DVD-Kritik: „Exil“, der zweite Spielfilm von Visar Morina

Auf den ersten Blick hat Xhafer alles, was man sich für eine mustergültige deutsche Biographie wünschen kann: einen guten Job in einem Pharmaunternehmen, nette Kollegen, eine liebevolle, an ihrer Promotion sitzenden Frau und drei nette Kinder. Sie wohnen in einem geräumigem Kleinstadt-/Vorstadt-Reihenhaus. Er hat auch keine finanziellen Probleme. Viel bürgerlicher geht es kaum. Der Kosovare hat es offensichtlich in Deutschland geschafft.

Trotzdem ist er sich unsicher über seine Stellung. Daher ist für ihn eine an seinem Gartentor hängende tote Ratte kein Lausbubenstreich, sondern ein Angriff auf ihn und seine Herkunft. Es ist eine rassistische Tat, der weitere folgen. So wird er in der Firma nicht über die Verlegung eines Treffens in einen anderen Raum informiert und er erhält einige E-Mails nicht. Kleinigkeiten, die passieren können. Xhafer sieht es anders. Für ihn ist klar: er wird diskriminiert und gemobbt, weil er kein Deutscher ist.

Allerdings ist Xhafer ein so ruppiger und unfreundlicher Arbeitskollege, dass es mühelos nachvollziehbar ist, wenn seine Kollegen ihn nicht mögen. Xhafer ist nämlich ein ziemlicher Stinkstiefel. Mišel Matičević spielt ihn, mit übertrieben starkem, seine Fremdheit betonendem Akzent, grandios als äußerst eckigen Charakter, der für einen Teil seiner Probleme selbst Schuld ist.

Ob Xhafer wirklich gemobbt wird oder paranoid ist, lässt Visar Morina in seinem neuen Film „Exil“ offen. Denn selbstverständlich gibt es offene und versteckte rassistische Diskriminierungen, die im Film auch gezeigt werden. Trotzdem bietet Morina in seinem zweiten Spielfilm immer beide Interpretationen an. Er verzichtet auf eindeutige Erklärungen und platte Psychologisierungen. Er vertraut dem Zuschauer, der ausgehend von der aus Xhafers Perspektive erzählten Geschichte zu einem eigenen Urteil kommt. Das ist enorm dicht inszeniert mit einer Bild- und Tongestaltung, die eindeutig die große Leinwand im Blick hat. Auch der Erzählrhythmus zielt eindeutig auf den Kinosaal, in dem die Aufmerksamkeit einen eindeutigen Fokus hat. Dort wirkt Xhafers zunehmender Tunnelblick noch beängstigender als auf dem kleinen Bildschirm.

Die DVD hat keinerlei nennenswertes Bonusmaterial.

Exil (Deutschland/Belgien/Kosovo 2020)

Regie: Visar Morina

Drehbuch: Visar Morina

mit Mišel Matičević, Sandra Hüller, Rainer Bock, Thomas Mraz, Flonja Kodheli

DVD

Alamode Film

Bild: 2,35:1 (16:9)

Ton: Deutsch (DD 5.1)

Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte

Bonusmaterial: Trailer, Wendecover

Länge: 121 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Exil“

Moviepilot über „Exil“

Rotten Tomatoes über „Exil“

Wikipedia über „Exil“ (deutsch, englisch)

Homepage von Visar Morina

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