Neu im Kino/Filmkritik: „Small World“, ein polnischer Polizist auf Pädo-Jagd

In Polen ist Patryk Vega als Actionfilm-Regisseur bekannt. Bei uns lief letztes Jahr sein von wahren Ereignissen inspirierter harter Actionfilm „Bad Boy“ in den Kinos; sofern sie nicht gerade pandemiebedingt geschlossen waren.

Sein neuester Film „Small World“ ist wieder von wahren Ereignissen inspiriert. Dieses Mal geht es um den weltweiten Kinderhandel und damit verbundene Pädophilen-Netzwerke. Vega versteht seinen Film als einen Aufschrei dagegen. Ob es auch ein Aufschrei gegen sexuellen Missbrauch in der Familie oder in Institutionen, wie der Kirche, ist, ist unklar. Seinem Thema nähert Vega sich, aufgrund seiner Filmographie wenig überraschend, primär mit den Mitteln des harten Polizeithrillers und des Actionkinos.

Die Geschichte beginnt 2004 in Polen. Kriminalpolizist Robert Goc hält eine mit überhöhter Geschwindigkeit fahrende Frau an. Die Mutter verfolgt einen Richtung Russland fahrenden Laster, in dem sie ihre entführte vierjährige Tochter Ola vermutet. An der Grenze werden sie von den Grenzpolizisten aufgehalten. In diesem Moment taucht zum ersten Mal ein zweites Thema auf: der unfähige, den Kinderhandel nicht bekämpfende Staatsapparat. Mal handeln die Polizisten nicht, mal fördern sie ihn durch ihr Handeln und manchmal sind sie direkt involviert. Vor allem in Russland ist die Polizei korrupt und die sexy Beamtin, die Goc dort hilft, ist sogar im Rahmen eines Actionfilms überaus gewalttätig.

Doch zurück zur polnischen Grenze. Dort kann der Laster mit Ola entkommen.

Danach macht Goc die Suche nach der entführten Ola zu seiner Lebensaufgabe. Über mehrere Jahre und die halbe Welt verfolgt er ihre Spur. Woher er die finanziellen Mittel dafür hat, wird nie geklärt.

Die Story folgt dabei weitgehend den etablierten Genrepfaden. Wobei drei Punkte auffallen. Das ist die immer wieder sehr ambivalente Zeichnung der Figuren. So erscheint in der Russland-Episode der ‚Vater‘ nicht wie ein Pädophiler, sondern wie ein netter Onkel, der sich liebevoll um die Kinder, die ihm bedingungslos vertrauen, kümmert. Das ist die lange Zeit, über die sich die Filmgeschichte erstreckt. Am Ende des Films ist aus dem vierjährigen Kind eine junge Frau geworden. So kann Vega in mehreren Episoden auch zeigen, wie sehr Ola von ihren Entführern und ihren wechselnden Vertrauenspersonen manipuliert wird. Für sie ist dieses Leben als Sexsklavin die Normalität.

Der dritte Punkt sind die Handlungsorte. Teile des Films spielen in den uns filmisch gut vertrauten Ländern Großbritannien (hier Rotherham) und Thailand (hier Bangkok). Weitere Episoden – jedes Land ist ein anderer Ermittlungsschritt für Goc und eine Begegnung mit einer mehrere Jahre älteren Ola – spielen in Polen, Russland und der Ukraine.

Andere Thriller zum gleichen Thema spielen oft in einem kürzeren Zeitraum von wenigen Monaten oder Jahren und die Handlungsorte sind in den USA und Südamerika, seltener in Asien. Wenn die Filme aus Großbritannien oder Skandinavien kommen, dann spielt die Geschichte dort. Aber in Richtung Osteuropa bewegt die Filmgeschichte sich fast nie.

Jedenfalls nicht, wenn die Geschichte als Actionthriller erzählt wird. Und genau das ist „Small World“: ein harter Exploitation-Thriller, der niemals in den Verdacht gerät, seine Geschichte besonders subtil zu erzählen und der vor allem wegen der unverbrauchten osteuropäischen Handlungsorte interessant ist. Außerdem ist alles, im Gegensatz zu ähnlichen US-amerikanischen Filmen, eine Spur rauer und unglamouröser. Auch die Schauspieler sehen wie Menschen aus, denen wir jederzeit auf der Straße begegnen könnten.

Small World (Small World, Polen 2021

Regie: Patryk Vega

Drehbuch: Olaf Olszewski, Patryk Vega

mit Enrique Arce, Julia Wieiawa-Narkiewicz, Piotr Adamczyk

Länge: 116 Minuten

FSK: ab 18 Jahre

Hinweise

Homepage zum Film

Moviepilot über „Small World“

Rotten Tomatoes über „Small World“

Meine Besprechung von Patryk Vegas „Bad Boy“ (Bad Boy, Polen 2020)

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