Wenn man heute von „Scarface“ redet, dürften die Meisten an Brian De Palmas gleichnamigen Gangsterfilm von 1983 mit Al Pacino in der Hauptrolle denken. Dabei ist der Film, je nach Blickwinkel ein Remake oder ein zeitgemäßes Update von Howard Hawks Klassiker „Scarface – Shame of the Nation“ (tja, den Zensoren, die viele Probleme mit dem Film hatten, musste man im Untertitel genau sagen, was von dem Gangster zu halten ist) von 1932 und dem sich etwas altertümlich lesendem Roman von Armitage Trail. In „Scarface“ erzählten sie, wie viele andere Autoren und Regisseure, von dem damals in den USA tobendem Gangsterkrieg. Das reale Vorbild für „Scarface“ war Al Capone, dessen Spitzname sogar „Scarface“ war. Der Roman und die Verfilmung begründeten, zusammen mit „Little Caesar“ (nach einem Roman von W. R. Burnett) und „The Public Enemy“, den Mythos des modernen Gangsters und seinen Wandel im öffentlichen Bewusstsein zur Popikone. Erzählt wird die Geschichte vom Aufstieg und Fall eines Mannes, der aus kleinen Verhältnissen kommt und zum mächtigen Gangsterboss wird.
Christian De Metter, der auch von Dennis Lehanes „Shutter Island“ eine grandiose Comicversion erschuf, nahm sich jetzt Armitage Trails Roman vor. Deshalb sehen wir auch nicht das legendäre Filmende, in dem Scarface schwer verwundet auf die Straße taumelt, zusammenbricht, stirbt und die Kamera nach oben zur Leuchtreklame „The World is yours“ schwenkt. De Metter erzählt die Geschichte von Tony Camonte in kurzen, knalligen, fast schon atemlosen Szenen von seiner Jugend über die ersten Jahre als Kleingangster, wie er im 1. Weltkrieg im Gefecht die Narbe erhielt, die ihm den Spitznamen „Scarface“ (Narbengesicht) verpasste, wie er nach dem Krieg erfahren muss, dass sein alter Boss tot ist und er unter neuem Namen zum die Stadt beherrschenden Gangsterboss aufsteigt. Doch schon während des Aufstiegs legt er das Fundament für sein Ende, das nur ein Tod im Kugelhagel der Polizei sein kann.
Als Gegengewicht zu Camontes unstetem Leben, was in einer sehr episodischen Erzählweise mündet, hat Christian De Metter die Panels streng, fast wie in einem der damals populären Comicstrips, bis auf drei Ausnahmen, immer mit drei Bildzeilen pro Seite, angeordnet.
Ein feiner Comic.
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Christian De Metter/Armitage Trail: Scarface
(übersetzt von Resel Rebiersch)
Schreiber & Leser, 2012
112 Seiten
21,80 Euro
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Originalausgabe
Scarface
Casterman/Payot & Rivages, 2011
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Vorlage
Armitage Trail: Scarface
Clode, 1930
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Deutsche Erstausgabe
Scarface
DuMont Noir 14, 1999
(nur noch antiquarisch erhältlich)
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Verfilmung
Scarface (Scarface – Shame of the Nation, USA 1932)
Regie: Howard Hawks
Drehbuch: Ben Hecht
mit Paul Muni, Ann Dvorak, Karen Morley, Osgood Perkins, George Raft, Boris Karloff
Viktor Kärppä ist zurück und, wie seine vorherigen vier Abenteuer, unterscheidet sich „Zeit des Verrats“ angenehm vom tiefsinnig-trüben skandinavischen Krimi-Mainstream-Einerlei mit depressiven Ermittlern und erhöhtem Alkoholgenuss.
Obwohl auch in „Zeit des Verrats“ ordentlich gebechert wird. Viktor Kärppä, den wir in „Der Grenzgänger“ als Privatdetektiv mit farbiger Vergangenheit, militärischer Spezialausbildung, daher guten Sowjet-Geheimdienstkontakten, viel zu guten Beziehungen in das kriminelle Milieu diesseits und jenseits des nicht mehr existierenden Eisernen Vorhangs und entsprechenden kriminellen Verwicklungen, kennen lernten, ist jetzt endgültig zum Bauunternehmer geworden.
Während eines feucht-fröhlichen Abends wenige Kilometer hinter der russischen Grenze, mit Saunabesuch und Geschäftsangeboten von Typen, mit denen er nichts zu tun haben will, wozu auch ein wenig vertrauenswürdiger Militärkamerad gehört, deponieren sie in seinem Auto vier Metallröhrchen.
Als er in seiner Garage sein Auto durchsucht, entdeckt Kärppä die Röhrchen eher zufällig. Er hat keine Ahnung, was sie enthalten. Aber er vermutet, immerhin gehörten die Russen, mit denen er den Saunaabend verbrachte, in das Halbweltmilieu zwischen Mafia, Geheimdienst und Weißer-Kragen-Kriminalität, und die finnische Polizei beobachtet ihn, dass es etwas mit dem demnächst anstehenden Besuch des russischen Präsidenten zu tun hat und er gar nicht so genau wissen will, was drin ist.
Während Kärppä versucht mit heiler Haut aus der Sache rauszukommen, will er auch seinen Schnitt machen.
Matti Rönkä erzählt auch seinen neuesten Viktor-Kärppä-Krimi im lakonischen Hardboiled-Stil. Seine Charaktere sind angenehm verkommen und herrlich frei von jeglichem Weltschmerz. Die Story gewinnt dem altbekannten Ein-Mann-verhindert-einen-Anschlag-auf-den-Präsidenten-Plot etliche neue Facetten ab. Denn obwohl Kärppä den Anschlag verhindert, falls überhaupt ein Anschlag geplant war, geht es in „Zeit des Verrats“ viel mehr um Freundschaft, Verrat, Intrige, Gegenintrige und wer wen am Ende besser aufs Kreuz legen kann.
Heute sind sie ein großes Geschäft. Hollywood benutzt für seine Blockbuster gerne Comics und etliche Comics sind explizit für Erwachsene geschrieben.
Trotzdem fällt einem, wenn man eine ruhige Stunde in einem gut ausgestatteten Bahnhofskiosk verbringt und dort für jede noch so abstruse Leidenschaft ein regelmäßig erscheinendes Magazin entdeckt, auf, dass es bislang kein Magazin, das über Comics berichtet, gibt.
Mit dem vierteljährlich erscheinendem Magazin „Alfonz – Der Comicreporter“ soll diese Lücke geschlossen werden. Schon beim Durchblättern durch das angenehm altmodisch gelayoutete und angenehm textlastige Magazin (d. h. die Bilder illustrieren den Text und nicht umgekehrt) fällt auf, vor welcher Aufgabe die Macher Matthias Hofmann und Volker Haman, in dessen „Edition Alfons – Verlag für graphische Literatur“ „Alfonz“ erscheint, stehen. Denn der Spagat zwischen Bildergeschichten für Kinder, Superheldenepen, Mangas und Graphic Novels für Jugendliche und Erwachsene ist gewaltig und wird in der ersten Ausgabe elegant und ausgewogen bewältigt. Jedenfalls in den langen Reportagen. Bei den Comicrezensionen werden dann die Superhelden zwischen „Batman“ und „Superman“ zugunsten europäischer Comics ziemlich ignoriert.
Dafür wird vorher ausführlich über den aktuellen Relaunch bei DC, die „The Avengers“-Verfilmung und den oft nicht gerade vorbildlichen Umgang von DC mit seinen Autoren geschrieben.
Es gibt mehrere Reportagen, die sich mit Comics aus dem frankobelgischen Raum beschäftigen, wie die dort jüngst erschienenen Kinderableger von bekannten Serien wie Spirou und Lucky Luke, ein Interview mit Wilbur und Didier Conrad, einen Zweiseiter über die Tour de France im Comic und die Kolumne „Lettre de France“.
Es gibt ein achtseitiges Porträt über Vicente Segrelles und seine Fantasy-Geschichte „El Mercenario“. Das alles ist gut geschrieben, informativ und macht neugierig auf die vorgestellten Comics.
Kurz gesagt: Der Einstand ist geglückt.
Die zweite Ausgabe erscheint am 4. Oktober. Angekündigt sind Interviews mit Laura Zuccheri und Francois Schuiten und eine Reportage über die Comicversionen von Literaturklassikern wie „Die Schatzinsel“ und deren Verwendung im Unterricht und eine über die in den letzten Jahren immer wieder angekündigte Rückkehr von „Yps“ an die Kioske.
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Alfonz – Der Comicreporter 1/2012 (Juli – September 2012)
Der übergewichtige Shug ‚Shuggie‘ Akins ist erst dreizehn Jahre alt. Trotzdem muss er schon den halben Haushalt schmeißen. Seine Mutter Glenda, die ihn liebevoll „Sweet Mister“ nennt, ist eine Trinkerin mit wechselnden Liebhabern. Die jüngste Eroberung der Schönheit ist Red, der als wahres Vorbild Shuggie in die Feinheiten des kleinkriminellen Lebens einführt und nebenbei Glenda verprügelt.
Als Jimmy Vin Pearce in seinem Ford Thunderbird auftaucht, ist er, allein schon durch sein Auto, für Glenda die Verheißung auf ein besseres Leben und als die Konflikte eskalieren, sieht Shuggie seine Chance gekommen.
Mit „Der Tod von Sweet Mister“, das im Original bereits vor über zehn Jahren erschien, erzählte Daniel Woodrell seine in den Ozarks spielende Geschichte erstmals aus der Perspektive eines Jugendlichen. In seinem nächsten Roman „Winters Knochen“ (Winter’s Bone, 2006), der auch erfolgreich verfilmt wurde, war eine Jugendliche, die, um ihr heruntergekommenes Haus vor einer Pfändung zu bewahren, ihren verschwundenen Vater finden musste, die Protagonistin.
Dennoch sind diese beiden Country-Noirs keine Kinder- oder Jugendbücher. Dafür müssen Shuggie und Ree Dolly, die immerhin schon Sechzehn ist, viel zu früh Verantwortung für sich und ihre Familie übernehmen. Immerhin spielen Woodrells Geschichten, bis auf seinen Western „Zum Leben verdammt“ (Woe to live on, 1987, später wegen der Verfilmung „Ride with the Devil“), in der Gegenwart in den Ozarks, einem Waldgebiet in Missouri, das, jedenfalls in den grandiosen Büchern von Daniel Woodrell, eine Hochburg der Hinterwäldler und des White Trashs ist, und wo sich Armut und kriminelle Aktivitäten glänzend verstehen.
Daniel Woodrell, der in West Plains,Missouri, lebt, beschreibt deren Leben, ohne etwas zu beschönigen, aber mit deutlicher Sympathie, in wenigen, präzise gewählten Worten und Bildern. Allein schon der Anfang von „Der Tod von Sweet Mister“ sagt so unglaublich viel über den Erzähler Shuggie, Red, deren Leben und die kommenden Ereignisse: „Als wir die Staatsgrenze überquert hatten, sagte Red, ich solle aussteigen und den Pick-up in eine andere Farbe umlackieren. Seine Stimme schien für mich immer voll von diesen Würmern zu sein, die einen fressen, wenn man tot ist. Seine Stimme wollte mich diesen wartenden Würmern vorstellen.“
In knappen Szenen und dem Mut zur klug gesetzten Lücke, die vom Leser ausgefüllt werden muss, treibt Daniel Woodrell seine Geschichten voran. So bleiben seine Bücher angenehm schlank. Gleichzeitig lenkt nichts von seiner düsteren Weltsicht ab.
Insofern ist auch „Der Tod von Sweet Mister“ eine Mogelpackung. Denn anstatt einer schnellen und entsprechend schnell vergessenen Lektüre für einen lauen Sommerabend gibt es eine Geschichte, die einen noch lange danach beschäftigt.
Hinweis 1: Neue Daniel-Woodrell-Fans dürfen sich auf die Wiederveröffentlichung seiner drei René-Shade-Romane, die im November, bei Heyne als Sammelband „Im Süden: Die Bayou-Trilogie“ erscheinen, freuen. Die drei Romane waren seit Ewigkeiten nicht mehr erhältlich.
Hinweis 2: Daniel Woodrell ist, pünktlich zur Taschenbuchausgabe von „Winters Knochen“ (ebenfalls bei Heyne), vom 12. bis 18. September in Deutschland auf Lesereise. Die genauen Daten demnächst.
Robert Kirkmans „The Walking Dead“-Universum expandiert unaufhörlich. Zuerst ins Fernsehen mit einer erfolgreichen TV-Serie, die schnell – und auf Wunsch von Kirkman, der Mitproduzent ist – mit den aus der Comicserie bekannten Charakteren eigene Wege beschritt. In den USA wartet man schon auf die dritte Staffel der grandiosen Serie.
Die Tage erschien bei Heyne der Roman „The Walking Dead“ von Robert Kirkman und Jay Bonansinga. In dem Roman, der der Auftakt einer Trilogie ist, erzählen sie, wie Philip Blake zu dem selbsternannten Gouverneur von Woodbury wird. Der Despot war in den „The Walking Dead“-Sammelbänden 5 bis 8 der schreckliche Gegner von Rick Grimes und der von ihm angeführten Gruppe Überlebender.
Es gibt eine Webserie und Computerspiele, die mich nicht sonderlich interessieren.
Und dann gibt es auch noch das Mutterschiff: die Comicserie, von der in den USA gerade das einhundertste Heft veröffentlicht wurde und ein Ende der Geschichte ist nicht absehbar. Inzwischen ist der Grund für die Zombieplage, die fast alle Menschen tötete, ziemlich egal. Schließlich geht es Robert Kirkman schon seit den ersten „The Walking Dead“-Heften nicht um fröhliches Zombie-Klatschen oder um brachiale Zeitkritik, sondern um die Frage, wie Menschen in einer für sie neuen Situation überleben und sie ihr Leben in einer feindlichen Welt organisieren. Er fragt, was das Menschsein ausmacht und zeigt dies an den unterschiedlichen Reaktionen einer Gruppe von Menschen, die durch die USA reisen. Ihr letztes Ziel war Washington, D. C., weil es dort eine Erklärung und ein Mittel gegen die Zombies geben sollte.
Auf ihrer Reise dorthin erlebte die von Rick Grimes angeführte Gruppe viele Abenteuer. Grimes ist ein Polizist, der die Katastrophe nach einer Schussverletzung im Koma überlebte, seine inzwischen verstorbene Frau und ihren Sohn Carl suchte, sich einer Gruppe Überlebender anschloss und, aufgrund seiner Führungsqualitäten, schnell ihr Anführer wurde. Zuletzt trafen sie auf eine andere Gruppe und Grimes fand in deren Anführer, dem Soldaten Abraham „Abe“ Ford, einen ähnlich denkenden Freund. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Hauptstadt.
Washington entpuppte sich dann als falsches Versprechen. Aber sie fanden die Kommune Alexandria, die auf Grimes und die anderen wie das Paradies wirkt. Denn dort lebt, abgeschottet von der feindlichen Umwelt, eine friedliche Gemeinschaft, die das Gegenteil von Woodbury ist und auch wohnlicher als das Gefängnis, das ihnen eine Zeit lang als Unterschlupf diente, sind die Vorstadthäuser allemal.
Der vierzehnte „The Walking Dead“-Sammelband endete mit einem für sie verlustreichen Angriff der Zombies auf die Siedlung. Auch Carl Grimes wurde durch eine Kugel am Kopf schwer verletzt.
Der jetzt erschienene fünfzehnten „The Walking Dead“-Sammelband „Dein Wille geschehe“ (der die Hefte 85 bis 90 enthält) führt die Geschichte nahtlos fort. Aber Autor Robert Kirkmann, wie immer fabelhaft unterstützt von den Zeichnern Charlie Adlard und Cliff Rathburn (der für die Grautöne zuständig ist), gibt der Geschichte einen neuen Dreh. Denn Rick Grimes, der bislang das Überleben seiner Familie immer an die erste Stelle gesetzt hat, will jetzt nicht mehr nur Überleben, sondern eine neue Gemeinschaft aufbauen. Alexandria soll der Nukleus für eine neue Welt werden. Die Rückkehr zur Zivilisation.
Aber nicht jeder kann sich damit anfreunden, dass er der quasi selbsternannte Anführer ist und dass die von Grimes geführte Gruppe, die lange Zeit in der Wildnis überlebte und daher gewohnt ist, ihre Ziele im Zweifelsfall rücksichtslos zu verfolgen, jetzt die Zukunft der Stadt bestimmen soll.
„Dein Wille geschehe“ erzählt die Geschichte von Rick Grimes spannend fort und endet mit einem hoffnungsvollem Cliffhanger. Jedenfalls für „The Walking Dead“-Verhältnisse.
Als Bonusmaterial gibt es den fünfzehnten und letzten Teil der informativen Zombie-Guide, der sich dieses Mal mit George A. Romeros Spätwerk, anderen zeitgenössischen Zombie-Filmen und, wegen „Rammbock“, dem Kleinen Fernsehspiel beschäftigt.
Mal sehen, was die Jungs von Cross Cult für den sechzehnten „The Walking Dead“-Sammelband „Eine größere Welt“, der im Herbst erscheint, als Bonusmaterial beigeben.
Neben „The Walking Dead“ erfand und schrieb Robert Kirkman, zusammen mit seinem Idol Todd McFarlane, auch die Superheldenserie „Haunt“ und wegen „The Walking Dead“ hörte er nach dem 18. „Haunt“-Heft auf. Denn die „The Walking Dead“-TV-Serie beanspruchte zu viel Zeit. Für Todd McFarlane, der selbst mit einem „Spawn“-Drehbuch beschäftigt war, war das die Gelegenheit, die Serie in andere Autorenhände zu übergeben. Ab dem 19. Heft haben Autor Joe Casey und Zeichner Nathan Fox die Serie übernommen. Deren Einstand als Autor/Zeichner-Team ist, gesammelt in vierten „Haunt“-Sammelband, für Mitte August angekündigt.
Haunt ist ein Superwesen, das durch die Verbindung von Daniel Kilgore, einem Priester, und seinem Bruder Kurt, einem US-Geheimagenten, der bei einer Mission starb, entstand und, nachdem die Agency von Daniel Kilgores Fähigkeiten erfahren hat, ihn verpflichtete.
Ein Blick auf die davor erschienenen, noch von Todd McFarlane und Robert Kirkman geschriebenen „Haunt“-Hefte 13 bis 18, die in „Haunt – Band 3“ erschienen sind, lässt mich vermuten, dass der Autorenwechsel eine kluge Entscheidung war. Denn die Geschichten plätschern durchaus kurzweilig, aber auch etwas ziellos vor sich hin. Da hilft auch das Auftauchen von dem „Gespenst“, einem für fast alle unsichtbarem, roten Wesen, das Haunt mächtig Probleme bereitet, nicht.
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Robert Kirkman/Charlie Adlard/Cliff Rathburn: The Walking Dead 15: Dein Wille geschehe
(übersetzt von Marc-Oliver Frisch)
Cross Cult, 2012
152 Seiten
16 Euro
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Originalausgabe
The Walking Dead, Vol. 15: We find ourselves
Image Comics, 2012
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enthält
The Walking Dead, # 85 – 90
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Todd McFarlane/Robert Kirkman/Greg Capullo: Haunt – Band 3
Noch nicht gelesen, aber der Vollständigkeit halber und weil in den USA bereits im Oktober „The Road to Woodbury“, der zweite „The Walking Dead“-Roman von Robert Kirkman und Jay Bonansinga erscheint, gibt es die bibliographischen Angaben zum ersten „The Walking Dead“-Roman und einen Einblick in die Buchvorstellung.
Einige von Bonansingas älteren Romanen erschienen bei verschiedenen deutschen Verlagen. Die meisten bei rororo, einige noch beim Buchhändler ihres Vertrauens, die meisten inzwischen beim Antiquar ihres Vertrauens.
Nachdem David Cronenbergs „Eine dunkle Begierde“ (A dangerous Method, 2011) schnell als Nebenwerk abgetan wurde, waren die Erwartungen für „Cosmopolis“ hoch. Immerhin schrieb Cronenberg nach „eXistenZ“ (1999) wieder das Drehbuch für einen Spielfilm und im Cronenberg-Kanon werden die Filme, die er nach eigenen Büchern inszenierte, als die für ihn wichtigeren, persönlicheren, angesehen.
Als Vorlage nahm er ein Buch von Don DeLillo. DeLillo ist ein seit Jahrzehnten abgefeierter US-amerikanischer Autor, der mit „Unterwelt (Underworld, 1997) auch zum Bestsellerautor wurde. „Unterwelt“ ist, nach der Seitenzahl, sein Opus Magnum, das noch einmal alle seine Themen und Obsessionen auf gut tausend Seiten bündelt und, aufgrund der Länge, auch einen zerfaserten Eindruck hinterlässt.
In „Cosmopolis“ erzählt Don DeLillo auf knapp zweihundert Seiten von einem 28-jährigem Börsenspekulanten, der im April 2000 in seiner Limousine durch Manhattan fährt. Er will einen Haarschnitt bei seinem Frisör haben. Dass gleichzeitig alle Straßen wegen des Besuches des Präsidenten und einem Trauermarsch für einen Sufi-Rap-Star gesperrt sind, ist ihm egal. Auch dass der Komplex vor einem Anschlag warnt und daher die Sicherheitsmaßnahmen für Packer erhöhen will, ist im egal. Immerhin wird er von Bodyguards beschützt und seine Limousine ist sein von der Außenwelt abgeschottetes Büro, in dem er, nach Belieben, Leute empfangen kann. Für Geschäfte. Für philosophische Diskurse. Für Sex. Für seine tägliche ärztliche Untersuchung. Gerne auch gleichzeitig.
Die Fahrt ist auch eine Reise zu Eric Packers innersten Ängsten, ein Porträt von New York, vor allem der von Packers Limousine abgefahrenen 47. Straße und der Finanzindustrie – vor 9/11 und vor dem großen Finanzcrash. Gleichzeitig entwirft Don DeLillo eine Vision einer Welt, die mehr an die Cyberspace-Welten von William Gibson, als an die Realität erinnert. Jedenfalls die damalige.
Denn Packer verliert an diesem Tag sein ganzes Vermögen an der Börse. Doch dieser Verlust bleibt abstrakt. Es sind nur Zahlen auf einem Bildschirm.
Für den Film nahm David Cronenberg dann Don DeLillos Roman und verfilmte ihn mit minimalen Veränderungen. Er ließ ein, zwei Szenen weg, die sich im Film nicht realisieren ließen. Er stellte einige Kleinigkeiten um. Die größte Änderung ist, dass im Film Benno Levin (gespielt von Paul Giamatti) erst am Ende auftaucht. Davor hat Levin im Film nur einen Cameoauftritt im Hintergrund, als er, mit einer Perücke minimal verkleidet, zu einem Geldautomat geht. Im Buch gibt es dagegen 14 Seiten mit „Benno Levins Bekenntnissen“. Das Ende, der lange Dialog von Levin, der Packer umbringen will, und Eric Packer (gespielt von Robert Pattinson [mein Interview mit ihm]), ist dann wieder gleich. Im Drehbuch hatte diese Szene 22 Seiten und Cronenberg inszenierte sie fast ohne Schnitte.
Der Film ist dann auch folgerichtig ausschließlich aus Eric Packers Perspektive erzählt. Die Kamera verlässt nur mit Packer die Limousine.
Auch Don DeLillos Dialoge wurden Eins-zu-Eins übernommen. Dummerweise sind sie als Literatur vielleicht okay (obwohl sie mir schon da zu künstlich sind), aber in einem Film sind sie einfach nur noch gekünstelt.
Die Atmosphäre ist irreal oder, je nach Blickwinkel, hyperreal. Denn alle Charaktere bewegen sich wie Avatare durch eine künstliche Welt, die erst am Ende, wenn Packer sich in einem Frisörsalon, der sogar den Frisörsalon in dem Coen-Film „The Man, who wasn’t there“ modern erscheinen lässt, sich der Alltagsrealität etwas nähert. Aber auch dann inszeniert Cronenberg die Szene, als ob Packer sich in einem Alptraum befindet. Es ist eine Cyberwelt, in der es in der Matrix Hinweise auf kommende Ereignisse gibt (oder auch nicht) und in der, wie im Buch, Ereignisse hart hintereinander geschnitten werden, ohne dass die gewählte Reihenfolge die einzig mögliche oder die logisch sinnvollste ist. Alles steht unverbunden nebeneinander und nur durch Packers Reiseziel hat „Cosmopolis“ eine rudimentäre Geschichte.
Zum Ansehen ist „Cosmopolis“ dann auch hartes Brot. Denn Cronenberg lässt die Kamera meistens statisch die Schauspieler beobachten, die sich kaum bewegen und auch mimisch so wenig tun, dass die Grenze vom Unterspielen zum überhaupt nicht mehr spielen lässig überschritten wird. Einerseits trägt eben diese visuelle Kargheit zur besonderen Atmosphäre des Films bei, andererseits ist es für das Auge ähnlich anregend, wie Farbe beim Trocknen zuzusehen. „Cosmopolis“ wirkt wie ein abgefilmtes Hörspiel mit theatralischen Dialogen, das mit Standbildern der Schauspieler illustriert wird. Besonders Eric Packer ist ein Nichts mit der Ausstrahlung eines Besenstiels. Das liegt weniger bis gar nicht an den schauspielerischen Qualitäten von Robert Pattinson, sondern an dem von Cronenberg geschriebenem Drehbuch und dem von ihm gewähltem ästhetischen Konzept, das sogar Weltklasseschauspieler wie Paul Giamatti hilflos zurücklässt. Und dabei dachte ich bis jetzt, dass Giamatti alles glaubwürdig spielen kann.
Wenn man allerdings zuerst Don DeLillos Roman liest, der sich fast wie der Roman-zum-Film liest, und sich dann den Film ansieht, wird man schon einige Hintergründe kennen und genauer verfolgen können, wo das alles hinführt. Daher empfehle ich: zuerst das Buch lesen, dann – wenn man will – den Film sehen.
„Cosmopolis“ hat als furchtbar werkgetreue Adaption schon etwas, aber er ist auch furchtbar prätentiös und leblos.
Cosmopolis (Cosmopolis, Frankreich/Kanada 2012)
Regie: David Cronenberg
Drehbuch: David Cronenberg
LV: Don De Lillo: Cosmopolis, 2003 (Cosmopolis)
mit Robert Pattinson, Juliette Binoche, Sarah Gadon, Mathieu Amalric, Jay Baruchel, Keven Durand, K’Naan, Emily Hampshire, Samantha Morton, Paul Giamatti
„Wir wissen folgendes: Vampire sind seit ewiger Zeit heimlich unter uns. Sie jagen Menschen und ziehen aus den Schatten heraus ihre Fäden. Doch am Vorabend des 20. Jahrhunderts wurde im amerikanischen Westen eine neue Vampirrasse geboren, in Person des berüchtigten Outlaws Skinner Sweet. Sweet kam als eine neue Art von Vampir aus dem Grab zurück. Er war stärker, schneller und die Sonne trieb ihn an. Fast 40 Jahre lang war er der einzige seiner Art, bis er 1925 aus uns unbekannten Gründen einen zweiten amerikanischen Vampir erschuf. Die junge Schauspielerin Pearl Jones ist sein einziger bekannter Schützling. Doch statt Sweet in seinem sporadischen Krieg gegen die herkömmlichen Vampirrassen zu unterstützen, zog Jones es vor, eigene Wege zu gehen. Gemeinsam mit ihrem Mann, einem Musiker namens Henry Preston, verließ sie Hollywood. Jones und Preston lebten fast zehn Jahre im verborgenen. Bis unsere Organisation sie 1936 in Nordkalifornien aufspürte. Nach einigen Schwierigkeiten gelang es uns, ohne Pearls Wissen, einen Deal mit Henry zu machen. Wir garantierten Schutz und im Gegenzug erhielten wir Informationen über die Schwachstelle des amerikanischen Vampirs. Einen normalen Vampir kann man mit Holz töten. Den Amerikanischen jedoch nur mit Gold. Natürlich war Sweet…verblüfft über unsere Entdeckung. Wir wissen nicht, wo er derzeit ist“, fasst Agent Hobbes von den Vasallen des Morgensterns, einer Organisation, die alle Vampire töten will, im dritten Sammelband von „American Vampire“ den Stand der Dinge zusammen.
Die von Autor Scott Snyder erfundene und von Rafael Albuquerque gezeichnete Comicserien erhielt 2011 zu recht den Eisner Award als beste neue Serie. Bei den ersten Heften ist Stephen King, der von Snyder um einen Blurb gebeten wurde und dem das Konzept so gut gefiel, dass er gleich erzählte, wie Skinner Sweet der erste amerikanische Vampir wurde, und er so sein Debüt als Comicautor gab, Co-Autor. Ab dem sechsten Heft schrieb Scott Snyder dann die Geschichte von Skinner Sweet und Pearl Jones alleine fort.
In dem zweiten „American Vampire“-Sammelband sind die mehrteilige Geschichte „Der Teufel in der Wüste“ und „Der Ausweg“ enthalten. „Der Teufel in der Wüste“ spielt 1936 in Las Vegas. Cashel McCogan ist in dem Wüstenkaff der Chef der Polizei. Er trat damit in die Fußstapfen seines vor zwei Monaten ermordeten Vaters, der 36 Jahre Polizeichef war.
Als Verstärkung für ihn sind jetzt die beiden FBI-Agenten Jack Straw und Felicia Book gekommen. Sie sollen ihn beim Kampf gegen das Verbrechen, das mit den Bauarbeitern, den Staudamm bauen sollen, helfen.
Und sie haben auch gleich ihren ersten Fall: in einem Hotelzimmer wurde Howard Beaulieu, Präsident einer von vier Firmen, die als „Konsortium“ die Talsperre bauen, ermordet. Wobei das etwas ungenau ist: er wurde ausgesaugt.
Kurz darauf sterben weitere Mitglieder des Konsortiums, die FBI-Agenten sind keine FBI-Agenten und Skinner Sweet ist auch in der Stadt.
In der zweiteiligen von Mateus Santoloucu gezeichneten Geschichte „Der Ausweg“ erfahren wir mehr über Pearl Jones und ihren Freund Henry, die 1936 in einer gefährdeten Idylle leben.
Am Ende von „Der Teufel in der Wüste“ konnte Skinner Sweet mit viel Glück seinen Verfolgern entkommen und in „Ghost War“ (enthalten in „American Vampire 3“) wütet er 1943 auf einer Insel, wenige Seemeilen vor Japan.
Dort treffen Skinner Sweet, Henry Preston, als Mitglied einer unter US-Flagge operierenden Gruppe der Vasallen des Morgensterns, und die Vasallen auf eine wahrhaft teuflische Vampirrasse. Sie ist so schlimm, dass Pearl Jones, um ihren Mann zu retten, ebenfalls auf die Insel muss. Dort eingetroffen, muss Pearl feststellen, dass sie nur überleben können, wenn sie sich gegen die dort lebenden Vampire verbünden.
Die ebenfalls in „American Vampire 3“ enthaltene, von Daniel Zezelj gezeichnete, ein Heft umfassende Geschichte „Das war der Wilde Westen“ ist eine sarkastische Abrechnung mit dem Showgeschäft. Denn Skinner Sweet besucht 1919 in Idaho eine Westernshow, die von einigen seiner alten Bekannten bestritten wird und die die Vergangenheit, abseits der historischen Wahrheit, ausschmücken. Skinner ist nicht begeistert.
In „American Vampire“ entwerfen Scott Snyder und Rafael Albuquerque eine alternative Geschichte der USA, die es ihnen auch ermöglicht, historische Marksteine zu besuchen und spannende Geschichten mit Charakteren, über die man mehr wissen will, zu erzählen. Dabei gelingt ihnen, immer mit deftigem Zeitkolorit, eine gute Mischung aus Einzelgeschichten und den Andeutungen einer größeren Geschichte.
Und die Vampire in „American Vampire“, auch wenn sie aus Good Old Europe kommen, haben nichts mit der adligen Distinguiertheit der altbekannten Vampire à la „Dracula“ zu tun. Wenn bei Snyder und Albuquerque die Vampire die Zähne fletschen, dann fletschen sie wirklich die Zähne und der Biss ist ein Biss. Das ist garantiert nicht jugendfrei.
Denn Skinner Sweet und Pearl Jones eignen sich nicht für Teenieschwärmereien. Gefühlige „Twilight“-Vampire verputzen sie als kleinen Appetitanreger vor der Vorspeise.
Kann es eine bessere Empfehlung für eine Vampirserie geben?
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Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Mateus Santolouco: American Vampire – Band 2
(übersetzt von Bernd Kronsbein)
Panini, 2011
148 Seiten
16,95 Euro
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Originalausgabe
American Vampire, Vol. 6 – 11
DC Comics 2010/2011
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Scott Snyder/Rafael Albuquerque/Danijel Zezelj: American Vampire – Band 3
„Wir möchten mit diesem Buch einige der Spannungsfelder aufzeigen, in denen sich die Debatte um die digitale Gesellschaft in den nächsten Jahren befinden wird. Dabei wenden wir uns nicht vorrangig an die Experten. (…) Wir hoffen, ein verständliches und teils auch vergnüglich zu lesendes Buch über die Netzpolitik und ihre Bedeutung für die Gesellschaft von morgen verfasst zu haben“, schreiben Markus Beckedahl und Falk Lüke im Vorwort zu ihrem Buch „Die digitale Gesellschaft – Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ und genau an diesem selbstformulierten Anspruch sollte das Buch auch gemessen werden. Also: Ist „Die digitale Gesellschaft“ ein Buch, das ich meinem Vater, der von Computern und dem Internet keine Ahnung hat, zum Lesen geben soll? Wird er danach den derzeitigen Umbruch besser verstehen?
Nun; eher nein.
Er wird wohl eher verwirrt von der Struktur des Buches sein. Die Hauptkapitel „Freiheit und Sicherheit“, „Wissen und Macht“, „Wirtschaft als globales Netz im Netz“ und „Neue und alte Öffentlichkeit“ verweisen auf etablierte Politikfelder und die großen Konfliktlinien im Netz. Aber in den einzelnen Kapiteln geht es mitunter bunt durcheinander und manchmal werden Themen zu einem späteren Zeitpunkt, an einem mehr oder weniger unpassendem Ort, wieder aufgenommen. Nur: ohne ein Register findet man die Stellen nicht.
So geht es in „Freiheit und Sicherheit“, ein klassischer innenpolitischer Konflikt zwischen Bürgerrechtlern und Sicherheitsbehörden, der normalerweise bei den Justiz- und Innenministerien angesiedelt ist, über Netzsperren für (hm, eigentlich gegen) Killerspiele und Kinderpornographie, Onlinedurchsuchung, Vorratsdatenspeicherung, Verbraucherschutz, Jugendschutz, Datenverarbeitung von privaten Firmen, Smart Meter und intelligente Stromnetze. Das ist ein buntes Potpourri unterschiedlicher und auch wichtiger Themen, die eher anekdotisch als argumentativ aneinandergereiht werden und oft nicht zur klassischen Innenpolitik gehören. So hat der Verbraucher- und Jugendschutz nichts mit der inneren Sicherheit, aber viel mit der Wirtschaft zu tun.
Über verschiedene Überwachungsmöglichkeiten und Begehrlichkeiten des Staates und privater Unternehmen, bi- und multilaterale Verträge, in denen festgelegt wird, wie Daten zwischen Staaten ausgetauscht werden, und die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und privaten Stellen (auch die Auslagerung staatlicher Aufgaben an private Firmen) sollte dagegen intensiver diskutiert werden.
Über die Abhängigkeit und damit verbundene Anfälligkeit von unseren technischen Infrastrukturen (so legten in den vergangenen Monaten in Berlin mehrere Kabelbrände die Bahn lahm und einmal, im Mai 2011, fielen in Berlin und großen Teilen Ostdeutschlands stundenlang Züge, Internet und Telefonnetze aus), den Katastrophenschutz und das weite Feld der Internetkriminalität („Cybercrime“), abseits von unseriösen Kreditangeboten, wird nichts gesagt.
Die Diskussion über das Urheberrecht wird zwar angerissen und füllt auch einige Seiten, aber trotz des Umfangs bleibt sie eher an der Oberfläche. Denn gerade an diesem Problem könnten die verschiedenen Konfliktlinien exemplarisch aufgezeigt werden.
Die Frage, was davon zu halten ist, dass wenige Unternehmen das Netz dominieren, wird kaum thematisiert. Dabei haben Unternehmen wie Google und Facebook über ihre Benutzer Daten, die alle bisherigen Datensammlungen in den Schatten stellen. Und Monopole haben, jedenfalls in der alten Ökonomie, sehr unschöne Auswirkungen. Im Internet nicht?
Aber anstatt, – immerhin sind beide Autoren als politisch denkende Köpfe bekannt -, die Gelegenheit nutzen, endlich einmal im großen Zusammenhang das Bild einer digitalen Gesellschaft mit ihren Chancen und Gefahren zu zeichnen, ergehen Markus Beckedahl und Falk Lüke sich meistens im Deskriptiven und im Rückblick auf frühere Kämpfe gegen Wolfgang Schäuble und Ursula von der Leyen und Treffen auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration. So ist „Die digitale Gesellschaft“ nicht die mit einer stringenten Argumentation beeindruckende Vision einer digitalen Gesellschaft, sondern eher die Sammlung von Blogbeiträgen. Aber während Blogbeiträge aufgrund ihrer Länge immer fragmentarisch bleiben, Dinge nur anreißen und auf aktuelle Entwicklungen reagieren, kann man in einem Buch einige Gedanken endlich einmal genauer ausführen.
Die im Untertitel „Netzpolitik, Bürgerrechte und die Machtfrage“ angekündigte Machtfrage stellen sie nicht. Sie fragen nicht, – und das wären gute Leitfragen gewesen -, wie die Bürgerrechte gegen den Staat, den klassischen Gegner, und die Wirtschaft, den weniger klassischen Gegner, im Netz geschützt werden können. Und wie im Netz die freie, liberale Gesellschaft geschützt, erhalten und ausgebaut werden kann.
Deshalb haben sie auch keine Idee davon, welche Regeln gelten sollten. Außer natürlich der liberalen Idee, dass es keine Überwachung geben sollte, dass Netzneutralität wichtig ist, dass die Nutzer sich frei entscheiden sollten, was sie tun wollen und dass Freie Software besser als Windows ist.
In diesen Momenten porträtieren sie allerdings auch ziemlich genau die Szene der deutschen Netzpolitiker, die sich aus dem großen Kuchen der Probleme nur einige Rosinen herauspicken.
Etwas erstaunlich, aber auch das ist ein Spiegelbild der deutschen Netzgemeinde, ist der doch sehr deutsche Blick, garniert mit einigen US-amerikanischen Einsprengseln. Immerhin ist ein Kennzeichen des Internets, dass man Landesgrenzen mühelos überspringen kann. Aber abgesehen von Bestellungen von Waren (wie DVDs aus Österreich) scheint es doch keinen länderübergreifenden Diskurs zu geben. Und das gilt schon für unsere Nachbarländer Österreich und die Schweiz. Da kann noch nicht einmal auf eine Sprachbarriere verweisen.
Auf Grafiken, eine Literaturliste, weiterführende Lektüre und ein Register wurde verzichtet. Das alles muss bei einem Sachbuch zwar nicht unbedingt sein, aber es hilft, Stellen zu finden und man kann dann auch besser mit dem Buch arbeiten.
Gill, der Sicherheitsberater mit der farbigen Vergangenheit zwischen allen möglichen Geheimdiensten, ist zurück. Nachdem er in „Der Sodom-Kontrakt“ in Europa gegen eine Bande Kinderschänder vorging, geht es jetzt um mehr. Dabei beginnt für ihn alles ganz harmlos mit einer verschwundenen Katze, die er für den jungen Michael sucht.
Zur gleichen Zeit, wenige Kilometer entfernt, sucht die großbusige, sexhungrige, superschlaue, schlagkräftige und blonde Leiterin der Mordkommission Alexa Bloch nach dem Mann, der in einem Massengrab in der Nähe von Dortmund afrikanische Kinder, die niemand vermisst, vergrub. Die Spur führt in Satanistenkreise, deren Mitglieder überaus vermögend und mächtig sind.
Auch Gill, der mit seinen halbseidenen Freunden, die verschwundene Katze findet, stört die Satanisten. Als Alexa von dem Anführer der Satanisten nach Afrika verschleppt wird, machen sie sich, in schönster „Expendables“-Tradition, schwer bewaffnet auf den Weg in den Dschungel.
Selbstverständlich ist „Die Lucifer-Connection“ purer Pulp, bei dem die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit überzeichnet wird. Aber während mir Gills erster Einsatz verdammt gut gefiel, hat „Die Lucifer-Connection“ doch deutliche Längen. Denn anstatt geschwind zur Tat zu schreiten und zuerst in Deutschland und später in Afrika, die Satanisten zu bekämpfen, ergehen sich Gill und seine Freunde immer wieder in endlosen Tiraden über die schlechte Welt und man glaubt, dass Gill und seinen Kumpels an der Pommesbude neben der sattsam bekannten „Tatort“-Pommesbude der Kölner Kommissar Ballauf und Schenk abhängen.
Gerade weil Compart einige hübsch perfide Ideen hat und die Wut über die Gegenwart in jeder Zeile spürbar ist, ärgerte mich beim Lesen das die Geschichte nicht voranbringende Stammtischgegröhle.
Denn ein guter Pulp-Roman hat 200 Seiten. „Die Lucifer-Connection“ kommt auf 400 engbedruckte Seiten.
Als Myron Bolitar vor fast zwanzig Jahren in „Das Spiel seines Lebens“ (Deal Breaker, 1995) die literarische Bühne betrat, waren der Sportagent und der für seine Klienten im Notfall auch als Quasi-Privatdetektiv arbeitende Ex-Sportler und sein unglaublich reicher, unglaublich schnöseliger und unglaublich taffer Freund Windsor Horne Lockwood III, genannt Win, eine Frischzellenkur für das Genre. Denn die beiden Sonnyboys schlugen sich witzelnd durch labyrinthische Plots und, auch wenn in anderen Serien der Held vielleicht einmal im Sportmilieu ermittelte, spielte noch keine Serie ausschließlich in verschiedenen Sportmilieus.
Nach dem siebten Bolitar-Roman „Darkest Fear“ (2000) schickte Harlan Coben seinen Helden in den Ruhestand und schrieb mehrere, sehr erfolgreiche Einzelromane. Erst sechs Jahre später durfte Myron Bolitar mit „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise Me, 2006) wieder Bösewichter jagen. In diesem spannenden Roman wurde er verdächtigt, einen Teenager ermordet zu haben.
In „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009) half er seiner Freundin Terese Collins – und legte sich mit einer sehr mächtigen Organisation an. Der Roman litt unter dem falschen Gegner für Myron und Win. Denn die Welt des internationalen Terrorismus und der Geheimdienste ist nicht ihre Welt.
In seinem neuesten Abenteuer „Sein letzter Wille“ ist Myron mit Terese Collins verlobt und er geht wieder seiner geregelten Arbeit als Agent für Sportler und Künstler nach. Da bittet ihn die schwangere Tennisspielerin Suzze T. ihren verschwundenen Mann Lex Ryder zu suchen. Der Musiker, die unscheinbare Hälfte der erfolgreichen Rock-Duos HorsePower, das seit Ewigkeiten keine Platte mehr veröffentlichte, ist, nachdem jemand auf Suzzes Facebook-Profil schrieb, dass er nicht der Vater des Kindes ist, spurlos verschwunden.
Als Myron Lex in einer Nobel-Discothek findet, sieht er seine seit sechzehn Jahren Jahren verschwunden Schwägerin Kitty. Sie war damals mit seinem Bruder Brad auf einer Never-Ending-Tour um die Welt aufgebrochen. Jetzt ist sie als Drogenwrack zurückgekehrt, Brad ist spurlos verschwunden und Myron hat einen Neffen, Mickey, der ihm verdammt ähnlich sieht.
Und das alles hat etwas mit Gabriel Wire, der anderen Hälfte HorsePower, die seit Jahren zurückgezogen auf einer Insel lebt, und dem skrupellosen Mafiosi Herman Ache zu tun.
Harlan Cobens neuer Thriller „Sein letzter Wille“ ist allerdings weniger ein Krimi (und dabei rede ich noch gar nicht von den in der Geschichte begangenen Straftaten), sondern mehr ein Familiendrama, in dem Myrons Eltern, sein lange verschwundener Bruder (Wurde er überhaupt schon einmal erwähnt?) und einige, eher kleinere Familiengeheimnisse im Zentrum stehen. Denn natürlich verschwand Brad damals nicht grundlos.
Es zeigt sich aber auch schmerzlich, dass ein älter werdender Myron Bolitar nicht mehr den Esprit der früheren Abenteuer hat. Denn Myron war immer ein Sonnyboy und solche Menschen werden nicht älter oder erwachsen.
Sie haben auch keine inneren Dämonen, die sie besiegen müssen. Und so schleicht sich bei „Sein letzter Wille“ das Gefühl ein, dass Myron und Win zwar älter werden, aber pubertär bleiben. Eine ungute Mischung.
Mit „Alleingang“ legt Wolfgang Brenner, wieder einmal bei einem anderen Verlag, einen durchaus gelungenen Politthriller vor, in dem eine Soldatenbraut sich fragt, warum die deutsche Regierung ihren Mann für tot erklärt, während er mit ihr telefoniert, geheimnisvolle Andeutungen macht und er befürchtet, ermordet zu werden. Außerdem darf sie während der Trauerfeier seine Leiche nicht sehen. Er sei, so die offizielle Erklärung, bei dem Selbstmordanschlag in Kundus bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt worden.
Sie versucht nun herauszufinden, was mit ihrem Mann geschah, der auf seiner letzten Videobotschaft an sie gar nicht mehr nach dem korrekten, auf Äußerlichkeiten achtenden Vorbild-Soldaten aussah, und warum sie vom Militär belogen wird. Gleichzeitig will sie ihren neunjährigen Sohn beschützen. Denn wenn die seltsamen Warnungen ihres Mannes stimmen, schweben sie in Lebensgefahr.
Die Geschichte ist, wie bei Wolfgang Brenner nicht anders zu erwarten, gut entwickelt und auch gut erzählt.
Aber „Alleingang“ liest sich, mit seinen wenigen Schauplätzen (die Geschichte spielt hauptsächlich in dem Haus der Soldatenbraut in Koserow auf Usedom und einigen zum Militär gehörenden Büros in Berlin ) und dem überschaubarem Personal, wie die Romanfassung eines guten 20.15-Uhr-TV-Films. Nur das Ende dürfte heute im deutschen Fernsehen so nicht mehr akzeptiert werden.
In der Batman-Geschichte „Kaputte Stadt“ machen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso dort weiter, wo sie in der fantastische Noir-Serie „100 Bullets“ aufhörten. Düsterer sah Gotham City wahrscheinlich nie aus und unser Held Batman benimmt sich die meiste Zeit wie ein vigilantischer Rächer, der bedenkenlos foltert bis er die Antwort bekommt, die er von Anfang an hören wollte.
Er sucht den Mörder von Elizabeth, der jungen Schwester des halbseidenen Autohändlers Angel Lupos, deren Leiche auf einer Müllkippe gefunden wurde. Batman glaubt, dass Waylon „Killer Croc“ Jones das Mädchen in Lupos‘ Auftrag ermordete und auf seiner Jagd nach ihm nimmt er keine Rücksichten.
Als „Batman – Kaputte Stadt“ entstand, waren die USA nach 9/11 gerade mitten im Antiterrorkampf und die US-Regierung versuchte alles, um Folter als probate Verhörmethode zu legitimieren. Brian Azzarello und Eduardo Risso reflektieren diese Stimmung in ihrem düsteren Comic, der damals ein bitterböser tagespolitischer Kommentar über den „war on terror“ war und heute vor allem wegen der Zeichnung des Helden verstört. Denn Batman ist ein humorlosen Folterer, der anderen bedenkenlos Schmerzen zufügt, weil er sich im Recht sieht und sich die Beweise nach eigenem Gusto zurechtlegt. Genau wie damals die in Washington um Präsident George Bush jr. regierende Clique von Neokonservativen, die sich die Welt so zusammenbastelten, wie es ihnen gefiel.
Die Sympathien des Lesers für Batman sinken, bis zum Schluss, wenn Batman erkennt, dass das Motiv für seine Vendetta der Tod seiner Eltern war und er in Arkham, Gothams Anstalt für geisteskranke Schwerverbrecher, seinen alten Gegner, den Joker, trifft, auf den Gefrierpunkt.
„Kaputte Stadt“ ist ein sarkastischer Blick in die US-Seele. Dieses Mal nicht im „100 Bullets“-, sondern im „Batman“-Kosmos.
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Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt
Der Untertitel „100 Fragen – 100 Antworten“ ist Betrug.
Aber was kann man auch von einem Buch erwarten, dessen Titel „Die Mafia“ ist? Immerhin ist diese Vereinigung dafür bekannt, dass sie ihr Geld mit Verbrechen verdient.
Weil „Die Mafia: 100 Fragen – 100 Antworten“ aber nicht von der Mafia, sondern von dem Journalisten Attilio Bolzoni geschrieben wurde und dieser seit Jahren für „La Repubblica“ über die Mafia schreibt und mehrere Bücher über sie veröffentlichte, hat er gleich 105 Fragen beantwortet, die einen ziemlich umfassenden Überblick über die italienische Mafia geben.
Es geht um die Geschichte der Mafia, ihre Regeln, den Maxi-Prozess, die Antimafia, das Bild der Mafia in den Medien und um noch ungelöste Rätsel um die Mafia. Bolzoni beantwortet unter anderem die Fragen „Wie mordet die Cosa Nostra?“ („Wie es am zweckmäßigsten ist.“), „Welche Einstellung haben die Mafiosi zur Homosexualität?“ (Geht gar nicht.), „Sind die Mafiosi religiös?“ (Nun, irgendwie schon.), „Stimmt es, dass die Amerikaner dank der Mafia in Sizilien landen konnten?“ (Ein Märchen, aber…), „Wovor hat die Mafia wirklich Angst?“ („Ihren Reichtum zu verlieren.“), „Apropos Sciascia: War er ein Schriftsteller gegen die Mafia oder gegen die Antimafia?“, „Haben Fernsehserien wie La Piovra (Allein gegen die Mafia) mehr der Mafia oder mehr dem Ansehen Italiens geschadet?“ und „Ist Berlusconi ein Freund der Mafia?“.
Aufgrund der Frage-Antwort-Struktur ist „Die Mafia“, wie ein Lexikon, vor allem ein informatives Buch zum Blättern und Nachschlagen.
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Attilio Bolzoni: Die Mafia: 100 Fragen – 100 Antworten
Die böswillige Interpretation von „Platinblondes Dynamit“ ist, dass Jörg Juretzka von seinem Verlag den Befehl bekam, seinen Helden Kristof Kryszinski einzumotten und, weil sich das besser verkauft, Krimis mit einer Heldin zu schreiben.
Die gutwillige Interpretation ist, dass Jörg Juretzka einfach seinen Spaß haben wollte und dafür in „Platinblondes Dynamit“ dem Affen mächtig Zucker gegeben hat.
Für diese Interpretation spricht, dass unlängst der zweite Kryszinski-Krimi „Sense“ neu aufgelegt wurde. Dieses Mal in der „metro“-Reihe des Unionsverlags. Und wenn es keine Leser für die chaotischen Ermittlungen des Ruhrpott-Privatdetektivs gäbe, würde auch kein Verlag einen zwölf Jahre alten Krimi neu auflegen.
Und das ist, um unseren Hauptstadt-Bürgermeister zu zitieren, auch gut so. Denn „Sense“ ist ein waschechter Kryszinski. Der Detektiv soll den Duisburger Spielautomaten-König Sascha ‚Pascha‘ Sentz finden. Er tut’s und, nachdem er schon während der Suche nach Sentz, tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Scuzzi (mehr Drogen als Verstand), ordentlich becherte, er Sentz nach einer Odyssee durch die Lokale und Spielsalons des Ruhrpotts zufällig an einer Theke (Wo sonst?) getroffen hat und sie gemeinsam weitersoffen, wacht Kryszinski am nächsten Tag, immer noch betrunken, in seiner Wohnung neben der Leiche von Sentz auf. Seine Lieblingskommissare Menden und Hufschmidt, die ihn wie die Pest hassen, halten ihn für den Mörder.
Also muss Kryszinski den wahren Mörder finden und er hat auch gleich einen Topverdächtigen, der sich für die Tat vor allem dadurch qualifiziert, dass er von Kryszinski viel Geld, das der ständig abgebrannte Privatermittler nicht hat, will.
„Sense“ ist nach „Prickel“ der zweite Roman mit Kristof Kryszinski und der Humor, der die späteren Kryszinski-Romane zu einem Lesevergnügen macht, ist schon da. Aber das Plotting ist ärgerlich nachlässig. Denn letztendlich regelt, während unser Held von einem Fettnapf in den nächsten stolpert, Kommissar Zufall immer wieder alles. Den Rest übernehmen gewagte Annahmen des Helden, die vollkommen aus der Luft gegriffen sind und sich letztendlich, trotzdem, als irgendwie richtig entpuppen, aber sogar einen Edgar-Wallace-Film als Meisterwerk der Logik erscheinen lassen. In den neuesten Kryszinski-Fälle hat Jörg Juretzka sich, zum Glück, wesentlich mehr Gedanken über die Handlung gemacht.
In „Platinblondes Dynamit“ gibt er dem Affen Zucker. Denn wie eine Srewball-Comedy lebt dieser Krimi über den Groschenromanautor Folkmar Windell, der als Will B. Everhard die in den vierziger Jahren in New York spielenden Jack-Knife-Krimis schreibt und jetzt Jack Knife durch eine Heldin ersetzen soll, von seiner Geschwindigkeit.
Widerwillig und mit der Hilfe eines aus dem Internet gezogenen Schreibprogramms (das ihm ein Scuzzi-artiger Freund empfohlen hat) erfindet Windell mit Pussy Cat eine Heldin, die, nun, Jack Knife mit Titten ist.
Pussy Cat gelangt aus der Windells Romanwelt in das heutige Köln. Dort setzt sie ihre Mission, die Suche nach dem Roosveldt-Diamant, „ein Stein von solchem Feuer, dass er selbst im Schwarz-Weiß als rosa zu erkennen gewesen war“, fort und hinterlässt eine Spur der Verwüstung, die Jack Knife nicht besser hinbekommen hätte..
Ach ja, und wenn Windell Pussy Cat (die aus ihrer Sicht supersexy, aus Sicht der anderen nur der hässliche Windell mit nicht passender Perücke ist) nicht rechtzeitig findet, hat Hermine Inaway (so sein Pseudonym für den ersten Pussy-Cat-Roman) ein Problem an der Backe, das im Kleingedruckten des Programms versteckt war.
Und das sind nur die Verwicklungen auf den ersten Seiten von „Platinblondes Dynamit“, das seine Absurditäten und Unglaubwürdigkeiten durch hohes Tempo ausgleicht. In diesem Alptraum eines Schriftstellers, der auch einige schöne Querverbindungen zu Juretzkas Kristof-Kryszinski-Krimis hat, darf es keine Sekunde zum Nachdenken geben – und genau solange ist „Platinblondes Dynamit“ pures Dynamit.
Dass die Öffentlichkeit sich durch das Internet wandelt, dürfte niemand bestreiten. Die Frage ist nur, wie die neue Öffentlichkeit aussieht. Die grünnahe Heinrich-Böll-Stiftung versucht in ihrem kostenlos erhältlichen Sammelband „Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus“ in 24 Texten darauf eine Antwort zu geben und wer sich schon länger für Netzpolitik interessiert, wird unter den Autoren und Interviewpartnern viele bekannte Namen, wie Stephan Weichert, Robin Meyer-Lucht, Peter Glaser, Geert Lovink, Markus Beckedahl, Christiane Schulzki-Haddouti, Matthias Spielkamp und Marcel Weiß entdecken.
Und natürlich gibt es in dem lesenswertem Buch nicht die eine Antwort, sondern es werden verschiedene Aspekte des Wandels beleuchtet. Aber insgesamt wird dieser Wandel, teils vielleicht zu optimistisch, begrüßt und die Chance für eine neue, politisch informierte Öffentlichkeit und einen neuen Journalismus gesehen.
Es gibt auch Aufsätze über mögliche Einnahmequellen im Netz. Denn bisher verdienen die Tageszeitungen im Netz noch kein Geld. Bislang haben sie viele Abonnenten für die gedruckten Ausgaben, die für entsprechend feste Einnahmen sorgen. Denn bis ein Abonnent sein Abo kündigt, muss einiges geschehen. Spielkamp erklärt, warum die Verlage im Netz nicht so schutzlos sind, wie sie immer wieder behaupten. Und Jeanne Collins berichtet von ihrem „Sommer auf der Content-Farm“.
Nachdem die meisten Aufsätze über die deutsche und die US-amerikanische Öffentlichkeit gehen, muten die letzten drei Aufsätze über den Wandel der Öffentlichkeit in Russland, Weißrussland und China etwas unpassend an. Aber sie zeigen, dass es immer wieder Wege gibt, sich gegen staatliche Propaganda zu wehren. Früher mit Flugblättern und den Gründungen von Zeitungen („taz“), später mit Radiosendern und CD-Roms und jetzt, wesentlich kostengünstiger und einem potentiell größerem Publikum, im Internet.
Heinrich-Böll-Stiftung (Herausgeber): Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus (Bildung + Kultur, Band 11)
He is the world’s worst detective. Cases get solved not because of him but despite him.
Ken Bruen über Jack Taylor
In Irland gibt es keine Privatdetektive. Also erfindet Ken Bruen einen Privatdetektiv. Inzwischen gibt es auch in Galway Privatdetektive.
Hoffentlich arbeiten sie anders als der von Ken Bruen erfundene Jack Taylor.
Denn Jack Taylor ist nicht der normale Privatdetektiv, der sich Hals über Kopf in seine Fälle stürzt. Nein. Sogar der von Lawrence Block erfundene Privatdetektiv Matt Scudder wirkt gegen Jack Taylor wie ein blindwütiges Arbeitstier. Und der verbrachte einen guten Teil seiner ersten Aufträge als Detektiv im Alkoholrausch. Danach besuchte er in New York exzessiv Sitzungen der Anonymen Alkoholiker.
Taylor ist auch Alkoholiker. Oder irisch trinkfreudig.
Seit seinem Aufenthalt in London, der zwischen dem ersten und dem zweiten Jack-Taylor-Roman lag, ist er auch kokainsüchtig.
In „Jack Taylor liegt falsch“, dem zweiten Jack-Taylor-Romana, der den Macavity Award als Bester Roman erhielt und für den Anthony und Barry Award nominiert war, ist er wieder zurück in seiner alten Heimat Galway und er hat auch gleich zwei Fälle.
Jemand bringt die von allen geliebten, fast nationalheiligen Schwäne um und die Polizei kümmert sich nicht darum.
Aber die Schwan-Morde sind für Jack Taylor nur der kleinere Fall. Denn er soll herausfinden, wer mehrere Tinker (also irische Landfahrer, die dort ungefähr so beliebt sind, wie bei uns die Sinti und Roma) ermordete. Auch diese Morde interessieren die Polizei nicht.
Und Jack Taylors Ermittlungsmethoden sind definitiv nicht nach dem Lehrbuch für angehende Privatdetektive.
Dafür liest er etliche gute Bücher, die man locker in die eigene Lektüreliste aufnehmen sollte und wir erfahren einiges über den alltäglichen Rassismus in Irland.
Dieses Mal gefällt mir die Übersetzung von Harry Rowohlt besser als sein erster Versuch, Ken Bruen zu übersetzen. Obwohl mir Ken Bruens schnörkellose, harsch-poetische Prosa in den anderen Übersetzungen oder im Original immer noch besser gefällt. Denn da ist ein Junge ein „boy“ und kein „Bub“ und die Thin-Lizzie-Referenz augenfällig. Ein „career crash“ ist auch deutlicher als ein euphemistischer „Karriereknick“; – vor allem weil dieser Karriereknick für Jack Taylor bedeutet, dass die Polizei ihn vor die Tür setzte, nachdem er am Anfang von „Jack Taylor fliegt raus“, einem hohen Beamten im Dienst die Fresse polierte.
Im dritten Jack-Taylor-Roman „Jack Taylor fährt zur Hölle“ (The Magdalen Martyrs) gräbt Ken Bruen, der mit den Jack-Taylor-Romanen den Durchbruch hatte und mit Preisen überhäuft wurde, dann tief in der katholischen Geschichte des Landes. Auch in den späteren Jack-Taylor-Krimis gerät er mit der Kirche in Konflikt.
Seine volle Wirkung entfaltet der PI-Noir, wegen der vielen kurzen Rückblicke auf Ereignisse aus den vorherigen Romanen, wenn man vorher die ersten beiden Jack-Taylor-Romane „Jack Taylor fliegt raus“ und „Jack Taylor liegt falsch“ gelesen hat.
Dass es bei diesem Job ein Problem geben wird, ist Killian von der ersten Sekunde an klar. Denn warum sollte der Millionär Richard Coulter so versessen darauf sein, seine Ex-Frau, die mit seinen beiden Kindern verschwunden ist, zu finden. Vor allem, weil sie schon vor einigen Wochen verschwunden ist. Und warum hat die Ex den goldenen Käfig, der mit Coulters Unterhaltszahlungen üppig ausgestattet war, verlassen? Aber Killian schiebt die Bedenken beiseite. Immerhin kommt der Job, über einige Ecken, von Michael Forsythe (den wir aus Adrian McKintys früheren Romanen „Der sichere Tod“, „Der schnelle Tod“ und „Todestag“ kennen) und als Bezahlung winkt eine halbe Million Pfund; Geld das Killian gut für den Start ins bürgerliche Leben gebrauchen kann.
In Irland macht er sich auf die Suche nach Rachel. Er nimmt auch schnell die Fährte der Junkie-Braut, die von einem Versteck zum nächsten flüchtet, auf. Dabei bemerkt Killian, dass er von einem Mann verfolgt wird, der skrupellos über Leichen geht. Dieser Killer wurde ebenfalls von Coulter engagiert.
„Ein letzter Job“ ist ein schnörkelloser Hardboiled-Gangsterroman mit satten Impressionen vom irischen Hinterland, inclusive einem Besuch bei den Tinkern. Das erfreut das Herz des Genrejunkies, der auch dankbar die kleinen Abweichungen aufnimmt.
Killian ist dabei, wie wir schon bei der ersten Begegnung mit ihm erfahren, ein guter Verhandler, der seine Ziele vor allem mit Worten erreichen will. Auch wenn er fähig ist, Gewalt anzuwenden.
Nur am Ende hätte ich gerne noch einen weiteren Satz gehabt. So kommt es für meinen Geschmack etwas zu abrupt.
Davon abgesehen ist das Einzelwerk ein verdammt guter Einstieg in die düstere Welt von Adrian McKinty.
Spero Lucas ist ein Kriegsveteran, der jetzt in Washington, D. C., seine Brötchen als Ermittler für den Anwalt Tom Petersen und als Wiederbeschaffer verdient. Er verlangt, wenn er erfolgreich ist, vierzig Prozent des Wertes des verlorenen Gegenstandes. Ältere Krimifans dürften sich an John D. MacDonalds Wiederbeschaffungsexperten Travis McGee erinnern.
Jetzt übernimmt Lucas für den im Gefängnis sitzenden Drogenhändler Anwan Hawkins den Auftrag, zwei verschwundene Dreißig-Pfund-Drogenpakete zu finden. Sie wurden, im Abstand von drei Wochen, von einem Paketboten vor einer Haustür abgelegt und geklaut, bevor die Hawkins‘ unterstehenden, etwa zwanzigjährigen Drogenkuriere Tavon Lynch und Edwin Davis sie sich nehmen konnten.
Kurz darauf verschwindet ein drittes Paket, Lynch und Davis werden erschossen und ein filmbegeisterter Schuljunge hat gesehen, dass die beiden Drogenkuriere einem Polizisten das Paket gegeben haben. Auch die Spur in dem Doppelmord führt Lucas zur Polizei.
Mit „Ein schmutziges Geschäft“ will George Pelecanos, der Chronist Washingtons abseits der großen Politik, eine neue Serie beginnen und im ersten Band werden Pelecanos-Fans viele bekannten Themen und Elemente erkennen. Die ausführlichen Schilderungen des Lebens der kleinen Leute, der Fokus auf Probleme im heutigen Amerika (wobei Pelecanos, wie Bruce Springsteen in seinen Liedern, in seinen in verschiedenen Jahrzehnten spielenden Romanen auch eine Geschichte des Verfalls von Werten und dem Verlust des amerikanischen Traums erzählt), der sozialarbeiterische Touch, die Frage, wie die verschiedenen Ethnien miteinander umgehen, die Bedeutung der Populärkultur für seine Charaktere, die Nennungen von Liedern, Filmen, Büchern und Autoren, die Frage nach der Verantwortung des Individuums für seine Familie, vor allem die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen, die Frage, wie man mit den Folgen seiner Entscheidungen umgeht und sein Leben gestaltet, wie man anständig bleibt in einer Welt, in der die eigenen moralischen Werte mit den Umständen kollidieren. Und, selbstverständlich, die Darstellung des Verbrechens als integralen Teil des Lebens in einer multiethischen Großstadt, die vor zwanzig Jahren auch die Mordhauptstadt der USA genannt wurde und in der 2011 immer noch über hundert Morde verübt wurden.
So versucht der ebenfalls filmbegeisterte Spero Lucas dem Schuljungen zu helfen, obwohl er selbst keine Ahnung hat, was er aus seinem Leben machen soll. Er findet die Drogenkuriere und seinen Auftraggeber, einen Drogenhändler der als Vater eines fast erwachsenen Sohnes aus dem Geschäft aussteigen will, durchaus sympathisch. Und der korrupte Polizist wurde wegen seines Vaters korrupt. Am Ende mündet alles, ohne dass sich wirklich etwas ändert, in einem Western-Showdown.
Das ist Pelecanos pur.
Ebenso steht in Pelecanos, der auch für die TV-Serien „The Wire“ und „Treme“ schrieb, fein konstruierter Geschichte „Ein schmutziges Geschäft“ nicht der nach den Thriller-Bestseller-Regeln formulierte überraschende Plot à la Jeffery Deaver oder Harlan Coben, sondern die Beschreibung des Alltags der Charaktere, die sich wie abgelauscht zu lesenden Gespräche und die sich daraus ergebenden Verwicklungen im Zentrum. Das erinnert dann eher an Elmore Leonard und Leonards Klassiker „Nr. 89 unbekannt“ (Unknown Man No. 89, 1977) wird von Pelecanocs auch mehrmals erwähnt.
Nachdem Pelecanos seine vorherigen Romanen immer durchgehend mulitperspektivisch erzählte, beschränkt er sich in „Ein schmutziges Geschäft“, bis auf wenige Szene, auf Spero Lucas‘ Perspektive; – fast wie in seinen frühen Romanen, den in der ersten Person erzählten, nicht übersetzten Nick-Stefanos-Privatdetektivromanen,
So ist „Ein schmutziges Geschäft“ auch eine Rückkehr zu einem einfacheren Erzählen mit weniger offensichtlich autobiographischen Elementen. Denn während in „Kein Weg zurück“ (The Way Home, 2009), „The Turnaround“ (2008) und „Der Totengarten“ (The Night Gardener, 2006) die Probleme von liebevollen Eltern und ihren pubertierenden Kindern, immerhin ist Pelecanos dreifacher Vater, stark im Vordergrund standen, ist der 29-jährige Spero Lucas noch ein Drifter ohne feste Beziehungen, aber mit Freunden und Bekannten, für die er freiwillig Verantwortung übernimmt. Fast wie die klassischen Privatdetektive.
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George Pelecanos: Ein schmutziges Geschäft
(übersetzt von Jochen Schwarzer)
rororo Taschenbuch, 2012
384 Seiten
9,99 Euro
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Originalausgabe
The Cut
Regan Arthur Books/Little, Brown and Company, 2011
Massimo Carlotto hat wieder zugeschlagen und nicht nur die angenehme Länge von 160 Seiten erinnert an die guten alten Tage, als man einen Kriminalroman locker an einem Abend lesen konnte. Es ist auch, erzählt im wunderbar lakonischen Hardboiled-Stil, die Verbindung aus gerechter Empörung über die schmutzigen Geschäfte der Mächtigen und den honorigen, aber von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuchen der Machtlosen, etwas dagegen zu tun, das an Jean-Patrick Manchette und die bei uns unbekannteren Vertreter des Neo-Polar erinnert. Aber auch, schließlich ist Carlotto Italiener, an die knappen Romane von Leonardo Sciascia, die gut recherchierte Gesellschaftsporträts und Anklagen gegen die Verbindung von Mafia und Staat sind. Und natürlich erinnert „Tödlicher Staub“ an die grandiosen italienischen und französischen Polit-Thriller und Gangsterfilme aus den sechziger und siebziger Jahren.
Auch Carlotto recherchierte für seinen neuen Roman „Tödlicher Staub“ ausführlich über Uranmunition, die beim Verschießen entstehenden Nanopartikel und das militärische Sperrgebiet Salto di Quirra – Capo San Lorenzo. Dabei half ihm das neunköpfige sardische Journalistenkollektiv Mama Sabot.
In der Nähe des Sperrgebiets Salto di Quirra sammelt die junge Tierärztin Nina Tola die Kadaver von verunstalteten Schafen und Ziegen ein. Sie will herausfinden, wie die im Sperrgebiet verschossene Uranmunition wirkt.
Zur gleichen Zeit wird der untergetauchte Deserteur Pierre Nazzari von zwei Polizisten erpresst. Er soll bei ihr einbrechen und sich, als Barkeeper, mit ihr befreunden. Er tut beides – und beginnt ihr, nachdem sie gemeinsam ermordet werden sollten, zu helfen.
„Tödlicher Staub“ ist ein herrlich verschachtelter, noirischer Polit-Thriller, in dem jeder nur versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dummerweise hat niemand von ihnen mit den Faktoren Dummheit, Gier und Zufall gerechnet. Und wenn dann, in der zweiten Hälfte des Krimis, die verschiedenen Parteien sich gegenseitig erpressen, belügen und betrügen, wird es teilweise etwas unübersichtlich. Aber so ist das Leben.