloss und, aufgrund seiner Führungsqualitäten, schnell ihr Anführer wurde. Zuletzt trafen sie auf eine andere Gruppe und Grimes fand in deren Anführer, dem Soldaten Abraham „Abe“ Ford, einen ähnlich denkenden Freund. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Hauptstadt.

Washington entpuppte sich dann als falsches Versprechen. Aber sie fanden die Kommune Alexandria, die auf Grimes und die anderen wie das Paradies wirkt. Denn dort lebt, abgeschottet von der feindlichen Umwelt, eine friedliche Gemeinschaft, die das Gegenteil von Woodbury ist und auch wohnlicher als das Gefängnis, das ihnen eine Zeit lang als Unterschlupf diente, sind die Vorstadthäuser allemal.

Der vierzehnte „The Walking Dead“-Sammelband endete mit einem für sie verlustreichen Angriff der Zombies auf die Siedlung. Auch Carl Grimes wurde durch eine Kugel am Kopf schwer verletzt.

Der jetzt erschienene fünfzehnten „The Walking Dead“-Sammelband „Dein Wille geschehe“ (der die Hefte 85 bis 90 enthält) führt die Geschichte nahtlos fort. Aber Autor Robert Kirkmann, wie immer fabelhaft unterstützt von den Zeichnern Charlie Adlard und Cliff Rathburn (der für die Grautöne zuständig ist), gibt der Geschichte einen neuen Dreh. Denn Rick Grimes, der bislang das Überleben seiner Familie immer an die erste Stelle gesetzt hat, will jetzt nicht mehr nur Überleben, sondern eine neue Gemeinschaft aufbauen. Alexandria soll der Nukleus für eine neue Welt werden. Die Rückkehr zur Zivilisation.

Aber nicht jeder kann sich damit anfreunden, dass er der quasi selbsternannte Anführer ist und dass die von Grimes geführte Gruppe, die lange Zeit in der Wildnis überlebte und daher gewohnt ist, ihre Ziele im Zweifelsfall rücksichtslos zu verfolgen, jetzt die Zukunft der Stadt bestimmen soll.

Dein Wille geschehe“ erzählt die Geschichte von Rick Grimes spannend fort und endet mit einem hoffnungsvollem Cliffhanger. Jedenfalls für „The Walking Dead“-Verhältnisse.

Als Bonusmaterial gibt es den fünfzehnten und letzten Teil der informativen Zombie-Guide, der sich dieses Mal mit George A. Romeros Spätwerk, anderen zeitgenössischen Zombie-Filmen und, wegen „Rammbock“, dem Kleinen Fernsehspiel beschäftigt.

Mal sehen, was die Jungs von Cross Cult für den sechzehnten „The Walking Dead“-Sammelband „Eine größere Welt“, der im Herbst erscheint, als Bonusmaterial beigeben.

Neben „The Walking Dead“ erfand und schrieb Robert Kirkman, zusammen mit seinem Idol Todd McFarlane, auch die Superheldenserie „Haunt“ und wegen „The Walking Dead“ hörte er nach dem 18. „Haunt“-Heft auf. Denn die „The Walking Dead“-TV-Serie beanspruchte zu viel Zeit. Für Todd McFarlane, der selbst mit einem „Spawn“-Drehbuch beschäftigt war, war das die Gelegenheit, die Serie in andere Autorenhände zu übergeben. Ab dem 19. Heft haben Autor Joe Casey und Zeichner Nathan Fox die Serie übernommen. Deren Einstand als Autor/Zeichner-Team ist, gesammelt in vierten „Haunt“-Sammelband, für Mitte August angekündigt.

Haunt ist ein Superwesen, das durch die Verbindung von Daniel Kilgore, einem Priester, und seinem Bruder Kurt, einem US-Geheimagenten, der bei einer Mission starb, entstand und, nachdem die Agency von Daniel Kilgores Fähigkeiten erfahren hat, ihn verpflichtete.

Ein Blick auf die davor erschienenen, noch von Todd McFarlane und Robert Kirkman geschriebenen „Haunt“-Hefte 13 bis 18, die in „Haunt – Band 3“ erschienen sind, lässt mich vermuten, dass der Autorenwechsel eine kluge Entscheidung war. Denn die Geschichten plätschern durchaus kurzweilig, aber auch etwas ziellos vor sich hin. Da hilft auch das Auftauchen von dem „Gespenst“, einem für fast alle unsichtbarem, roten Wesen, das Haunt mächtig Probleme bereitet, nicht.

Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2012

152 Seiten

16 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead, Vol. 15: We find ourselves

Image Comics, 2012

enthält

The Walking Dead, # 85 – 90

Todd McFarlane/Robert Kirkman/Greg Capullo: Haunt – Band 3

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini, 2012

132 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Haunt # 13 – 18

Image, 2011

Hinweise

Offizielle „The Walking Dead“-Seite

Wikipedia über „The Walking Dead“ (deutsch, englisch)

AMC-Blog zu „The Walking Dead“

„The Walking Dead“-Fanseite

„The Walking Dead“-Wiki

Spiegel Online: Interview mit Charlie Adlard (21. Oktober 2011)

Kriminalakte: Meine Gesamtbesprechung der ersten zehn „The Walking Dead“-Bände

 Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 11: Jäger und Gejagte“ (The Walking Dead Vol. 11: Fear the hunters)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 12: Schöne neue Welt“ (The Walking Dead Vol. 12: Life among them)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 13: Kein Zurück“ (The Walking Dead Vol. 13: Too far gone, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead 14: In der Falle“ (The Walking Dead Vol. 14: No way out, 2011)

Meine Besprechung von Robert Kirkman/Tony Moore/Charlie Adlard/Cliff Rathburns „The Walking Dead – Die Cover, Volume 1“ (The Walking Dead: The Covers, Vol. 1, 2010)

Meine Besprechung der TV-Serie „The Walking Dead – Staffel 1“ (USA 2010)

Kriminalakte: das Comic-Con-Panel zur TV-Serie

“The Walking Dead” in der Kriminalakte 

Homepage von Todd McFarlane

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert Kirkman (Autor, Co-Creator)/Ryan Ottley (Zeichner)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 1“ (Haunt, Vol 1 – 5, 2010)

Meine Besprechung von Todd McFarlane (Tusche, Co-Creator)/Robert /Kirkman (Autor, Co-Creator)/Greg Capullo (Zeichner) „Haunt – Band 2“ (Haunt, Vol. 6 – 12, 2010)

Bonushinweis

Noch nicht gelesen, aber der Vollständigkeit halber und weil in den USA bereits im Oktober „The Road to Woodbury“, der zweite „The Walking Dead“-Roman von Robert Kirkman und Jay Bonansinga erscheint, gibt es die bibliographischen Angaben zum ersten „The Walking Dead“-Roman und einen Einblick in die Buchvorstellung.

Einige von Bonansingas älteren Romanen erschienen bei verschiedenen deutschen Verlagen. Die meisten bei rororo, einige noch beim Buchhändler ihres Vertrauens, die meisten inzwischen beim Antiquar ihres Vertrauens.

Robert Kirkman/Jay Bonansinga: The Walking Dead

(übersetzt von Wally Anker)

Heyne, 2012

448 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

The Walking Dead: Rise of the Governor

St. Martin’s Griffin/Thomas Dunne Books, 2011

 


Cover der Woche

Juli 10, 2012


TV-Tipp für den 10. Juli: Allah in Ehrenfeld

Juli 10, 2012

ARD, 22.45

Allah in Ehrenfeld (D 2012, R.: Birgit Schulz, Gerhard Schick)

Drehbuch: Birgit Schulz, Gerhard Schick

Super! Da bringt das Erste eine spielfilmlange Dokumentation über den Bau der Zentralmoschee im Kölner Stadtteil Ehrenfeld und den Streit, der den Moscheebau seit der Vorstellung der Pläne, über den Baubeginn bis zum Bauende begleitet – und versteckt sie mitten in der Nacht. „Der Dicke“ und „In aller Freundschaft“ sind halt wichtiger. Außerdem kann man sich – hoffe ich – die Doku ja in der Mediathek ansehen. Damit ist der Bildungsauftrag dann erfüllt.

Hinweise

ARD über die Doku

Bildersturm-Film über „Allah in Ehrenfeld“


R. i. P. Ernest Borgnine

Juli 9, 2012

R. i. P.: Ernest Borgnine (24. Januar 1917, Hamden, Connecticut – 8. Juli 2012, Los Angeles, Kalifornien)

Irgendwie war Ernest Borgnine immer da. Über 200 Filme drehte er seit 1951, als er in „China Corsair“ sein Debüt als Hu Chang gab.

Danach spielte er in „Verdammt in alle Ewigkeit“ (1953), „Johnny Guitar“ (1954), „Vera Cruz“ (1954), „Marty“ (1955 – für diese Rolle erhielt er unter anderem den Oscar, Golden Globe und BAFTA-Award als bester Hauptdarsteller), „Das dreckige Dutzend“ (1967), „Eisstation Zebra“ (1968), „The Wild Bunch“ (1969), „Ein Zug für zwei Halunken“ (1973), „Convoy“ (1978), „Die Klapperschlange“ (1981), „Gattaca“ (1997), „R. E. D. – Älter. Härter. Besser.“ (2010) und in der TV-Serie „Airwolf“ (1984 – 1986) mit. Um nur einige seiner wichtigeren und bekannteren Filme zu nennen.

Sein letzter Film „The Man Who Shook the Hand of Vicente Fernandez“ (2012), sogar mit ihm in der Hauptrolle, wartet noch auf die richtige Auswertung. Beim Newport Beach Film Festival erhielt er den Preis in der Kategorie „Outstanding Achievement in Acting“.

Erste Nachrufe gibt es im Guardian, New York Times, Huffington Post (ausführliche AP-Meldung), Deadline Hollywood – und mehr demnächst.

Bis dahin könnt ihr euch dieses zweieinhalbstündige Interview vom 10. Oktober 2008 im „Archive of American Television“ ansehen.


TV-Tipp für den 9. Juli: Cruising

Juli 9, 2012

Arte, 22.10

Cruising (USA 1980, R.: William Friedkin)

Drehbuch: William Friedkin

LV: Gerald Walker: Cruising, 1970

Polizist Steve Burns soll undercover in der New Yorker schwulen SM-Subkultur einen Mörder suchen.

Als William Friedkin den Film drehte, protestierte die schwule Gemeinschaft gegen den Film und die Kritik ging damals auch eher ungnädig mit dem Film um. Z. B. „auf Kosten dieses Milieus haut Regisseur William Friedkin kräftig auf die Pauke. Tabuisierte Minderheiten werden vor die Kamera gezerrt, doch nicht, um Wirklichkeit zu zeigen, sondern um Effekte mit der Kamera zu erhaschen.“ (Fischer Film Almanach 1981)

Es gab auch drei Razzie-Nominierungen: für das Drehbuch, die Regie und den Film.

Aus heutiger Sicht ist „Cruising“ ein faszinierender, quasi-dokumentarischer Einblick in die homosexuelle Lederszene vor Aids und erstaunlich vorurteilsfrei, was sich vor allem an den Polizisten zeigt, die, bis auf zwei Streifenpolizisten (Hinweis: merken Sie sich die Gesichter der beiden Polizisten!), keine Vorurteile gegen Homosexuelle haben und sich nach Kräften bemühen, den Täter zu fangen. Man könnte „Cruising“ sogar fast schon als schwulenfreundlich bezeichnen.

Für Friedkin war „Cruising“ immer eine Kriminalgeschichte in einem faszinierendem Milieu (deshalb ergriff er auch nicht für oder gegen die porträtierte Szene Partei), die mehr Fragen stellte, als Antworten lieferte. Das beginnt schon damit, dass am Ende zwar ein Mörder verhaftet wird, aber es unklar bleibt, welche Morde er begangen hat. Es werden auch Fragen nach der Identität und dem Selbstverständnis gestellt. Und das Ende ist ein ziemlicher Schocker, das viele neue Fragen stellt. Heute würde ein solcher Film wohl nicht mehr gedreht werden.

Für den Film ließ sich Friedkin von echten Mordfällen inspirieren, er recherchierte ausführlich in dem Milieu, unterhielt sich mit Polizisten, die teilweise auch im Film mitspielten, darüber und er drehte vor Ort, mit Männern aus der Szene.

Die Initialzündung für „Cruising“ war für Friedkin ein Gespräch mit Randy Jurgensen, der, wie der Filmheld Steve Burns, undercover im SM-Milieu einen Serienmörder jagte und selbst etliche der Probleme hatte, die Burns in dem Film hat. Jurgensen spielte in „Cruising“ Det. Lefransky.

Mit dem schon 1970 erschienenem Roman von Gerald Walker hat sein Film, so Friedkin, nichts zu tun.

Cruising“ ist kein perfekter Film (und ich würde schon gerne wissen, was in den vierzig Minuten, die vor dem Kinostart aus dem Film herausgeschnitten wurden und verschwunden sind, erzählt wurde), aber „Cruising“ ist ein faszinierender Einblick in eine fremde Welt und ein zutiefst beunruhigender Film. Immer noch.

mit Al Pacino, Paul Sorvino, Karen Allen, Richard Cox, Don Scardino, Joe Spinell, Randy Jurgensen (Polizist, Berater und Inspiration für „Cruising“), Barton Heyman, Gene Davis, Arnaldo Santana, Larry Atlas, Allan Miller, Sonny Grosso (noch ein Polizist, der schon bei „The French Connection“ dabei war), Ed O’Neill (Debüt, später hatte er eine schrecklich nette Familie), James Remar (fast sein Filmdebüt), Leo Burmester (Debüt), Powers Boothe (fast sein Filmdebüt)

Wiederholung: Freitag, 27. Juli, 00.50 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Rotten Tomatoes über „Cruising“

Wikipedia über „Cruising“ (deutsch, englisch)

Bright Lights Film über „Cruising“ (April 1996)

Rouge: Bill Krohn über „Cruising“ (2004)

Fipresci: Adrian Martin über „Cruising“ (2008)

The Hollywood Interview: William Friedkin über „Cruising“ (2007)

 


Dagger-Preise, die Erste – und einige weitere Dagger-Nominierungen

Juli 8, 2012

Die britische Autorenvereinigung Crime Writers’ Association (CWA) hat die ersten Dagger-Preise des 2012er Jahrgangs verliehen:

CWA International Dagger

The Potter’s Field, von Andrea Camilleri, übersetzt von Stephen Sartarelli (Mantle)

nominiert

I Will Have Vengeance, von Maurizio de Giovanni, übersetzt von Anne Milano Appel (Hersilia Press)

Until Thy Wrath Be Past, von Åsa Larsson, übersetzt von Laurie Thompson (Quercus/MacLehose)

Trackers, von Deon Meyer, übersetzt von T.K.L Seegers (Hodder & Stoughton)

Phantom, von Jo Nesbø, übersetzt von Don Bartlett (Harvill Secker)

The Dark Valley, von Valerio Varesi, übersetzt von Joseph Farrell (Quercus/MacLehose)

CWA Non-fiction Dagger

The Eleventh Day, von Anthony Summers und Robbyn Swan (Transworld/Doubleday)

nominiert

To Live Outside the Law, von Leaf Fielding (Serpent’s Tail)

Dark Market, von Misha Glenny (Vintage)

Hood Rat, von Gavin Knight (Pan Macmillan)

The Negotiator, von Ben Lopez (Little, Brown)

Witness, von David Smith, mit Carol Ann Lee (Mainstream)

CWA Short Story Dagger (zusammen)

The Message, von Margaret Murphy (aus „Murder Squad: Best Eaten Cold and Other Stories“, herausgegeben von Martin Edwards; The Mystery Press)

Laptop, von Cath Staincliffe (aus „Murder Squad: Best Eaten Cold and Other Stories“)

nominiert

The Golden Hour, von Bernie Crossthwaite (aus „Guilty Consciences“, herausgegeben von Martin Edwards; Severn House)

Hixton, von William Kent Krueger (aus „Crimes by Moonlight“, herausgegeben von Charlaine Harris; Gollancz)

He Did Not Always See Her, von Claire Seeber (aus „Guilty Consciences“)

A Long Time Dead, von Mickey Spillane und Max Allan Collins (aus „The Best American Mystery Stories 2011“, herausgegeben von Harlan Coben und Otto Penzler; Corvus)

CWA Ellis Peters Historical Dagger

Icelight, von Aly Monroe (John Murray)

nominiert

The Crown, von Nancy Bilyeau (Orion)

I Will Have Vengeance, von Maurizio de Giovanni (Hersilia Press)

Bitter Water, von Gordon Ferris (Corvus)

Prague Fatale, von Philip Kerr (Quercus)

Sacrilege, von S.J. Parris (HarperCollins)

A Willing Victim, von Laura Wilson (Quercus)

CWA Dagger in the Library

Steve Mosvon

nominiert

Belinda Bauer

S.J. Bolton

Susan Hill

Peter May

Imogen Robertson

CWA Debut Dagger

Beached, von Sandy Gingras

nominiert

Death von Glasgow, von Jon Breakfield

Easy to Die, von Sean Carpenter

The Watchers, von Karen Catalona

One Man Army, von Bram E. Gieben

Trick, von Sean Hancock

Broken-Winged Bird, von Renata Hill

Death Knell, von Rob Lowe

Chasing Shadows, von Lesley McLaren

The Wrong Domino, von Simon Miller

Message from Panama, von Britt Vasarhelyi

Port of Spain, von Elizabeth Wells

Aber das ist noch nicht alles. Denn es gibt noch Longlists für drei weitere Dagger-Kategorien:

The John Creasey (New Blood) Dagger

The Doll Princess, von Tom Benn (Jonathan Cape)

Heart-Shaped Bruise, von Tanya Byrne (Headline)

A Land More Kind than Home, von Wiley Cash (Bantam)

So Much Pretty, von Cara Hoffman (Century)

Good People, von Ewart Hutton (HarperCollins)

Turn of Mind, von Alice LaPlante (Harvill Secker)

The Expats, von Chris Pavone (Faber and Faber)

What Dies in Summer, von Tom Wright (Canongate)

The Ian Fleming Steel Dagger

Dare Me, von Megan Abbott (Picador)

The Shadow Patrol, von Alex Berenson (Headline)

A Foreign Country, von Charles Cumming (HarperCollins)

The Fear Index, von Robert Harris (Hutchinson)

The Dispatcher, von Ryan David Jahn (Macmillan)

Uncommon Enemy, von Alan Judd (Simon & Schuster)

The Child Who, von Simon Lelic (Mantle)

Reamde, von Neal Stephenson (Atlantic)

The Gold Dagger

A Land More Kind than Home, von Wiley Cash (Bantam)

Vengeance in Mind, von N.J. Cooper (Simon & Schuster)

Grandad, There’s a Head on the Beach, von Colin Cotterill (Quercus)

The Flight, von M.R. Hall (Mantle)

The Rage, von Gene Kerrigan (Vintage)

Turn of Mind, von Alice LaPlante (Harvill Secker)

The Child Who, von Simon Lelic (Mantle)

Bereft, von Chris Womersley (Quercus)

Wer diese Dagger-Preise erhält, wird in einigen Monaten bekannt gegeben.

(via The Rap Sheet)

 


TV-Tipp für den 8. Juli: Wag the Dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt

Juli 8, 2012

ZDFneo, 23.05

Wag the dog – Wenn der Schwanz mit dem Hund wedelt (USA 1997, R.: Barry Levinson)

Drehbuch: Hilary Henkin, David Mamet

LV: Larry Beinhart: American Hero, 1991 (American Hero)

Ein Medienberater rät dem Stab des Präsidenten, einen Krieg in Albanien zu inszenieren, um von einer Sexaffäre des Präsidenten abzulenken. Nach einem überzeugenden Anfang gerät das Ablenkungsmanöver außer Kontrolle.

Köstliche Medien- und Politsatire, die von Beinharts langatmigem Buch nur die Idee („Wir fälschen einen Krieg. Merkt doch keiner.“) übernimmt und durch die damaligen politischen Ereignisse (Clinton-Lewinsky-Affäre, Jugoslawien) eine nicht geplante tagespolitische Brisanz erhielt.

Mit einer bestens aufgelegten Riege von Schauspielern: Dustin Hoffman, Robert De Niro, Anne Heche, Denis Leary, Willie Nelson, Kirsten Dunst, William H. Macy, Woody Harrelson

Hinweise

Drehbuch „Wag the Dog“ von David Mamet

Homepage von Larry Beinhart

Huffington Post: Kolumne von Larry Beinhart

Meine Besprechung von Larry Beinharts „Crime – Kriminalromane und Thriller schreiben“


TV-Tipp für den 7. Juli: Hängt ihn höher

Juli 7, 2012

ARD, 23.45

Hängt ihn höher (USA 1967, R.: Ted Post)

Drehbuch: Leonhard Freeman, Mel Goldberg

Oklahoma 1873: Jed Cooper lässt sich zum Deputy Marshal ernennen. So kann er sich auf der Seite des Rechts an den Männern rächen, die ihn hängen wollten.

Nachdem Clint Eastwood mit den Sergio-Leone-Western „Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“ und „zwei glorreiche Halunken“ erfolgreich der Sprung vom Fernsehen ins Kino gelang, kehrte er mit „Hängt ihn höher“ zurück nach Hollywoood und setzte seinen Aufstieg fort. Der Regisseur seines nächsten Films „Coogans großer Bluff“ hieß Don Siegel und der Rest ist Geschichte.

„Hängt ihn höher“ ist ein Rachewestern, der einige unangenehme Fragen stellt.

Richard Schickel nennt in seiner Clint-Eastwood-Biographie von 1996 den Film „einen intelligenten Western, der sich zwar an die Konventionen des Genres hielt, aber dennoch komplex und originell war.“

mit Clint Eastwood, Inger Stevens, Ed Begley, Pat Hingle, Arlene Golonka, Ben Johnson, Bruce Dern, Dennis Hopper, L. Q. Jones

Hinweise

Wikipedia über „Hängt ihn höher“ (deutsch, englisch)

Kriminalakte: Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag von Clint Eastwood

Meine Besprechung von Clint Eastwoods “Hereafter – Das Leben danach” (Hereafter, USA 2010)

Clint Eastwood in der Kriminalakte


DVD-Kritik: Ein Besuch in der „Folterkammer des Hexenjägers“ mit Vincent Price, Lon Chaney jr., Debra Paget, Edgar Allan Poe, H. P. Lovecraft und Roger Corman

Juli 6, 2012

Der deutsche Titel „Die Folterkammer des Hexenjägers“ für „The haunted palace“ ist höchst kreativer Unfug. „Das Spukschloss“ hätte es besser getroffen, aber in den Sechzigern waren die deutschen Verleiher (naja, die anderen auch) immer wieder sehr kreativ bei ihrer Titelsuche.

Der Horrorfilm mit Vincent Price in einer Doppelrolle gehört zu den neun Edgar-Allan-Poe-Verfilmungen von Roger Corman, die schon damals – immerhin hat Corman schon immer darauf geachtet, dass am Ende in der Buchführung eine schwarze Null stand – durch ihre Sets (Studio zwar, Zweitverwertung sowieso, aber WOW), die bekannten Schauspieler (die damals nicht auf dem Höhepunkt ihrer Karriere standen), die atmosphärische Kameraarbeit und die guten Drehbücher beeindruckten. Unter anderem schrieben Richard Matheson, Robert Wright Campbell, die auch als Romanautoren Erfolg hatten, und Robert Towne die Bücher, die eher wenig von Poes Geschichten, aber viel von deren Schaueratmosphäre übernahmen,

Auch „Die Folterkammer des Hexenjägers“ hat all das, aber keinen Hexenjäger und über die Folterkammer könnte man streiten. Es ist eher eine riesige Halle in dem riesigen, über der Neu-England-Gemeinde Arkham thronendem Schloss.

In diesem Schloss verschwanden 1765 die Töchter der Stadt. Die Gemeinde, angeführt von Weeden (Leo Gordon), verbrennt den Schlossherrn Joseph Curven (Vincent Price) auf einem Scheiterhaufen. Mit seinem letzten Atemzug verflucht er Arkham.

Hundertzehn Jahre später taucht Curvens Nachfahre Charles Dexter Ward (ebenfalls Vincent Price) mit seiner jungen Frau Ann (Debra Paget [ihr letzter Spielfilm]) in Arkham auf. Er bezieht das verlassene Schloss – und bald versucht der gar nicht so tote Geist von Joseph Curven von ihm Besitz zu ergreifen. Denn Curven will seine vor hundertzehn Jahren begonnenen Geisterbeschwörungen fortsetzen. Sein damaliger Helfer Simon Orne (Lon Chaney jr.), der als blässlicher Hausverwalter immer wieder wie ein Geist auftaucht, ist schon da. Als Lehrbuch für seine Rituale hat Curven/Ward das Necronomicon.

Genaugenommen ist „Die Folterkammer des Hexenjägers“ keine Edgar-Allan-Poe-Verfilmung (gut, als Originaltitel wurde ein Gedichttitel von Poe genommen), sondern eine, nein, die erste H.-P.-Lovecraft-Verfilmung. Charles Beaumont folgte ziemlich genau Lovecrafts posthum veröffentlichem Roman und Roger Corman verfilmte es mit den Insignien seiner Poe-Verfilmungen. Jedenfalls optisch und mit Vincent Price als Hauptdarsteller in einer Doppelrolle, Lon Chaney jr. (Der Wolfsmensch [The Wolf Man, 1941]) als Faktotum, dem als Nebendarsteller in vielen Filmen der Schwarzen Serie immer zuverlässigen Elisha Cook jr. und vielen aus anderen Corman-Produktionen bekannten Gesichtern auch gut besetzt.

Dazu kommt noch eine Dorfgemeinschaft, die ihre missgestalteten Kinder vor der Öffentlichkeit verbirgt. Curvens erste Begegnung, nachts auf offener Straße, wenn die blinden und missgestalteten Kinder sich ihm und seiner Frau im Nebel langsam nähern und einkreisen, schockiert als Urängste aufgreifendes Bild immer noch – und erinnert an ähnliche Szenen aus später gedrehten Zombiefilmen.

Auch die anderen Kinder, von denen oft wenig zu sehen ist, sind ziemlich erschreckend, während Cthulhu als grünes, sich in einer Flüssigkeit befindendes Wesen, gar nicht so furchterregend ist.

Die Folterkammer des Hexenjägers“ ist für die Freunde des altmodischen Gruselns ein großer Spaß.

Einige andere Stimmen

ein faszinierendes Gemeinschaftsprodukt von den beiden Horror-Meistern Amerikas“ meinen James Marriott und Kim Newman in „Horror – Meisterwerke des Grauens von Alien bis Zombie“ (2007)

Sogar Ronald M. Hahn und Volker Jansen fanden in ihrem „Lexikon des Horrorfilms“ (das mit solchen Filmen eher ungnädig umgeht) lobende Worte: „einer der wenigen B-Pictures, die man sich ansehen kann, ohne Bauchschmerzen zu bekommen.“

William K. Everson, ein erklärter Fan der klassischen Horrorfilme (also der Hollywood-Horrorfilme der dreißiger und vierziger Jahre), meinte zu diesem Film immerhin „einer der besseren Roger-Corman-Horrorfilme der sechziger Jahre, als Poe-Verfilmung ausgegeben, tatsächlich eher von Lovecraft inspiriert.“ (Klassiker des Horrorfilms, 1979)

Das „Lexikon des internationalen Films“ meint: „Formal zwar über dem Durchschnitt des Genres, gleichzeitig aber geschmäcklerisch und drastisch; oberflächlich in dem Versuch, die Grenzen vom Sinnlich-Begrifflichen zum Übersinnlichen zu überschreiten.“

Der deutsche Kinostart war am 24. Oktober 1969.

Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, USA 1963)

Regie: Roger Corman

Drehbuch: Charles Beaumont

LV: Edgar Allan Poe: The haunted palace, 1839/H. P. Lovecraft: The Case of Charles Dexter Ward, 1941 (Der Fall des Charles Dexter Ward)

mit Vincent Price, Debra Paget, Lon Chaney jr., Frank Maxwell, Leo Gordon, Elisha Cook jr.

DVD

Black Hill

Bild: 2.35:1 (16:8)

Ton: Deutsch, Englisch (DD 2.0)

Untertitel: –

Bonusmaterial: Originaltrailer

Länge: 84 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Roger Cormans Edgar-Allan-Poe-Filme

Die Verfluchten (The house of Usher, 1960)

Das Pendel des Todes (Pit and the pendulum, 1961)

Lebendig begraben (The premature burial, 1962)

Der grauenvolle Mr. X (Tales of terror, 1962)

Der Rabe – Duell der Zauberer (The raven, 1963)

Die Folterkammer des Hexenjägers (The haunted palace, 1963 – obwohl genaugenommen eine Lovecraft-Verfilmung)

The Terror – Schloss des Schreckens (The terror, 1963 – obwohl der Film auf keiner Poe-Geschichte beruht, wird er manchmal zu Cormans Poe-Filmen gezählt)

Satanas – Das Schloss der blutigen Begierde (The masque of the Red Death, 1964)

Das Grab der Lygeia (The Tomb of Ligeia, 1964)

Hinweise

Wikipedia über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

TCM über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

H. P. Lovecraft: The Case of Charles Dexter Ward

Edgar Allan Poe: The haunted palace (das Gedicht wurde in „The Fall of the House of Usher“ eingefügt)

AMCTV: Stacie Ponder über „Die Folterkammer des Hexenjägers“ (31. Oktober 2008)

TCM: John H. Miller über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Classic Horror: Julia Merriam über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Senses of View: Carsten Henkelmann über „Die Folterkammer des Hexenjägers (4. September 2003)

Thomas Wagner über Roger Cormans Poe-Verfilmungen

Bonusmaterial

Joe Dante (Piranhas, Die Gremlins, Small Soldiers) spricht über „Die Folterkammer des Hexenjägers“

Christopher Lee liest Edgar Allan Poes „The haunted Palace“


Die Shortlist für den Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award 2012

Juli 6, 2012

Jetzt ist die Shortlist für den diesjährigen Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award draußen:

Now You See Me, von S.J. Bolton (Transworld)

Where the Bodies Are Buried, von Chris Brookmyre (Little, Brown)

The Burning Soul, von John Connolly (Hodder & Stoughton)

The End of the Wasp Season, von Denise Mina (Orion)

Black Flowers, von Steve Mosby (Orion)

Before I Go to Sleep, von S.J. Watson (Transworld)

Hier kann auch über die Gewinner abgestimmt werden.

Die Preisverleihung ist am 19. Juli auf der Eröffnungsveranstaltung des Theakstons Old Peculier Crime Writing Festival in Harrogate, England.

Die Longlist könnt ihr euch hier ansehen.

 


TV-Tipp für den 6. Julie: Die Liebe eines Detektivs

Juli 6, 2012

3sat, 22.25

Die Liebe eines Detektivs (USA 1990, R.: Alan Rudolph)

Drehbuch: Alan Rudolph

Privatdetektiv Harry Dobbs wird von einer Frau beauftragt, ihren Liebhaber zu beobachten. Dummerweise beobachtet er den Falschen (der eine Affäre hat). Gleichzeitig wird Dobbs, im Auftrag seiner Frau, von einer Kollegin beobachtet. Und das Liebeskarusell beginnt sich, mit Noir-Versatzstücken, zu drehen. Denn es geht, wie eigentlich immer bei Alan Rudolph, mit guten und bekannten Schauspielern und einer eleganten Inszenierung, um „Love at Large“ (so der Originaltitel).

Anscheinend läuft „Die Liebe eines Detektivs“ heute zum ersten Mal im Fernsehen und weil es keine deutsche DVD gibt, sollte man den Film unbedingt ansehen und/oder aufnehmen.

Heute ist Alan Rudolph fast vergessen. Sein letzter Film, „The secret live of Dentists“, liegt schon zehn Jahre zurück. In Deutschland wurde er nie gezeigt. Seine anderen Filme laufen eher selten im Fernsehen und wenn, dann oft zu arg ungünstigen Zeiten.

Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Willkommen in L. A.“ (Welcome to L. A., 1976, mit Keith Carradine, Sally Kellerman, Geraldine Chaplin, Harvey Keitel, Lauren Hutton und Sissy Spacek), „Roadie“ (1980, mit Meat Loaf), „Choose Me – Sag Ja“ (Choose Me, 1984, mit Geneviève Bujold und Keith Carradine), „Trouble in Mind“ (1985, mit Kris Kristofferson, Keith Carradine, Lori Singer und Geneviève Bujold) „The Moderns“ (1988, mit Keith Carradine, Linda Fiorentino, John Lone und Geneviève Bujold), „Tödliche Gedanken“ (Mortal Thoughts, 1991, mit Bruce Willis, Demi Moore und Harvey Keitel), „Equinox“ (1991, mit Matthew Modine, Lara Flynn Boyle, Fred Ward und Marisa Tomei), „Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis (Mrs. Parker and the Vicious Circle, 1994, mit Jennifer Jason Leigh, Matthew Broderick, Jennifer Beals und Andrew McCarthy), „Liebesflüstern“ (Afterglow, 1997, mit Nick Nolte, Julie Christie, Lara Flynn Boyle) und „Breakfast of Champions – Frühstück für Helden (Breakfast of Champions, 1999, mit Bruce Willis, Albert Finney, Nick Nolte, Barbara Hershey, Lukas Haas und Omar Epps).

mit Tom Berenger, Anne Archer, Elizabeth Perkins, Kate Capshaw, Neil Young, Annette O’Toole, Ted Levine

Hinweise

Wikipedia über „Die Liebe eines Detektivs“

Rotten Tomatoes über „Die Liebe eines Detektivs“

New York Times: Janet Maslin bespricht „Love at Large“ (3. März 1990)

Los Angeles Times: Peter Rainer über „Love at Large“ (23. März 1990)

Thrilling Detective über „Love at Large“ (genaugenommen über PI Harry Dobbs)


Neu im Kino/FIlmkritik: Die selbstverständlich sehr unterhaltsame Dokumentation „Woody Allen: A Documentary“

Juli 5, 2012

Woody Allen: A Documentary“ ist, dank der vielen Ausschnitte aus Woody Allens Filmen witzig und auch kurzweilig. Die vielen Interviews mit Woody Allen, seinen Filmproduzenten und Schauspielern sind informativ – und ich würde die Dokumentation, wenn sie als Bonusmaterial auf einer DVD wäre, hemmungslos abfeiern. Aber lohnt es sich, für diese Doku seine Wohnung zu verlassen und ins klimatisierte Kino zu gehen? Eher nicht.

Denn Robert B. Weide wählte die einfachste Methode, sein Material zu strukturieren: nämlich chronologisch.

Die Einblicke in Woody Allens Anfänge als Autor, Stand-Up-Comedian und Gast in TV-Shows sind sehr interessant und zeigen auch selten gezeigte Aufnahmen von seinen ersten Live-Auftritten, wie er auf der Bühne vom schüchternen Jungen mit der Brille (wir erfahren auch, wie er zu seinem Pseudonym und seiner Brille kam) zum Publikumsliebling wurde, und wie er, auf Anraten seines Managers, durch die TV-Shows tingelte und jeden erdenklichen Quatsch mitmachte. Inclusive eines Boxkampfes gegen ein Känguru. Sowieso sind gerade die Interviews über Woody Allens Anfänge und seine ersten Filme sehr interessant.

Bei den ersten Woody-Allen-Filmen geht es von „Was gibt’s Neues, Pussy?“ (What’s new, Pussycat?, 1965) gleich zu seinem Spielfilmdebüt „Woody – Der Unglücksrabe“ (Take the Money and Run, 1969) und dann chronologisch weiter durch die siebziger Jahre. Bis Mitte der achtziger Jahre behandelt Robert B. Weide dann, außer dem Episodenfilm „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“ (Everything you always wanted to know about sex, but were afraid to ask, 1972), alle von Woody Allen inszenierten Filme in kurzen Segmenten und die Laufzeit der Dokumentation schreitet unaufhaltsam voran.

Jedenfalls ist Robert B. Weide wohl ungefähr bei „Hannah und ihre Schwestern“ (Hannah and her sisters, 1986) aufgefallen, dass bis 2012 noch gut dreißig Filme behandelt werden müssten und damit „Woody Allen: A Documentary“ zu einem „Herr der Ringe“-würdigem Epos würde. Die Laufzeit können Sie sich ja, wenn sie pro Film fünf Minuten annehmen, selbst ausrechnen.

Gleichzeitig wird die Dokumentation, mit ihrem monotonen Ablauf von einigen gut ausgewählten Film- und Interviewschnipseln, und dem archivarischen Habitus, alles gleichberechtigt aufzunehmen, auch zunehmend langweiliger. Also werden ab „Radio Days“ (Radio Days, 1987) nur noch einige von Woody Allens späteren Filmen erwähnt und die Auswahl scheint sich vor allem daran orientiert zu haben, von wem es ein gutes Zitat gibt oder wer prominent genug ist. So dürfen dann Scarlett Johansson, Chris Rock, Naomi Watts und Owen Wilson etwas sagen.

Obwohl diese großen Lücken vielleicht von den für die Kinoauswertung notwendigen Kürzungen kommen. Denn „Woody Allen: A Documentary“ lief im November 2011, als Zweiteiler, in einer über dreistündigen Fassung auf dem TV-Sender PBS in der „American Masters“-Reihe. Die Kinofassung ist über eine Stunde kürzer.

Abgesehen von Woody Allens Kindheit und Jugend gönnt Robert B. Weide sich nur einen größeren Ausflug in Woody Allens Privatleben, wenn er den 1992 die Schlagzeilen beherrschenden Sorgerechtsstreit zwischen Woody Allen und Mia Farrow über ihre Adoptivkinder kurz und arg lückenhaft anspricht.

Sowieso darf man von so einer Dokumentation keinen übermäßig kritischen Blick auf das Objekt der Bewunderung erwarten. Aber eine analytische Perspektive, eine Analyse der künstlerischen Entwicklung Woody Allens (wobei man sagen kann, dass mit „Hannah und seine Schwestern“ seine Entwicklung als Künstler abgeschlossen war und man deshalb seine späteren Filme nur noch kursorisch behandelte) oder eine Strukturierung von Woody Allens Werk anhand seiner Obsessionen und wiederkehrenden Themen, hätte aus „Woody Allen: A Documentary“ einen interessanteren Film, einen Film, der einem neue Einblick auf das Werk des enorm produktiven Regisseurs, Autors und Schauspielers gibt, gemacht.

So liefert „Woody Allen: A Documentary“ einen sehr unambitionierten Bilderbogen ab, der zum wieder sehen seiner Filme einlädt und einen, wenn Woody Allen seine Schreibstube mit der alten Schreibmaschine und den Zettelkasten mit seinen aufgeschriebenen Ideen präsentiert, egal ob gelungene Selbstinszenierung oder reale Schrulligkeit, schmunzeln lässt.

Woody Allen: A Documentary (Woody Allen: A Documentary, USA 2012)

Regie: Robert B. Weide

Drehbuch: Robert B. Weide

mit Woody Allen, Letty Aronson (Schwester von Woody Allen), Marshall Brickman, Josh Brolin, Dick Cavett, Penélope Cruz, John Cusack, Larry David, Mariel Hemingway, Charles H. Joffe (Manager, Archivmaterial), Scarlett Johansson, Julie Kavner, Diane Keaton, Nettie Konigsberg (Mutter von Woody Allen, Archivmaterial), Martin Landau, Louise Lasser, Robert E. Lauder (Professor für Philosophie), Eric Lax (Autor), Leonard Maltin (Filmkritiker), Doug McGrath, Sean Penn, Tony Roberts, Chris Rock, Jack Rollins (Manager), Richard Schickel (Filmkritiker), Martin Scorsese (Ähem, Regisseur und W.-A.-Lobredner), Mira Sorvino, Stephen Tenenbaum (Produzent), Naomi Watts, Fred Weintraub (Produzent), Dianne Wiest, Gordon Willis (Kameramann), Owen Wilson

Länge: 113 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Woody Allen: A Documentary“

Rotten Tomatoes über „Woody Allen: A Documentary“

Berliner Zeitung: Interview mit Robert B. Weide zur Doku (5. Juli 2012)

PBS über „Woody Allen: A Documentary“

Homepage von Robert B. Weide

Homepage von Woody Allen

Deutsche Woody-Allen-Seite

Woody Allen in der Kriminalakte

Mehr Woody Allen?

Da gäbe es eine einstündige französische Doku von 1979, die hauptsächlich aus einem untertitelten Interview mit Woody Allen besteht:

http://www.youtube.com/watch?v=LIkXDZQgAvM&feature=related

 


Neu im Kino/Filmkritik: Über David Cronenbergs Don-DeLillo-Verfilmung „Cosmopolis“ mit Robert Pattinson in der Hauptrolle

Juli 5, 2012

Nachdem David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ (A dangerous Method, 2011) schnell als Nebenwerk abgetan wurde, waren die Erwartungen für „Cosmopolis“ hoch. Immerhin schrieb Cronenberg nach „eXistenZ“ (1999) wieder das Drehbuch für einen Spielfilm und im Cronenberg-Kanon werden die Filme, die er nach eigenen Büchern inszenierte, als die für ihn wichtigeren, persönlicheren, angesehen.

Als Vorlage nahm er ein Buch von Don DeLillo. DeLillo ist ein seit Jahrzehnten abgefeierter US-amerikanischer Autor, der mit „Unterwelt (Underworld, 1997) auch zum Bestsellerautor wurde. „Unterwelt“ ist, nach der Seitenzahl, sein Opus Magnum, das noch einmal alle seine Themen und Obsessionen auf gut tausend Seiten bündelt und, aufgrund der Länge, auch einen zerfaserten Eindruck hinterlässt.

In „Cosmopolis“ erzählt Don DeLillo auf knapp zweihundert Seiten von einem 28-jährigem Börsenspekulanten, der im April 2000 in seiner Limousine durch Manhattan fährt. Er will einen Haarschnitt bei seinem Frisör haben. Dass gleichzeitig alle Straßen wegen des Besuches des Präsidenten und einem Trauermarsch für einen Sufi-Rap-Star gesperrt sind, ist ihm egal. Auch dass der Komplex vor einem Anschlag warnt und daher die Sicherheitsmaßnahmen für Packer erhöhen will, ist im egal. Immerhin wird er von Bodyguards beschützt und seine Limousine ist sein von der Außenwelt abgeschottetes Büro, in dem er, nach Belieben, Leute empfangen kann. Für Geschäfte. Für philosophische Diskurse. Für Sex. Für seine tägliche ärztliche Untersuchung. Gerne auch gleichzeitig.

Die Fahrt ist auch eine Reise zu Eric Packers innersten Ängsten, ein Porträt von New York, vor allem der von Packers Limousine abgefahrenen 47. Straße und der Finanzindustrie – vor 9/11 und vor dem großen Finanzcrash. Gleichzeitig entwirft Don DeLillo eine Vision einer Welt, die mehr an die Cyberspace-Welten von William Gibson, als an die Realität erinnert. Jedenfalls die damalige.

Denn Packer verliert an diesem Tag sein ganzes Vermögen an der Börse. Doch dieser Verlust bleibt abstrakt. Es sind nur Zahlen auf einem Bildschirm.

Für den Film nahm David Cronenberg dann Don DeLillos Roman und verfilmte ihn mit minimalen Veränderungen. Er ließ ein, zwei Szenen weg, die sich im Film nicht realisieren ließen. Er stellte einige Kleinigkeiten um. Die größte Änderung ist, dass im Film Benno Levin (gespielt von Paul Giamatti) erst am Ende auftaucht. Davor hat Levin im Film nur einen Cameoauftritt im Hintergrund, als er, mit einer Perücke minimal verkleidet, zu einem Geldautomat geht. Im Buch gibt es dagegen 14 Seiten mit „Benno Levins Bekenntnissen“. Das Ende, der lange Dialog von Levin, der Packer umbringen will, und Eric Packer (gespielt von Robert Pattinson [mein Interview mit ihm]), ist dann wieder gleich. Im Drehbuch hatte diese Szene 22 Seiten und Cronenberg inszenierte sie fast ohne Schnitte.

Der Film ist dann auch folgerichtig ausschließlich aus Eric Packers Perspektive erzählt. Die Kamera verlässt nur mit Packer die Limousine.

Auch Don DeLillos Dialoge wurden Eins-zu-Eins übernommen. Dummerweise sind sie als Literatur vielleicht okay (obwohl sie mir schon da zu künstlich sind), aber in einem Film sind sie einfach nur noch gekünstelt.

Die Atmosphäre ist irreal oder, je nach Blickwinkel, hyperreal. Denn alle Charaktere bewegen sich wie Avatare durch eine künstliche Welt, die erst am Ende, wenn Packer sich in einem Frisörsalon, der sogar den Frisörsalon in dem Coen-Film „The Man, who wasn’t there“ modern erscheinen lässt, sich der Alltagsrealität etwas nähert. Aber auch dann inszeniert Cronenberg die Szene, als ob Packer sich in einem Alptraum befindet. Es ist eine Cyberwelt, in der es in der Matrix Hinweise auf kommende Ereignisse gibt (oder auch nicht) und in der, wie im Buch, Ereignisse hart hintereinander geschnitten werden, ohne dass die gewählte Reihenfolge die einzig mögliche oder die logisch sinnvollste ist. Alles steht unverbunden nebeneinander und nur durch Packers Reiseziel hat „Cosmopolis“ eine rudimentäre Geschichte.

Zum Ansehen ist „Cosmopolis“ dann auch hartes Brot. Denn Cronenberg lässt die Kamera meistens statisch die Schauspieler beobachten, die sich kaum bewegen und auch mimisch so wenig tun, dass die Grenze vom Unterspielen zum überhaupt nicht mehr spielen lässig überschritten wird. Einerseits trägt eben diese visuelle Kargheit zur besonderen Atmosphäre des Films bei, andererseits ist es für das Auge ähnlich anregend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. „Cosmopolis“ wirkt wie ein abgefilmtes Hörspiel mit theatralischen Dialogen, das mit Standbildern der Schauspieler illustriert wird. Besonders Eric Packer ist ein Nichts mit der Ausstrahlung eines Besenstiels. Das liegt weniger bis gar nicht an den schauspielerischen Qualitäten von Robert Pattinson, sondern an dem von Cronenberg geschriebenem Drehbuch und dem von ihm gewähltem ästhetischen Konzept, das sogar Weltklasseschauspieler wie Paul Giamatti hilflos zurücklässt. Und dabei dachte ich bis jetzt, dass Giamatti alles glaubwürdig spielen kann.

Wenn man allerdings zuerst Don DeLillos Roman liest, der sich fast wie der Roman-zum-Film liest, und sich dann den Film ansieht, wird man schon einige Hintergründe kennen und genauer verfolgen können, wo das alles hinführt. Daher empfehle ich: zuerst das Buch lesen, dann – wenn man will – den Film sehen.

Cosmopolis“ hat als furchtbar werkgetreue Adaption schon etwas, aber er ist auch furchtbar prätentiös und leblos.

Cosmopolis (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)

Regie: David Cronenberg

Drehbuch: David Cronenberg

LV: Don De Lillo: Cosmopolis, 2003 (Cosmopolis)

mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Keven Durand, K’Naan, Emily Hampshire, Samantha Morton, Paul Giamatti

Länge: 108 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage

Don DeLillo: Cosmopolis

(übersetzt von Frank Heibert)

KiWi, 2012 (Film Tie-In)

208 Seiten

8,99 Euro

Originalausgabe

Cosmopolis

Scribner, 2003

Deutsche Erstausgabe

Kiepenheuer & Witsch, 2003

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Facebook-Seite zum Film

Cannes-Presseheft für „Cosmopolis“ (informativ und schön gelayoutet)

Film-Zeit über „Cosmopolis“

Rotten Tomatoes über „Cosmopolis“

Wikipedia über „Cosmopolis“

Perlentaucher über Don DeLillos Roman „Cosmopolis“

Stuttgarter Zeitung: Mein Interview mit Robert Pattinson (5. Juli 2012)

Meine Besprechung von Marcus Stigleggers “David Cronenberg” (2011)

Vorankündigung: Mit David Cronenberg habe ich auch gesprochen. Das „Cosmopolis“-Interview gibt es bald in der Kriminalakte.


Die KrimiZeit-Bestenliste Juli 2012

Juli 5, 2012

Ohne große Worte: Die von Krimikritikern erstellte KrimiZeit-Bestenliste mit Kriminalromanen, denen sie viele Leser wünschen, für den Monat Juli:

1 (-) Daniel Woodrell: Der Tod von Sweet Mister

2 (2) Peter Temple: Tage des Bösen

3 (-) Sara Gran: Die Stadt der Toten

4 (4) Don Winslow: Die Sprache des Feuers

5 (-) Tana French: Schattenstill

6 (9) Michael Robotham: Der Insider

7 (1) Fred Vargas: Die Nacht des Zorns

8 (-) George Pelecanos: Ein schmutziges Geschäft

9 (7) David Ignatius: Der Deal

10 (3) Matthew Stokoe: High Life

In ( ) ist die Platzierung vom Vormonat.

Woodrell, Temple, Winslow, Pelecanos, Ignatius, Stokoe – passt.


TV-Tipp für den 5. Juli: Das Böse – Warum Menschen Menschen töten

Juli 5, 2012

Arte, 21.40

Das Böse – Warum Menschen Menschen töten (D 2012, R.: Karin Jurschick)

Drehbuch: Karin Jurschick

Gut einstündige Doku, die verschiedene Erklärungen vorstellt und dabei auch die aktuellen Forschungen von Wissenschaftlern, wie Gerhard Roth (Neurobiologe), Thomas Elbert (Neuropsychologe) und Harald Welzer (Sozialpsychologe), beachtet.

Jurschick drehte auch die absolut sehenswerten Dokus „Zertifikat Deutsch“ (über Deutschkurse für Ausländer; weil wir ihn auf dem One-World-Berlin-Dokumentarfilmfestival präsentierten, bin ich natürlich etwas voreingenommen), „Die Helfer und die Frauen“ (über den Frauenhandel im Kosovo und Bosnien-Herzegowina) und „Die Wolke -Tschernobyl und die Folgen“ und erhielt für ihre Arbeiten etliche Preise, wie den Grimme-Preis und den FIPRESCI-Preis.

Wiederholungen

Dienstag, 10. Juli, 02.00 Uhr (Taggenau!)

Donnerstag, 26. Juli, 05.00 Uhr (Taggenau!)

Hinweis

Arte über die Doku (viele weitere Informationen)

AG Dok über Karin Jurschick


Verlosung: Wer will ein Exemplar der düsteren Polizeiserie „Luther – Staffel 2“?

Juli 4, 2012

Für die zweite Staffel von „Luther“, der genialen Serie um den Londoner Kriminalpolizisten John Luther (grandios gespielt von Idris Elba), ließen die Macher keinen Stein auf dem anderen. Die Sets wurden verändert. So lebt John Luther inzwischen in einem Apartment, das eine Mischung aus Ruine und Müllkippe ist, die eine Hausdurchsuchung zu eine Ordnung schaffenden Maßnahme macht. Die halbe Besetzung wurde ausgetauscht; was sich auch aus dem genialem Ende der ersten Staffel erklärt. Damit erhielt die BBC-Serie eine Frischzellenkur, die in dem Moment gar nicht nötig gewesen wäre. Aber Autor Neil Cross ergriff nach dem Erfolg der ersten Staffel, die aus sechs einstündigen Episoden bestand, jetzt, anstatt einfach nur die bekannte und bewährte Formel der ersten „Luther“-Folgen fortzuführen. beherzt die Chance, etwas zu schaffen, das die Serie auf ein neues Level hob,

Die zweite Staffel besteht aus zwei spielfilmlangen Fällen. Im ersten Fall jagt er einen Serienmörder, der mit einer Harlekinmaske mordet und, so nimmt Luther an, von Märchen und Mythologien, die er als Inspiration für seine Taten benutzt, besessen ist. Im zweiten Fall jagt Luther einen Täter, der vor seinen Taten seine nächsten Schritte mit einem Würfel bestimmt. Luther fragt sich, wie er einen Täter fangen kann, der seine nächsten Taten noch nicht kennt und welches Spiel der Täter in London spielt.

In dem ersten Fall räumt Neil Cross auch mit allen losen Fäden aus der ersten Staffel auf. Deshalb verabschiedet sich auch seine psychopathische Freundin Alice Morgan (Ruth Wilson), die ich inzwischen wirklich mag. Das ermöglicht John Luther die Chance auf einen Neustart, der erwartungsvoll auf die dritte „Luther“-Staffel blicken lässt. Die ist – gottseidank – auch schon in Planung.

Die netten Damen von Polyband haben mir eine DVD der zweiten „Luther“-Staffel zur Verlosung gegeben. Die Teilnahmebedingungen sind:

Schickt eine E-Mail mit dem Betreff „Verlosung“ und einer deutschen Postadresse an info@axelbussmer.de

Einsendeschluss ist Mittwoch, der 11. Juli, um Mitternacht.

Luther – Staffel 2 (Luther, GB 2011)

Polyband

Bild: 16:9

Ton: Deutsch, Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: –

Bonusmaterial: –

Länge: 200 Minuten (2 x 100 Minuten)

FSK: ab 16 Jahre

Hinweise

BBC über „Luther“

BBC Germany über „Luther“

ZDF über „Luther“

Wikipedia über „Luther“ (deutsch, englisch)

Homepage von Neil Cross

Meine Besprechung von „Luther – Staffel 1“ (Luther, GB 2010)

Meine Besprechung von Neil Cross‘ „Luther: Die Drohung“ (Luther: The Calling, 2011)

Neil Cross in der Kriminalakte (natürlich normalerweise mit John Luther)