Neu im Kino/Filmkritik: Singen & Tanzen nach klassischen Vorlagen: „Cyrano“ und „Coppelia“

Fans klassischer Stücke dürfen diese Woche den geliebten durchgesessenen Theaterstuhl mit dem bequemen Kinosessel tauschen und sich dort die neuesten sehenswerten Adaptionen von „Cyrano“ und „Coppelia“ ansehen. Beide Neuinterpretationen haben einen diversen Cast und die Macher änderten einiges an den Vorlagen. „Cyrano“ ist die Verfilmung einer Musicaladaption des bekannten Theaterstücks mit bekannten Schauspielern. „Coppelia“ ist eine modernisierte Fassung des bekannten Ballettstücks, die von sprachlosen Ballettstars und Tänzern des Niederländischen Nationalballetts ausdrucksstark getanzt wird.

Cyrano“ erzählt die in der Mitte des 17. Jahrhunderts in Frankreich spielende Geschichte von Cyrano de Bergerac (Peter Dinklage), der unsterblich in Roxanne (Haley Bennett) verliebt ist. Sie ist eine Frau von überirdischer Schönheit. Er ist es nicht. Und er ist fest davon überzeugt, dass eine so schöne Frau keine Liebesbeziehung zu ihm haben will. Aber dafür kann der Hasardeur und Dichter ausgezeichnet mit Worten umgehen. Also schreibt er fortan Liebesoden, die von dem gut aussehendem, aber tumben Kadetten Christian Neuvillette (Kelvin Harrison Jr.) vorgetragen werden. Denn in ihn ist Roxanne verliebt und auf ihn soll er, so Roxannes Wunsch, im Militär aufpassen.

In der aktuellen Kinoversion dieser von Edmond Rostand in Versen geschriebenen und seitdem immer wieder adaptierten Geschichte, spielt Peter Dinklage Cyrano. Sein Handicap ist seine Körpergröße. Er ist ein Zwerg. Ältere Semester erinnern sich an Jean-Paul Rappenaus überwältigende Verfilmung des Theaterstücks von 1990 mit Gérard Depardieu als Cyrano de Bergerac. Sein Handicap war seine Nase.

Auch Joe Wright hat Cyranos Geschichte durch diesen Film kennen gelernt und auch er war begeistert. An eine eigene Verfilmung des klassischen Stoffes dachte er allerdings nicht. Ihr stand nämlich immer Cyranos imposante Nase im Weg. Erst als er Erica Schmidts 2018 aufgeführte Musicalversion sah, wusste er, wie er um die Nase herumkommen könnte. Denn Cyrano wurde von Peter Dinklage gespielt – und schon war das Problem mit der Nase gelöst. Roxanne wurde von Bennett gespielt. Beide nahmen für die Verfilmung ihre Rollen wieder auf.

Außerdem basiert Wrights Film auf dieser Musicalversion. Erica Schmidt, die auch das Drehbuch für Joe Wrights Verfilmung schrieb, veränderte alle Figuren etwas. So wird angedeutet, dass Roxanne das Spiel von Cyrano und Christian durchschaut, Christian ist nicht nur ein tumber Tor und auch bei den anderen Figuren wurden Kleinigkeiten geändert.

Das sind Nuancen, die zusammen mit Peter Dinklages Spiel zu einem Problem werden. Dinklage ist als lebenslustiger, allseits geachteter, raumgreifender, furchtloser, wort- und kampfstarker Offizier und Poet so überzeugend, dass es kaum glaubwürdig ist, dass ihn ausgerechnet gegenüber Roxanne der Mut verlässt und dass die sehr unabhängige Roxanne sich nicht in ihn verliebt und ihn sofort heiraten würde. Denn er ist der beste Mann in der Stadt.

Dadurch wird „Cyrano“ zu einem Stück, dessen zentraler Konflikt für mich nie glaubwürdig ist. Darüber können die farbenprächtigen Sets (gedreht wurde in Sizilien, vor allem in Noto), die spielfreudigen Schauspieler und die gelungene Musik von den „The National“-Mitgliedern Matt Berninger, Aaron und Bryce Dessner und Carin Besser, die für die Band Songs schreibt, nicht hinwegtäuschen. Sie machen viel Lärm um nichts.

Coppelia“ geht einen ganz anderen Weg. Während Joe Wright in seinem „Cyrano“ mit bekannten Schauspielern und Schauwerten protzt, haben Jeff Tudor, Steven De Beul und Ben Tesseur unbekannte Schauspieler engagiert. Genaugenommen sind sie noch nicht einmal Schauspieler, sondern sie sind Stars der internationalen Ballettszene, wie Michaela DePrince, Daniel Camargo, Vito Mazzeo, Darcey Bussell und Irek Mukhamedov, und Mitglieder des Corps de Ballet des Niederländischen Nationalballetts, die hier ihr Filmdebüt geben. Das Ballettstück „Coppelia“ wurde bereits 1870 von Léo Delibes geschrieben. Es handelt sich dabei um eine Adaption von E. T. A. Hoffmanns „Der Sandmann“. Der Film basiert auf einer 2008 von Ted Brandsen für das Niederländische Nationalballett erstellten Produktion, die die Geschichte aktualisierte.

Die temperamentvolle und fröhliche Swan lebt in einer mediterran-französischen Kleinstadt noch bei ihrer Mutter. Auf dem Dorfplatz betreibt sie eine Saftbar. Verliebt ist sie in Franz, der eine Fahrradwerkstatt hat. Alle Mädchen des Dorfes sind in ihn verliebt, aber er hat nur Augen für Swan. Es ist ein heiteres und unbeschwertes Leben, bis Doktor Coppelius auftaucht. Er errichtet eine Schönheitsklinik, die schon auf den ersten Blick wie das Schloss eines Bösewichts aussieht. Und das ist sie auch. Zusammen mit seiner Muse Coppelia, einer alle Schönheitsideale erfüllenden Roboterfrau, verführt er die Dorfbewohner. In seiner Klinik kann er sie von ihren Schönheitsmakeln befreien. Über den Preis schweigt er sich aus.

Nur Swan und ihre Freunde sind nicht begeistert. Als Coppelia Franz betäubt und in die Klinik führt, verfolgt Swan sie. Sie will ihren Freund retten.

Gut, die Geschichte gewinnt keinen Innovationspokal. Sie wurde so schon unzählige Male erzählt und die begrüßenswerte Moral der Geschichte – „Oberflächliche Schönheit ist nicht alles, die wahre Schönheit kommt von innen und Diversität ist etwas, das gefeiert werden sollte.“ (Tudor, De Beul, Tesseur) – ist auch vorhersehbar. Es sind die Tänzer und die Machart, die „Coppelia“ zu einem besonderen Film machen. Denn sie tanzen in einer durchgängig gezeichneten Welt. Ihre Gesichter werden, wenn sie sich in die Hände von Doktor Coppelius begeben, ebenfalls zu Animationen. Jeff Tudor, Steven De Beul und Ben Tesseur erzählen das ohne Worte. „Coppelia“ ist nämlich ein getanzter Stummfilm.

Eben diese Machart spricht für den Film. Und die kurze Laufzeit von achtzig Minuten.

Coppelia“ ist ein herziges Märchen mit Humor, Musik und Tanz. Für alte und junge Menschen.

Cyrano (Cyrano, USA 2021)

Regie: Joe Wright

Drehbuch: Erica Schmidt

LV: Edmond Rostand: Cyrano de Bergerac, 1897 (als Musical adaptiert von Erica Schmidt)

Musik: Aaron Dessner, Bryce Dessner (Musik), Matt Berninger, Carin Besser (Texte)

mit Peter Dinklage, Haley Bennett, Kelvin Harrison Jr., Ben Mendelsohn, Bashir Salahuddin, Monica Dolan, Mark Benton, Peter Wight

Länge: 124 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Moviepilot über „Cyrano“

Metacritic über „Cyrano“

Rotten Tomatoes über „Cyrano“

Wikipedia über „Cyrano“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Joe Wrights „Wer ist Hanna?“ (Hanna, USA/GB/D 2011)

Meine Besprechung von Joe Wrights „Die dunkelste Stunde“ (Darkest Hour, Großbritannien 2017)

Coppelia (Coppelia, Niederland/Belgien/Deutschland 2021)

Regie: Jeff Tudor, Steven De Beul, Ben Tesseur

Drehbuch: Jeff Tudor, Steven De Beul, Ben Tesseur

LV: Léo Delibes: Coppélia ou La Fille aux yeux d’émail, 1870 (Coppelia oder Das Mädchen mit den Glasaugen)

mit Michaela DePrince, Daniel Camargo, Vito Mazzeo, Darcey Bussell, Irek Mukhamedov, Corps de Ballet des Niederländischen Nationalballetts

Länge: 82 Minuten

FSK: ab 0 Jahre

Hinweise

Englische Homepage zum Film

Filmportal über „Coppelia“

Moviepilot über „Coppelia“

Rotten Tomatoes über „Coppelia“

Wikipedia über das Ballett „Coppelia“ (deutsch, englisch)

One Response to Neu im Kino/Filmkritik: Singen & Tanzen nach klassischen Vorlagen: „Cyrano“ und „Coppelia“

  1. […] Cyrano (Massimo Cantini Parrini and Jacqueline Durran) […]

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