„Der erste Tote“, der erste Treffer von Tim MacGabhann

Andrew und der mit ihm befreundete Fotoreporter Carlos sind gerade auf dem Rückweg von einem Routineauftrag, als sie bei Poza Rica eine besonders grausam zugerichtete Leiche entdecken. Carlos will einige Fotos machen. Sie werden von der Guardia Civil erwischt und nach Hause geschickt. Weil die Polizisten anschließend die Leiche vom Tatort entfernen, möchte Carlos mehr erfahren.

Kurz darauf ist er tot. Gefoltert und bestialisch ermordet.

Andrew, der seit Ende 2012 als freier Journalist in Mexiko arbeitet und um seinen Freund trauert (ja, sie waren ein Paar), beginnt mit Recherchen in der Ölhauptstadt Poza Rica. Er stochert in dem dortigen Geflecht von Polizei, Organisiertem Verbrechen, Wirtschaft und Söldnern, die als Angestellte von Sicherheitsfirmen den dortigen internationalen Unternehmen helfen, herum. Denn der Tote, Julián Gallardo, war Student und Umweltaktivist. Mit seinen öffentlichkeitswirksamen Aktionen war er eine Bedrohung für die umweltverschmutzende, vom Drogenhandel profitierende und die Umwelt verschmutzende Wirtschaft.

Der erste Tote“ ist ein überzeugendes Debüt, das von Tim MacGabhanns schnörkelloser Hardboiled-Sprache, seiner Ortskenntnis und seinem Wissen über die Situation in Mexiko profitiert. Mac Gabhann ist, wie sein Ich-Erzähler Andrew, Ire und in Mexico City lebender Journalist.

Der Kriminalfall selbst bietet wenige Überraschungen. Einerseits, weil wir dank zahlreicher Reportagen, Bücher (unter anderem von Don Winslow und Sam Hawken), Spielfilme (zum Beispiel „Sicario“) und Serien (zum Beispiel „Narcos“) einen halbwegs guten Überblick über die Situation in Mexiko und den in den vergangenen Jahren blutig eskalierenden Drogenkrieg haben. Andererseits weil vieles von Andrew schnell aufgedeckt wird. Eigentlich alle Menschen, mit denen er während seiner Recherche redet, erzählen ihm ausführlich von ihrem kriminellem Leben und sie haben nichts dagegen, dass der Journalist, den sie nicht kennen, ihre Gespräche aufnimmt und später in einer Reportage verwendet. Das erscheint mir etwas unglaubwürdig. Aber so gelingt es Tim MacGabhann, schnell viele Informationen zu vermitteln. Er zeigt auch, wie die Verbrechensökonomie funktioniert und wie die USA seit Jahrzehnten darin involviert ist.

Nach schlanken zweihundertfünfzig Seiten (ein weiterer Pluspunkt von „Der erste Tote“) ist Andrews erstes Abenteuer vorbei. Sein nächstes Abenteuer „How to be Nowhere“ erschien im Original bereits im Sommer 2020. Ein deutscher Erscheinungstermin steht noch nicht fest.

Tim MacGabhann: Der erste Tote

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2020

288 Seiten

15,95 Euro

Originalausgabe

Call him mine

Weidenfeld & Nicolson, 2019

Hinweise

Twitter-Kanal von Tim MacGabhann

Perlentaucher über den Roman

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