Neu im Kino/Filmkritik: Albert „Speer goes to Hollywood“ – ähem, nee, doch nicht.

Der Architekt Albert Speer gehörte während des Nationalsozialismus zum engsten Führungskreis um Adolf Hitler. Nach dem Krieg entging er 1946 bei den Nürnberger Prozessen knapp der Todesstrafe. Er wurde zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. 1969 veröffentlichte er seine „Erinnerungen“. Sie wurden ein Bestseller und Hollywood interessierte sich dafür; so wie Hollywood sich für jeden Bestseller interessiert und ihn verfilmen möchte.

Speer war einverstanden mit einer Verfilmung. Er wollte allerdings daran beteiligt werden und so das öffentliche Bild von ihm weiter positiv beeinflussen. 1971 schickte Paramount Pictures Andrew Birkin nach Heidelberg zu Speer. Er sollte mit Speer an dem Drehbuch arbeiten.

Birkin stand damals noch ganz am Anfang seiner Karriere. Später schrieb er unter anderem die Drehbücher zu „Der Name der Rose“, „Johanna von Orleans“ und „Das Parfum – Die Geschichte eines Mörders“.

Als Regisseur war in dem Moment vor allem Carol Reed („Der dritte Mann“, „Oliver“) im Gespräch. Der war allerdings wenig begeistert von Speers Versuchen, den Film in seinem Sinn zu beeinflussen. Reed lehnte dann auch, als Speers schönfärberisches Konzept immer deutlicher wurde, den Film entschieden ab. Das sagte er schon während Birkins Gesprächen mit Speer.

Diese Gespräche, in denen Speer von seinem Leben erzählt und auch Vorschläge für den Film macht, nahm Birkin auf. Er stellt Fragen und lässt Speer reden. Schließlich ist er kein investigativer Journalist, der Widersprüche und Lügen aufdecken möchte, sondern ein Rechercheur, der eine Auftragsarbeit erledigt. Die dabei entstandenen Tonbänder waren als Arbeitsnotizen und Hintergrundmaterial für das noch zu schreibende Drehbuch gedacht. Entsprechend wenig kümmerte Birkin sich um die Tonqualität. Für „Speer goes to Hollywood“ mussten ihre Gespräche von Schauspielern nachgesprochen werden.

Aus dem Biopic wurde, wie wir wissen, nichts. Die Aufnahmen verschwanden im Archiv.

Jetzt sind sie die Grundlage für Vanessa Lapas Dokumentarfilm „Speer goes to Hollywood“, der diese Begegnung zwischen dem Nazi und dem jungen Drehbuchautor dokumentiert und gleichzeitig Speers Leben nachzeichnet. Dieser Teil, also das Nacherzählen von Speers Leben, wie sehr er in die Nazi-Herrschaft involviert war und wie skrupellos er sich später davon distanzierte, ist der gelungene Teil des Films.

Ärgerlich – immerhin ist der Titel „Speer goes to Hollywood“ – ist dagegen der andere Teil. Denn für „Hollywood“ und die vielen damit verbundenen spannenden Fragen interessiert Lapa sich nicht weiter. Bei ihr entsteht der Eindruck, dass Paramount Pictures die Verfilmung fallen ließ, weil ein Regisseur die Richtung, in die Speer den Film entwickeln wollte, bedenklich fand. Weil es 1982 mit „Inside the Third Reich“ eine, von Lapa nicht erwähnte, freie TV-Verfilmung von Speers „Erinnerungen“ gab, dürften Reeds Bedenken nicht der entscheidende Grund gewesen sein. Wir erfahren auch nicht, welche Überlegungen in Hollywood dazu führten, das Leben dieser Nazigröße zu verfilmen und wie sie es tun wollten.

Als Dokumentarfilm über Speer, sein Leben und seine Bemühungen, sein Image zu polieren, ist „Speer goes to Hollywood“ informativ und auch gelungen, ohne sich von irgendeiner gut gemachten TV-Dokumentation zu unterscheiden. Nach hundert Minuten bleibt die Erkenntnis, dass Speer kein „guter Nazi“, sondern einfach nur ein „Nazi“ war.

Zu Vanessa Lapas früheren Arbeiten gehört die hochgelobte spielfilmlange Doku „Der Anständige“ über Heinrich Himmler.

Speer goes to Hollywood (Speer goes to Hollywood, Israel 2020)

Regie: Vanessa Lapa

Drehbuch: Vanessa Lapa, Joëlle Alexis

mit Albert Speer, Andrew Birkin

Länge: 103 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Speer goes to Hollywood“

Rotten Tomatoes über „Speer goes to Hollywood“

Wikipedia über „Speer goes to Hollywood“ (deutsch, englisch) und Albert Speer (deutsch, englisch)

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