Neu im Kino/Filmkritik: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, bieder verfilmt

Was haben wir? Einen Klassiker der deutschen Literatur, der schon einmal fürs Kino verfilmt verfilmt. Aber das war vor fast 65 Jahren und in Schwarzweiß. Daniel Kehlmann als Drehbuchautor. Detlev Buck als Regisseur. Sie arbeiteten schon bei „Die Vermessung der Welt“ (Deutschland/Österreich 2012) zusammen. Eine prominente Besetzung, bestehend aus Jannis Niewöhner als Felix Krull, David Kross als Marquis Louis de Venosta, Liv Lisa Fries als ihre Freundin Zaza und, in Nebenrollen, Maria Furtwängler, Joachim Król, Nicholas Ofczarek, Annette Frier, Dominique Horwitz, Martin Wuttke und Desirée Nosbusch.

Das klingt nach einer Klassikerverfilmung, die interessant sein könnte.

Felix Krull ist ein Hochstapler, der in Paris zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in einem noblen Straßencafé an einem Abend Marquis Louis de Venosta die Geschichte seines Lebens erzählt. Er erzählt von seiner Kindheit im Rheingau als Sohn eines auf großem Fuß lebenden Inhabers einer Sektfirma. Als die Firma bankrott geht, begeht Krulls Vater Suizid. Danach eröffnet seine Mutter in Frankfurt eine kleine Pension. Aus diesem Leben flüchtet Krull nach Paris, dem Land seiner Träume. In Paris heuert er im Grandhotel als Page an. Schnell steigt der allseits beliebte Schlawiner und anpassungsfähige Charmeur auf.

In Paris trifft er auch wieder Zaza. Mit ihr verbrachte er in Frankfurt glückliche Stunden. Sie ist, wie er, eine Hochstaplerin.

Zaza ist auch die große Liebe des Marquis. Er weiß allerdings nicht, dass Krulls große Liebe auch seine große Liebe ist. Allerdings kann er Zaza wegen ihres Standes nicht heiraten. Außerdem will sein Vater ihn auf eine Weltreise schicken. Der Marquis möchte nicht. Aber der Erhalt seines Erbes ist an diese Reise geknüpft.

Diese väterliche Erpressung, von der wir erst ziemlich spät im Film erfahren, ist dann auch der Grund für Krulls Redseligkeit. Denn Krull würde sehr gerne eine Weltreise unternehmen. Sehr gerne auch unter falschem Namen und mit einer gut gefüllten Reisekasse.

Nach den grandiosen, wagemutigen, sehr eigenständigen neuen Literaturverfilmungen „Fabian oder Der Gang vor die Hunde“ und „Martin Eden“ ist Detlev Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ mehr als fünf Schritte zurück zu den sattsam bekannten Literaturverfilmungen, die brav die Vorlage bebildern und jegliche eigene Handschrift vermissen lassen. Wenn Detlev Buck nicht als Regisseur genannt würde, würde man es nicht einmal erahnen, dass hier der Regisseur von „Wir können auch anders…“ am Werk war.

Felix Krull“ ist selbstverständlich kein grottenschlechter Film. Dafür sind die Schauspieler zu gut. Die Kostüme und die Ausstattung ebenfalls. Und natürlich ist alles gut aufgenommen. Auch wenn das im Film gezeigte Paris der Jahrhundertwende verdächtig nach einer missglückten Mischung aus Kulisse und CGI aussieht.

Das Drehbuch krankt an seiner Rückblenden-Struktur, die keine Spannung aufkommen lässt. Schließlich ist Krull jeder gefährlichen Situation entkommen. Sonst könnte er dem Marquis jetzt nicht seine Lebensgeschichte erzählen. Warum er das tut, wird erst viel zu spät im Film deutlich und das Erzählen der eigenen Untaten ist sicher nicht die geeignetste Methode, um einen anderen Menschen zu einem Identitästausch anzustiften.

Krulls in Rückblenden erzählte Lebensgeschcihte wird so präsentiert, als gäbe es nur eine Wahrheit und als ob der passionierte Schwindler sie genau jetzt erzählt. Mit dieser Erzählhaltung fällt Bucks „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ erzählerisch hinter Alfred Hitchcocks „Die rote Lola“ (1950) zurück. In dem Film zeigte Hitchcock eine Rückblende, die eine Lüge war. Dabei galt bis dahin die Regel, dass in Rückblenden, weil sie bebildert sind, die Wahrheit erzählt wird. Heute, auch nach Filmen wie „Rashomon“ (ebenfalls 1950), betrachten wir eine Rückblende als die subjektive Sicht des Erzählenden auf die Ereignisse.

Auch Krull könnte uns belügen. Es gibt im Film allerdings keinen entsprechenden Hinweis. Außer vielleicht, dass Krull nur von schönen Frauen und honorigen Männern begehrt wird.

Und so ist „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ als langweiliges, niemals herausforderndes oder irritierendes Bildungsbürgertumskino nur die nächste Klassikerverfilmung für den Deutschunterricht.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Deutschland 2021)

Regie: Detlev Buck

Drehbuch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck

LV: Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, 1954

mit Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross, Maria Furtwängler, Nicholas Ofczarek, Joachim Król, Christian Friedel, Harriet Herbig-Matten, Dominique Horwitz, Annette Frier, Martin Wuttke, Anian Zollner, Désirée Nosbusch, Detlev Buck, Heinrich Schafmeister

Länge: 114 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Filmportal über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Moviepilot über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Wikipedia über „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“

Meine Besprechung von Daniel Kehlmann/Detlev Bucks „Die Vermessung der Welt – Das Buch zum Film“ (2012)

13 Responses to Neu im Kino/Filmkritik: „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, bieder verfilmt

  1. „langweiliges, niemals herausforderndes oder irritierendes Bildungsbürgertumskino“ – Darauf scheinen wir Deutschen anscheinend ein nie enden wollendes Monopol zu haben. – Schöne, informative Kritik. Danke dafür!

  2. AxelB sagt:

    Hallo Stefan,
    danke!
    Es gibt aber einige Ausnahmen. Für die letzten Jahren fallen mir spontan „Fabian“ und „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ ein, vielleicht noch „Das Tagebuch der Anne Frank“. Aber die Regel sind sie nicht; wie auch demnächst die „Schachnovelle“ beweist.
    Herzliche Grüße
    Axel

  3. Das ist wahr, aber leider geht vielen deutschen Produktionen oft die Leichtigkeit ab. Da können wir uns von fast allen Nachbarländern etwas abschauen. „Fabian“ steht bei mir noch auf der To-Watch-Liste. Und jetzt muss ich mal schnell schauen, was du zu „Shang-Shi“ geschrieben hast, denn nach „Black Widow“ habe ich tatsächlich wieder etwas Lust aufs MCU bekommen. 😉

    Herzliche Grüße zurück
    Stefan

  4. AxelB sagt:

    Oje, da wird meine „Shang-Shi“-Besprechung dich kaum ins Kino treiben. Die meisten Kritiker sind allerdings, wie üblich, Marvel-begeistert.
    Stimmt, oft fehlt in deutschen Filme eine Leichtigkeit oder die präzise Beobachtung oder, bei Buchverfilmungen, einfach der Mut, das Material nach Belieben zu formen und einer Vision zu folgen. Ich könnte mal einen längeren Text darüber schreiben.

  5. Hab es gestern noch gelesen. Das klingt natürlich wenig verheißungsvoll und schreckt mich jetzt doch ab, zumal ich mit diesem Asia-Szenario ohnehin nicht so viel anfangen kann. Vielleicht sollte ich die Hoffnungen dann eher in Eternals setzen. Wobei Hoffnungen bei Marvel zu hoch gegriffen ist, denn mehr als qualitativ hochwertige, kurzweilige Unterhaltung erwarte ich da jetzt nicht. – „Stimmt, oft fehlt in deutschen Filme eine Leichtigkeit oder die präzise Beobachtung oder, bei Buchverfilmungen, einfach der Mut, das Material nach Belieben zu formen und einer Vision zu folgen.“ Das bringt es genau auf den Punkt. Und nur zu, den Text würde ich mich mit Interesse lesen, denn aus dem Thema lässt sich viel herausholen.

  6. AxelB sagt:

    Wir müssen halt gucken, was die „Nomadland“-Regisseurin mit den „Eternals“ macht. Wahrscheinlich ist die Marvel-Handschrift am Ende deutlich sichtbarer als ihre Indie-Handschrift.
    Steht auf meiner To-Do-Liste. Nach der Besprechung von „Der Wüsenplanet“ (zuerst das Buch, dann der Film) und dem neuen Ken Bruen.

  7. Dafür wird Disney sicherlich sorgen, ja. Großartige, kreative Ausbrüche hat man im MCU bisher jetzt nicht wirklich zugelassen. Und kommerziell hat sich das auch gezahlt. Muss aber gestehen, dass ich ohnehin eher der DC-Freund und mir das eher auch dort erwarte. (Zuletzt leider oft auch umsonst, von „Joker“ mal abgesehen) – Freue mich auf Deine Besprechung. Der neue Ken Bruen kam hier auch gestern an. Zu dem „Dune“-Zyklus habe ich bei den ersten vier Bänden übrigens auch schon meinen Senf abgegeben. Falls es Dich interessiert, hier der Link zum Auftakt: https://crimealleyblog.wordpress.com/2018/09/09/he-who-controls-the-spice-controls-the-universe/

  8. AxelB sagt:

    Hallo Stefan,
    schöner „Dune“-Text, auch wenn du kaum auf die Folgebände eingehst, weil du nichts spoilern willst. Ich gehe ja eher davon aus, dass bei alten ‚Texten‘ das Ende bekannt ist. Allerings kannten viele die Lösung bei der neuen „Mord im Orient-Express“-Verfilmung nicht. Dabei dachte ich, dass wirklich alle Agatha Christies Roman oder Sidney Lumets Verfilmung (um nur die bekannte und gute Verfilmung zu nennen) kennen.
    Jau, das DCEU ist größtenteils eine Totalkatastrophe. „The Suicide Squad“, „Wonder Woman (sehr in Richtung Marvel) und der „Joker“ (offiziell ja kein Teil des DCEU) sind da die raren Ausnahmen.
    Und jetzt geht’s an die frische Luft
    Axel

  9. Hallo Axel, naja, der ein oder andere entdeckt ja diese Klassiker auch jetzt erst für sich. Daher versuche ich Spoiler schon weitestgehend zu meiden. Über die weiteren Bände habe ich aber separat schon Rezensionen geschrieben. Wer also neugierig geworden ist, wird dann einen Klick weiter erhellt. 🙂

    Die heutige Generation hat mit dem klassischen Armchair-Detective leider zumeist nur noch wenig zu schaffen. Von daher verwundert es mich jetzt wenig (habe lange Jahre als Buchhändler gearbeitet und das ernüchtert dann doch). Fand die neue Verfilmung aber zum weglaufen. CGI sah scheiße aus, Branagh hat wieder mal nur sich selbst gespielt (mit Christies Poirot hat das nicht die Bohne zu tun) und dann wurden sich auch noch unzählige „kreative“ Freiheiten herausgenommen (Schießerei!) die es einfach nicht gebraucht hat. An die Version von 74 kommt, allein wg. der Wahnsinnsbesetzung, keine Neuauflage heran.

    Da bin ich bei Dir. Das wurde ohne Sinn und Verstand angegangen. Als jemand, der seit Mitte der 90er DC Comics sammelt, war das für mich mitunter schwer zu ertragen. Der Snyder-Cut wartet zwar noch, aber das allein würde es auch nicht herausreißen. Mit „The Batman“ will man ja voraussichtlich auch bei DC das Multiversum einführen (Affleck und Keaton spielen wohl mit) und somit könnte dann auch „Joker“ irgendwie dazugehören. „Wonder Woman“ (84 soll angeblich wieder lausig sein, noch nicht gesehen) fand ich stark, „The Suicide Squad“ will ich mir demnächst noch anschauen.

    So, mach jetzt Feierabend und schmeiß mich auch noch für ein paar Kilometer aufs Rad
    Beste Grüße
    Stefan

  10. AxelB sagt:

    Hallo Stefan,
    zum Remake (nur teilweise gelungen), den verschiedenen Verfilmungen (die Lumet-Version ist natürlich die beste) und dem Roman hatte ich ja zum Kinostart einiges geschrieben.
    Bei Spoilern bin ich ziemlich unempfindlich. Ich denke, wenn ein Werk nur wegen seiner ‚überraschenden Lösung‘ genossen werden kann, gibt es keinen Grund, es zu genießen. Und die zahlreichen Wiederholungen der Rätselkrimis im Fernsehen zeigen ja, dass die Leute eben das andere sehen wollen. Oder sie haben die Lösung nach zwei Minuten vergessen.
    Davon abgesehen versuche ich bei neuen Kinofilmen Spoiler zu vermeiden. Bzw. bei Blockbustern nichts zu verraten, was nicht schon im Trailer verraten wird oder vollkommen offensichtlich ist. Wenn ich auf das Ende eingehen muss, weil es massive Auswirkungen auf meine Bewertung hat, kündige ich das in den ersten Zeilen explizit an. Dann können die Leser:innen entscheiden, ob sie weiter lesen wollen.
    „The Suicide Squad“ ist auf der großen Leinwand so ein richtiger gut abgehangener Actionfilmjungsspaß mit einigen gemeinen Spitzen gegen die US-Außenpolitik (wegen Spoilern kann ich nicht mehr verraten). Bis zum „Batman“-Film gibt es ja noch einige Blockbuster, u. a. den neuen James Bond.
    Bis dann
    Axel

  11. Hi Alex, es kommt immer auf Buch oder Film an. Es gibt sicherlich Werke, wo der ein oder andere kleine Spoiler Dir nichts von dem Vergnügen daran rauben wird. Aber es gibt auch Beispiele (z.B. „Shutter Island“, „Sixth Sense“, „Prestige – Meister der Magie“ oder – wie zuletzt von mir besprochen – Christies „Alibi“), wo schon ein Wort zu viel einem eigentlichen jeglichen Grund raubt, sich überhaupt damit zu beschäftigen, da damit halt der entscheidende Aha-Moment flöten gegangen ist. Und ich finde, man betrachtet auch „Dune“ aus einem anderen Winkel, wenn man vorab schon zu viel von Pauls Entwicklung weiß. Bei mir persönlich hat „Der Herr des Wüstenplaneten“ gerade so viel Eindruck hinterlassen, weil diese plötzliche Entwicklung zur bitterschwarzen Dystopie so nicht vorhersehbar war. (Und wie man ja an den damaligen Reaktionen gesehen hat, für die viele andere Leser auch nicht).
    Ich finde das eigentlich daher ganz gut, wie du da bei Deinen Besprechungen genau diesen schmalen Grad meisterst.
    Der Trailer von „TSQ“ macht schon ordentlich Laune. Hätte mich aber auch gewundert, wenn der Film ein totaler Rohrkrepierer geworden wäre, denn Gunn kann kurzweilige, lässige Unterhaltung wie kaum ein Zweiter.
    Und ja, kommen noch ne Menge interessanter Film. Bin z.B. gestern auch erst auf den Film „Belfast“ von Branagh aufmerksam geworden. Der Trailer (und die Besetzung) macht da auch Lust auf mehr.
    Bis denne
    Stefan

  12. AxelB sagt:

    Hallo Stefan,
    danke.
    Zu „Dune“ gibt es nächste Woche mehr von mir. Ich plane eine eigene Buch- und Filmbesprechung (die Villeneuve-Version.
    Bei „Shutter Island“ war ich vom Trailer schockiert. Ich kannte damals Lehanes Roman noch nicht (An alle: unbedingt lesen! Besser als der Film.). Trotzdem fragte ich mich beim letzten Bild des Trailers, ob die mir gerade die Schlusspointe verraten hatten. Sie hatten es getan.
    Guts Nächtle
    Axel

  13. Muss gestehen, den Trailer hatte ich gar nicht mehr in Erinnerung. Habe bewusst aber erst das Buch gelesen und dann – natürlich mit weniger Begeisterung – den Film geschaut. 😉

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