Ohne Cixin Liu wäre das nicht passiert: Der Comic „Die wandernde Erde“, der Trisolaris-Roman „Botschafter der Sterne“

Wahrscheinlich kann die Bedeutung von Cixin Liu für den aktuellen Boom chinesischer Science-Fiction-Geschichten in China und weltweit nicht überschätzt werden. Zahlreiche wichtige Preise, überschwängliches Lob, auch außerhalb der Science-Fiction-Community, und viele begeisterte Leser verraten einiges. Es gibt auch schon Fan-Fiction, Verfilmungen, Comics und T-Shirts.

Zur Fan-Fiction gehört Baoshus „Botschafter der Sterne“. Unmittelbar nach der Lektüre von „Jenseits der Zeit“, dem Abschluss von Cixin Lius Trisolaris-Trilogie, schrieb Baoshu die Geschichte. Damals studierte er in Belgien Philosophie. Weil dort unmittelbar nach der Veröffentlchung kein Exemplar des in der deutschen Übersetzung fast tausendseitigen Romans erhältlich war, hatte ein Freund ihm den Roman abfotografiert und in E-Mails zugeschickt. Baoshu diskutierte sofort mit anderen Fans über verschiedene Aspekte des Romans und der Figuren. Er wollte noch länger in der von Liu geschaffenen Welt bleiben. Also schrieb er die Geschichte von Yun Tianming, einer von Cixin Liu erfundenen Figur, auf und versuchte so einige Lücken in seiner Biographie zu stopfen. Deshalb geht er davon aus, dass alle, wie er, vorher Lius Trisolaris-Romane gelesen haben und jetzt noch länger in dieser Welt bleiben wollen.

Der Fan-Fiction-Roman – das sagt auch Baoshu in seinem Vorwort über sein Werk – wurde schnell von vielen Trisolaris-Fans gelesen, gelobt und diskutiert. Er wurde von einem Verlag gedruckt, war für Preise nominiert und Cixin Liu akzeptierte ihn als Teil des Trisolaris-Universum.

Seitdem schrieb Baoshu vier Romane und über dreißig Kurzgeschichten. Für „Ruins of Time“ erhielt er den chinesischen Nebula Award. Damit war das 2010 in wenigen Wochen geschriebene Buch über Yun Tianming auch der Beginn einer Schriftstellerkarriere.

Als eigenständiges Werk überzeugt „Botschafter der Sterne“ nur halb. Baoshu geht, wie gesagt, davon aus, dass man die Trisolaris-Trilogie kennt. Entsprechend munter wird gespoilert und Teile der Handlung der Trisolaris-Romane diskutiert. Damit ist der Science-Fiction-Roman primär das Werk eines Fans für andere Fans.

Gleichzeitig erzählt Baoshu die Geschichte über lange Gespräche. Es sind Gespräche, in denen Yun Tianming von seinem Leben auf der Erde und bei den Trisolariern erzählt. Er spricht auch über seine Rolle bei dem Kampf zwischen den Menschen und Trisolariern, die mit einer überraschenden Enthüllung über seine Absichten und Motive enden. Es werden auch verschiedene Grundlagen der Trisolaris-Welt, zum Beispiel die vielen Dimensionen und wie sich die Zeit in einer Welt mit mehr als drei Dimensionen verändert, diskutiert. Das hat dann den Reiz eines Universitätsseminars.

Botschafter der Sterne“ ist für Fans der Trisolaris-Trilogie eine lohnenswerte Ergänzung zu den drei Romanen von Cixin Liu. Wer sie noch nicht kennt, sollte das schnell ändern. Und danach die Lektüre von Baoshus Werk ernsthaft in Erwägung ziehen.

Keine Fan-Fiction ist der Comic „Die wandernde Erde“. Liu schrieb die gleichnamige Kurzgeschichte über ein gewaltiges Experiment. Forscher sagen voraus, dass die Sonne in vierhundert Jahren explodieren und dabei die Erde zerstören wird. Es muss also ein Ort gefunden werden, an dem die Menschheit überleben kann und ein Weg, die Menschheit an diese Ort zu bringen. Dabei sind die Wissenschaftler und die Politiker sich schnell einig, dass knapp acht Milliarden Menschen (Stand: ungefähr heute) nicht in Raumschiffen durch das All befördert werden können. Das geht noch nicht einmal in utopischen US-amerikanischen Geschichten, in denen tapfere Astronauten das Weltall erobern und fremde Welten besiedeln.

Liu hat in seiner Kurzgeschichte eine andere Idee. Er verwandelt die Erde in ein Raumschiff. Also anstatt sich darüber Gedanken zu machen, welche paar tausend Menschen wie und warum gerettet werden, werden einfach alle Menschen gerettet, indem man die Erde aus ihrer Umlaufbahn sprengt und, einige Jahre bevor die Sonne explodiert, in Richtung Proxima Centauri schickt. Nach hundert Generationen soll die Reise enden.

In seiner Kurzgeschichte erzählt Cixin Liu diese Reise vom Start über die Schwierigkeiten der ersten Jahre mit glühender Hitze, unglaublicher Kälte, langer Dunkelheit und den Ängstern der Menschheit, dass die Wissenschaftler die gesamte Bevölkerung der Erde in den Tod geschickt haben.

Christophe Bec und Stefano Raffaele haben die in der deutschen Ausgabe sechzigseitige Geschichte kongenial in einen Comic umgewandelt. Ihr Werk gehört zur „Cixin Liu Graphic Novel Collection“, für die 26 Künstler aus China und Europa fünfzehn Kurzgeschichten des Science-Fiction-Autors adaptierten

Für Juli, Oktober und November sind im Splitter Verlag mit „Yuanyuans Blasen“, „Meer der Träume“ und „Der Dorflehrer“ schon die nächsten Werke der Kollektion angekündigt. Wenn ich mich nicht irre, sind die den Comics zugrunde liegenden Kurzgeschichten noch nicht ins Deutsche übersetzt. Die Betonung liegt auf „noch nicht“.

Baoshu: Botschafter der Sterne – Ein Trisolaris-Roman

(übersetzt von Marc Hermann)

Heyne, 2021

400 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

三体X:观想之宙

Chongqing Press, Chongqing, 2011

Christophe Bec/Stefano Raffaele: Die wandernde Erde

(übersetzt von Maximilian Schlegel)

Splitter, 2021

128 Seiten

23 Euro

Originalausgabe

Citic Press Corporation, Beijing, 2020

Das Kurzgeschichte „Die wandernde Erde“ ist in diesem Sammelband enthalten

Cixin Liu: Die wandernde Erde

(übersetzt von Karin Betz, Johannes Fiederling und Marc Hermann)

Heyne, 2019

688 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Liulang diqiu

Beijing Wenyi Chubanshe, 2008

Kurzgeschichten von Baoshu wurden in den Sammelbänden „Quantenträume – Erzählungen aus China über künstliche Intelligenz“ (2020) und „Zerbrochene Sterne – Die besten Erzählungen der chinesischen Science-Fiction“ (2020) veröffentlicht.

Hinweise

Homepage von Stefano Raffaele

Wikipedia über Cixin Liu (deutsch, englisch) und Baoshu, Christophe Bec und Stefano Raffaele

Meine Besprechung von Cixin Lius „Spiegel“ (Jingzi, 2004)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die drei Sonnen“ (San Ti, 2008) (und der anderen Werke von Liu)

Meine Besprechung von Cixin Lius „Die wandernde Erde“ (Liulang diqiu, 2008)

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