Für die „Kings of Cool“ beginnt die „Zeit des Zorns“

Oktober 16, 2012

Seit Donnerstag läuft Oliver Stones durchwachsene Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ im Kino und wir können mit Don Winslows grandiosen Krimis „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ weiter in das Leben von Ben, Chon und O einsteigen.

Zeit des Zorns“ ist die Vorlage für „Savages“ und der Roman erzählt im großen und ganzen auch die gleiche Geschichte: Ben und Chon sind Freunde und sie verkaufen in Laguna Beach, Kalifornien, im großen Stil selbst angebautes, supergutes Gras. Ben ist Buddhist, der einen Teil des Gewinns in Dritte-Welt-Hilfsprojekte investiert. Chon ist Ex-Navy-SEALS und er hat Baditude. O ist ihre gemeinsame Geliebte – und für die drei Freunde ist das kein Problem.

Ein Problem ist dagegen der Vorschlag des mexikanischen Baja-Kartells, das sich bei ihnen einkaufen möchte. Ben und Chon lehnen das Kooperationsangebot ab, das Kartell entführt O und, weil Ben und Chon O unbedingt zurück haben wollen und ein Probleme mit Befehlen haben, geraten die Dinge außer Kontrolle.

Kings of Cool“ wird, durchaus zutreffend als Prequel zu „Zeit des Zorns“ angekündigt. Denn Don Winslow erzählt eine ältere Geschichte aus dem Leben von Ben, Chon und O, die sich bereits 2005 in Laguna Beach abspielte. Gleichzeitig geht er noch weiter in die Vergangenheit zurück und erzählt von den Eltern von Ben, Chon und O – und wie sich die Drogenszene und die Gegenkultur in Südkalifornien von den sechziger Jahren bis zur Gegenwart entwickelte. Dabei begegnen wir auch einigen Charakteren, wie Bobby Z und Frankie Machianno (aka Frankie Machine), denen Don Winslow bereits eigene Romane widmete. Hier haben sie nur das Fanherz erfreuenden Cameo-Auftritte. Gleichzeitig müssen sich die Charaktere, und das ist das Thema des Buches, immer zwischen ihrer biologischen und ihrer gewählten Familie, ihren Freunden, entscheiden.

Sprachlich hat Don Winslow zuletzt anscheinend eine gehörige Portion Ken Bruen gelesen. Denn seine Sätze sind noch knapper, sein Stil noch assoziativer und auch das Schriftbild erinnert manchmal, wenn er nur ein, zwei Worte in einer Zeile hat, eher an Lyrik als an einen Roman. Einige Szenen schreibt er auch im Stil eines Drehbuchs und die Geschichten entwickeln so einen richtigen Drive (die vielen kurzen, teils sogar sehr kurzen Kapitel helfen auch), der einen in die Geschichte hineinzieht und die mit ihrem schwarzen Humor und ihrem lakonischen Erzählgestus immer wieder sehr komisch ist.

Dabei skizziert Don Winslow, wie Elmore Leonard, die Charaktere in seinen knappen Beschreibungen und Dialogen so kurzweilig, dass wir ihnen stundenlang zuhören könnten, ohne groß auf die Handlung zu achten. Die ist nämlich gerade in „Zeit des Zorns“ eine Nebensache gegenüber der Sprache.

Beispiel gefällig?

Zufällig ausgewählt:

Tatsächlich trug er eins von diesen „Old Guys Rule“-T-Shirts, die völlig daneben sind, denn wenn alte Säcke wirklich das Sagen hätten, würden sie’s nicht auf billigen T-Shirts behaupten.

Sie würden’s einfach, na ja, sagen.

Das sind Typen, die soziale Medien nicht kapieren, weshalb Ben vermutet, dass die Zeiten, in denen sie was zu sagen hatten, genauso vergessen sind wie Compact Discs.

Obwohl beide Bücher unabhängig voneinander gelesen werden können, sollte man zuerst „Kings of Cool“ und dann „Zeit des Zorns“ lesen. Denn dann haben Ben, Chon, O, DEA-Agent Dennis Cain, Kartell-Killer Miguael Arroyo, genannt Lado, und Kartell-Chefin Elena Sanchez Lauter mehr Tiefe – und wir wissen, warum Chons Vater John senior, der Gründungsmitglied der Association war, einer Gruppe von Laguna Beach Boys, die mit dem Schmuggel von Marihuana reich wurden, und Chon sich, wenn sie sich zufällig auf der Straße begegnen, nur höflich begrüßen.

Don Winslow: Zeit des Zorns

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp 2011

352 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Savages

Simon & Schuster, New York, 2010

Don Winslow: Kings of Cool

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2012

368 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Kings of Cool

Simon & Schuster, New York, 2012

Anfang November besucht Don Winslow für eine Tage Deutschland und stellt die „Kings of Cool“ in folgenden Städten vor

Berlin, Donnerstag, 1. November 2012, 19:30 Uhr

Hamburg, Freitag, 2. November 2012, 18:30 Uhr

München, Samstag, 3. November 2012, 20:00 Uhr

Hamm, Sonntag, 4. November 2012, 18:00 Uhr

Braunschweig, Montag, 5. November 2012, 20:15 Uhr

Hannover, Dienstag, 6. November 2012, 20:00 Uhr

Details zu allen Lesungen hier.

Hinweise

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu “Satori” (Satori, 2011)

Meine Besprechung von Oliver Stones Don-Winslow-Verfilmung „Savages“ (Savages, USA 2012)

Don Winslow in der Kriminalakte

Bonusmaterial

Ein Audiointerview mit Don Winslow über die Romane „Zeit des Zorns“ und „Kings of Cool“ und den Film „Savages“

Und eines über „Kings of Cool“ und „Savages“


Neu im Kino/Filmkritik: Oliver Stones durchwachsene Don-Winslow-Verfilmung „Savages“

Oktober 11, 2012

Savages“ ist kein wirklich schlechter Film, aber es ist ein enttäuschender Film. Immerhin hat Oliver Stone einen Kriminalroman von Don Winslow verfilmt und Don Winslow hat in den vergangenen Jahren eine faktengesättigte alternative Geschichte von Südkalifornien, Mexiko und dem blühenden, grenzüberschreitendem Drogengeschäft, dem „war on drugs“ und der Surferszene geschrieben. Auch in „Zeit des Zorns“ (Savages, 2010) geht es darum. Ben und Chon sind Erzeuger von erstklassigem Marihuana, das sie in Laguna Beach an eine entsprechend vermögende Kundschaft verkaufen. Ben investiert einen Teil seines so erwirtschafteten Vermögens in Dritte-Welt-Hilsprojekte und bei Konflikten bevorzugt er den friedlichen Weg zwischen Ghandi und Buddhismus. Chon ist das Gegenteil. Als Ex-Navy-SEAL löst er Konflikte lieber anders. Trotzdem sind sie die besten Freunde und sie teilen sich auch eine Freundin. O, eigentlich Ophelia, ist ein wahrer Sonnenschein, deren Lebenserfüllung im Einkaufen besteht und die, im Gegensatz zu ihrer Mutter, stolz auf ihren kleinen Busen ist.

Für Ben, Chon und O läuft alles bestens, bis das Baja-Kartell ihnen ein Angebot macht, das sie als Nimm-an-oder-stirb-Offerte nicht ausschlagen sollten. Trotzdem lehnen sie das Beteiligungsangebot ab. Statt zu expandieren, wollen sie sich aus dem Drogengeschäft zurückziehen. Weil so aber auch ihr erstklassiger Stoff, an dem das Kartell interessiert ist, vom Markt verschwinden würde, entführen sie O.

Und das lassen die beiden Jungs sich nicht gefallen.

Noch bevor Don Winslows „Savages“ in den USA veröffentlicht wurde, sicherte Oliver Stone sich die Rechte und machte sich, mit Don Winslow und Shane Salerno („Armageddon – Das jüngste Gericht“, „Shaft – Noch Fragen?“) an die Arbeit. Genau, der Oliver Stone, der uns in „Platoon“ den Vietnamkrieg erklärte, in „JFK – Tatort Dallas“ die Ermordung Kennedys aufklärte, die Drehbücher für „12 Uhr nachts – Midnight Express“, „Scarface“, „Im Jahr des Drachen“ und „8 Millionen Wege zu sterben“, alles Thriller in denen es um Drogenhandel ging, schrieb, mit „Salvador“ einen Ausflug nach Südamerika machte und der in den vergangenen Jahren mehrere Dokumentarfilme über die Gegend „South of the Border“ (so hieß auch eine seiner Dokus) machte, in denen er die Unwissenheit der US-Amerikaner über Südamerika anprangerte.

Auf dem Papier sah das nach einer Ehe zweier Geistesverwandter aus. Obwohl Oliver Stone eher von einem missionarischem Eifer getrieben ist, der seine Filme oft so kontrovers, teilweise ärgerlich und deshalb auch spannend macht. Er ist ein Mann mit einer Agenda, die er stolz in die Welt brüllt.

Don Winslow ist – das Gegenteil. Seine Wut ist gezähmter. Dafür durchtränkt er seine schnörkellos erzählten Genregeschichten mit einem schwarzen Humor, der gleichmäßig gegen alle austeilt, und in denen das Bild einer Gesellschaft entsteht, die sich in ihren Widersprüchen gut eingerichtet hat. Jedenfalls heute. Früher war das etwas anders, wie er in dem eben erschienen grandiosen Roman „Kings of Cool“, in dem er die Vorgeschichte von „Zeit des Zorns“ erzählt und dabei bis in die sechziger Jahre zurückgeht.

Aber anstatt ein zweites „Scarface“ zu inszenieren oder eine große Anklage gegen den „war on drugs“ zu fahren, begnügt Oliver Stone sich in seiner Don-Winslow-Verfilmung mit dem braven heruntererzählen einer kleinen Gangstergeschichte, der die individuelle Oliver-Stone-Handschrift fehlt und die früher in neunzig Minuten erzählt worden wäre. Stone braucht, auch weil die Geschichte am Anfang und in der Mitte mit ihren vielen Subplots unglaublich lange vor sich hin mäandert, über zwei Stunden und er trifft dabei niemals den lakonischen Don-Winslow-Tonfall. Dafür lässt er die Geschichte von O erzählen, verändert etliche Details (so gibt es mehrere helfende Navy-Seals-Freunde von Chon und auch der Kampf von Ben und Chon gegen das Baja-Kartell verläuft anders) und er bietet am Filmende zwei Enden an. Eines davon hat er aus dem Buch übernommen – und, auch wenn Stones Ende nicht schlecht ist, zeigt gerade dieser Kunstgriff mit einem erfundenem und einem wahren Ende, dass er sich nie sicher war, wie er mit der Geschichte umgehen sollte. Außerdem bedient er in „Savages“ die gängigen Südamerika-Klischees von Armut und Drogenhandel, wonach alle Mexikaner Drogenschmuggler oder bestialische Mörder sind. Dieses arg plakatives Bild erstaunt gerade bei Oliver Stone, der es aufgrund seiner früheren Arbeiten besser wissen müsste.

Savages“ ist kein wirklich schlechter Film. Es ist ein absolut okayer, gut besetzter Noir-Thriller, vor sonniger Kulisse, mit Gangstern, die sich gegenseitig verraten und umbringen.

Es ist aber auch ein Film, der weit hinter den Erwartungen zurückbleibt und selbstverständlich ist Don Winslows Roman „Zeit des Zorns“, wegen seiner Baditude, viel besser.

Savages (Savages, USA 2012)

Regie: Oliver Stone

Drehbuch: Shane Salerno, Don Winslow, Oliver Stone

LV: Don Winslow: Savages, 2010 (Zeit des Zorns)

mit Aaron Taylor-Johnson, Blake Lively, Taylor Kitsch, Benicio Del Toro, Salma Hayek, John Travolta, Demián Bichir, Shea Whigham, Sandra Echeverria, Emile irsch

Länge: 131 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Don Winslow: Zeit des Zorns

(übersetzt von Conny Lösch)

Suhrkamp, 2011

352 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Savages

Simon & Schuster, 2010

Hinweise

„Savages“-Bonus: Die „Interrogation Series“ mit den Hauptcharakteren (kein Kommentar)

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Savages“

Metacritic über „Savages“

Rotten Tomatoes über „Savages“

Wikipedia über „Savages“

Hollywood & Fine: Interview mit Don Winslow (11. Juli 2012)

Homepage von Don Winslow

Deutsche Homepage von Don Winslow

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Private“ (The Dawn Patrol, 2008)

Meine Besprechung von Don Winslows „Pacific Paradises“ (The Gentlemen’s Hour, 2009) und „Tage der Toten“ (The Power of the Dog, 2005)

Meine Besprechung von Don Winslows „Bobby Z“ (The Death and Life of Bobby Z, 1997)

Meine Besprechung von Don Winslows „Satori“ (Satori, 2011)

Mein Interview mit Don Winslow zu „Satori“ (Satori, 2011)

Don Winslow in der Kriminalakte


Wie alles begann: Die ersten drei James-Bond-Romane von Ian Fleming sind wieder erhältlich – und sogar neu übersetzt

Oktober 5, 2012

Einerseits sind die James-Bond-Romane von Ian Fleming Kalter-Kriegs-Lektüre aus dem letzten Jahrhundert, andererseits sind die literarischen Modernisierungen von verschiedenen Autoren nicht immer unbedingt überzeugend gewesen und die teils hohen Preise für ältere Ausgaben der Bond-Romane zeigen, dass es immer noch ein großes Interesse an den Abenteuern des Geheimagenten gibt.

Jetzt hat Cross Cult (jau, die „The Walking Dead“ und das halbe „Raumschiff Enterprise“-Universum deutschen Lesern nahebringen) Ian Flemings James-Bond-Romane neu übersetzten gelassen, das schicke Retro-Cover der englischsprachigen Penguin-Ausgaben übernommen und, wenige Wochen vor Daniel Craigs drittem Einsatz als James Bond („Skyfall“ startet am 1. November), die ersten drei James-Bond-Romane „Casino Royale“, „Leben und sterben lassen“ und „Moonraker“ veröffentlicht.

Für die Neuübersetzung gibt es einen guten Grund, wie Siegfried Tesche in „Das große James-Bond-Buch“ beim ersten Bond-Roman schreibt: „’Casino Royale‘ wurde, wie alle anderen deutschen Ausgaben auch, gekürzt und zum Teil falsch oder lückenhaft übersetzt. Zudem wurden antideutsche Formulierungen, die in einigen Fleming-Romanen auftauchen, schlicht weggelassen. Dr. Jürgen Müller, Cheflektor Taschenbuch bei Ullstein, zu den Kürzungen: ‚Ich kann aus meiner Verlagskenntnis heraus nur anmerken, dass dies damals eine in der gesamten Branche nicht unübliche Usance war: die Taschenbuchbände wurden ganz einfach auf einen Umfang getrimmt, den der angestrebte Ladenpreis zuließ.‘ (…) In allen Übersetzungen wurden die Kapitelüberschriften und fast immer auch Produktbezeichnungen, ein wichtiges Element in Flemings Stil, weggelassen.“

Am heftigsten wurde wohl „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ gekürzt. Wegen der antideutschen Tendenzen lehnte der Ullstein-Verlag, der die deutschen Ausgaben von „Casino Royale“ und „Leben und sterben lassen“ veröffentlichte, eine Veröffentlichung von „Moonraker“ ab. Der Scherz-Verlag veröffentlichte 1968 die deutsche Übersetzung des 1955 im Original erschienenen Romans nur in seinem Taschenbuchprogramm.

In „Casino Royale“ soll James Bond am Baccara-Tisch den russischen Agenten ‚Le Chiffre‘ ruinieren und ihn so in den Ruhestand schicken. Le Chiffre fügt sich aber nicht klaglos seinem Schicksal.

In „Leben und sterben lassen“ kämpft James Bond gegen Mr. Big, einen Meisterverbrecher und Voodoobaron, der mit Goldmünzen aus einem Piratenschatz die sowjetische Spionage in den USA finanziert.

In „Moonraker“ will der Millionär und Ex-Nazi Sir Hugo Drax (1955 war eine Million mehr wert als heute) den Engländern eine Superrakete schenken. Als Drax in einem Spielkasino falsch spielt, soll James Bond ihm eine Lektion erteilen.

Im Dezember geht es, chronologisch, mit „Diamantenfieber“ weiter. Für März 2013 sind „Liebesgrüße aus Moskau“ und „Dr. No“ angekündigt. Im Juni 2013 erscheinen „Goldfinger“ und „In tödlicher Mission“, im September 2013 „Feuerball“ und „Der Spion, der mich liebte“, im Dezember 2013 „Im Geheimdienst ihrer Majestät“ und „Man lebt nur zweimal“, und, abschließend, im März 2014 „Der Mann mit dem goldenen Colt“ und „Octopussy“ – und wenn dann alles zwölf James-Bond-Romane und die beiden Kurzgeschichtensammlungen im Regal nebeneinander stehen, sehen sie auch hübsch aus.

Für die Verfilmungen wurden dann nur noch Elemente der Geschichte übernommen. Entsprechend viel gibt es auch für die Fans der Filme in den Vorlagen zu entdecken.

Auch ich werde die Romane wieder lesen. Denn ich kenne ja nur die alten Übersetzungen (auch die Originalausgaben habe ich vor langer, langer Zeit gelesen) und, so die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ vom 19. März 1966: „Man ließ Fleming nicht übersetzen, sondern bearbeiten, das heißt verkürzt nacherzählen. Flemings Geschichten sind unterschiedlicher Länge; sie wurden auf immer das gleiche 190-Seiten-Volumen getrimmt. Was man wegnahm, war gerade das, was den Reiz der Bond-Geschichten ausmachte: Man entfernte Teile der Kulisse und beließ die reine Aktion.“

Nun, bei Cross Cult variiert die Länge der ersten drei Bände zwischen 240 und 352 Seiten und auch wir Deutschen können endlich die James-Bond-Romane so lesen, wie Ian Fleming sie schrieb.

Der erste Eindruck und ein schneller Vergleich zwischen den alten Übersetzungen und den neuen Übersetzungen, überzeugt.

Ian Fleming: Casino Royale

(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)

Cross Cult, 2012

240 Seiten

11,80 Euro

Originalausgabe

Casino Royale, 1953

Erste deutsche Übersetzung von Günter Eichel

Ullstein Taschenbuchverlag, 1960

Ian Fleming: Leben und sterben lassen

(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)

Cross Cult, 2012

336 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

To live and let die, 1954

Erste deutsche Übersetzung von Günter Eichel

Ullstein Taschenbuchverlag, 1961

Ian Fleming: Moonraker

(übersetzt von Stephanie Pannen und Anika Klüver)

Cross Cult, 2012

352 Seiten

12,80 Euro

Originalausgabe

Moonraker, 1955

Erste deutsche Übersetzung von M. F. Arnemann

007 James Bond Mondblitz

Scherz Verlag, 1968

(Ullstein lehnte eine Veröffentlichung wegen antideutscher Tendenzen ab)

Hinweise

Homepage von Ian Fleming

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers James-Bond-Roman “Carte Blanche” (Carte Blanche, 2011)

James Bond in der Kriminalakte

Ian Fleming in der Kriminalakte


Neu im Kino/Filmkritik: Unverfilmbar? Die Jack-Kerouac-Verfilmung „On the Road“

Oktober 5, 2012

Es hat, obwohl der Romanautor sofort nach der Erstveröffentlichung Marlon Brando einen Brief schrieb, in dem er ihn fragte, ob er die Hauptrolle spielen wolle, lange gedauert bis Jack Kerouacs bereits 1957 veröffentlichter Roman „On the Road“ verfilmt wurde.

Ob Kerouac damals wirklich den Brief an Marlon Brando, der damals ein Star war, schrieb, oder ob das eine der weiteren Legenden ist, die sich um den Roman ranken, kann nicht geklärt werden. Aber immerhin hatte Kerouac nichts gegen eine Verfilmung. Er hatte auch nichts gegen eine Überarbeitung, wie Howard Cunnell in „Diesmal schnell“ (enthalten in „On the Road – Die Urfassung“) zeigt. Nach seinem ersten Roman „The Town and the City“ (erschienen 1950) begann Jack Kerouac nach eigenen Worten im Oktober 1948 mit den Arbeiten an einem neuen Roman, der von Bewegung, dem Leben auf der Straße, handeln sollte. Dafür unternahm er zwischen 1947 und 1950, letztendlich, mehrere Reisen, notierte währenddessen seine Erlebnisse und was er hörte in Reisetagebüchern. Überarbeitete seine Notizen mehrmals, bis er im April 1951 in einem dreiwöchigem Schreibrausch auf einer einzigen Papierrolle die Urfassung von „On the Road“ schrieb. Danach begann er mit den Überarbeitungen, die letztendlich in dem 1957 erschienenen „On the Road“ mündeten, der schnell zum Klassiker und Bibel der Beat-Generation wurde. Immerhin porträtierte er aus eigenem Erleben die Nachkriegsgeneration, die ihren Platz in den Vereinigten Staaten suchte und die in einer konservativen Gesellschaft einen unbändigen Hunger nach Freiheit hatte.

Außerdem porträtierte er die Ikonen der Beat-Generation. In der Urfassung unter ihren richtigen Namen, in dem 1957 veröffentlichtem Roman unter Pseudonymen. Sal Paradise (Buch) ist Jack Kerouac. Dean Moriarty ist Neal Cassady, Marylou ist Luanne Henderson, Camille ist Carolyn Cassady, Old Bull Lee ist William S. Burroughs, Carlo Marx ist Allen Ginsberg, Jane ist Joan Vollmer, Galatea Dunkle ist Helen Hinkle, Ed Dunkle ist Al Hinkle, Terry ist Bea Franco undsoweiter.

Der Roman schildert, unterteilt in fünf Bücher, die, bis auf das letzte Buch, jeweils eine Reise schildern, mehrere Reisen von Jack Kerouac durch die USA und seine Beziehung zu Neal Cassidy, der für ihn eine Art Vorbild war. Dabei folgt er, vor allem weil die Reisen von Kerouac oft, außer dem Wunsch am anderen Ende des Landes jemand zu treffen, kein richtiges Ziel hatten, der episodischen Chronologie der Straße, die das Gegenteil der konventionellen Dramaturgie mit Anfang-Mitte-Ende ist. Eben deshalb wurde „On the Road“ auch immer für unverfilmbar gehalten. Denn wie soll man ein Buch, das keine Geschichte erzählt, verfilmen? Vor allem ohne die Zuschauer mit endlosen Wiederholungen, die immer wieder, an verschiedenen Orten, letztendlich das gleiche erzählen, zu langweilen?

Walter Salles (Central Station, Die Reise des jungen Che) nahm in seiner Verfilmung den einfachen Weg, in dem er sich weitgehend an Jack Kerouacs Roman hält und dessen Reisen und Erlebnisse chronologisch, mit einigen notwendigen Kürzungen und Umstellungen, schildert.

Dabei versucht er, oft mit der Handkamera und nah bei den Schauspielern, die Lebensenergie der Charaktere und die Energie des Bebop, der damals von ihnen bewunderten Musik, einzufangen.

Und „On the Road“ ist auch wie eine Bebop-Improvisation während eines Konzertes: schnell, energetisch, etwas zerfetzt – und am Ende auch etwas lang, wenn Jack Kerouac noch eine und noch eine Reise unternimmt.

Doch was damals neu und in einer konservativen Gesellschaft (Seht euch einfach noch einmal einen Doris-Day-Film an.) skandalös war, – Sex mit wechselnden Partnern, Untreue, Scheidungen, exzessiver Drogengebrauch -, taugt heute nicht mehr zum Skandal, sondern ist einfach Teil jeder Jugendkultur und der Selbstfindung nach der Pubertät. Denn die meisten Charaktere in Kerouacs „On the Road“ sind erstaunlich jung. Kerouac ist 1922 geboren und damit, mit Mitte Zwanzig, der Älteste. Und er war im Krieg; was in „On the Road“ allerdings höchstens in Nebensätzen, wenn er mal wieder einen Veteranenscheck erhält, angesprochen wird. Neal Cassidy ist 1926 geboren, war „ein junger, geheimnisumwobener Knacki“, der gerade die kaum jüngere, 16-jährige Louanne geheiratet hatte. Allen Ginsberg ist ebenfalls Jahrgang 1926. Der von ihnen bewunderte William S. Burroughs, den sie 1949 auf einer Reise besuchen, ist Jahrgang 1914, und seine Freundin Joan Vollmer, die er 1951 in Mexiko bei einem Wilhelm-Tell-Spiel erschoss, ist Jahrgang 1923.

On the Road“ ist ein ehrenwerter, aber auch etwas zu vorsichtiger Versuch, den Roman zu verfilmen. Denn letztendlich hält Salles sich zu sehr an den Roman, der ja auch ein fiktionalisierter Tatsachenbericht mit eher karg gezeichneten Personen ist, die sich während der in dem Roman geschilderten Jahre kaum verändern. Und sie erscheinen im Film glamouröser als im Buch, das (ich habe eben die Urfassung gelesen) ein erstaunlich nüchternes und ungeschöntes Bild von ihnen zeichnet. Hier erscheint das Unterwegs-Sein oft weniger als die Suche nach etwas, als die Flucht vor Verantwortung. So verteilt Neal Cassady seine Ehefrauen und Geliebten, samt der von ihm gezeugten Kinder, über das gesamte Land und, weil er ständig pleite ist, zahlt er auch keine Alimente.

Deshalb hätte ich es interessanter gefunden, wenn Walter Salles, wie David Cronenberg bei seiner William-S.-Burroughs-Verfilmung „Naked Lunch“, auch auf die Entstehung des Romans eingegangen wäre und er so ein komplexeres Spiel zwischen Fiktion und Realität gewagt hätte oder wenn er sich deutlicher auf einen bestimmten Aspekt des doch arg mäanderten Romans beschränkt hätte, zum Beispiel auf die Beziehung von Jack Kerouac zu Neal Cassady als die Suche nach einer Vaterfigur. Der erste Satz der Urfassung „Zum ersten Mal traf ich Neal, kurz nachdem mein Vater gestorben war…“ legt diese Lesart ja nahe.

Obwohl, dann die Kritiker, die jetzt über zu viel Textnähe jammern und den Film als zu brav kritisieren, dann sicher über eine zu freie Bearbeitung des Kultbuches jammern würden.

Letztendlich trifft Walter Salles mit seiner Kerouac-Verfilmung den Ton des damals revolutionären Romans doch ziemlich gut. Dummerweise ist das, was damals tabubrechend war und so niemals verfilmt worden wäre, heute gar nicht mehr so aufregend und die Sehnsucht nach der Freiheit der Landstraße wurde seitdem in zahlreichen Road-Movies immer wieder thematisiert.

On the Road (On the Road, USA/GB/F/BR, 2012)

Regie: Walter Salles

Drehbuch: Jose Rivera

LV: Jack Kerouac: On the Road, 1957 (Unterwegs)

mit Garrett Hedlund, Sam Riley, Kristen Stewart, Amy Adams, Tom Sturridge, Kirsten Dunst, Viggo Mortensen, Steve Buscemi, Terrence Howard, Alice Braga

Länge: 137 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Die Vorlage in der Urfassung

Jack Keroauc: On the Road – Die Urfassung

(übersetzt von Ulrich Blumenbach)

rororo, 2011

576 Seiten

9,99 Euro

(ab Seiten 439 die Nachworte: Howard Cunnell: Diesmal schnell – Wie Jack Kerouac ‚Unterwegs‘ schrieb; Penny Vlagopoulos: Die Neuerfindung Amerikas – Kerouacs Nation von ‚Untergrundmonstern‘; George Mouratidis: ‚Ins Herz der Dinge‘ – Neal Cassady und die Suche nach dem Authendischen; Joshua Kupetz: ‚Der gerade Weg führt nur zum Tod‘ – Die Urfassung von ‚Unterwegs‘ und die zeitgenössische Literaturtheorie)

Originalausgabe der Urfassung

On the Road: The Original Scroll

Viking Penguin, 2007

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „On the Road“

Rotten Tomatoes über „On the Road“

Wikipedia über die Verfilmung „On the Road“ (englisch), den Roman „On the Road“ (deutsch, englisch) und Jack Kerouac (deutsch, englisch)

Bonusmaterial

DP/30-Interview mit Walter Salles, Kristen Stewart und Garrett Hedlund

Die Cannes-„On the Road“-Pressekonferenz mit vielen, vielen Teilnehmern

Und eine Doku über „On the Road“ – mit Jack Kerouac höchstpersönlich

 

 


Neu im Kino/Filmkritik: Das wirklich, wirklich wahre Biopic „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Oktober 4, 2012

Bis Steven Spielbergs anscheinend sehr staatstragender Abraham-Lincoln-Film „Lincoln“ in die Kinos kommt, können wir uns mit Timur Bekmanbetovs Version von Abraham Lincolns Leben vergnügen. Der „Wanted“-Regisseur wagt in seinem Biopic einen neuen Blick auf das Leben von Abraham Lincoln (12. Februar 1809 – 15. April 1865). Danach, wie schon Seth Grahame-Smith in seiner lesenswerten Biographie „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ enthüllte, war Abraham Lincoln nicht nur Ehemann, Vater, Präsident der USA und Befreier der Sklaven, sondern auch ein sehr erfolgreicher Vampirjäger.

In seinem Roman folgt Seth Grahame-Smith den Konventionen einer Biographie, in dem er Lincolns Leben scheinbar objektiv von seiner Geburt bis zum Tod schildert, seine Behauptungen mit Bildern und Fußnoten erhärtet, peinlich genau auf die Schreibfehler in Abraham Lincolns lange verschwundenen Tagebüchern hinweist und natürlich die große Enthüllung macht, die zum Kauf des Buches animieren soll: Abraham Lincoln war Vampirjäger – und weil der Biograph Seth Grahame-Smith von Henry Sturges, einem Freund Lincolns, im heutigen New York die Tagebücher, über die es lange Zeit nur Gerüchte gab und deren Existenz von Historikern bezweifelt wurde, erhalten hat und Grahame-Smith auch mit einigen, hm, Zeitzeugen reden konnte, kann er wirklich neues über Abraham Lincoln berichten. Der Roman ist ein großer Spaß.

Für den Film nahmen sich die Macher dann, wie auch in anderen Biopics, zahlreiche Freiheiten, die Historiker die Wände hochgehen lassen, aber das Leben filmisch dramatisieren und auf die gängigen filmischen Konventionen hinbiegen. Da wird Abraham Lincolns Kampf gegen die Vampire zu einer zutiefst persönlichen Angelegenheit, die in einem großen Kampf von Lincoln gegen Adam, den für den Film erfundenen Anführer der Vampire, mündet. Ein Kampf, der auch über das Ende des Bürgerkrieges entscheidet. Dabei ist dieser Krieg, im Film, kein Krieg über die Zukunft der Sklaverei, sondern über die Zukunft Amerikas, das, wenn Lincoln verliert, ein Vampirstaat wird. Denn für die Vampire sind die Sklaven eine unerschöpfliche Quelle von billigen Mahlzeiten.

Schon davor geht es heftig zur Sache, wenn Abrahm Lincoln, dessen Leben im Film von 1820 bis 1865 episodenhaft geschildert wird, mit seiner Lieblingswaffe, einer Axt (Oookay, vielleicht nicht wirklich die beste Waffe, um gegen Vampire vorzugehen. Vor allem in engen Räumen. Aber optisch sieht’s gut aus und mit Schwertern wurde im „Highlander“ und in Old Europe geköpft.), ganze Vampirhorden abschlachtet. Bekmanbetov inszenierte dies, in schönster „Wanted“-Manier, in Zeitlupe – und immer einen Hauch zu unblutig. Fast so, als hätten die Macher – erfolglos – auf eine „frei ab 12 Jahre“-Freigabe spekuliert.

Und viele dieser Schlachten und Kämpfe sind einfach zu übertrieben und zu sehr in einer Comicwelt, um wirklich ernst genommen zu werden. Die 3D-Effekte und die viel zu vielen Spezialeffekte (CGI rules!) verstärken diesen Effekt des Unrealistischen noch. Da hilft es auch nichts, dass die Vampire gegen die Abraham Lincoln und seine Freunde kämpfen, nicht vom „Twilight“-Virus infiziert, sondern echte Blutsauger sind, die auch am Tag zubeißen können.

Davon abgesehen folgt „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ weitgehend den bekannten Pfaden eines Biopics, wie es schon zu Hollywoods Glanzzeiten gediegen und durchaus etwas langatmig in seiner chronologischen Abhandlung der wichtigen Erlebnisse des Porträtierten inszeniert wurde.

Allerdings wird im Film gerade dieser Widerspruch zwischen der absurden Prämisse und der konventionellen Form nicht genutzt.

Letztendlich ist „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ nur „Wanted“ im 19. Jahrhundert, getarnt als blutleeres Biopic. Und dabei hätte der Film wirklich spaßig werden können.

Abraham Lincoln, Vampirjäger (Abraham Lincoln: Vampire Hunter, USA 2012)

Regie: Timur Bekmanbetov

Drehbuch: Seth Grahame-Smith

LV: Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln – Vampire Hunter, 2010 (Abraham Lincoln, Vampirjäger)

mit Benjamin Walker, Dominic Cooper, Anthony Mackie, Mary Elizabeth Winstead, Rufus Sewell, Martin Csokas, Erin Wasson

Länge: 110 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Vorlage

Seth Grahame-Smith: Abraham Lincoln, Vampirjäger

(übersetzt von Carolin Müller)

Heyne, 2011

496 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Abraham Lincoln – Vampire Hunter

Grand Central Publishing, 2010

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Metacritic über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“

Rotten Tomatoes über „Abraham Lincoln, Vampirjäger

Wikipedia über „Abraham Lincoln, Vampirjäger“ (deutsch, englisch)

Freigabebegründung der FSK (oder Wie ich in lobenden Worten den Horrorfilmfans erkläre, dass sie nicht in den Film gehen müssen)


Bonus

Seth Grahame-Smith stellt sein neuestes Buch „Unholy Night“ vor

und sein damals neuestes Buch „Pride and Prejudice and Zombies“ (Stolz und Vorurteil und Zombies)


Kurzkritik: Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho

September 28, 2012

In diesem Fall war es wohl keine gute Idee, den Roman als Reiselektüre auf die Zugfahrt mitzunehmen. Denn jetzt weiß ich nicht, ob mich die DB oder Ben Aaronovitch zuverlässig immer wieder in den Schlaf rüttelte.

Dabei hatten mir die ersten Seiten von „Schwarzer Mond über Soho“, dem zweiten Roman mit Constable Peter Grant, verdammt gut gefallen. Im heutigen London muss er sich mit Hexern und Magiern herumschlagen muss, während er selbst von Detective Inspector Thomas Nightingale in der hohen Kunst der Magie unterrichtet wird.

Jetzt hört er bei einem ermordeten Jazzmusiker leise die Melodie des Jazz-Standards „Body and Soul“ (für mich alten Jazzfan noch ein Pluspunkt) und, wie er schnell herausfindet, sind in den letzten Jahren mehrere Jazzmusiker auf seltsame Art gestorben. Jedenfalls aus Magiersicht; für Normalsterbliche war es ein natürlicher Tod oder Drogenmissbrauch. Grant weiß, dass der übersinnlich begabte Killer weitermorden wird – und der Schlüssel zu seiner Identität und dem Motiv für die Mordserie in dieser speziellen Version von „Body and Soul“ liegt. Aber von wem ist diese Version?

Aaronovitch beginnt seine Geschichte flott und witzig. Die Lakonie, mit der das Übernatürliche mit typische britischer Nonchalance akzeptiert wird, gefällt. Aber dann zieht sich die Geschichte hin zu einem Ende, das mir etwas zu sehr auf einen dritten Band spekulierte (oder war’s das sanfte Rütteln der DB, das mich sanft in einen komatös-unruhigen Schlaf wiegte?), scheinbar ewig hin.

Jedenfalls will ich Ben Aaronovitch und Constable Peter Grant noch eine zweite Chance geben. In „Die Flüsse von London“ (Rivers of London, 2011) erzählt der Polizeineuling Peter Grant, wie er zum ersten Zauberlehrling in England seit einem halben Jahrhundert wurde und einige Verbrechen aufklärte, teils mit, wie wir in „Schwarzer Mond über Soho“ in den kurzen Rückblicken erfahren, ähem, interessanten Ergebnissen. „Die Flüsse von London“ hat es immerhin auf die Longlist für den Theakstons Old Peculier Crime Novel of the Year Award geschafft.

Ben Aaronovitch: Schwarzer Mond über Soho

(übersetzt von Christine Blum)

dtv, 2012

416 Seiten

9,95 Euro

Originalausgabe

Moon over Soho

Gollancz, London, 2011

Hinweise

Homepage von Ben Aaronovitch

Wikipedia über Ben Aaronovitch (deutsch, englisch)

 


Sara Gran besucht „Die Stadt der Toten“

September 26, 2012

Auf der KrimiZeit-Bestenliste steht Sara Grans „Die Stadt der Toten – Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt“ seit Juli, Kritiker feiern den Krimi euphorisch ab und inzwischen taucht der Roman auch auf etlichen Nominierungslisten, unter anderem für den Hammett- und den Shamus-Preis, auf.

Genug Gründe also, um sich dieses Werk einmal genauer anzusehen. Die Story klingt zwar nicht sonderlich spektakulär: eine Detektivin soll einen während des Hurrikans Katrina in New Orleans verschwundenen, geachteten Staatsanwalt finden. In der zerstörten Stadt beginnt sie sich umzuhören und wird schnell von Jugendlichen auf offener Straße beschossen. Aber wenn alle „Die Stadt der Toten“ zu einem Meisterwerk hochjubeln, muss es ja etwas geben. Da gibt es die Erzählerin Claire DeWitt, die sich selbst „die beste Detektivin der Welt nennt“, in der Vergangenheit anscheinend viele spektakuläre Fälle aufklärte, entsprechend teuer ist, das Werk des französischen Privatdetektivs Jacques Silette bewundert, der in einem rätselhaften Buch, dem „Détection“, seine Grundsätze formulierte und, obwohl einige ihn für einen Scharlatan halten, eine Schar treuer Anhänger um sich scharrte (Pablo De Santis lässt grüßen) und die zuletzt in einer psychiatrischen Klinik war. Nicht aus beruflichen Gründen. Bei ihren Ermittlungen vertraut sie nicht nur, wie andere Privatdetektive, auf tapferes Herumfragen, rumgeschubst und zusammengeschlagen werden und ihre kleinen grauen Zellen, sondern sie erspürt den Täter, legt I-Ging-Münzen und deutet ihre Träume. Sie ist anscheinend ziemlich abgedreht.

Das könnte ein interessanter Ansatz sein, vor allem weil Sara Gran den Privatdetektiv-Roman nicht mit Fantasy kreuzt (Sorry, keine Zauberer, Hexen und Untoten. Auch kein Freund Harvey.), sondern sie wohl eher etwas Spaß innerhalb der Genreregeln haben will. Dummerweise wird nie klar, warum Claire DeWitt die, wie sie sich selbst mehrmals, vollkommen unironisch nennt, beste Privatdetektivin der Welt ist. Sie wirkt eher wie der altbekannte Privatdetektiv mit einigen Marotten.

Außerdem ist der Fall arg dünn und die Lösung, dank der wenigen Verdächtigen, arg naheliegend.

Sara Gran erzählt „Die Stadt der Toten“ in einer nüchternen Prosa, fernab von jeglicher Ironie und Wortwitz, die sich schnell weglesen lässt und ungefähr soviel Eindruck erzielt wie eine laue Sommerbrise.

Da ist nichts, was mich gespannt auf die nächste Ermittlung von Claire DeWitt warten lässt.

Sara Gran: Die Stadt der Toten

(übersetzt von Eva Bonné)

Droemer, 2012

368 Seiten

14,99 Euro

Originaltitel

Claire DeWitt and the City of the Dead

Houghton Mifflin Harcourt Publishing Company, 2011

Hinweise

Homepage von Sara Gran

Droemer Verlag: Interview mit Sara Gran

Crime Always Pay: Interview mit Sara Gran


Kurzkritik: James Sallis: Driver 2

September 25, 2012

Am Ende von „Driver“, dem auch erfolgreich verfilmten Überraschungserfolg von James Sallis, taucht der namenlose Fluchtwagenfahrer, den alle nur Driver (also Fahrer) nennen, unter. Er war in eine böse Geschichte geraten, hatte Ärger mit der Mafia bekommen und einige Menschen starben.

In der Fortsetzung „Driver 2“ lebt er ein zurückgezogenes Leben in Phoenix. Da bemerkt er, dass er verfolgt wird und als er sich zu wehren beginnt, steht er vor der Frage, wer seine Verfolger beauftragte.

Wie die anderen Romane von James Sallis ist auch „Driver 2“ ein Spiel mit den Formen des Noirs und Gangsterromans, in dem James Sallis einerseits die bekannten Genreregeln befolgt und sie andererseits, quasi von innen heraus, aushöhlt. Das macht über die Länge einer längeren Kurzgeschichte, einer Novelle, wirklich Spaß; – auch wenn ich beim Lesen immer die Verfilmung „Drive“ von Nicolas Winding Refn mit dem grandiosen Ryan Gosling als Fahrer im Kopf hatte und „Driver 2“ fast schon als rudimentäres Drehbuch für „Driver 2“ gelesen habe.

James Sallis: Driver 2

(übersetzt von Jürgen Bürger und Kathrin Bielfeldt)

Liebeskind, 2012

160 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Driven

Poisened Pen Press, Scottsdale/Arizona 2012

Hinweise

Homepage von James Sallis

Eindrücke vom Berlin-Besuch von James Sallis

Meine ‘Besprechung’ von James Sallis’ „Deine Augen hat der Tod“ (Death will have your eyes, 1997)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Driver“ (Drive, 2005)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Schuld“ (Cypress Groove, 2003)

Meine Besprechung von James Sallis’ „Dunkle Vergangenheit“ (Cripple Creek, 2006)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Dunkles Verhängnis” (Salt River, 2007)

Meine Besprechung von James Sallis’ “Der Killer stirbt” (The Killer is dying, 2011)

Meine Besprechung der James-Sallis-Verfilmung „Drive“ (Drive, USA 2011)

James Sallis in der Kriminalakte (natürlich mit vielen weiterführenden Links und Videos)

Bonushinweise

zu „Driver 2“ und mit der nervigen „Druckfrisch“-Wackelkamera

ohne Gewackel und schon einige Monate alt


„Road Rage“: Die Herren Joe Hill, Stephen King und Richard Matheson sagen uns, warum man bestimmte Leute nicht ärgern sollte

September 24, 2012

Ein Mann wird in der Einöde von einem Truck verfolgt. Er hat keine Ahnung, warum. Er hat nur Angst um sein Leben.

Richard Matheson schrieb diese Kurzgeschichte. Später schrieb er ein auf ihr basierendes Drehbuch, das von dem damaligen Jungregisseur Steven Spielberg verfilmt wurde. Der TV-Film war so gut, dass er sogar im Kino lief.

Noch heute gehört „Duell“ zu den archetypischen und klassischen Suspense-Geschichten, die auch als Comic ein wahrer Pageturner ist, wie die Adaption von Chris Ryall in „Road Rage“ zeigt.

Richard Mathesons Geschichte inspirierte auch Stephen King und seinen Sohn Joe Hill zu „Throttle“, einer Version von „Duell“, die in dem Richard Matheson gewidmeten Kurzgeschichten-Band „He is Legend“ erschien, und gerade im direkten Vergleich wird die Genialität von Mathesons Geschichte überdeutlich.

King und Hill erzählen von einer Outlaw-Bikergang, die gerade bei einem illegalen Geschäft einen empfindlichen finanziellen Verlust erlitt und jetzt überlegt, wie sie wieder an ihr Geld kommt. Da beginnt plötzlich und ohne einen ersichtlichen Grund, ein Trucker sie durch die Einöde zu verfolgen. Der Reihe nach bringt er die Biker um – und am Ende gibt es sogar eine Erklärung für seine Taten.

Matheson verzichtet in seiner Geschichte auf eine solche Erklärung. Der Trucker kommt einfach wie der Zorn Gottes über den Autofahrer: einen Vertreter, der den absolut nichtssagenden Namen „Mann“ hat.

In dem Comicsammelband „Road Rage“ sind diese beiden Geschichten, die beide von Chris Ryall adaptiert wurden, enthalten. Nelson Daniel bebilderte die King/Hill-Geschichte „Vollgas“. Rafa Gares die Matheson-Geschichte „Duell“, die sich optisch ziemlich weit von Spielbergs Film absetzt. Stephen King, Joe Hill und Chris Ryall schrieben einige lesenswerte Worte über die Bedeutung von Richard Matheson, wie sein Werk sie inspirierte und warum die Geschichte „Duell“ so wirkungsvoll ist.

Aber allein schon wegen „Duell“ gehört dieser Comic in jede gut sortierte Sammlung.

Joe Hill/Stephen King/Richard Matheson: Road Rage

(übersetzt von S. C. Kuschneros)

Panini Comics, 2012

120 Seiten

12,95 Euro

Originalausgabe

Road Rage

IDW, 2012

(enthält „Road Rage: Throttle Issues # 1 – 2“ und „Road Rage: Duel Issues ‚ 3- 4“)

Verfilmung

Duell (Duel, USA 1971)

Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Richard Matheson

LV: Richard Matheson: Duel (Kurzgeschichte, Playboy, April 1971)

mit Dennis Weaver, Eddie Firestone, Charles Seel, Lucille Benson

Hinweise

Homepage von Joe Hill

Joe Hill in der Kriminalakte

Homepage von Stephen King

Mein Porträt zu Stephen Kings Geburtstag

Meine Besprechung von Stephen Kings/Richard Bachmans „Qual“ (Blaze, 2007)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Nachgelassene Dinge“ (The things they left behind) in Ed McBains „Die hohe Kunst des Mordens“ (Transgressions, 2005)

Meine Besprechung von Stephen Kings „Colorado Kid“ (The Colorado Kid, 2005)

Meine Besprechung der auf Stephen Kings Novelle “The Colorado Kid” basierenden TV-Serie “Haven”

Stephen King in der Kriminalakte und in seinem Trailer-Park

Kriminalakte: Ein episch langes Interview mit Richard Matheson

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung „Real Steel“ (Real Steel, USA 2011)

Meine Besprechung der Richard-Matheson-Verfilmung „Tanz der Totenköpfe“ (The Legend of Hell House, GB 1973)

Richard Matheson in der Kriminalakte


Übersetzen? Elmore Leonard: Raylan

September 17, 2012

Raylan Givens ist ein Charakter von Elmore Leonard, der in den beiden in Florida spielenden Romanen „Jede Wette“ (Pronto, 1993) und „Volles Risiko“ (Riding the Rap, 1995) und der Novelle „Fire in the Hole“ (2001) auftrat.

Raylan Givens ist der Held der grandiosen US-Krimiserie „Justified“, die in den USA demnächst in die vierte Staffel geht, während bei uns derzeit bei Kabel 1 die zweite Staffel so wenige Zuschauer hat, dass ich nicht auf eine vollständige Ausstrahlung der zweiten Staffel wetten würde.

Raylan“ heißt der neue Roman von Elmore Leonard, in dem U. S. Marshal Raylan Givens in Harlan County, Kentucky, Bösewichter jagt. Dabei liest sich „Raylan“ weniger wie ein Roman, sondern wie drei Episoden für „Justified“: eine sehr gelungene Einzelepisode und eine sehr locker miteinander verknüpfte, durchwachsene Doppelfolge. Leonard selbst sagt in Interviews, er habe „Raylan“ geschrieben, um den Machern der TV-Serie einige Ideen zu liefern, aus denen sie dann machen könnten, was sie wollten. Die echten „Justified“-Fans werden auch einige Verbindungen zwischen Leonards Roman und der Serie entdecken.

Dass man beim Lesen immer das „Justified“-Ensemble und die Optik der TV-Serie vor seinem geistigen Auge hat, ist kein Nachteil. Immerhin treten etliche aus der TV-Serie bekannte Charaktere auf und Raylan Givens muss sich mit mehr oder weniger sympathischen weiblichen Bösewichter herumschlagen. Es sind eine Krankenschwester, die mit dem Herausoperieren von Nieren außerhalb des OP-Raums und ohne Einverständnis des Spenders ein lukratives, aber auch sehr illegales Geschäftsmodell entdeckte (das ist die erste und auch beste Geschichte); eine Vertreterin einer Minenfirma, die auch mal gerne eine Pistole in die Hand nimmt und jemand erschießt; und eine Pokerspielerin mit den falschen Freunden.

Elmore Leonard sorgt also für viel Spaß in Harlan County und Raylan Givens, der, nicht nur wegen seines Hutes, wie ein Überbleibsel aus dem Wilden Westen wirkt, darf auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. Wenn Worte nicht helfen. Denn zuerst redet er.

Raylan“ ist ein oft skizzenhafter, episodenhafter Roman von Elmore Leonard, der nach der ersten Geschichte auch etwas vor sich hin plätschert. Aber nach dem enttäuschenden „Road Dogs“ und dem komplett vermurksten „Djibouti“ ist „Raylan“ wieder ein Elmore-Leonard-Werk, das eben jene Elemente hat, für die ihn seine Fans lieben: eindrucksvolle Charaktere und grandiose Dialoge. Dass dabei der Plot, mal wieder, vernachlässigt wird, ist für langjährige Elmore-Leonard-Fans keine Neuigkeit.

Die deutsche Übersetzung ist für Januar 2013 bei Suhrkamp angekündigt.

Elmore Leonard: Raylan

William Morrow, New York 2012

272 Seiten

26,99 US-Dollar (derzeit bei Amazon 20,90 Euro)

Hinweise

Homepage zur Serie

Kabel 1 über “Justified”

Wikipedia über „Justified“ (deutsch, englisch)

Meine Ankündigung von „Justified“ (Staffel 2)

Christian Science Monitor: Interview mit Elmore Leonard (18. Januar 2012)

Wall Street Journal: Interview mit Elmore Leonard über „Raylan“ und „Justified“ (13. Januar 2012)

Homepage von Elmore Leonard

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Dschibuti“ (Djibouti, 2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Djibouti“ (2010)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Road Dogs“ (Road Dogs, 2009)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Up in Honey’s Room“ (2007)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Gangsterbraut“ (The hot Kid, 2005)

Meine Besprechung von Elmore Leonards „Callgirls“ (Mr. Paradise, 2004)

Mein Porträt „Man nennt ihn Dutch – Elmore Leonard zum Achtzigsten“ erschien im „Krimijahrbuch 2006“

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Sie nannten ihn Stick“ (Stick, USA 1983)

Meine Besprechung der Elmore-Leonard-Verfilmung „Killshot“ (Killshot, USA 2008)

Elmore Leonard in der Kriminalakte


Sind das wirklich „Die 199 besten Actionfilme & -Serien“?

September 14, 2012

Listen und auch Bücher, wie das jetzt erschienene „Die 199 besten Actionfilme & -Serien“ von Wolf Jahnke und Michael Scholten, laden natürlich zum wilden Kritisieren ein. Denn die Auswahl ist immer angreifbar; vor allem wenn der oder die Listenersteller die Liste in eigener Selbstherrlichkeit erstellen, ist die Liste letztendlich nur eine mehr oder weniger umfangreiche Liste von eigenen Lieblingen. Wenn eine solche Liste von Mehreren erstellt wird oder sogar aus bestehenden Listen herausdestilliert wird, wird die Liste objektiver, aber auch langweiliger. Ich meine, wer war bei „Die 50 besten Horrorfilme“, die aus über fünfzig Bestenlisten des letzten Jahrzehnts entstand, wirklich über die Erstplatzierten „Die Nacht der lebenden Toten“, „Der Exorzist“, „Halloween“, „Blutgericht in Texas“ und „Zombie“ erstaunt?

Ein solches Ranking machen Wolf Jahnke und Michael Scholten nicht. Sie listen alphabetisch die 199 Actionfilme und Actionserien auf, die sie für die Besten halten und ergänzten diese Filmvorstellungen um einige Interviews, Zitate aus Actionfilmen, eine Liste der schlechtesten Actionfilme und mehrere Zusammenstellungen von besonders gelungenen Actionszenen, auch aus Nicht-Actionfilmen, wie „Apcalypse Now“ (der Hubschrauberangriff auf das vietnamesische Dorf), „Ben Hur“ (das Wagenrennen) und „Lawrence von Arabien“ (der Sturm auf die Hafenstadt).

In normalerweise einseitigen Texten bemühen sich die beiden Autoren die Filme möglichst objektiv, teils schon lexikalisch trocken, vorzustellen und auch die ein oder andere, teils unbekanntere Hintergrundinformation zu vermitteln.

Das ist okay, aber ich stellte mir öfter, die Frage, warum ein bestimmter Film aufgenommen wurde. So wird bei „The Dark Knight“ viel über Comicverfilmungen, die verschiedenen „Batmans“, aber nichts über die in dem Film enthaltenen Actionszenen gesagt. Auch die von den Autoren verwendete weite Definition von Actionfilm hilft nicht wirklich weiter:

Züge, Flugzeuge oder Autos, aber auch Motorboote kommen im modernen Actionfilm vor als Zeichen des Fortschritts, als Fluchtmittel, als Tatwaffe, als mobile Festung. Deshalb findet ‚Gladiator‘ keinen Platz im Buch, auch nicht ‚Der letzte Mohikaner‘, (…) Es geht um hochmoderne Zeiten in einer Ära der Industrialisierung, Mechanisierung und des technischen Fortschritts mit Automobilen; (…) Überhaupt geht es um echte Menschen, die leiden, schwitzen und bluten.“

Das ist eine weite Definition, die es erlaubt, Actiontrash, Actionklassiker und auch, nun, ich sage mal gute Filme aus verschiedenen Genres aufzunehmen. So findet man „Snatch – Schweine und Diamanten“ (Komödie) neben „Der Söldner“ (Actiontrash) oder „Mörderischer Vorsprung“ (guter Actionthriller) neben „Naked Killer“ (Hongkong-Action). Einen Schwerpunkt bilden dabei, immerhin sind die beiden Autoren Kinder der achtziger Jahre, die 80er-Jahre-Actionkracher, wie „Avenging Force – Night Hunter“ (mit Michael Dudikoff), “Bloodsport“ (mit Jean-Claude Van Damme), „Delta Force“, „Invasion U. S. A.“ (beide mit Chuck Norris), „Phantom-Kommando“, „Red Heat“ (beide mit Arnold Schwarzenegger) und „Rambo“ (mit Sylvester Stallone). James Bond wird mit sieben Einträgen reichlich und verdient bedacht. Aber auch „Drive“ und „Pulp Fiction“, ein „Anti-Anti-Actionfilm“ (Jahnke/Scholten), sind drin, die ich, wie „Dirty Harry“ (ebenfalls drin), nicht unbedingt als Actionfilme bezeichnen würde. Aber natürlich gewinnt jede Liste mit diesen Filmen.

Eher schon problematisch ist die die Auswahl bei den deutschen Actionfilmen und -Serien. Denn trotz anders lautender Gerüchte gibt es auch Action aus Deutschland und „Alarm für Cobra 11“, „Der Clown“ (beide aus der Actionschmiede von Hermann Joha), „Cascadeur – Die Jagd nach dem Bernsteinzimmer“ (von Stuntman Hardy Martins), „Rampage – Rache ist unbarmherzig“ (von Uwe Boll) und „Straight Shooter“ (von Thomas Bohn) zeigen, dass wir auch Action machen können. Dummerweise sind die Geschichten und die Dialoge eher gruselig und – Lokalpatriotismus hin, Lokalpatriotismus her – im Vergleich zu den besten Actionfilmen aus Hollywood und Hongkong, wie den John-Woo-Filmen „Bullet in the Head“, „Hard Boiled“ und „The Killer“, sind sie nichts, was man sich ansehen müsste. Da wird „Der 7. Sinn“, der wohl eher als Gag aufgenommen wurde, schon zu einem Highlight und die beiden, ebenfalls erwähnten, Dominik-Graf-Filme „Die Katze“ und „Die Sieger“ sind deutsche Actionfilme, die sich wirklich nicht verstecken müssen.

Warum „Invasion U. S. A.“ (Chuck Norris verhindert im Alleingang eine Invasion der Russen in die USA) und „Delta Force“ (Chuck Norris jagt Flugzeugentführer und befriedet dabei den Nahen Osten) zu den besten Actionfilmen, aber „Die City Cobra“ (Sylvester Stallone ballert im Alleingang alle Gangster die ihm über den Weg laufen und eine durchgeknallte Sekte ab) zu den schlechtesten Actionfilmen gehört, verstehe ich nicht. Denn ideologisch bedenklich (höflich gesagt) sind alle drei. Strunzdumm sowieso und Action gibt es in den Filmen überreichlich; in der „City Cobra“ sogar etliche gute Actionszenen. Zum Beispiel wenn Stallone während einer Auto-/Motorradverfolgungsjagd eine Hundertschaft Bösewichter abknallt und diese dann möglichst spektakulär von ihren Maschinen fallen.

Bei den Filmvorstellungen hätte ich mir gewünscht, dass die Drehbuchautoren immer erwähnt würden. Jahnke und Scholten tun es nur, wenn der Regisseur auch das Drehbuch geschrieben hat. Dagegen werden der Kameramann und der Komponist erwähnt. Ein Register fehlt; was natürlich dumm ist, wenn man nur den Originaltitel kennt. Und das Lektorat schlief wohl teilweise. Anders kann ich mir nicht erklären, dass bei „Assault – Anschlag bei Nacht“ John Carpenter mit James Cameron verwechselt wird, oder dass bei „Auf die harte Tour“ ausgerechnet „The Shield“ als Referenzwerk von Regisseur John Badham angegeben wird. Badham führte zwar bei einer Folge der TV-Serie Regie, aber seine bekanntesten Filme sind „Saturday Night Fever“, „Das fliegende Auge“ (einer der 199 Action-Filme des Buches), „War Games“, „Ein Vogel auf dem Drahtseil“ (Bird on a wire), „Drop Zone“ (beides keine grandiosen Filme, aber mit viel spektakulärer Action) und „Codename: Nina“ (erwähnt bei „Nikita“).

Und natürlich fehlen einige Filme, wie „Shoot ‚Em up“, und eine Auflistung der besten Autoverfolgungsjagden. Immerhin waren sie nach „Bullitt“ das Kennzeichen jedes Action-Thrillers und auch die Bourne-Filme kämen ohne eine ordentliche Autoverfolgungsjagd nicht aus.

Trotz dieser Kritik ist die Auswahl der „199 besten Actionfilme & -Serien“ insgesamt durchaus gelungen und sie regt zum Entdecken und Wiederentdecken von einigen Actionfilmen ein.

Wolf Jahnke/Michael Scholten: Die 199 besten Actionfilme & -Serien

Schüren, 2012

288 Seiten

19,90 Euro


Blutig, dieser „Mord(s)kalender 2013“

September 12, 2012

Filmkalender sind ja okay, aber für einen richtigen Krimifan auch irgendwie etwas blutleer. Ein „Mord(s)kalender“ entspricht da schon eher den Bedürfnissen und mit der neuesten Ausgabe kommt der Conte Verlag diesem Bedürfnis auch im besten Hosentaschenformat nach.

Was erwartet den geneigten Krimifan bei diesem Kalender? Außer natürlich einem gültigen Kalender für 2013. Nun, täglich sind, oft mehrere, Geburts- und Todestage von wichtigen Krimischaffenden, normalerweise mit einigen weiterführenden Informationen, aufgelistet.

Warum hab ich „Krimischaffende“ und nicht „Krimiautoren“ geschrieben? Nun, am 12. September wird Johnny Cash, der am 12. September 2003 gestorben ist, erwähnt, weil: er ist „mehrmals in Gefängnissen aufgetreten und hat mit ‚I shot a man in Reno just to watch him die‘ eine der prägnantesten Zeilen zum Thema ‚Rock und Mord‘ gesungen“. Wolfgang Menge, geb. 10. April 1924, der Drehbücher für „Stahlnetz“ und „Tatort“ schrieb, „Ein Herz und eine Seele“ erfand und eine Institution für den TV-Krimi ist, wird ebenfalls erwähnt. Dummerweise geht es ihm wie vielen Institutionen: man ignoriert sie. Aber das ist eine andere Geschichte.

Es gibt ein kleines Glossar, Linktipps, ein alphabetisches Namensregister, und natürlich eine Übersicht über die Schulferien.

Das Herzstück sind allerdings die 53 Obduktionen. Jede Woche gibt es eine einseitige Kolumne, „die sich mit einem Aspekt der kommenden sieben Tage eingehender befasst“. Manchmal, allerdings viel zu selten, ist dieser Zusammenhang offensichtlich: wenn es um den 50. Geburtstag von Uta-Maria Heim (geb. 14. Oktober 1963), der 50. Geburtstag von Ralf Kramp (geb. 29. November 1963), den 60. Geburtstag von Jan Zweyer (geb. 12. Dezember 1953), der 65. Geburtstag von Henning Mankell (geb. 3. Februar 1948), den 70. Geburtstag von Frank Göhre (geb. 16. Dezember 1943), den 125. Geburtstag von Raymond Chandler (geb. 23. Juli 1888) und den 25. Todestag von Charles Willeford (27. März 1988) geht.

Aber meistens könnten die Texte auch einfach in einem anderen Jahr gedruckt werden. So werden in anderen Obduktionen, relativ willkürlich, irgendwie interessante und wichtige Themen abgegrast, wie unvollendete Romane (ach ja, Max Allan Collins hat nicht zwei, sondern bereits drei Mike-Hammer-Romane von Mickey Spillane vollendet, der vierte „Lady, Go Die!“ erschien im Frühling und dürfte damit am Redaktionsschluss für diesen Kalender vorbeigeschrammt sein – und noch keiner wurde übersetzt), Winterkrimis, Kriminalromane und Literatur, Marianne Bachmeier und ihre Selbstjustiz im Gerichtssaal am 6. März 1981, Kitty Genovese und der Bystander-Effekt (sie wurde am 13. März 1964 auf offener Straße getötet [diese „Obduktion“ hätte daher besser in den 2014er-Kalender gepasst]), Rex Miller und das Monströse, ein Porträt von „Pulp Master“ (Uups, wurde da ein älterer Text verwendet? „dessen ‚Piss in den Wind‘ zu einem Höhepunkt des Jahres 2011 wird“), vergessene Bestseller, das Regiophänomen, Sherlock Holmes stirbt nie (Yeah!), die Premiere von „Rashomon“ am 25. August 1950 (deutsche Kinostart war erst zwei Jahre später) oder die von „Fahrstuhl zum Schafott“ am 29. Januar 1958 (allerdings erst in einer November-“Obduktion“,; der deutsche Kinostart war am 29. August 1958), einige Worte über das Gangsterpärchen Bonnie Parker und Clyde Barrow, die sich im Januar 1930 begegneten (nicht 1920, wie es im „Mord(s)kalender“ steht) und am 23. Mai 1934 im Kugelhagel starben, und eine Eloge auf George V. Higgins, der von etlichen wichtigen US-Krimiautoren bewundert wird und bei uns nur noch antiquarisch erhältlich ist.

Und alle vier Wochen gibt es den „Held des Monats“. 2013 sind es Hans Bärlach (von Friedrich Dürrenmatt), Tom Ripley (von Patricia Highsmith), Karin Lietze (von Pieke Biermann), Konstantin Kirchenberg (von Norbert Horst; immerhin war seine erste Ermittlung 2003 in „Leichensache“), Isaac Sidel (von Jerome Charyn), Jean-Baptiste Adamsberg (von Fred Vargas), Mike Hammer (von Mickey Spillane), Richter Di (von Robert van Gulik), Jane Marple (von Agatha Christie), Auguste Dupin (von Edgar Allan Poe), Lisbeth Salander (von Stieg Larsson) und Artie Wu und Quincy Durant (von Ross Thomas).

Mord(s)kalender 2013 – Deine Tage sind gezählt

Conte Verlag, 2012

256 Seiten

11,90 Euro

 


„Triaden“ – ein ungewöhnliches Buch von Poppy Z. Brite und Christa Faust

September 10, 2012

Seit ihrem Deutschlanddebüt „Hardcore Angel“ bin ich ein Fan von Christa Faust, die mit ihren Hardboiled-Krimis bei mir natürlich gute Karten hat. „Triaden“, ein Gemeinschaftswerk mit Poppy Z. Brite, erinnert allerdings eher an ihr Romandebüt „Control Freak“ über eine junge Frau, die in die SM-Szene abrutscht. Auch in „Triaden“ geht es um Sex, Sexualität und die Wandelbarkeit von Geschlechtern und Identitäten.

Die Geschichte beginnt 1937 in Hongkong und endet in der Gegenwart in Los Angeles. Aber genaugenommen erzählen Poppy Z. Brite, die vor allem Horrorromane schreibt und inzwischen lieber als „er“ angesprochen wird, und Christa Faust keine Geschichte, sondern drei Geschichten aus dem Leben von Ji Fung, der sich später Jimmy Lee nennt, und der nicht immer die Hauptfigur ist,

In der ersten und längsten Geschichte „Hongkong – 1937“, die bereits 1997 in der von Douglas E. Winter herausgegebenen Anthologie „Revelations“ (Offenbarungen) erschien, lernen wir die Jugendlichen Lin Bai und Ji Fung kennen, die von einem besseren Leben in Hollywood träumen. Im Moment bildet der strenge Meister Lau sie im Theater „Glücklicher Drache“ für die Peking-Oper aus. Nachdem Meister Lau Lin Bai vergewaltigt, bringt er ihn um und die beiden Freunde flüchten. Auf ihrer Flucht lernen sie den reichen Perique kennen und das Waisenkind Ji Fung erfährt, dass seine Mutter ihn verkaufte, um ihn vor seiner Familie, die zu den Triaden gehört, zu schützen.

Im Auftrag von seinem Triaden-Onkel sollen sie ein Päckchen nach Shanghai bringen. Dabei geraten sie in den Krieg zwischen China und Japan und Perique und Lin Bai sterben.

Ji Fung kann flüchten und im zweiten Teil „Los Angeles – 1945“ lebt er als Jimmy Lee in Hollywood und betreibt den Nachtclub Black Dragon.

Im Mittelpunkt steht allerdings Nan Blake, eine Frau, die bei einem alternden Hollywood-Star lebt (Schönen Gruß an „Sunset Boulevard“), gerne Männerkleider anzieht und lesbisch ist. Als Blake Blackline schrieb sie Geschichten für Black Mask und Dime Detective und jetzt schreibt sie für ein Hollywoodstudio Drehbücher. Auf dem Studiogelände verliebt sie sich in ein Starlet, das allerdings nur an die große Karriere denkt. Dafür geht sie auch eine Beziehung mit einem schwulen Hollywoodstar ein.

Im dritten, mit übernatürlichen Elementen spielendem Teil „Los Angeles – Gegenwart“ steht der junge Actionschauspieler Jake Ryan im Mittelpunkt. Nachdem er in Hongkong-Actionfilmen erfolgreich war, hat er einen Vertrag für mehrere Actionfilme bekommen. Die Dreharbeiten entpuppen sich als ein einziges, nervenzerrendes Disaster. Als Frischling in Hollywood, der in einem Zimmer in dem Anwesen von Nan Blake lebt, hat er keine Freunde und er hadert mit seiner Homosexualität. Nur in Miki, der für sein Make up zuständig ist und unbefangen mit seiner Homosexualität umgeht, findet er einen Freund.

Die Frage der sexuellen Identität durchzieht die drei Geschichten und sie geben den durchaus vertrauten Plots eine neue Wendung. So liest sich die erste Geschichte wie die Vorlage für einen der damaligen, in Asien spielenden Hollywood-Filme. Aber damals gab es im Film noch feste Geschlechterrollen, die von Brite und Faust hier souverän und höchst subversiv unterwandert werden.

Damit knüpfen sie auch an David Cronenbergs auf einer wahren Geschichte basierendem „M. Butterfly“ (USA 1993) über einen Diplomaten, der sich in eine Sängerin verliebt, die ein Mann ist und im Film von einem Mann gespielt wurde, an. Dabei behauptet der Diplomat, als er wegen Geheimnisverrat angeklagt wird, dass er nicht bemerkt habe, dass seine Geliebte ein Mann sei.

Dieser Diskurs über ethnische und Geschlechteridentitäten und Körperveränderungen wird in allen Geschichten auf vielfältigste Art thematisiert und gespiegelt. „Triaden“ ist deshalb auch ein Angriff auf die amerikanische Bigotterie und das Bild der heilen Familie, die aus Mann, Frau und Kindern besteht.

Die 1945 und in der Gegenwart in Hollywood spielenden Geschichten liefern auch einen Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik, zitieren Hollywood-Klatschgeschichten und bekannte Filme.

Triaden“ ist in der Bibliographie von Poppy Z. Brite und Christa Faust ein ungewöhnliches Werk. Aber die Spuren zu Christa Fausts anderen Romanen sind deutlich; von Poppy Z. Brite, dessen Romane seit über zehn Jahren nicht mehr übersetzt werden, habe ich noch keine anderen Bücher gelesen.

Poppy Z. Brite/Christa Faust: Triaden

(übersetzt von Hannes Riffel und Karin Will)

Golkonda Verlag, 2011

220 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Triads

Subterranean Press, 2004

Hinweise

Homepage von Poppy Z. Brite

Homepage von Christa Faust

Meine Besprechung von Christa Fausts „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008)

Meine Besprechung von Christa Fausts „Control Freak“ (Control Freak, 1998)

Meine Besprechung von Christa Fausts „Die Rachegöttin“ (Choke Hold, 2011)

Kriminalakte über Christa Faust


Kurzkritik: Thierry Jonquet: Die Haut in der ich wohne

August 29, 2012

Wenn Alfred Hitchcock einen Roman verfilmte, ging er mit der Vorlage oft ziemlich freizügig um. Auch bei Pedro Almodóvars Verfilmung von Thierry Jonquets Roman „Die Haut, in der ich wohne“ kann man sich, bei einem Blick auf die Geschichte schon fragen, wo die großen Gemeinsamkeiten sind und das liegt nicht nur daran, dass der Roman 1984 und der Film heute spielt.

Damals war die Schönheitschirurgie noch nicht so weit entwickelt. Doch über weite Strecken ist in Thierry Jonquets Roman der Beruf von Richard Lafargue austauschbar. Wichtiger ist, dass er in seiner Villa seine Frau gefangen hält, sie unter Drogen setzt und zum Sex mit Freiern zwingt, während er sie dabei beobachtet. Bis wir erfahren, warum er das tut, vergeht einige Zeit, in der wir einen jungen Mann kennen lernen, der eine Bank überfiel, dabei einen Polizisten erschoss, selbst verletzt wurde und sein Gesicht der Überwachungskamera präsentierte. Jetzt ist sein Porträt auf allen Titelseiten.

Und in einer Höhle hält ein Mann einen jungen Mann fest, der sich verzweifelt fragt, warum er gefangen genommen wurde und was mit ihm geschehen soll.

Erst mit der Zeit kristallisiert sich heraus, wie diese drei parallel erzählten und fast gleichberechtigten Geschichten miteinander zusammenhängen und die Lösung ist atemberaubend perfide.

Thierry Jonquet, der in Frankreich fünfzehn Kriminalromane und etliche Jugendbücher veröffentlichte, mehrere Drehbücher schrieb und einige Preise erhielt, ist bei uns fast unbekannt. Neben „Die Haut, in der ich wohne“ wurde nur „Die Goldräuber“ und „Die Unsterblichen“ übersetzt. Dabei reiht er sich mit „Die Haut, in der ich wohne“ in die Riege der guten französischen Noir-Autoren ein, die eine vollkommen schräge Geschichte absolut glaubhaft erzählen und die sich nicht scheuen, gesellschaftlicher Außenseiter und wahnwitzige Obsessionen in den Mittelpunkt ihrer Geschichte zu rücken. In Jonquets angenehm kurzen Roman ist es ein Racheplan, der in seiner Gemeinheit weit über das Alte Testament hinausgeht und der dann doch in einer Liebesgeschichte mündet, die aber letztendlich nur die gegenseitige Abhängigkeit der Charaktere auf eine neue Ebene hebt.

Almodóvar erzählt in seinem, in der Gegenwart spielendem Film eine durchaus ähnliche Geschichte, veränderte aber auch so viel, dass, ausgehend von einigen Gemeinsamkeiten, eine vollkommen andere Geschichte entstand. Vor allem ist bei ihm Antonio Banderas als Schönheitschirurg die Hauptfigur; soweit bei einem Almodóvar-Film davon gesprochen werden kann.

Die anderen Änderungen verschweige ich jetzt, um nicht den Spaß an der Lektüre zu mindern. Denn ich frage mich immer noch, ob Thierry Jonquet oder Pedro Almodovar die gemeinere Geschichte erzählt.

Thierry Jonquet: Die Haut, in der ich wohne

(übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller)

Heyne, 2009

144 Seiten

7,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Hoffmann und Campe, 2008

Originalausgabe

Mygale

Éditions Gallimard, Paris 1984

Verfilmung

Die Haut, in der ich wohne (La Piel que habito, Spanien 2011)

Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

mit Antonio Banderas, Elena Anaya, Marisa Paredes, Blanca Suárez, Jan Cornet, Edard Fernández, Ana Mena, Roberto Alamo

Hinweise

Homepage von Thierry Jonquet

Wikipedia über Thierry Jonquet (englisch, französisch)

Krimi-Couch über Thierry Jonquet

Film-Zeit über „Die Haut, in der ich wohne“


Mit Robert B. Parker in die „Wildnis“ und nach „Appaloosa“

August 24, 2012

Robert B. Parker hat neben den erfolgreichen Kriminalromane mit Privatdetektiv Spenser auch einige andere Romane geschrieben. Dazu gehört die kurzlebige Serie mit Privatdetektivin Sunny Randall, die eine so überdeutliche weibliche Version von Spenser war, dass sie in der Krimi-Szene niemals akzeptiert wurde. Besser erging es Parker mit dem Kleinstadtpolizisten Jesse Stone. Diese Romane weichen deutlich von der „Spenser“-Formel ab. Die erfolgreichen TV-Filme mit Tom Selleck als Jesse Stone halfen auch. Inzwischen führen Ace Atkins die Spenser-Serie und Michael Brandman die Jesse-Stone-Serie fort.

Außerdem schrieb Robert B. Parker einige Einzelwerke, wie „Wildnis“, oder den Western „Appaloosa“, der dann doch der Erste von weiteren Virgil-Cole/Everett-Hitch-Romanen war.

1979, nach fünf „Spenser“-Romanen und dem autobiographischen „Three Weeks in Spring“ geschrieben mit seiner Frau Joan H. Parker über ihren Kampf gegen den Brustkrebs, veröffentlichte Robert B. Parker seinen ersten Einzelroman: „Wildnis“. In dem Thriller kollidiert Spensers Welt mit der des erfolgreichen, glücklich verheirateten Autors Aaron Newman. Er beobachtet beim Joggen einen Mord, geht zur Polizei und kann den Täter identifizieren: den skrupellosen Gangster Adolph Karl, dem es bislang immer gelang, durch die Maschen des Gesetzes zu schlüpfen. Die Beamten freuen sich, dass sie endlich einen Zeugen haben, der vor Gericht nicht einknicken will.

Als Aaron vom Polizeirevier zurückkehrt, findet er seine Frau Janet gefesselt auf ihrem Bett liegen und eine Botschaft von Adolph Karl. Er zieht seine Aussage zurück und damit könnte die Sache, abgesehen von etwas geknickter Ehre und einigen Vorwürfen seiner Frau, erledigt sein.

Aber sein Freund Chris Hood, ein Kriegsveteran, der für den Krieg lebt, setzt ihm den Floh ins Ohr, dass sie den Gangster töten müssen. Auch damit Aaron seine verletzte Ehre wiederherstellt.

Sie beobachten den Verbrecher und als er sich auf den Weg zu seinem einsam gelegenem Wochenendhaus macht, beschließen Aaron, Janet und Chris Hood ihn und seine Begleiter während einer Wanderung durch die titelgebende Wildnis zu töten.

Wildnis“, das jetzt in einer überarbeiteten Übersetzung vorliegt, ist ein fast schon archetypischer Thriller, in dem Parker sehr schön zeigt, was passiert, wenn kein Hardboiled-Detektiv, sondern ein Normalbürger gegen einen skrupellosen Gangster kämpfen muss. Eben diese veränderte Ausgangslage verändert auch die Diskussionen über Ehre und Selbstjustiz, die hier zwischen dem liberalen Intellektuellen Aaron Newman, der höchstens in seinen Romanen gewalttätig ist, und Chris Hood, der hier die Rolle von Spensers skrupellosem Freund Hawk übernimmt, stattfinden. Hood ist gleichzeitig, obwohl er im Korea-Krieg war, ein Kriegsversehrter, der sich nur im Krieg, im direkten Kampf um Leben und Tod zwischen Männern, lebendig fühlt. Für ihn ist die Jagd nach dem Gangster auch der Beweis, dass er noch lebt.

Allerdings ist die Art, wie in „Wildnis“ über das männliche Selbstverständnis und über seine Rolle als Beschützer gesprochen wird und wie liberale Ansichten über einen funktionierenden Rechtsstaat gegen alttestamentarische Western-Mythen, in denen ein Mann tut, was ein Mann tun muss, aufeinanderprallen, zutiefst ein Diskurs aus den siebziger Jahren, als das traditionelle Bild des Mannes heftig angegriffen wurde.

Abgesehen von diesen gesellschaftspolitischen Implikationen, der naheliegenden Überlegung, wie sehr Robert B. Parker sich in „Wildnis“ fragte, was er in so eine Situation tun würde und dem mühelosem Entdecken von zahlreichen autobiographischen Details (ein erfolgreicher Autor, der an einer Universität unterrichtet, schreibt über einen gleichaltrigen erfolgreichen Autor …), kann „Wildnis“ auch einfach als spannender Seventies-Thriller (Für euch Jungspunde: das war die Zeit vor PCs und Handys) verschlungen werden.

Obwohl Robert B. Parker in seinen Romanen immer wieder Western-Motive aufgreift, wandte er sich erst 2001 dem Western zu. Da erschienen der Spenser-Roman „Potshot“, ein Quasi-Western, und „Gunman’s Rhapsody“ über Wyatt Earp, seine Liebe zu dem Revuemädchen Josie Marcus und wie es zu der Schießerei am O. K. Corral kam.

2005 folgte „Appaloosa“, der erste Roman mit Virgil Cole und Everett Hitch, die als Revolvermänner ihre Art von Recht und Gesetz durchsetzen. Denn gerade Coles Selbstrechtfertigung, dass er sich immer an das Gesetz halte, wenn er jemand erschieße und ihn das von anderen Revolvermännern, die für Geld jeden erschießen, wird immer fadenscheiniger, weil Cole sich nur an die von ihm propagierten Gesetze hält.

Jetzt werden sie nach Appaloosa gerufen. Dort erschoss der Ranchbesitzer Randall Bragg kaltblütig den City Marshal. Virgil Cole, der in der Vergangenheit bereits mehrere Städte mit Everett Hitch (der die Geschichte erzählt) befriedete, wird von den Stadtoberen als sein Nachfolger eingestellt. Als erstes hängt Cole seine Gesetze aus – und wer sich nicht an sie hält, wird, nachdem er freundlich darauf hingewiesen wurde, erschossen. Das bekommt auch Bragg zu spüren, den sie, nachdem ein Zeuge auftaucht, verhaften.

Appaloosa“ nimmt selbstverständlich die bekannten Themen von Freundschaft, Ehre und Verantwortung auf, die wir aus Robert B. Parkers anderen Romanen kennen und die Gespräche zwischen Cole und Hitch sind gar nicht so weit entfernt von den Gesprächen zwischen Spenser und seinem skrupellosem Freund Hawk oder ihm und seiner Freundin Susan. Entsprechend vertraut klingen sie für langjährige Parker-Leser.

Die Geschichte liest sich wie ein Best-of der aus zahlreichen anderen Western bekannten Motive und Situationen. So verhaften Cole und Hitch Bragg, sperren ihn im Gefängnis ein, müssen das Gefängnis gegen die Gefolgsleute von Bragg verteidigen, Bragg wird später aus einem Zug befreit, es gibt eine Verfolgungsjagd durch die Wildnis, eine Belagerung von Indianern, ein Shoot Out in einem Kaff und Bragg, der später versucht, die Stadt mit seinem Geld zu kaufen.

Insofern überzeugt „Appaloosa“ durchaus als zünftiger Western, der den Eindruck hinterlässt, dass Robert B. Parker sich hier beim Schreiben etwas mehr Gedanken über die Handlung gemacht hat, als bei seinen letzten Spenser-Romanen: – was vielleicht auch daran liegt, dass „Appaloosa“, nachdem sie sich bei dem TV-Western „Monte Walsh“ (USA 2003) kennen lernten, als Drehbuch für einen Western mit Tom Selleck begann und, via Romanveröffentlichung, zu einem Western mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons und Lance Henriksen wurde, der dem Buch bildgewaltig ohne große Änderungen folgt.

Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Appaloosa“ den Eindruck, dass mehr möglich gewesen wäre. So ist es nur ein flott zu lesender Western, in dem Robert B. Parker seine vertrauten Themen in einem anderen Setting behandelt.

Robert B. Parker: Wildnis

(vollständig überarbeitete und aktualisierte Übersetzung, übersetzt von Ute Tanner)

Pendragon, 2012

288 Seiten

10,95 Euro

Originalausgabe

Wilderness

Delacorte, 1979

Deutsche Erstausgabe

Ullstein, 1984

Robert B. Parker: Appaloosa

Berkley Books, 2006

320 Seiten

7,99 US-Dollar

(derzeit bei Amazon für 6,30 Euro erhältlich)

Erstausgabe

G. P. Putnam’s Sons, 2005

Verfilmung

Appaloosa (Appaloosa, USA 2008)

Regie: Ed Harris

Drehbuch: Robert Knott, Ed Harris

mit Ed Harris, Viggo Mortensen, Renée Zellweger, Jeremy Irons, Lance Henriksen

(Boston Film Festival: Preis für bester Film und bestes Drehbuch)

 

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Bitteres Ende” (The Professional, 2009)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte

 


Ein Buch für die Cineastenhosentasche: der „Filmkalender 2013“

August 17, 2012

Es dauert zwar noch einige Monate, bis 2013 beginnt (wenn sich vorher nicht die Prophezeiung vom diesjährigen Weltuntergang bewahrheitet), aber die ersten Kalender sind bereits erhältlich. So auch der vom Schüren-Verlag herausgegebene „Filmkalender 2013“, der gut in jede Hosentasche passt. Für jede Woche gibt es eine Doppelseite. Täglich werden die Geburtstage und Todestage von wichtigen Filmschaffenden genannt. Die IMDB-Geburtstagsliste ist zwar umfangreicher, aber letztendlich, weil jeder Geburtstag gelistet wird, auch zu umfangreich. Jim Jarmusch, Constantin Costa-Gavras, Quentin Tarantino, Jean-Paul Belmondo, Coverboy Johnny Depp, Andreas Dresen, Nanni Moretti, Randy Newman, Yasujiro Ozu und Hanna Schygulla, die alle einen runden Geburtstag haben, werden auf zwei bis sechs Seiten ausführlicher porträtiert. Es gibt informativeTexte über Hollywoodstars im Zweiten Weltkrieg, Dinosaurier in Digital (über „Jurassic Park“, der als Blockbuster 1993 zeigte, was digital alles möglich ist), Federico Fellini schreibt über seinen Film „Achteinhalb“ (1963), Hans-Christian Schmid über „Lichter“ (2003) und einen Text über den seit dann siebzig Jahren auf der Leinwand aktiven „Batman“. Im Comic durfte „Batman“ bereits 1939 erstmals zuschlagen.

Es gibt einen großen Anhang mit Adressen von Filmarchiven, Buchhandlungen, DVD-Geschäften, Ausbildungsstätten, Institutionen, Verlagen und Zeitschriften aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Bei den Festivals wurden auch Filmfestivals aus anderen Ländern aufgenommen. Und sogar die Werbung, immerhin geht es um spezielle Werbung für Filmfans, ist einen Blick wert.

Langer Rede kurzer Sinn: der „Schüren Filmkalender 2013“ ist absolut empfehlenswert – und ich weiß jetzt auch, dass heute Mae West, Maureen O’Hara, Robert De Niro und Sean Penn und am Samstag Roman Polanski, Robert Redford, Patrick Swayze, Heino Ferch und Christian Slater Geburtstag haben.

Daniel Bickermann (Hrsg.): Schüren Filmkalender 2013

Schüren, 2012

208 Seiten

9,90 Euro

 


Chew ist dieses Mal „Flambiert“

August 6, 2012

Tony Chu ist zurück.

Wir erinnern uns: Es gab eine Vogelgrippe-Epidemie die zum Tod von 23 Millionen Menschen in den USA führte. Seitdem ist der Verzehr von Geflügel verboten und die überaus mächtige Lebensmittelbehörde FDA wacht darüber. Tony Chu und sein Kollege John Colby wurden zu ihr versetzt. Während Colby nach einem Unfall zu einer Mischung aus Terminator und Robocop umfunktioniert wurde und er jetzt einen halben Computer in seinem Körper hat, hat Chu seit Geburt eine ganz andere Eigenschaft. Er ist Cibopath, das heißt: wenn er etwas isst, erfährt er auch gleich die gesamte Lebensgeschichte des Gegessenen. Für Ermittlungen ist das natürlich hilfreich. Chu muss nur einen Tropfen Blut von dem Opfer schlucken und er kennt den Mörder. Manchmal muss er auch in einen vergammelten Hamburger beißen. Oder in etwas noch Unappetitlicheres. Kein Wunder, dass Tony Chu absolut keinen Humor hat.

In „Flambiert“, dem vierten „Chew – Bulle mit Biss!“-Sammelband, der die Chew-Hefte 16 bis 20 enthält, gibt es eine Handvoll grandios komischer Abenteuer mit den beiden Polizisten. Es sind eher schonungslos überdrehte Episoden aus dem alltäglichen Polizistenleben und weniger eine Fortsetzung des Kampfes zwischen Chu und dem ehemaligen FDA-Agenten Mason, einem anderen Cibopathen, der anfangs der FDA-Vorgesetzte von Chu war und sich dann als sein Gegner entpuppte.

Jetzt taucht eine geheimnisvolle Schrift am Himmel auf. Was sie bedeutet, ist unklar. Jeder hat zwar seine armageddonhafte Interpretation, aber Tony und John, der auch ein ordentliches Alkoholproblem hat, sind, obwohl die Durchsetzung der Hähnchenprohibition wegen dieser Schrift nicht mehr die oberste Priorität hat, mit anderen Dingen beschäftigt.

Sie suchen den esssüchtigen Migdalo Daniel, stolpern in ein Highschool-Massaker, werden auf eine Selbstmordmission gegen einen paranoiden General geschickt, treffen dabei auf den vollkommen durchgeknallten und angriffswütigen Hahn Poyo,

werden von Antonelle Chu, Tonys ständig plappernde, bei der Nasa arbeitenden Nervschwester, zur Area 51 und den dortigen, hm, Lebewesen gebracht, sollen Undercover bei der „Kirche der Heiligkeit der ungerührten Dotter“ ermitteln und Mason probiert das Blut von Migdalo Daniel.

Die von John Layman erfundenen, absolut durchgeknallten und herrlich respektlosen Geschichten werden auch im vierten „Chew“-Sammelband „Flambiert“ von Rob Guillory mit satirisch überspitzten Zeichnungen illustriert. Sie sind das Sahnehäubchen der „Chew“-Geschichten. Die Serie war letztes Jahr wieder für einen Eisner-Award prämiert. Dieses Mal als „Beste Comic-Serie“.

Denn die Abenteuer von Tony Chu sind ein echtes Vier-Sterne-Menü – mit und ohne Fleischbeilage,

John Layman/Rob Guillory: Chew – Bulle mit Biss! (Band 4): Flambiert

(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)

Cross Cult, 2012

128 Seiten

16,80 Euro

Originalausgabe

Chew, Vol. 4: Flambé

Image Comics, 2011

enthält

Chew # 16 – 20

Hinweise

Homepage von Chew/John Layman

Comicgate: Interview mit John Layman (5. März 2011)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Leichenschmaus (Band 1)“ (Chew Vol. 1: Taster’s Choice, 2009)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Reif für die Insel (Band 2)“ (Chew: International Flavor, 2010)

Meine Besprechung von John Layman/Rob Guillorys „Chew – Bulle mit Biss: Eiskalt serviert (Band 3)“ (Chew Vol. 3: Just Desserts, 2010)


Mit Joe R. Lansdale nach Osttexas: „Gauklersommer“ und „Ein feiner dunkler Riss“

August 1, 2012

Egal was Joe R. Lansdale schreibt, es ist verdammt gut. Auch wenn er in den letzten Jahren bei seinen Einzelwerken einen Hang zur Länge hat, die es in seinen früheren Romanen, wie „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981) und „Nightrunners“ (The Nightrunners, 1987) nicht gab. Aber diese Thriller mit einem starken Hang zum Horror und einem detaillierten ausmalen blutiger Details und menschlicher Dummheit, waren für einige sicher zu gewalttätig.

Ungefähr seit seinem mit dem Edgar ausgezeichneten „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000) hat er eine Nische entdeckt: düstere Krimis mit jugendlichen Protagonisten, die in der Vergangenheit spielen, ohne sie zur guten alten Zeit zu verklären.

Auch „Ein feiner dunkler Riss“ spielt in der Vergangenheit. In Dewmont, Texas. 1958. Erzähler ist Stanley Mitchel junior, der damals dreizehn Jahre war, und der mit seiner heftig pubertierenden Schwester in einem verfallenem Haus eine Kiste mit Briefen entdeckt. Die Briefe weisen auf einen Mord hin, den Stanley aufklären will. Buster Abbot Lighthouse Smith, der uralte afroamerikanische Kinovorführer im Drive-In-Kino der Mitchels und Ex-Polizist, und die inspirierende Lektüre der Sherlock-Holmes-Geschichten helfen Stanley bei der Mörderjagd. Er hält den vermögenden Besitzer des örtlichen Kinos, den Stadtpatriarch, der auch seine Schwester anbaggert, für den Mörder.

Allerdings ist unklar, ob es wirklich einen Mord gab. Und weil Stanley ein Teenager ist, sind auch seine alltäglichen Sorgen, sein beschränkter Bewegungsradius zu Fuß oder mit dem Fahrrad, seine Ängste und das Gefühl der Freiheit während der Sommerferien, wichtig.

Auch den damaligen Beziehungen zwischen den Rassen widmet Lansdale, wie in seinen anderen, in der Vergangenheit spielenden Geschichten, viele Seiten und wer sie kennt, wird vieles wiedererkennen. Die Mtchels sind selbstverständlich und wie die Eltern in Lansdales anderen Romanen mit jugendlichen Protagonisten (ich würde sie, weil sie ziemlich Noir sind, nicht wirklich als Jugendromane etikettieren) keine Rassisten, sondern Leute, die Menschen nach ihren Fähigkeiten beurteilen und ihnen, wenn sie Hilfe brauchen, ohne große Worte helfen. Sie respektieren einfach jeden. Damit sind die zugezogenen Mitchels in der damaligen Zeit eine Ausnahme.

In „Gauklersommer“ kehrt Joe R. Lansdale nach Camp Rapture, das wir aus „Kahlschlag“ (Sunset and Sawdust, 2004) kennen, zurück. Aber der Ort ist nicht mehr wiederzuerkennen. Aus einem Sägewerk im Nirgendwo wurde eine Stadt mit einer eigenen Tageszeitung.

Carson Statler kehrt jetzt, nachdem er seinen guten Job in Houston bei einer Zeitung vergeigte und im Irak kämpfte, zurück. Bei der Lokalzeitung wird er als Kolumnist angestellt. Als er in den Notizen seiner Vorgängerin wühlt, stößt er auf ein interessantes Ereignis: die 23-jährige Studentin Caroline Allison ist seit einem halben Jahr spurlos verschwunden. Bei seinen Recherchen stößt er schnell auf Widerstände und er erhält eine DVD, auf der sein glücklich verheirateter Bruder, Professor an der städtischen Universität, mit der verschwundenen Studentin zu sehen ist.

Carson beginnt im Dreck zu wühlen – und zwei Sachen können schon verraten werden:

Carsons Bruder ist nicht der Mörder. Die Lösung ist viel perfider.

Booger, Carsons verrückter Kumpel aus dem Irakkrieg, hilft ihm am Ende gegen die Bösewichter.

Und das, immerhin ist Booger ein Geistesverwandter von Leonard Pine, erinnert mich daran, dass die restlichen Hap-Collins/Leonard-Pine-Krimis übersetzt und die ersten, die damals vor allem bei rororo erschienen, wieder veröffentlicht werden sollten. Denn in diesen Krimis tobt Joe R. Lansdale sich richtig aus, wenn er Hap und seinen schlagkräftigen, schwulen, schwarzen Kumpel Leonard (es ist unmöglich zu sagen, was für die Rednecks, die von ihm vermöbelt werden, am schlimmsten ist), mit einer ordentlichen Portion Schwarzen Humors, durch Texas und Mexiko wüten lässt.

Joe R. Lansdale: Gauklersommer

(übersetzt von Richard Betzenbichler)

Golkonda, 2011

304 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

Leather Maiden

Alfred A. Knopf, 2008

Joe R. Lansdale: Ein feiner dunkler Riss

(übersetzt von Heide Franck)

Golkonda, 2012

284 Seiten

16,90 Euro

Originalausgabe

A fine dark Line

Mysterious Press, 2003

Hinweise

Homepage von Joe R. Lansdale

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Wilder Winter“ (Savage Season, 1990)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Rumble Tumble“ (Rumble Tumble, 1998 )

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Gott der Klinge” (The God of the Razor, 2007)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales “Der Teufelskeiler” (The Boar, 1998)

Meine Besprechung  von Joe R. Lansdales „Akt der Liebe“ (Act of Love, 1981)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Die Wälder am Fluss“ (The Bottoms, 2000)

Meine Besprechung von Joe R. Lansdales „Kahlschlag“ (Sunset and Sawdust, 2004)

 


Für die „Losers“ beginnt das „Endspiel“

Juli 30, 2012

Die Geschichte von den Losers und Max nähert sich ihrem Ende.

Wir erinnern uns: Max, ein geheimnisvoller Agent, der im Hintergrund die Fäden zieht, der auch über die CIA und andere US-Geheimdienste befehligen kann, über dessen Existenz fast niemand und über seine Pläne niemand etwas weiß, hat 1998 ein Special-Forces-Team am Khyber-Pass töten wollen. Stattdessen starben die Besatzung eines Black-Hawk-Hubschraubers und 29 Kinder. Die Männer, die eigentlich hätten sterben sollen und sich seitdem selbstironisch „The Losers“ nennen, versuchen seitdem, sich an Max zu rächen und sabotieren dabei, soweit möglich, seine Pläne. Ihre Hatz ging dabei um den halben Globus und jetzt, in „Endspiel“, dem fünften und abschließenden Band der von Andy Diggle erfundenen und hauptsächlich von Jock gezeichneten großartigen Comicserie, stehen sie kurz vor dem Ziel.

Am Ende von „London Calling“, dem vierten „The Losers“-Sammelband, gelangt Max an genug Plutonium für fünfzig tragbare Nuklearsprengköpfe. Diese will er in Prypjat (bei Tschernobyl) zusammen bauen. Die Losers versuchen das zu verhindern, aber die Männer von Max können mit den Sprengköpfen entkommen.

Im Persischen Golf ruft Max auf einer Bohrinsel (die Aufgrund einer ihm vorher bekannten Verschiebung der Arabischen Platte aus dem Wasser aufstieg) seinen Staat aus und erpresst die Welt. Wenn die Staaten nicht auf seine Forderungen eingehen, wird er Großstädten Atombomben zünden.

Die Loser gelangen auf die Bohrinsel und das titelgebende „Endspiel“ beginnt.

Außerdem erfahren wir, wie Max Max wurde.

Endspiel“ ist das konsequente Ende eines kurzweiligen Action-Politthriller mit erinnerungswürdigen Charakteren, irrwitzigen Plotwendungen, die sich ungeniert aus dem verschwörungstheoretischem Fundus bedienen und einem fast schon etwas unspektakulär-geradlinigem Ende, das mir gerade deshalb gefallen hat. Es ist ein brachiales Actionfinale mit Leichen, Explosionen, ein, zwei gelungenen Überraschungen und, als Zugabe, einem stilechten Epilog.

Andy Diggle/Jock/Colin Wilson: The Losers: Endspiel (Band 5)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini, 2012

172 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Losers # 26- 32

DC Comics 2005/2006

Hinweise

Homepage von Andy Diggle

Blog von Andy Diggle

Homepage von Jock

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jocks „The Losers: Goliath – Band 1“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Shawn Martinbroughs „The Losers: Die Insel – Band 2“

Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Nick Dragotta/Alé Garza: The Losers: Der Pass, Band 3 (The Losers 13 – 19, 2005)
Meine Besprechung von Andy Diggle/Jock/Ben Olivers (Zeichner) „The Losers: London Calling (Band 4) (The Losers # 20 – 25, 2005)

Meine Besprechung von Andy Diggle (Autor)/Leonard Manco/Danijel Zezelj (Zeichner) „John Constantine, Hellblazer: Spritztour (Band 10)“ (Hellblazer: Vol. 230 – 239, 2008)


Ross Thomas erzählt von gelben Schatten und Zwergen

Juli 29, 2012

Der US-amerikanische Polit-Thrillerautor Ross Thomas (1926 – 1995) lebte lange in Deutschland. Seinen ersten Roman „Kälter als der Kalte Krieg“ spielte dann auch an seinem Arbeitsplatz in Bonn. Später schickte er seine Helden um die Welt.

Nach Deutschland kehrte er erst 1979 zurück und, im Gegensatz zu seinen anderen Romanen, die in der Gegenwart spielen, spielt „Der achte Zwerg“ im Nachkriegsdeutschland. Dort sollen Nicolae Ploscaru, ein rumänischer Aristokrat, passionierter Lügner und Zwerg, und Minor Jackson, ein Ex-OSSler (also Mitarbeiter der CIA-Vorläuferorganisation) und Drifter, im Auftrag der Familie Oppenheimer den irgendwo in Deutschland untergetauchten verlorengegangenen Sohn der Familie, den deutschen Juden Kurt Oppenheimer, finden.

Schnell erfährt Jackson bei diesem fast legalen Unternehmen, dass Oppenheimer ein kaltblütiger Killer ist, für den sich auch die Amerikaner, die Engländer, die Sowjets und die Israelis interessieren. Jeder hat natürlich etwas anderes mit Oppenheimer vor und sie alle arbeiten miteinander, gegeneinander, belügen und betrügen sich, dass es eine reine Freude ist, während Oppenheimer eine Todesliste von unter falschem Namen untergetauchten Nazis abarbeitet.

Ross Thomas füttert die letztendlich ziemlich geradlinige Geschichte mit so viel Zeitkolorit an, dass wir ein gutes Gefühl für die damalige Zeit bekommen. Und natürlich hat Ross Thomas das in seinem zynisch-lakonischen Hardboiled-Stil geschrieben, der immer wieder für herzhafte Lacher sorgt.

Bei dieser „Neuausgabe“ hat der Alexander Verlag viel Zeit in die Übersetzung investiert. Denn die deutsche Erstausgabe von „The eight Dwarf“ hat 176 Seiten. Die Neuausgabe 352 Seiten und auch ohne penibel die Zeilen und Anschläge pro Zeile zu zählen, kann man sich ausrechnen, dass für „Der achte Zwerg“ eine Menge Text übersetzt wurde, die bei „Vierzig Riesen für den Zwerg“ unter den Tisch fiel.

Nach seinem Debütroman „Kälter als der Kalte Krieg“ schrieb Ross Thomas mit „Gelbe Schatten“ gleich einen weiteren Roman mit den Barbesitzern Mac McCorkle und Mike Padillo, die jetzt, nachdem ihre Bonner Bar zerstört wurde, in Washington ein „Mac’s Place“ haben. Aber ruhiger ist ihr Leben nicht geworden.

Denn McCorkels Frau Fredl wird entführt. Die beiden Freunde sollen, immerhin spielt die Geschichte1967 zur Hochzeit der afrikanischen Freiheitsbewegungen, einen Premierminister ermorden und so die Rassentrennung in dem südafrikanischem Land zementieren. Aber McCorkle und Padillo gehen nicht auf die Erpressung ein, weil sie glauben, dass die Entführer Fredl in jedem Fall umbringen werden. Stattdessen starten sie eine Rettungsmission, in die schnell das vertraute Ross-Thomas-Personal aus Informanten, Agenten, Doppelagenten und Washingtons Unterwelt involviert ist. Ach, und in „Mac’s Place“ trifft sich gerne die High Society und das politische Establishment.

Im Herbst setzt der Alexander Verlag mit „Die Backup-Männer“, einem weiteren Krimi mit McCorkle und Padillo, seine Ross-Thomas-Werkausgabe fort.

Ross Thomas: Gelbe Schatten

(übersetzt von Wim W. Elwenspoek, bearbeitet von Stella Diedrich und Gisbert Haefs, durchgesehen von jst)

Alexander Verlag, 2012

288 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

Cast a Yellow Shadow

Morrow, 1967

Deutsche Erstausgabe (gekürzt)

Der Tod wirft gelbe Schatten

Ullstein, 1970

Ross Thomas: Der achte Zwerg

(übersetzt von Stella Diedrich, Gisbert Haefs und Edith Massmann)

Alexander Verlag, 2011

352 Seiten

14,90 Euro

Originalausgabe

The Eight Dwarf

Simon & Schuster, 1979

Deutsche Erstausgabe (stark gekürzt)

Vierzig Riesen für den Zwerg

Ullstein, 1980

Hinweise

Wikipedia über Ross Thomas (deutsch, englisch)

Alligatorpapiere: Gerd Schäfer über Ross Thomas (Reprint “Merkur”, November 2007)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Gottes vergessene Stadt” (The Fourth Durango, 1989)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Umweg zur Hölle“ (Chinaman’s Chance, 1978)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Kälter als der Kalte Krieg“ (Der Einweg-Mensch, The Cold War Swap, 1966)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Teufels Küche“ (Missionary Stew, 1983)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Am Rand der Welt“ (Out on the Rim, 1986)

Meine Besprechung von Ross Thomas’ „Voodoo, Ltd.“ (Voodoo, Ltd., 1992)

Meine Besprechung von Ross Thomas‘ „Der Yellow-Dog-Kontrakt“ (Yellow Dog Contract, 1976)

Kleine Ross-Thomas-Covergalerie in der Kriminalakte