„Die große Stille“, „Geteilt durch Null“ – das fantastische Gesamtwerk von Ted Chiang

Wie man Ted Chiang nicht lesen sollte: das Buch nehmen, auf die Couch fläzen und es in einem Rutsch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen.

Das liegt nicht daran, dass man die jeweils knapp vierhundert Seiten von „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ nicht an ein, zwei ruhigen Tag lesen könnte, sondern daran, dass jede Geschichte von Ted Chiang viel Stoff zum Nachdenken bietet und man auch darüber nachdenken will.

Ein breites Publikum dürfte Ted Chiang als den Mann kennen, der die Vorlage für Denis Villeneuves philosophischen Science-Fiction-Film „Arrival“ schrieb. „Geschichte deines Lebens“ erhielt den Nebula und den Sturgeon Award.

Science-Fiction-Fans, vor allem natürlich Science-Fiction-Fans aus dem angloamerikanischen Raum oder Science-Fiction-Fans, die englische Bücher lesen, kennen Ted Chiang schon viel länger. Seine erste veröffentlichte Kurzgeschichte, „Der Turmbau zu Babel“, erschien 1990. Sie erhielt den Nebula Award und war für den Hugo Award nominiert. Seitdem veröffentlichte er keine zwanzig Kurzgeschichten. Diese Geschichten erhielten 27 wichtige Science-Fiction-Preise. Dazu kommen noch gut dreißig Nominierungen. Romane veröffentlichte er bislang nicht.

Jetzt liegen in den beiden erwähnten Büchern „Die große Stille“ und „Geteilt durch Null“ erstmals alle seine Geschichte auf Deutsch vor, ergänzt um Anmerkungen von ihm zu seinen Geschichten.

In „Die große Stille“ sind:

Der Kaufmann am Portal des Alchemisten (The Merchant and the Alchemist’s Gate, FANTASY AND, September 2007, ausgezeichnet mit dem Nebula und Hugo Award)

Ausatmung (Exhalation, Exlipse 2, 2008, ausgezeichent mit dem Hugo und Locus Award)

Was von uns erwartet wird (What’s Expected of Us, Nature Volume 436 Issue 7047, Juli 2005)

Der Lebenszyklus von Software-Objekten (The Lifecycle of Software Objects, Subterranean Press, 2010, ausgezeichnet mit dem Hugo und Locus Award)

Daceys vollautomatisches Kindermädchen (Dacey’s Patent Automatic Nanny, in Jeff VanderMeer/Ann VanderMeer, Hrsg.: The Thackery T. Lambshead Cabinett of Curiosities, 2011)

Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens (The Truth of Fact, the Truth of Feeling, Subterranean Press Magazine, August 2013)

Die große Stille (The Great Silence, e-flux journal, 2015)

Omphalos (Omphalos, Exhalation, 2019)

Angst ist der Taumel der Freiheit (Anxiety Is the Dizziness of Freedom, Exhalation, 2019, Finalist für den Nebula Award für die beste Erzählung)

In „Geteilt durch Null“ sind seine älteren Geschichte. Nämlich:

Der Turmbau zu Babel (Tower of Babylon, OMNI, November 1990, ausgezeichnet mit dem Nebula Award)

Verstehen (Understand, ASIMOV’S, August 1991)

Geteilt durch null (Division by Zero, Full Spectrum 3, Doubleday, 1991)

Geschichte deines Lebens (Story of Your Life, Starlight 2, November 1998, ausgezeichnet mit dem Nebula und Sturgeon Award)

Zweiundsiebzig Buchstaben (Seventy-Two Letters, Vanishing Acts, TOR 2000)

Die Evolution menschlicher Wissenschaft (The Evolution of Human Science, erschien erstmals unter dem Titel „Catching Crumbs from the Table“, Nature 405, Juni 2000)

Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes (Hell Is the Absence of God, Starlight 3, 2001, ausgezeichnet mit den Nebula, Hugo und Locus Award)

Die Wahrheit vor Augen (Liking What You See: A Documentary, in „Story of your Life and Others, TOR 2002)

Natürlich ist nicht jede Geschichte ein Meisterwerk. Aber jede Geschichte ist eine lohnenswerte Lektüre. Persönlich halte ich „Die große Stille“ für etwas besser als „Geteilt durch Null“; aber das kann auch daran liegen, dass ich zuerst „Die große Stille“ gelesen habe.

Weil bei Kurzgeschichten die Pointe ein wichtiger Teil der Geschichte ist und schon eine kurze Zusammenfassung zu viel verraten kann, werde ich nur auf einige seiner Geschichten etwas näher eingehen.

In der vierseitigen Geschichte „Was von uns erwartet wird“ gibt es ein Gerät, Prognostiker genannt, bei dem ein Licht blinkt, bevor man den Knopf drückt. Das Gerät weiß also, was in der Zukunft geschieht und diese Zukunft ist bereits vorherbestimmt. Aber was bedeutet es, wenn wir Menschen wissen, dass wir keinen freien Willen haben? Chiang gelingt es auf vier Seiten die Diskussion über die Willensfreiheit abzubilden und dem Leser die wichtigen damit verbundenen Fragen so nahezubringen, dass man sie und die damit verbundenen Probleme versteht und sofort beginnt, darüber nachzudenken.

In „Angst ist der Taumel der Freiheit“ können die Menschen mit Hilfe eines Geräts in Parallelwelten blicken und sehen, wie ihr Leben verlaufen würde, wenn sie andere Entscheidungen getroffen hätten. Aber hätten diese Entscheidungen und Zufälle ihr Leben im großen und ganzen wirklich verändert? Oder ist nicht doch alles vorherbestimmt?

In „Geteilt durch Null“ entdeckt eine Mathematikerin den Beweis, dass die gesamte Mathematik auf einer falschen Annahme beruht. Was bedeutet diese Entdeckung für sie? In „Der Lebenszyklus von Software-Objekten“, mit knapp hundertzwanzig Seiten seine längste Geschichte, schildert Chiang, den Aufstieg und Niedergang eines Computerspiels und einiger seiner begeisterten Fans, die das Spiel, nachdem es von der Firma nicht mehr weiterentwickelt wird, weiter am Leben erhalten wollen, weil es ein Teil ihres Lebens ist.

Es geht, in „Die Wahrheit der Fakten, die Wahrheit des Empfindens“, um unsere Erinnerung und was es bedeutet, wenn wir für jede unserer Taten einen unwiderlegbaren Videobeweis haben. Was macht das mit unseren, dann eigentlich überflüssigen, Erinnerungen? Ist dieses Leben ein Paradies (endlich keine Streitereien mehr darüber, wer vor fünf Jahren nach der Geburtstagsfeier den Abwasch erledigt hat) oder die Hölle? Wobei Chiang diese Frage schon im grandiosen Titel einer anderen Geschichte beantwortet hat: „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“.

In seinen Geschichten beschäftigt er sich mit philosophischen Fragen, die uns schon lange beschäftigen und auch zukünftig beschäftigen werden, wie die Frage der Willensfreiheit oder des Determinismus. Chiang nimmt sie allerdings aus dem philosophischen Universitätsseminar. Er behandelt sie in SF-Geschichten, die zum Nachdenken anregen und gerade genug in die Zukunft blicken, um uns wirklich zu ängstigen. Oder hoffnungsfroh zu stimmen. Denn was wäre so schlecht an einem Gerät, das uns dazu bringt, unseren Gegenüber nicht nach ihrem Aussehen zu beurteilen?

Ted Chiang: Die große Stille

(übersetzt von molosovsky, Jacob Schmidt und Karin Will)

Golkonda, 2020

392 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Exhalation

Alfred A. Knopf, 2019

Ted Chiang: Geteilt durch Null

(übersetzt von molosovsky und Karin Will)

Golkonda, 2020

360 Seiten

24 Euro

Originalausgabe

Story of your life and others

Vintage Books, 2016

Hinweise

Wikipedia über Ted Chiang (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Ted Chiangs „Die Hölle ist die Abwesenheit Gottes“ (2011)

Meine Besprechung von Denis Villeneuves Ted-Chiang-Verfilmung „Arrival“ (Arrival, USA 2016)

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