Neu im Kino/Filmkritik: Tobias Moretti hat „Hirngespinster“

In seinem Langfilmdebüt „Hirngespinster“ erzählt Christian Bach (nach seinem Drehbuch, aber ohne autobiographische Bezüge) die Geschichte der Familie Dallinger, die im wesentlichen seit vielen Jahren die Wiederkehr des Immergleichen ist. Denn Hans Dallinger war ein gefeierter Architekt, der jetzt schizophren ist, Tabletten und Behandlung ablehnt, seine Familie und das Umfeld terrorisiert und immer wieder in die Klinik eingewiesen wird, wo er behandelt wird, bis sich sein Zustand bessert, er entlassen wird und, nach einigen Tagen, weil er die Tabletten ablehnt, wieder zunehmend unerträglich wird. Manchmal genügt auch ein Ereignis, wie ein Nachbar, der auf seinem Dach eine Satelittenschüssel installiert.
Tobias Moretti spielt diesen Schizophrenen überzeugend, wobei er ihn, abgesehen von kurzen Momenten, in denen er ein liebevoller Ehemann und Vater ist, eigentlich nur als durchgeknallt-paranoiden, unberechenbaren Stinkstiefel, der nicht merkt, wie sehr er seine Familie terrorisiert, spielen muss.
Regisseur Bach beschreibt auch die Abhängigkeitsgefühle innerhalb der Familie, den Zwiespalt zwischen der Liebe zum Ehemann und Vater und der von ihnen konsequent negierten Erkenntnis, dass er genau diese Familie in jeder Beziehung zerstört, gut.
Aber dieser Zustand ist auch ein von ihnen liebevoll gepflegter Stillstand, den keiner von ihnen verändern will.
Erst als Hans Dallingers 22-jähriger Sohn Simon, der nach seinem Abitur, immer noch bei seinen Eltern lebt, sich um seine kleinere Schwester und seine Mutter kümmert und als Schulbusfahrer jobbt, anstatt irgendwo mit seinem Universitätsstudium zu beginnen, sich in eine Medizinstudentin, die im Krankenhaus ein Praktikum absolviert, verliebt, beginnt er halbherzig über eine Veränderung nachzudenken.
Als Zustandsbeschreibung einer verkorksten Familie und wie eine Familie durch ein krankes Familienmitglied zerstört wurde, ist „Hirngespinster“ gelungen. Aber ein packendes Drama entsteht so nicht, sondern nur ein wohlabgewogenes, weitgehend spannungsfrei vor sich hin plätscherndes Fernsehspiel.

Hirngespinster - Plakat 4

Hirngespinster (Deutschland 2014)
Regie: Christian Bach
Drehbuch: Christian Bach
mit Tobias Moretti, Jonas Nay, Stephanie Japp, Hanna Plaß, Ella Frey, Stefan Hunstein, Johannes Silberschneider
Länge: 96 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Homepage zum Film
Film-Zeit über „Hirngespinster“
Moviepilot über „Hirngespinster“

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