Öffnet Basma Abdel Aziz „Das Tor“?

Die erste große Dystopie einer arabischen Autorin“ und einige weitere Zitate, die das Buch zu einem Meister-Meisterwerk erheben, stehen auf dem Buchumschlag. Es wird mit George Orwells „1984“ und Franz Kafkas „Der Prozess“ verglichen und gerade der Kafka-Vergleich fällt einem sofort ein, wenn man die Prämisse kennt.

Nach der Niederschlagung einer Revolte steht in der Stadt ein Tor. Dort müssen sich alle Bittsteller anstellen, um ihr Anliegen gegenüber der anonymen Bürokratie und dem ebenso anonymen Staat vortragen zu können. Jeden Tag soll eine bestimmte Menge an Anträgen bewilligt werden. Täglich wird die Schlange der Bittstellenden länger.

Das Tor ist natürlich das Sinnbild für sinnfreie Bürokratie und staatliche Willkür. In Büchern und Filmen wurde es in den vergangenen Jahrzehnten so oft benutzt, dass inzwischen jeder weiß, was ‚kafkaesk‘ ist ohne auch nur eine Zeile von Franz Kafka gelesen zu haben.

Um diese Idee herum webt die Ägypterin Basma Abdel Aziz so etwas wie eine rudimentäre Geschichte mit immer wieder auftauchenden Figuren. Im Mittelpunkt steht Yahya Gad al-Rabb Said, der eine Kugel in seinem Körper hat, die unbedingt entfernt werden muss. Der Arzt, der sie entfernen wollte, hat kurz vor der Operation erfahren, dass solche Operationen nur noch gemacht werden dürfen, wenn es eine amtliche Genehmigung, ausgestellt vom Tor, gibt.

Während Yahya in der Schlange wartet, erzählt Basma Abdel Aziz vom Leben in der Schlange und entwirft ein Bild einer Diktatur, die täglich die Wahrheit manipuliert. Das erinnert dann, neben dem Alltag in Ägypten, an George Orwells „1984“, wo Ozeanien im Krieg gegen Eurasien und Ostasien ist und der Große Bruder die Bevölkerung unterdrückt, überwacht und die Wahrheit gnadenlos manipuliert.

In „Das Tor“ ist die anonym bleibende Regierung aus unklar bleibenden Motiven (abgesehen vom Machterhalt) im Kampf gegen die eigene Bevölkerung. Sie überwacht sie ebenfalls vollständig. Die von ihr herausgegebene Zeitung „Die Wahrheit“ verkündet alles außer der Wahrheit. Und die Beschlüsse der Regierung folgen keiner stringenten Logik.

Allerdings erzählt Orwell eine rudimentäre Geschichte, anhand der er seine Dystopie, die Gesellschaft, ihre Strukturen und ihren Unterdrückungsapparat erfahrbar machte. Seine Hauptfiguren bleiben im Gedächtnis. Dagegen bleiben die von Abdel Aziz erfundenen Figuren blass. Während des Lesens interessiert man sich für keine Figur, ihre Leiden und Wünsche. Entsprechend schnell vergisst man sie nach der Lektüre.

Letztendlich beschränkt Abdel Aziz sich in ihrem im Original 2013, unmittelbar nach der Niederschlagung des Arabischen Frühlings, erschienenem Romandebüt auf eine durchaus vielversprechende Prämisse und das, geschrieben in einer dürren Beamtenprosa, wenig packende Beschreiben einer Situation des Stillstands und der Unwissenheit. Für eine Kurzgeschichte mag das ausreichen, für einen fast dreihundertseitigen Roman ist das dann doch etwas wenig.

Basma Abdel Aziz: Das Tor

(übersetzt von Larissa Bender)

Heyne, 2020

288 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

aṭ-Ṭābūr

Originalverlag: Dar Altanweer, 2013

Hinweise

Perlentaucher über „Das Tor“

Wikipedia über Basma Abdel Aziz

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