Neu im Kino/Filmkritik: „Chaddr – Unter uns der Fluss“, hoffentlich vereist

Schule ist die Hölle. Heißt es. Die achtzehnjärige Tsangyang Tenzin dürfte eher den Weg zur Schule für die Hölle halten. Ihre Schule ist ein Internat in Leh. Die Kreisstadt liegt im Himalaya auf indischen Provinz Ladakh, nahe der Grenze zu Pakistan und China. Seit zwölf Jahren besucht Tsangyang die Schule. Nach der Schule möchte sie ein Informatikstudium in Neu-Dehli beginnen.

Zweimal im Jahr muss sie den hundert Kilometer langen Weg zwischen ihrem Heimatdorf und der Schule zurücklegen. Ihr Dorf ist im Winter nur, so wird uns gesagt, über den Chaddr erreichbar. Das ist ein mehrtätiger Marsch über einen vereisten Fluss. Der Weg ist gefährlich und mühsam. Vor allem seitdem das Eis auf dem Fluss immer dünner wird. Begleitet wird Tsangyang von ihrem Vater Tundup Tsering, der den Weg seit seiner Jugend kennt.

Regisseur Minsu Park begleitet die beiden. Er zeigt ihren beschwerlichen Weg ausführlich im Stil einer beobachtenden Dokumentation, in der die Filmemacher nicht im Bild auftauchen und auch sonst möglichst unsichtbar bleiben. Es gibt also auch keine Hintergrundinformationen von ihnen. Weder als sprechende Köpfe (wobei wir gut auf Regisseure, die sich penetrant im Stil einer billigen TV-Dokumentation ins Bild rücken, verzichten können), noch als Voice-Over. Damit beraubt Minus Park sich der Möglichkeit, uns zu erklären, wer die vielen anderen Wanderer sind, denen Tsangyang und Tundup auf ihrem Marsch über den vereisten Fluss begegnen, warum sie ihren Rucksack und Schlitten mal dabei haben, mal nicht. Oder wie das Gepäck um eine Klippe befördert wird. Und auch, warum sie heute diesen zunehmend gefährlichen Weg immer noch benutzen.

Denn in ihrem Dorf gibt es Autos. Und damit müsste es auch einen anderen Weg geben, auf dem sie gefahrloser ans Ziel gelangen könnten. Manchmal klettern sie aus dem Flusstal hinauf. Den Weg, den sie dann zurücklegen, sehen wir nicht und wir erfahren auch nicht, warum sie wieder zu dem vereisten Fluss hinabsteigen. Und wir sehen nicht das letzte Stück des Weges. In dem einen Moment sind sie noch im Flusstal, im nächsten am heimischen Herd. Einige Lücken können auch daran liegen, dass Park während der viertägigen Wanderung nur acht Stunden aufnehmen konnte (im DOK.fest-Interview erzählt er davon).

Das ist dann doch ein etwas plötzlicher und prosaischer Abschluss einer mehrtätigen, gefährlichen Wanderung, die sie vielleicht nur unternommen haben, um gemeinsam einige Zeit zu verbringen; – während wir im Film davor und danach etwas über das Leben in Ladakh und eine dort lebende Familie erfahren haben.

Chaddr – Unter uns der Fluss (Deutschland 2020)

Regie: Minsu Park

Drehbuch: Gregor Koppenburg

mit Tsangyang Tenzin, Tundup Tsering

Länge: 90 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Chaddr – Unter uns der Fluss“

Moviepilot über „Chaddr – Unter uns der Fluss“

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