Neu im Kino/Filmkritik: „Lieber Thomas“ Brasch, das ist Dein Film

Eine auf Tatsachen fußende Fiktion eines realen Lebens“ nennt Regisseur Andreas Kleinert seinen Film über Thomas Brasch, diesen 1945 in Westow, North Yorkshire, geborenen Künstler. Kurz nach seiner Geburt ziehen Braschs Eltern in die DDR. Sein Vater ist überzeugter Kommunist und von 1966 bis 1969 sogar stellvertretender Minister für Kultur. Zu ihm hat er immer ein problematisches Verhältnis. Die Zeit in der Kadettenschule der Natioalen Volksarmee in Naunburg von 1956 bis 1960 ist für Thomas Brasch traumatisch. Während seines 1967 begonnenen Studiums an der Hochschule für Film und Fernsehen in Babelsberg protestiert er mit Gleichgesinnten gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings. Sein Vater verrät ihn danach an die Stasi. Brasch wird zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt. Später wird er auf Bewährung entlassen und arbeitet im Transformatornwerk Oberschöneweide.

Und er schreibt. Seinen ersten Kurzgeschichtenband „Vor den Vätern sterben die Söhne“ will er in der DDR veröffentlichten. Das geht nicht. Er unterzeichnet die Resolution gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Danach stellt er einen Ausreiseantrag und darf 1976 ausreisen.

In Westberlin wurde „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im Rotbuch Verlag veröffentlicht (inzwischen ist es bei Suhrkamp erhältlich). Die Kritik ist begeistert. Er ist ein Star der westdeutschen Literaturszene. Er schreibt Theaterstücke. Großen Erfolg hat er mit dem Stück „Lovely Rita“, das er in der DDR schrieb und das im Westen mit seiner Freundin Katharina Thalbach in der Hauptrolle seine Premiere hat. Und er inszeniert Filme. Sein erster Spielfilm, das in SW gedrehte Gangsterepos „Engel aus Eisen“ über die Gladow-Bande, feiert seine Premiere in Cannes. Zu dieser Zeit, die späten siebziger und achtziger Jahre, war Thomas Brasch eine Gruppe männlicher und weiblicher Bewunderer um sich gescharrt.

In den Neunzigern zieht er sich zurück um „Mädchenmörder Brunke oder Die Liebe und ihr Gegenteil“ zu schreiben. Das Manuskript hat über vierzehntausend Seiten. Zu Braschs Lebzeiten wird ein keine hundert Seiten umfassendes Fragment veröffentlicht.

Am 3. November 2001 stirbt er in der Berliner Charité an Herzversagen.

Thomas Brasch war ein widersprüchlicher Geist, der die DDR nie verlassen wollte, der in Westdeutschland nie heimisch wurde und dessen Leben, inclusive der schwierigen Beziehung zu seinem Vater, auch paradigmatisch für die Geschichte Deutschlands zwischen Kriegsende und Jahrtausendwende steht. Mit gewissen blinden Stellen. Und einem breitbeinigem Machotum, das mit seiner Selbstinszenierung, seiner offen zur Schau getragenen Sensibilität und der ebenso offenen Faszination für die Halbwelt, heute nicht mehr zeitgemäß ist.

Kleinert erzählt, wundervoll in farbenfrohem SW gedreht, dieses Leben in über hundertfünfzig Minuten von der frühen Kindheit bis zu Brachs Tod nach. Aber Dank des schon erwähnten Kunstgriffs, das Leben von Thomas Brasch als eine sich Freiheiten nehmende Fiktion zu begreifen, entgeht er in „Lieber Thomas“ den üblichen Biopic-Fallen. Auch wenn Brachs frühen Jahre, also die Kindheit, Jugend, Studienzeit und die ersten Jahre in Westberllin deutlich mitreisender sind als die späteren Jahre sind. Ungefähr mit der Premiere von „Engel aus Eisen“ in Cannes beginnt der Film zunehmend episodischer zu werden. Der klassische Biopic-Drang, jede irgendwie wichtige Episode im Leben des Porträtierten bis zu seinem Tod chronologisch abzuhandeln wird spürbar. Bis dahin gibt es zahlreich mitreisende Momente, satirisch zugespitzte, surrealistische und absurde Szenen. Auch die Cannes-Episode mit ihrer aus dem Ruder laufenden Vater-Sohn-Begegnung gehört dazu.

Albrecht Schuch, der aktuell ungefähr in jedem zweiten deutschen Film und in jedem sehenswertem deutschen Film (nicht jeder sehenswerte Film ist unbedingt ein guter Film) dabei ist, spielt Thomas Brasch und verleiht ihm dabei sehr aussagekräftige Konturen als schreibsüchtiger, sensibler Macker. Die anderen Schauspieler – immerhin auch Jella Haase, Jörg Schüttauf und Joel Basman (der, wie Schuch, durch die interessanten deutschen Filme tingelt) – verblassen dagegen. Aber das war wohl zu Braschs Lebzeiten so.

P. S.: Das Erste zeigt am Freitag, den 12. November, um 22.15 Uhr den von Andreas Kleinert inszenierten Münchner Tatort „Freies Land“ (Deutschland 2017)

Lieber Thomas (Deutschland 2021)

Regie: Andreas Kleinert

Drehbuch: Thomas Wendrich

mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Peter Kremer, Claudio Magno, Jörg Schüttauf, Anja Schneider, Joel Basman, Joana Jacob, Emma Bading

Länge: 157 Minuten

FSK: ab 16 Jahre (hätte eher auf eine FSK-12 getippt)

Hinweise

Homepage zum Film

Filmportal über „Lieber Thomas“

Moviepilot über „Lieber Thomas“

Wikipedia über Thomas Brasch (deutsch, englisch)

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