Über Thomas Gallis „Weggesperrt – Warum Gefängnisse niemandem nützen“

Gefängnisse sind (…) heute als menschenunwürdige Institutionen zu bezeichnen. Sie verletzten systematisch Art. 1 unseres Grundgesetzes. Sie sind weder notwendig noch geeignet zur Reduzierung von Kriminalität. In ihrer plumpen und schädlichen Art zu strafen sind sie unter unser aller Würde“, schreibt Thomas Galli in seinem neuen Buch „Weggesperrt – Warum Gefängnisse niemandem nützen“. Diese Sätze stehen steht in der Mitte des Buches und fassen seine zentrale Aussage sehr gut zusammen.

Warum unsere Gefängnisse menschenunwürdige Institutionen sind und wie das geändert werden kann, also wie ein anderes und wahrscheinlich besseres System des Umgangs mit Verbrechern aussehen kann, erklärt er vor und nach diesen Sätzen.

Galli war von 2001 bis 2016 im Strafvollzug in verschiedenen Anstalten in verschiedenen Positionen tätig. Ab 2013 war er Leiter der JVA Zeithain. 2015 war er für ein halbes Jahr zusätzlich Leiter der JVA Torgau. Um diese Arbeit bewarb er sich, wie er in der Einleitung schreibt, weil er nach dem Jurastudium nach einer Arbeit suchte und der Staatsdienst mit seinen Anforderungen (überschaubare Arbeit, gesichertes Einkommen, gesicherter Aufstieg) vielversprechend aussah. Über Gefängnisse, die inzwischen Justizvollzugsanstalten (JVA) genannt werden, wusste er nichts.

Während seiner Arbeit lernte er die Regeln kennen, die in der Praxis immer wieder den postulierten Resozialisierungsauftrag des Gefängnisses sabotieren. Er sah, wer warum im Gefängnis saß. Er fragte sich, ob eine Haftstrafe für diese Menschen das geeignete Mittel ist, um eine Resozialisierung zu erreichen. Also ob durch die Haft und die Maßnahmen in der Haft der Verurteilte zu einem straffreien Leben befähigt werden kann und so die Gesellschaft insgesamt sicherer wird.

Während seiner Arbeit wuchs bei ihm die Erkenntnis, dass in dem jetzt bestehenden System eine erfolgreiche Resozialisierung nicht erfolgen kann. Stattdessen empfiehlt er eine Mischung aus gemeinnütziger Arbeit (wie den ‚Schwitzen statt Sitzen‘-Programmen), sozialarbeiterischen und therapeutischen Maßnahmen, die sich erfolgreich mit den Problemen der Täter beschäftigen (wozu auch fehlende Schulabschlüsse und damit fehlende Berufsaussichten gehören), verschiedene alternative Formen der Streitschlichtung, die erfolgreich in anderen Ländern praktiziert werden, und für die wenigen Menschen, die besonders grausame Taten begangen haben und wenigstens für eine bestimmte Zeit inhaftiert werden sollten, empfiehlt Galli Anstalten wie die norwegische Gefängnisinsel Bastøy, die nach einem liberalen Konzept betrieben wird und die Inhaftierten auf ein Leben in Freiheit vorbereiten soll.

Für die jetzt im Strafvollzug Beschäftigten würde sich vor allem der Zuschnitt ihrer Arbeit und die Anforderungen an ihren Beruf massiv ändern. Galli sieht diese Änderungen als positiv für alle Betroffenen an.

Außerdem würde endlich geprüft werden, ob die Maßnahmen erfolgreich sein. Also ob sie geeignet sind, das genannte Ziel zu erreichen und ob sie es erreichen. Das erfolgt heute nicht. Es gibt, – Galli moniert das auch – , erschreckend wenig Zahlen über das Strafvollzugssystem.

Daher beginnen wir mit einem persönlichen Eindruck von Galli: „Mindestens die Hälfte der Gefangenen, mit denen ich zu tun hatte, waren drogenabhängig. Viele hatten keinen Schulabschluss absolviert, keinen Beruf erlernt und die weitgehende Mehrheit hatte in ihrer Kindheit und Jugend mit deutlich größeren sozialen und emotionalen Problemen zu kämpfen als der Durchschnitt der Bevölkerung.“

Diesen Eindruck bestätigen auch die wenigen vorhandenen Zahlen zum Strafvollzug, die ich jetzt aus Gallis Buch übernehme.

Jedes Jahr verbüßen ungefähr 50.000 Menschen eine Ersatzfreiheitsstrafe. Sie können schlichtweg ihre Strafe, beispielsweise für das ‚Schwarzfahren‘, nicht bezahlen und sie sind nur wenige Wochen in Haft. Sie sitzen ihre Zeit einfach ab und kosten viel Geld. Denn ein Haftplatz ist teuer. Dagegen wäre ein Ausbau von Programmen, in denen sie durch gemeinnützige Arbeit ihre Strafe abarbeiten könnten, für alle Seiten vorteilhafter.

Viele Häftlinge sind drogensüchtig. So sollen in Niedersachsen über die Hälfte der Inhaftierten vor ihrer Haft abhängig gewesen sein. In der Haft scheint die Zahl der Süchtigen noch zu steigen. Hier wäre eine Therapie und, falls nötig, eine Ausbildung sinnvoller. Beides wird in Gefängnissen nicht oder nicht im nötigen Umfang angeboten.

Dabei wären gerade solche Angebote nötig. So haben etwa zwei Drittel der Jugendstrafgefangenen zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung keinen Schulabschluss. Fast neunzig Prozent haben keine berufliche Qualifikation. Bei den Erwachsenen ist zum Zeitpunkt der Inhaftierung über die Hälfte arbeitslos. Auch hier wäre eine Ausbildung und eine Vorbereitung auf das Leben nach der Strafe sinnvoller. In der Haft geschieht dies normalerweise nicht oder erst am Ende der Haft.

Die meisten Gefangenen sind nur für eine kurze Zeit inhaftiert. Nur dreißig Prozent erwarten eine Haftdauer von über zwei Jahren. Alle anderen werden, mit allen denkbaren Folgen, für eine kürzere Zeit aus ihrem normalen Leben herausgerissen.

Zwischen vierzig und fünfzig Prozent sind wegen Eigentums- und Vermögensdelikten, wozu Diebstahl, Unterschlagung, Betrug und Untreue gehören, verurteilt. Bei diesen Tätern wäre sicherlich eine Strafe, die dazu führt, dass er bei seinen Opfern den finanziellen Schaden ausgleicht, sinnvoller als eine Haft. Denn in der Haft kann der Täter seine finanziellen Schulden nicht bezahlen und ob er danach eine Arbeitsstelle findet, die ihm das ermöglicht, ist zweifelhaft.

Die Rückfallquote ist, wenn man sich die wenigen existierenden Studien und Zahlen ansieht, ziemlich hoch. Ein Drittel der entlassenen Strafgefangenen werden im Lauf von neun Jahren nach ihrer Entlassung erneut zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Bei Raub und Erpressung beträgt die Rückfallquote über fünfzig Prozent. Das sind erschreckend hohe Zahlen, die in anderen Institutionen zu umfassenden Diskussionen und Reformen führen würden. Oder können Sie sich eine Schule vorstellen, in der ein Drittel der Schüler keinen Abschluss macht? Und in der in bestimmten Fächern die Hälfte der Schüler sitzen bleibt?

Galli leitet seine Einsichten, Ansichten und Empfehlungen vor allem aus persönlichen Erfahrungen im Strafvollzug her und grundiert sie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen. Historische Bewegungen zur Abschaffung der Haftstrafe werden daher kaum erwähnt. Das ist ein kleines Manko des lesenswerten Buches. Denn vieles, was er kritisiert und empfiehlt, wird schon länger diskutiert. Manchmal mehr, meistens weniger im öffentlichen Fokus.

Weggesperrt“ ist eine lohnende Lektüre, die an die Befürworter von Haftstrafen, die oft auch längere Haftstrafen fordern, die drängende Frage richtet: Was soll mit einer Haft erreicht werden? Kann dieses Ziel mit einer Haft erreicht werden?

Wer ein Interesse an einer sicheren Gesellschaft und an weniger Verbrechen hat, wird Gallis Antworten für sehr einleuchtend halten. Dabei will er noch nicht einmal unbedingt alle Strafen senken und Gefängnisse abschaffen. Auch dazu hat er ein Konzept entwickelt, das er am Ende des Buches vorstellt. Er entwirft ein an unsere Gesetze angelehntes System von Unrechtskategorien, die auch die Motivation des Täters und die Folgen der Tat für das Opfer berücksichtigen. Die danach erfolgten Verurteilungen sollen zu einer effektiven Vermeidung künftiger Straftaten und der effektiven Heilung der Schäden führen.

Thomas Galli: Weggesperrt – Warum Gefängnisse niemandem nützen

Edition Körber, 2020

312 Seiten

18 Euro

Hinweise

Edition Körber über „Weggesperrt“ (Gespräch mit Thomas Galli)

Homepage von Thomas Galli

Wikipedia über Thomas Galli

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