Französisch morden: Nestor „Burma“, erfunden von Léo Malet, gezeichnet von Jacques Tardi

Nestor Burma ist ein Privatdetektiv, der offensichtlich von Raymond Chandlers Philip Marlowe inspiriert ist. Allerdings ermittelt Burma nicht in irgendeiner US-amerikanischen Großstadt, sondern in Europa. Bevorzugt in Paris und sein Erfinder Léo Malet hatte die geniale Idee, Burma durch die Pariser Arrondissements ermitteln zu lassen. Pfeife rauchend, immer wieder gut aussehenden Frauen und fiesen Schlägern begegnend und dabei vertrackte Mordfälle aufklärend. Die Romane erschienen zwischen 1943 und 1983; wobei der Großteil in den Vierzigern und, vor allem, den Fünfzigern erschien. Sie spielen daher vor allem in den Fünfzigern; also dem Paris vieler großartiger SW-Kriminalfilme. Ins Deutsche wurden sie teilweise erst Jahrzehnte später, manchmal mehrmals, übersetzt. Aktuell sind im die Distel Literaturverlag erschienenen Neuübersetzungen regulär erhältlich. Ältere Übersetzungen und Ausgaben – am bekanntesten dürften die Rowohlt-Taschenbuchausgaben sein – sind nur noch antiquarisch erhältlich. Da dürften sie allerdings einfach zu finden sein.

Sie wurden auch mehrmals verfilmt. Am erfolgreichsten war die zwischen 1991 und 2003 ausgestrahlte, auf 39 Episoden kommende TV-Serie „Nestor Burmas Abenteuer in Paris“ (Nestor Burma). Guy Marchand spielte den Privatermittler. In Deutschland wurden nur einige wenige der jeweils spielfilmlangen Folgen gezeigt. Léo Malet war an mehreren Drehbüchern beteiligt.

Malet (1909 – 1996) begeisterte sich in jungen Jahren für surrealistisch-anarchistisch-trotzkistische Gruppen, wurde 1930 Mitglied der „Groupe Surréaliste“, begann in den 1940er Jahren mit dem Schreiben von Kriminalromanen und veröffentlichte 1943 mit „120, Rue de la Gare“ seinen ersten Nestor-Burma-Roman, der auch als erster französischer „Roman Noir“ bezeichnet wird.

Und es gibt mehrere Comicversionen der Nestor-Burma-Romane. Die erste war 1982 von Jacques Tardi. Tardi arbeitet immer wieder mit Krimiautoren, unter anderem Didier Daeninckx, Jean-Patrick Manchette, Daniel Pennac, Pierre Siniac und Jean Vautrin, zusammen. Manchmal erstellte er von deren Romanen Comics, manchmal erfanden sie gemeinsam Geschichten. Seinen endgültigen Durchburch hatte er in den Siebzigern mit der, auch von Luc Besson verfilmte, Reihe „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“. Zu seinen jüngsten Arbeiten gehört, über seinen Vater, „Ich, René Tardi, Kriegsgefangener im Stalag II B“.

Tardi veröffentlichte vier Nestor-Burma-Romanadaptionen und einen Comic, der der Welt von Nestor Burma nachempfunden war.

Diese vier Romanadaptionen – „120, Rue de la Gare“, „Wie steht mir Tod?“, „Die Brücke im Nebel“ und „Kein Ticket für den Tod“ hat die Edition Moderne jetzt in einem Sammelband veröffentlicht. Das Buch enthält neben den Comics keine Informationen über die Autoren, die früheren Ausgaben, die Originaltitel und die Bedeutung dieser Comics. Damit wirkt „Burma“ wie eine dieser lieblosen Zusammenstellungen, die einfach noch einmal bekannte Texte in einer billigeren Ausgabe zusammenfügt.

120, Rue de la Gare“ erschien als Roman 1943 und er ist eindeutig ein Zeitdokument. Nestor Burma ist am Anfang der Geschichte in einem Kriegsgefangenenlager. Einer seiner Mitgefangenen hat sein Gedächtnis verloren. Vor seinem Tod sagt er zu Burma „120, Rue de la Gare“. Kurz darauf, Burma wurde inzwischen aus dem Stalag befreit, trifft er in Lyon auf dem Bahnhof einen früheren Angestellten seiner Detektei „Fiat Lux“. Dieser ruft ihm, bevor er hinterrücks erschossen wird, die gleiche Adresse zu. Die mögliche Täterin ist – wir sind in einem Kriminalroman aus den Vierzigern! – eine gutaussehende Frau. Burma will hinter das Geheimnis der Adresse kommen und den Mörder seines Kollegen finden. Die Spur führt nach Paris und in die Vergangenheit.

Die nächsten drei Burma-Geschichten spielen in Paris in den Fünfzigern.

In „Wie steht mir Tod?“ bittet ein halbseidener, älterer Künstler Nestor Burmas Sekretärin um Geld. Kurz darauf ist er spurlos verschwunden.

In „Die Brücke im Nebel“ wird ein Freund aus Burmas lange zurückliegenden Anarchistentagen, den er seit damals nicht mehr gesehen hat, ermordet.

In „Kein Ticket für den Tod“ wird während einer Achterbahnfahrt ein Mordanschlag auf Burma verübt. Burma wehrt sich. Der Angreifer überlebt den Kampf nicht und Burma fragt sich, wer ihn warum umbringen möchte.

120, Rue de la Gare“ ist mit gut zweihundert Seiten der längste Fall des Sammelbandes. Er liest sich, auch weil die Burma-Romane so um die zweihundert Seiten haben, wie eine illustrierte Version des Romans. In den anderen drei Comics, die immer um die siebzig Seiten haben, gelingt die Übertragen von dem einen in das andere Medium besser. Sie lesen sich nicht, wie ein illustrierter Roman, sondern wie eigenständige Geschichten.

Die Fälle sind, aus heutiger Sicht, ein nostalgischer Blick zurück. Tardi und Malet zeigen nicht nur ein Paris, das es nicht mehr gibt, sondern sie erzählen auch ihre Geschichten so, wie sie heute nicht mehr erzählt werden. Schließlich gehört der Hardboiled-Detektiv der fünfziger Jahre, der in diesem Fall sehr gut in Europa funktioniert, der Vergangenheit an. Und gerade das trägt zum Lesevergnügen bei.

Jetzt, nach den vier Nestor-Burma-Comics, habe ich Lust, einen Nestor-Burma-Roman zu lesen.

Léo Malet/Jacques Tardi: Burma

(übersetzt von Martin Budde, Kai Wilksen und Wolfgang Bortlik)

Edition Moderne, 2021

408 Seiten

39 Euro

enthält

120, Rue de la Gare (120, rue de la Gare, 1988)

Wie steht mir Tod? (M’as-tu vu en cadavre?, 2000)

Die Brücke im Nebel (Brouillard au pont de Tolbiac, 1982)

Kein Ticket für den Tod (Casse-pipe à la Nation, 1996)

Hinweise

Edition Moderne über „Burma“

Wikipedia über Léo Malet (deutsch, englisch, französisch), Jacques Tardi (deutsch, englisch, französisch) und Nestor Burma (deutsch, englisch, französisch)

Meine Besprechung von Leo Malets „Das Leben ist zum Kotzen“ (La vie est dégueulasse, 1948)

Meine Besprechung von Léo Malets „Die Sonne scheint nicht für uns“ (Le soleil n’est pas pour nous, 1949)

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