Neu in einigen Kinos (und demnächst auf DVD)/Filmkritik: „Cartel Land“ – Zwei Männer im Kampf gegen die Drogenkartelle

„Cartel Land“, die äußerst sehenswerte Dokumentation von Matthew Heineman, die derzeit in einigen Kinos läuft (hier in Berlin in einem Saal) und ab 30. Oktober als DVD/Blu-ray erscheint, reiht sich nahtlos in die Reihe äußerst sehens- und lesenswerter aktueller Werke über den mexikanisch-amerikanischen Drogenkrieg ein. Ich sage nur: „Sicario“, „Das Kartell“ und „Tage der Toten“. Über Pablo Escobar gibt es die aktuelle Netflix-Serie „Narcos“ (noch nicht gesehen) und das Irgendwie-Pablo-Escobar-Biopic „Escobar – Paradise Lost“.
Und das sind nur die bekanntesten Werke.
Heineman nähert sich dem Thema, indem er sich auf zwei Männer konzentriert, die das Gesetz in die eigenen Hände nehmen und dabei eine Gefolgschaft um sich scharen. Der eine ist Tim ‚The Nailer‘ Foley (und die Inspiration für diesen Teil des Films ist die lesenswerte „Rolling Stone“-Reportage „Amerikas böse Grenze“ von Damon Tabor [Rolling Stone, Februar 2013]), ein Ex-Soldat, Ex-Junkie und Redneck, der auf der US-Seite der Grenze Drogenschmuggler und Flüchtlinge sucht. Er schnappt die kleinsten der kleinen Fische, die illegal die Grenze überqueren. Der andere ist Jose Manuel ‚El Doctor‘ Mireles, der in der mexikanischen Provinz Michoacan im Herbst 2013 zum Führer der Autodefensas wurde. Diese Bürgerwehr wandte sich gegen den Terror der Tempelritter, wie sich das dortige Drogenkartell mit pseudoreligiösem Anstrich nennt.
Anfangs sind die Sympathien klar verteilt. Hier der Konservative, der alles Fremde abwehren will, dabei noch nicht einmal an den Symptomen herumdoktort und nicht begreift, dass das US-Drogenproblem hausgemacht ist. Da der edle, fast wie ein Hollywood-Star aussehende Doktor, der gegen die Drogenmafia kämpft, die die Bevölkerung beherrscht, während die Staatsmacht abwesend ist. Der vertrauenswürdige Kinderarzt steht besonnen für Recht und Gesetz und eigentlich ist er nur der zufällig ausgewählte Kopf einer private Initiative, die letztendlich dem Staat zuarbeitet.
Aber weil Heineman Foley und Mireles, nachdem sie ihm vertrauten, über ein Jahr mit der Kamera beobachtete und immer wieder zwischen den beiden Männern, die sich nie begegnen, hin und her springt, wandelt sich das Bild zunehmend, bis Foley gar nicht mehr so unsympathisch und Mireles zunehmend unsympathischer wird. Dass in der gleichen Zeit die von ihm angeführte Bewegung, die, nachdem er schwer verletzt einen Flugzeugabsturz überlebt, von dem Interimsführer Estanislao Beltran Torres (aka „Papa Smurf“/“Vater Schlumpf“) geführt wird, zunehmend zu einer Nachfolgeorganisation der Tempelritter wird und sie vom Staat als Kriminelle verfolgt werden und sich jedes Mitglied der Autodefensas fragen muss, ob sie das Angebot der Regierung annehmen und sich in reguläre Polizeieinheiten eingliedern, verleiht „Cartel Land“ hier eine ungeplant neue Dimension. Denn Heineman kann jetzt auch zeigen, wie Revolutionäre mit durchaus ehrenwerten Zielen, wenn sie mehr Macht bekommen, scheitern. Sie werden zu dem, was sie vorher bekämpften. Das wirft ihnen auch die Bevölkerung, die sie zunächst als Befreier begrüßte, vor.
Mireles ist am Ende nur noch ein alter Casanova, der, obwohl verheiratet und Großvater, seine Finger nicht von jungen Frauen lassen kann und der überhaupt nicht daran denkt, seine Waffen abzugeben. Die von ihm und den Autodefensas zunächst als vollkommen machtlos angesehene Staatsmacht hat ihn inzwischen verhaftet und zu einer Haftstrafe verurteilt.
Foley jagt dagegen immer noch Flüchtlinge. Seine Gefolgschaft, die am Lagerfeuer reaktionäre Ansichten äußerst, ist überschaubar und Foley erscheint fast schon als tragischer Verlierer in einem aussichtslosen Kampf, der nicht an der Grenze gewonnen wird.
„Je mehr Zeit ich in Arizona und Mexiko verbrachte, desto komplexer wurde die Story: Die Leute kämpfen als die Guten gegen das Böse und steigen zugleich in die Hölle hinab, wenn sie das Gesetz in die eigenen Hände nehmen. ‚Cartel Land‘ verhandelt grundsätzliche Fragen von Ordnung und Chaos. Es gibt diesen großen Wunsch nach Recht und Gesetz, aber auch diese extreme Brutalität und das Fehlen von jeglicher Rechtsstaatlichkeit. Die Trennung zwischen Gut und Böse löst sich immer mehr auf.
Mich faszinierte diese moralische Ambiguität. Sie ergab sich ganz organisch aus der Geschichte und den handelnden Chrakteren. Für mich wurde daraus am Ende eine zeitlose Erzählung über den Konflikt zwischen Idealismus und Gewalt, der sich auf beängstigende Weise durch die Vergangenheit und unsere heutige Gegenwart zieht.“ (Matthew Heineman zu seinem Film)

Cartel Land - Plakat

Cartel Land (Cartel Land, USA/Mexiko 2015)
Regie: Matthew Heineman
Drehbuch: Matthew Heineman
mit Jose Manuel Mireles, Tim Foley
Länge: 100 Minuten
FSK: ab 12 Jahre

Hinweise
Amerikanische Homepage zum Film
Deutsche Homepage zum Film
Moviepilot über „Cartel Land“
Metacritic über „Cartel Land“
Rotten Tomatoes über „Cartel Land“
Wikipedia über „Cartel Land“ 

Kathryn Bigelow (Executive Producer) unterhält sich mit Matthew Heineman über den Film

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