Kurzkritik: Martin Compart: Die Lucifer-Connection

Juni 29, 2012

Gill, der Sicherheitsberater mit der farbigen Vergangenheit zwischen allen möglichen Geheimdiensten, ist zurück. Nachdem er in „Der Sodom-Kontrakt“ in Europa gegen eine Bande Kinderschänder vorging, geht es jetzt um mehr. Dabei beginnt für ihn alles ganz harmlos mit einer verschwundenen Katze, die er für den jungen Michael sucht.

Zur gleichen Zeit, wenige Kilometer entfernt, sucht die großbusige, sexhungrige, superschlaue, schlagkräftige und blonde Leiterin der Mordkommission Alexa Bloch nach dem Mann, der in einem Massengrab in der Nähe von Dortmund afrikanische Kinder, die niemand vermisst, vergrub. Die Spur führt in Satanistenkreise, deren Mitglieder überaus vermögend und mächtig sind.

Auch Gill, der mit seinen halbseidenen Freunden, die verschwundene Katze findet, stört die Satanisten. Als Alexa von dem Anführer der Satanisten nach Afrika verschleppt wird, machen sie sich, in schönster „Expendables“-Tradition, schwer bewaffnet auf den Weg in den Dschungel.

Selbstverständlich ist „Die Lucifer-Connection“ purer Pulp, bei dem die Wirklichkeit bis zur Kenntlichkeit überzeichnet wird. Aber während mir Gills erster Einsatz verdammt gut gefiel, hat „Die Lucifer-Connection“ doch deutliche Längen. Denn anstatt geschwind zur Tat zu schreiten und zuerst in Deutschland und später in Afrika, die Satanisten zu bekämpfen, ergehen sich Gill und seine Freunde immer wieder in endlosen Tiraden über die schlechte Welt und man glaubt, dass Gill und seinen Kumpels an der Pommesbude neben der sattsam bekannten „Tatort“-Pommesbude der Kölner Kommissar Ballauf und Schenk abhängen.

Gerade weil Compart einige hübsch perfide Ideen hat und die Wut über die Gegenwart in jeder Zeile spürbar ist, ärgerte mich beim Lesen das die Geschichte nicht voranbringende Stammtischgegröhle.

Denn ein guter Pulp-Roman hat 200 Seiten. „Die Lucifer-Connection“ kommt auf 400 engbedruckte Seiten.

Martin Compart: Die Lucifer-Connection

Evolver Books, Wien, 2011

400 Seiten

16,80 Euro

Hinweise

Blog von Martin Compart (dort gibt es auch Infos zu den realen Hintergründen der „Lucifer-Connection“)

Meine Besprechung von Martin Comparts „Der Sodom-Kontrakt“

Meine Besprechung von Martin Comparts „G-man Jerry Cotton“ (2010)

 


Myron Bolitar und die liebe Familie

Juni 27, 2012

Als Myron Bolitar vor fast zwanzig Jahren in „Das Spiel seines Lebens“ (Deal Breaker, 1995) die literarische Bühne betrat, waren der Sportagent und der für seine Klienten im Notfall auch als Quasi-Privatdetektiv arbeitende Ex-Sportler und sein unglaublich reicher, unglaublich schnöseliger und unglaublich taffer Freund Windsor Horne Lockwood III, genannt Win, eine Frischzellenkur für das Genre. Denn die beiden Sonnyboys schlugen sich witzelnd durch labyrinthische Plots und, auch wenn in anderen Serien der Held vielleicht einmal im Sportmilieu ermittelte, spielte noch keine Serie ausschließlich in verschiedenen Sportmilieus.

Nach dem siebten Bolitar-Roman „Darkest Fear“ (2000) schickte Harlan Coben seinen Helden in den Ruhestand und schrieb mehrere, sehr erfolgreiche Einzelromane. Erst sechs Jahre später durfte Myron Bolitar mit „Ein verhängnisvolles Versprechen“ (Promise Me, 2006) wieder Bösewichter jagen. In diesem spannenden Roman wurde er verdächtigt, einen Teenager ermordet zu haben.

In „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009) half er seiner Freundin Terese Collins – und legte sich mit einer sehr mächtigen Organisation an. Der Roman litt unter dem falschen Gegner für Myron und Win. Denn die Welt des internationalen Terrorismus und der Geheimdienste ist nicht ihre Welt.

In seinem neuesten Abenteuer „Sein letzter Wille“ ist Myron mit Terese Collins verlobt und er geht wieder seiner geregelten Arbeit als Agent für Sportler und Künstler nach. Da bittet ihn die schwangere Tennisspielerin Suzze T. ihren verschwundenen Mann Lex Ryder zu suchen. Der Musiker, die unscheinbare Hälfte der erfolgreichen Rock-Duos HorsePower, das seit Ewigkeiten keine Platte mehr veröffentlichte, ist, nachdem jemand auf Suzzes Facebook-Profil schrieb, dass er nicht der Vater des Kindes ist, spurlos verschwunden.

Als Myron Lex in einer Nobel-Discothek findet, sieht er seine seit sechzehn Jahren Jahren verschwunden Schwägerin Kitty. Sie war damals mit seinem Bruder Brad auf einer Never-Ending-Tour um die Welt aufgebrochen. Jetzt ist sie als Drogenwrack zurückgekehrt, Brad ist spurlos verschwunden und Myron hat einen Neffen, Mickey, der ihm verdammt ähnlich sieht.

Und das alles hat etwas mit Gabriel Wire, der anderen Hälfte HorsePower, die seit Jahren zurückgezogen auf einer Insel lebt, und dem skrupellosen Mafiosi Herman Ache zu tun.

Harlan Cobens neuer Thriller „Sein letzter Wille“ ist allerdings weniger ein Krimi (und dabei rede ich noch gar nicht von den in der Geschichte begangenen Straftaten), sondern mehr ein Familiendrama, in dem Myrons Eltern, sein lange verschwundener Bruder (Wurde er überhaupt schon einmal erwähnt?) und einige, eher kleinere Familiengeheimnisse im Zentrum stehen. Denn natürlich verschwand Brad damals nicht grundlos.

Es zeigt sich aber auch schmerzlich, dass ein älter werdender Myron Bolitar nicht mehr den Esprit der früheren Abenteuer hat. Denn Myron war immer ein Sonnyboy und solche Menschen werden nicht älter oder erwachsen.

Sie haben auch keine inneren Dämonen, die sie besiegen müssen. Und so schleicht sich bei „Sein letzter Wille“ das Gefühl ein, dass Myron und Win zwar älter werden, aber pubertär bleiben. Eine ungute Mischung.

Harlan Coben: Sein letzter Wille

(übersetzt von Gunnar Kwisinski)

Goldman, 2012

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Live Wire

Dutton, 2011

Hinweise

Homepage von Harlan Coben

Mein Gespräch mit Harlan Coben über Myron Bolitar und seine Arbeit

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein böser Traum“ (Just one look, 2004)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Kein Friede den Toten“ (The Innocent, 2005)

Meine Besprechung von Harlan Coben „Der Insider“ (Fade away, 1996)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Das Grab im Wald“ (The Woods, 2007)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Sie sehen dich“ (Hold tight, 2008)

Meine Kurzbesprechung der Harlan-Coben-Verfilmung „Kein Sterbenswort“ (F 2006)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „Von meinem Blut“ (Long Lost, 2009)

Meine Besprechung von Harlan Cobens „In seinen Händen“ (Caught, 2010)


Kurzkritik: Wolfgang Brenner: Alleingang

Juni 20, 2012

Mit „Alleingang“ legt Wolfgang Brenner, wieder einmal bei einem anderen Verlag, einen durchaus gelungenen Politthriller vor, in dem eine Soldatenbraut sich fragt, warum die deutsche Regierung ihren Mann für tot erklärt, während er mit ihr telefoniert, geheimnisvolle Andeutungen macht und er befürchtet, ermordet zu werden. Außerdem darf sie während der Trauerfeier seine Leiche nicht sehen. Er sei, so die offizielle Erklärung, bei dem Selbstmordanschlag in Kundus bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt worden.

Sie versucht nun herauszufinden, was mit ihrem Mann geschah, der auf seiner letzten Videobotschaft an sie gar nicht mehr nach dem korrekten, auf Äußerlichkeiten achtenden Vorbild-Soldaten aussah, und warum sie vom Militär belogen wird. Gleichzeitig will sie ihren neunjährigen Sohn beschützen. Denn wenn die seltsamen Warnungen ihres Mannes stimmen, schweben sie in Lebensgefahr.

Die Geschichte ist, wie bei Wolfgang Brenner nicht anders zu erwarten, gut entwickelt und auch gut erzählt.

Aber „Alleingang“ liest sich, mit seinen wenigen Schauplätzen (die Geschichte spielt hauptsächlich in dem Haus der Soldatenbraut in Koserow auf Usedom und einigen zum Militär gehörenden Büros in Berlin ) und dem überschaubarem Personal, wie die Romanfassung eines guten 20.15-Uhr-TV-Films. Nur das Ende dürfte heute im deutschen Fernsehen so nicht mehr akzeptiert werden.

Wolfgang Brenner: Alleingang

Gmeiner Verlag, 2012

288 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Lexikon deutschen Krimiautoren über Wolfgang Brenner

Krimi-Couch über Wolfgang Brenner

Meine Besprechung von Wolfgang Brenners „Bollinger und die Friseuse“ (2007)


Batman ist noch kaputter als die „Kaputte Stadt“

Juni 19, 2012

In der Batman-Geschichte „Kaputte Stadt“ machen Autor Brian Azzarello und Zeichner Eduardo Risso dort weiter, wo sie in der fantastische Noir-Serie „100 Bullets“ aufhörten. Düsterer sah Gotham City wahrscheinlich nie aus und unser Held Batman benimmt sich die meiste Zeit wie ein vigilantischer Rächer, der bedenkenlos foltert bis er die Antwort bekommt, die er von Anfang an hören wollte.

Er sucht den Mörder von Elizabeth, der jungen Schwester des halbseidenen Autohändlers Angel Lupos, deren Leiche auf einer Müllkippe gefunden wurde. Batman glaubt, dass Waylon „Killer Croc“ Jones das Mädchen in Lupos‘ Auftrag ermordete und auf seiner Jagd nach ihm nimmt er keine Rücksichten.

Als „Batman – Kaputte Stadt“ entstand, waren die USA nach 9/11 gerade mitten im Antiterrorkampf und die US-Regierung versuchte alles, um Folter als probate Verhörmethode zu legitimieren. Brian Azzarello und Eduardo Risso reflektieren diese Stimmung in ihrem düsteren Comic, der damals ein bitterböser tagespolitischer Kommentar über den „war on terror“ war und heute vor allem wegen der Zeichnung des Helden verstört. Denn Batman ist ein humorlosen Folterer, der anderen bedenkenlos Schmerzen zufügt, weil er sich im Recht sieht und sich die Beweise nach eigenem Gusto zurechtlegt. Genau wie damals die in Washington um Präsident George Bush jr. regierende Clique von Neokonservativen, die sich die Welt so zusammenbastelten, wie es ihnen gefiel.

Die Sympathien des Lesers für Batman sinken, bis zum Schluss, wenn Batman erkennt, dass das Motiv für seine Vendetta der Tod seiner Eltern war und er in Arkham, Gothams Anstalt für geisteskranke Schwerverbrecher, seinen alten Gegner, den Joker, trifft, auf den Gefrierpunkt.

Kaputte Stadt“ ist ein sarkastischer Blick in die US-Seele. Dieses Mal nicht im „100 Bullets“-, sondern im „Batman“-Kosmos.

Brian Azzarello (Autor)/Eduardo Risso (Zeichner): Batman – Kaputte Stadt

(übersetzt von Steve Kups)

Panini, 2012

148 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Broken City: Part 1 – 5, Conclusio (Batman # 620 – 625)

DC Comics, Dezember 2003 – Mai 2004

 

Hinweise

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “Jonny Double” (Jonny Double, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins “Loveless 1 – Blutrache” (Loveless: A Kin’ of Homecoming, 2006)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Marcello Frusins „Loveless 2 – Begraben in Blackwater“ (Loveless: Thicker than Blackwater, 2007)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs „Loveless 3 – Saat der Vergeltung” (Loveless: Blackwater Falls, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Danijel Zezeljs “Loveless 4 – Stunde der Abrechnung” (Loveless, Vol. 19 – 24, 2008)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos “100 Bullets 3 – Alle guten Dinge” (100 Bullets: Hang up on the Hang Low, 2001)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets 5 – Du sollst nicht töten“ (100 Bullets Vol. 5: The Counterfifth Detective, 2002)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets – Dekadent (Band 10)“ (100 Bullets: Decayed, Volume 68 – 75)

Meine Besprechung von Brian Azzarellos/Eduardo Rissos „!00 Bullets: Das Einmaleins der Macht (Band 11)“ (100 Bullets: Once upon a crime, Volume 76 – 83)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Das dreckige Dutzend (Band 12)“ (100 Bullets: Dirty, Volume 84 – 88)

Meine Besprechung von Brian Azzarello/Eduardo Rissos „100 Bullets: Freitag (Band 13)“ (100 Bullets: Wilt, 2009)

 


Viele Fragen, viele Antworten zur italienischen Mafia

Juni 15, 2012

Der Untertitel „100 Fragen – 100 Antworten“ ist Betrug.

Aber was kann man auch von einem Buch erwarten, dessen Titel „Die Mafia“ ist? Immerhin ist diese Vereinigung dafür bekannt, dass sie ihr Geld mit Verbrechen verdient.

Weil „Die Mafia: 100 Fragen – 100 Antworten“ aber nicht von der Mafia, sondern von dem Journalisten Attilio Bolzoni geschrieben wurde und dieser seit Jahren für „La Repubblica“ über die Mafia schreibt und mehrere Bücher über sie veröffentlichte, hat er gleich 105 Fragen beantwortet, die einen ziemlich umfassenden Überblick über die italienische Mafia geben.

Es geht um die Geschichte der Mafia, ihre Regeln, den Maxi-Prozess, die Antimafia, das Bild der Mafia in den Medien und um noch ungelöste Rätsel um die Mafia. Bolzoni beantwortet unter anderem die Fragen „Wie mordet die Cosa Nostra?“ („Wie es am zweckmäßigsten ist.“), „Welche Einstellung haben die Mafiosi zur Homosexualität?“ (Geht gar nicht.), „Sind die Mafiosi religiös?“ (Nun, irgendwie schon.), „Stimmt es, dass die Amerikaner dank der Mafia in Sizilien landen konnten?“ (Ein Märchen, aber…), „Wovor hat die Mafia wirklich Angst?“ („Ihren Reichtum zu verlieren.“), „Apropos Sciascia: War er ein Schriftsteller gegen die Mafia oder gegen die Antimafia?“, „Haben Fernsehserien wie La Piovra (Allein gegen die Mafia) mehr der Mafia oder mehr dem Ansehen Italiens geschadet?“ und „Ist Berlusconi ein Freund der Mafia?“.

Aufgrund der Frage-Antwort-Struktur ist „Die Mafia“, wie ein Lexikon, vor allem ein informatives Buch zum Blättern und Nachschlagen.

Attilio Bolzoni: Die Mafia: 100 Fragen – 100 Antworten

(übersetzt von Walter Kögler und Rita Seuß)

Klett-Cotta, 2012

216 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

FAQ (Frequently asked Questions) MAFIA

Bompiani, FAQ BOOKS, 2010

Hinweise

Die Mafia-Seite von Klett-Cotta

Wikipedia über die Mafia (deutsch, englisch)


Meine Besprechung von Robert B. Parkers Spenser-Roman „Bitteres Ende“ ist online

Juni 14, 2012

Natürlich habe ich Robert B. Parkers Spenser-Roman „Bitteres Ende“ (The Professional, 2009) gelesen, meine Gedanken dazu aufgeschrieben und jetzt ist die Besprechung bei Crime Chronicles für die Augen der Welt veröffentlicht worden. 

Robert B. Parker: Bitteres Ende

(übersetzt von Emanuel Bergmann)

Pendragon, 2012

224 Seiten

9,95 Euro

Hinweise

Homepage von Robert B. Parker

Mein Porträt der Spenser-Serie und von Robert B. Parker

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Die blonde Witwe“ (Widow’s walk, 2002)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Alte Wunden” (Back Story, 2003)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der stille Schüler“ (School Days, 2005)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Der gute Terrorist“ (Now & Then, 2007)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers “Hundert Dollar Baby” (Hundred Dollar Baby, 2006)

Meine Besprechung von Robert B. Parkers „Trügerisches Bild“ (Painted Ladies, 2010)

Mein Nachruf auf Robert B. Parker

Robert B. Parker in der Kriminalakte


Herr Juretzka, ist jetzt „Sense“ für „Platinblondes Dynamit“?

Juni 14, 2012

Die böswillige Interpretation von „Platinblondes Dynamit“ ist, dass Jörg Juretzka von seinem Verlag den Befehl bekam, seinen Helden Kristof Kryszinski einzumotten und, weil sich das besser verkauft, Krimis mit einer Heldin zu schreiben.

Die gutwillige Interpretation ist, dass Jörg Juretzka einfach seinen Spaß haben wollte und dafür in „Platinblondes Dynamit“ dem Affen mächtig Zucker gegeben hat.

Für diese Interpretation spricht, dass unlängst der zweite Kryszinski-Krimi „Sense“ neu aufgelegt wurde. Dieses Mal in der „metro“-Reihe des Unionsverlags. Und wenn es keine Leser für die chaotischen Ermittlungen des Ruhrpott-Privatdetektivs gäbe, würde auch kein Verlag einen zwölf Jahre alten Krimi neu auflegen.

Und das ist, um unseren Hauptstadt-Bürgermeister zu zitieren, auch gut so. Denn „Sense“ ist ein waschechter Kryszinski. Der Detektiv soll den Duisburger Spielautomaten-König Sascha ‚Pascha‘ Sentz finden. Er tut’s und, nachdem er schon während der Suche nach Sentz, tatkräftig unterstützt von seinem Kumpel Scuzzi (mehr Drogen als Verstand), ordentlich becherte, er Sentz nach einer Odyssee durch die Lokale und Spielsalons des Ruhrpotts zufällig an einer Theke (Wo sonst?) getroffen hat und sie gemeinsam weitersoffen, wacht Kryszinski am nächsten Tag, immer noch betrunken, in seiner Wohnung neben der Leiche von Sentz auf. Seine Lieblingskommissare Menden und Hufschmidt, die ihn wie die Pest hassen, halten ihn für den Mörder.

Also muss Kryszinski den wahren Mörder finden und er hat auch gleich einen Topverdächtigen, der sich für die Tat vor allem dadurch qualifiziert, dass er von Kryszinski viel Geld, das der ständig abgebrannte Privatermittler nicht hat, will.

Sense“ ist nach „Prickel“ der zweite Roman mit Kristof Kryszinski und der Humor, der die späteren Kryszinski-Romane zu einem Lesevergnügen macht, ist schon da. Aber das Plotting ist ärgerlich nachlässig. Denn letztendlich regelt, während unser Held von einem Fettnapf in den nächsten stolpert, Kommissar Zufall immer wieder alles. Den Rest übernehmen gewagte Annahmen des Helden, die vollkommen aus der Luft gegriffen sind und sich letztendlich, trotzdem, als irgendwie richtig entpuppen, aber sogar einen Edgar-Wallace-Film als Meisterwerk der Logik erscheinen lassen. In den neuesten Kryszinski-Fälle hat Jörg Juretzka sich, zum Glück, wesentlich mehr Gedanken über die Handlung gemacht.

In „Platinblondes Dynamit“ gibt er dem Affen Zucker. Denn wie eine Srewball-Comedy lebt dieser Krimi über den Groschenromanautor Folkmar Windell, der als Will B. Everhard die in den vierziger Jahren in New York spielenden Jack-Knife-Krimis schreibt und jetzt Jack Knife durch eine Heldin ersetzen soll, von seiner Geschwindigkeit.

Widerwillig und mit der Hilfe eines aus dem Internet gezogenen Schreibprogramms (das ihm ein Scuzzi-artiger Freund empfohlen hat) erfindet Windell mit Pussy Cat eine Heldin, die, nun, Jack Knife mit Titten ist.

Pussy Cat gelangt aus der Windells Romanwelt in das heutige Köln. Dort setzt sie ihre Mission, die Suche nach dem Roosveldt-Diamant, „ein Stein von solchem Feuer, dass er selbst im Schwarz-Weiß als rosa zu erkennen gewesen war“, fort und hinterlässt eine Spur der Verwüstung, die Jack Knife nicht besser hinbekommen hätte..

Ach ja, und wenn Windell Pussy Cat (die aus ihrer Sicht supersexy, aus Sicht der anderen nur der hässliche Windell mit nicht passender Perücke ist) nicht rechtzeitig findet, hat Hermine Inaway (so sein Pseudonym für den ersten Pussy-Cat-Roman) ein Problem an der Backe, das im Kleingedruckten des Programms versteckt war.

Und das sind nur die Verwicklungen auf den ersten Seiten von „Platinblondes Dynamit“, das seine Absurditäten und Unglaubwürdigkeiten durch hohes Tempo ausgleicht. In diesem Alptraum eines Schriftstellers, der auch einige schöne Querverbindungen zu Juretzkas Kristof-Kryszinski-Krimis hat, darf es keine Sekunde zum Nachdenken geben – und genau solange ist „Platinblondes Dynamit“ pures Dynamit.

Jörg Juretzka: Platinblondes Dynamit

Pendragon, 2012

272 Seiten

13,95 Euro

Jörg Juretzka: Sense

Unionsverlag, 2012

288 Seiten

9,95 Euro

Erstausgabe

Rotbuch Verlag, 2000

Hinweise

Krimi-Couch über Jörg Juretzka

Lexikon der deutschen Krimiautoren über Jörg Juretzka

Kaliber .38 interviewt Jörg Juretzka (2002)

Literaturschock interviewt Jörg Juretzka (2003)

Alligatorpapiere: Befragung von Jörg Juretzka (2004)

2010LAB interviewt Jörg Juretzka (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Bis zum Hals“ (2007)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Rotzig & Rotzig“ (2010)

Meine Besprechung von Jörg Juretzkas „Freakshow“ (2011)


Lesenswerter Sammelband über die „Öffentlichkeit im Wandel“

Juni 11, 2012

Dass die Öffentlichkeit sich durch das Internet wandelt, dürfte niemand bestreiten. Die Frage ist nur, wie die neue Öffentlichkeit aussieht. Die grünnahe Heinrich-Böll-Stiftung versucht in ihrem kostenlos erhältlichen Sammelband „Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus“ in 24 Texten darauf eine Antwort zu geben und wer sich schon länger für Netzpolitik interessiert, wird unter den Autoren und Interviewpartnern viele bekannte Namen, wie Stephan Weichert, Robin Meyer-Lucht, Peter Glaser, Geert Lovink, Markus Beckedahl, Christiane Schulzki-Haddouti, Matthias Spielkamp und Marcel Weiß entdecken.

Und natürlich gibt es in dem lesenswertem Buch nicht die eine Antwort, sondern es werden verschiedene Aspekte des Wandels beleuchtet. Aber insgesamt wird dieser Wandel, teils vielleicht zu optimistisch, begrüßt und die Chance für eine neue, politisch informierte Öffentlichkeit und einen neuen Journalismus gesehen.

Es gibt auch Aufsätze über mögliche Einnahmequellen im Netz. Denn bisher verdienen die Tageszeitungen im Netz noch kein Geld. Bislang haben sie viele Abonnenten für die gedruckten Ausgaben, die für entsprechend feste Einnahmen sorgen. Denn bis ein Abonnent sein Abo kündigt, muss einiges geschehen. Spielkamp erklärt, warum die Verlage im Netz nicht so schutzlos sind, wie sie immer wieder behaupten. Und Jeanne Collins berichtet von ihrem „Sommer auf der Content-Farm“.

Nachdem die meisten Aufsätze über die deutsche und die US-amerikanische Öffentlichkeit gehen, muten die letzten drei Aufsätze über den Wandel der Öffentlichkeit in Russland, Weißrussland und China etwas unpassend an. Aber sie zeigen, dass es immer wieder Wege gibt, sich gegen staatliche Propaganda zu wehren. Früher mit Flugblättern und den Gründungen von Zeitungen („taz“), später mit Radiosendern und CD-Roms und jetzt, wesentlich kostengünstiger und einem potentiell größerem Publikum, im Internet.

Heinrich-Böll-Stiftung (Herausgeber): Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus (Bildung + Kultur, Band 11)

Heinrich-Böll-Stiftung, 2012

156 Seiten

Hinweise

Heinrich-Böll-Stiftung: Seite zum Buch (mit mehreren Audiodateien), Diskussion „Qualitätsjournalismus:Neue Ansprüche und alte Werte“ und Download des Buches


„Jack Taylor liegt falsch“, aber die Leser von Ken Bruens Noir liegen goldrichtig

Juni 9, 2012

He is the world’s worst detective. Cases get solved not because of him but despite him.

Ken Bruen über Jack Taylor

In Irland gibt es keine Privatdetektive. Also erfindet Ken Bruen einen Privatdetektiv. Inzwischen gibt es auch in Galway Privatdetektive.

Hoffentlich arbeiten sie anders als der von Ken Bruen erfundene Jack Taylor.

Denn Jack Taylor ist nicht der normale Privatdetektiv, der sich Hals über Kopf in seine Fälle stürzt. Nein. Sogar der von Lawrence Block erfundene Privatdetektiv Matt Scudder wirkt gegen Jack Taylor wie ein blindwütiges Arbeitstier. Und der verbrachte einen guten Teil seiner ersten Aufträge als Detektiv im Alkoholrausch. Danach besuchte er in New York exzessiv Sitzungen der Anonymen Alkoholiker.

Taylor ist auch Alkoholiker. Oder irisch trinkfreudig.

Seit seinem Aufenthalt in London, der zwischen dem ersten und dem zweiten Jack-Taylor-Roman lag, ist er auch kokainsüchtig.

In „Jack Taylor liegt falsch“, dem zweiten Jack-Taylor-Romana, der den Macavity Award als Bester Roman erhielt und für den Anthony und Barry Award nominiert war, ist er wieder zurück in seiner alten Heimat Galway und er hat auch gleich zwei Fälle.

Jemand bringt die von allen geliebten, fast nationalheiligen Schwäne um und die Polizei kümmert sich nicht darum.

Aber die Schwan-Morde sind für Jack Taylor nur der kleinere Fall. Denn er soll herausfinden, wer mehrere Tinker (also irische Landfahrer, die dort ungefähr so beliebt sind, wie bei uns die Sinti und Roma) ermordete. Auch diese Morde interessieren die Polizei nicht.

Und Jack Taylors Ermittlungsmethoden sind definitiv nicht nach dem Lehrbuch für angehende Privatdetektive.

Dafür liest er etliche gute Bücher, die man locker in die eigene Lektüreliste aufnehmen sollte und wir erfahren einiges über den alltäglichen Rassismus in Irland.

Dieses Mal gefällt mir die Übersetzung von Harry Rowohlt besser als sein erster Versuch, Ken Bruen zu übersetzen. Obwohl mir Ken Bruens schnörkellose, harsch-poetische Prosa in den anderen Übersetzungen oder im Original immer noch besser gefällt. Denn da ist ein Junge ein „boy“ und kein „Bub“ und die Thin-Lizzie-Referenz augenfällig. Ein „career crash“ ist auch deutlicher als ein euphemistischer „Karriereknick“; – vor allem weil dieser Karriereknick für Jack Taylor bedeutet, dass die Polizei ihn vor die Tür setzte, nachdem er am Anfang von „Jack Taylor fliegt raus“, einem hohen Beamten im Dienst die Fresse polierte.

Im dritten Jack-Taylor-Roman „Jack Taylor fährt zur Hölle“ (The Magdalen Martyrs) gräbt Ken Bruen, der mit den Jack-Taylor-Romanen den Durchbruch hatte und mit Preisen überhäuft wurde, dann tief in der katholischen Geschichte des Landes. Auch in den späteren Jack-Taylor-Krimis gerät er mit der Kirche in Konflikt.

Seine volle Wirkung entfaltet der PI-Noir, wegen der vielen kurzen Rückblicke auf Ereignisse aus den vorherigen Romanen, wenn man vorher die ersten beiden Jack-Taylor-Romane „Jack Taylor fliegt raus“ und „Jack Taylor liegt falsch“ gelesen hat.

Hinweis: Die Verlosung von Ken Bruens „Jack Taylor liegt falsch“ endet morgen um Mitternacht.

Ken Bruen: Jack Taylor liegt falsch

(übersetzt von Harry Rowohlt)

dtv, 2012

240 Seiten

8,95 Euro

Deutsche Erstausgabe

Atrium Verlag, 2010

Originalausgabe

The Killing of the Tinkers

Brandon, 2002

Hinweise

Homepage von Ken Bruen

Meine Besprechung von Ken Bruens Jack-Taylor-Privatdetektivromanen

Meine Besprechung von Ken Bruens „Jack Taylor fliegt raus“ (The Guards, 2001)

Meine Besprechung von Ken Bruens „Sanctuary“ (2008)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Flop“ (Bust, 2006)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Crack“ (Slide, 2007)

Meine Besprechung von Ken Bruen/Jason Starrs „Attica“ (The MAX, 2008)

Mein Porträt von Ken Bruen und Jason Starr in „Alligatorpapiere [Print] – Magazin für Kriminalliteratur – No. 2/2010“

Meine Besprechung von William Monahans Ken-Bruen-Verfilmung “London Boulevard” (London Boulevard, USA/GB 2010)

Ken Bruen in der Kriminalakte


Kurzkritik: Adrian McKinty: Ein letzter Job

Juni 8, 2012

Dass es bei diesem Job ein Problem geben wird, ist Killian von der ersten Sekunde an klar. Denn warum sollte der Millionär Richard Coulter so versessen darauf sein, seine Ex-Frau, die mit seinen beiden Kindern verschwunden ist, zu finden. Vor allem, weil sie schon vor einigen Wochen verschwunden ist. Und warum hat die Ex den goldenen Käfig, der mit Coulters Unterhaltszahlungen üppig ausgestattet war, verlassen? Aber Killian schiebt die Bedenken beiseite. Immerhin kommt der Job, über einige Ecken, von Michael Forsythe (den wir aus Adrian McKintys früheren Romanen „Der sichere Tod“, „Der schnelle Tod“ und „Todestag“ kennen) und als Bezahlung winkt eine halbe Million Pfund; Geld das Killian gut für den Start ins bürgerliche Leben gebrauchen kann.

In Irland macht er sich auf die Suche nach Rachel. Er nimmt auch schnell die Fährte der Junkie-Braut, die von einem Versteck zum nächsten flüchtet, auf. Dabei bemerkt Killian, dass er von einem Mann verfolgt wird, der skrupellos über Leichen geht. Dieser Killer wurde ebenfalls von Coulter engagiert.

Ein letzter Job“ ist ein schnörkelloser Hardboiled-Gangsterroman mit satten Impressionen vom irischen Hinterland, inclusive einem Besuch bei den Tinkern. Das erfreut das Herz des Genrejunkies, der auch dankbar die kleinen Abweichungen aufnimmt.

Killian ist dabei, wie wir schon bei der ersten Begegnung mit ihm erfahren, ein guter Verhandler, der seine Ziele vor allem mit Worten erreichen will. Auch wenn er fähig ist, Gewalt anzuwenden.

Nur am Ende hätte ich gerne noch einen weiteren Satz gehabt. So kommt es für meinen Geschmack etwas zu abrupt.

Davon abgesehen ist das Einzelwerk ein verdammt guter Einstieg in die düstere Welt von Adrian McKinty.

Adrian McKinty: Ein letzter Job

(übersetzt von Peter Torberg)

Suhrkamp Nova, 2012

400 Seiten

14,99 Euro

Originalausgabe

Falling Glass

Serpent’s Tail, 2011

Hinweise

Blog von Adrian McKinty

Wikipedia über Adrian McKinty

Krimi-Couch über Adrian McKinty

 


Spero Lucas wickelt in George Pelecanos‘ „Ein schmutziges Geschäft“ ab

Juni 6, 2012

Spero Lucas ist ein Kriegsveteran, der jetzt in Washington, D. C., seine Brötchen als Ermittler für den Anwalt Tom Petersen und als Wiederbeschaffer verdient. Er verlangt, wenn er erfolgreich ist, vierzig Prozent des Wertes des verlorenen Gegenstandes. Ältere Krimifans dürften sich an John D. MacDonalds Wiederbeschaffungsexperten Travis McGee erinnern.

Jetzt übernimmt Lucas für den im Gefängnis sitzenden Drogenhändler Anwan Hawkins den Auftrag, zwei verschwundene Dreißig-Pfund-Drogenpakete zu finden. Sie wurden, im Abstand von drei Wochen, von einem Paketboten vor einer Haustür abgelegt und geklaut, bevor die Hawkins‘ unterstehenden, etwa zwanzigjährigen Drogenkuriere Tavon Lynch und Edwin Davis sie sich nehmen konnten.

Kurz darauf verschwindet ein drittes Paket, Lynch und Davis werden erschossen und ein filmbegeisterter Schuljunge hat gesehen, dass die beiden Drogenkuriere einem Polizisten das Paket gegeben haben. Auch die Spur in dem Doppelmord führt Lucas zur Polizei.

Mit „Ein schmutziges Geschäft“ will George Pelecanos, der Chronist Washingtons abseits der großen Politik, eine neue Serie beginnen und im ersten Band werden Pelecanos-Fans viele bekannten Themen und Elemente erkennen. Die ausführlichen Schilderungen des Lebens der kleinen Leute, der Fokus auf Probleme im heutigen Amerika (wobei Pelecanos, wie Bruce Springsteen in seinen Liedern, in seinen in verschiedenen Jahrzehnten spielenden Romanen auch eine Geschichte des Verfalls von Werten und dem Verlust des amerikanischen Traums erzählt), der sozialarbeiterische Touch, die Frage, wie die verschiedenen Ethnien miteinander umgehen, die Bedeutung der Populärkultur für seine Charaktere, die Nennungen von Liedern, Filmen, Büchern und Autoren, die Frage nach der Verantwortung des Individuums für seine Familie, vor allem die Beziehungen zwischen Vätern und Söhnen, die Frage, wie man mit den Folgen seiner Entscheidungen umgeht und sein Leben gestaltet, wie man anständig bleibt in einer Welt, in der die eigenen moralischen Werte mit den Umständen kollidieren. Und, selbstverständlich, die Darstellung des Verbrechens als integralen Teil des Lebens in einer multiethischen Großstadt, die vor zwanzig Jahren auch die Mordhauptstadt der USA genannt wurde und in der 2011 immer noch über hundert Morde verübt wurden.

So versucht der ebenfalls filmbegeisterte Spero Lucas dem Schuljungen zu helfen, obwohl er selbst keine Ahnung hat, was er aus seinem Leben machen soll. Er findet die Drogenkuriere und seinen Auftraggeber, einen Drogenhändler der als Vater eines fast erwachsenen Sohnes aus dem Geschäft aussteigen will, durchaus sympathisch. Und der korrupte Polizist wurde wegen seines Vaters korrupt. Am Ende mündet alles, ohne dass sich wirklich etwas ändert, in einem Western-Showdown.

Das ist Pelecanos pur.

Ebenso steht in Pelecanos, der auch für die TV-Serien „The Wire“ und „Treme“ schrieb, fein konstruierter Geschichte „Ein schmutziges Geschäft“ nicht der nach den Thriller-Bestseller-Regeln formulierte überraschende Plot à la Jeffery Deaver oder Harlan Coben, sondern die Beschreibung des Alltags der Charaktere, die sich wie abgelauscht zu lesenden Gespräche und die sich daraus ergebenden Verwicklungen im Zentrum. Das erinnert dann eher an Elmore Leonard und Leonards Klassiker „Nr. 89 unbekannt“ (Unknown Man No. 89, 1977) wird von Pelecanocs auch mehrmals erwähnt.

Nachdem Pelecanos seine vorherigen Romanen immer durchgehend mulitperspektivisch erzählte, beschränkt er sich in „Ein schmutziges Geschäft“, bis auf wenige Szene, auf Spero Lucas‘ Perspektive; – fast wie in seinen frühen Romanen, den in der ersten Person erzählten, nicht übersetzten Nick-Stefanos-Privatdetektivromanen,

So ist „Ein schmutziges Geschäft“ auch eine Rückkehr zu einem einfacheren Erzählen mit weniger offensichtlich autobiographischen Elementen. Denn während in „Kein Weg zurück“ (The Way Home, 2009), „The Turnaround“ (2008) und „Der Totengarten“ (The Night Gardener, 2006) die Probleme von liebevollen Eltern und ihren pubertierenden Kindern, immerhin ist Pelecanos dreifacher Vater, stark im Vordergrund standen, ist der 29-jährige Spero Lucas noch ein Drifter ohne feste Beziehungen, aber mit Freunden und Bekannten, für die er freiwillig Verantwortung übernimmt. Fast wie die klassischen Privatdetektive.

George Pelecanos: Ein schmutziges Geschäft

(übersetzt von Jochen Schwarzer)

rororo Taschenbuch, 2012

384 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

The Cut

Regan Arthur Books/Little, Brown and Company, 2011

Hinweise

Homepage von George Pelecanos

Meine Besprechung von George Pelecanos’ “Wut im Bauch” (Hell to pay, 2002)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Drama City“ (2005)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „Der Totengarten“ (The night gardener, 2006)

Meine Besprechung von George Pelecanos’ „The Turnaround“ (2008)

Meine Besprechung von George Pelecanos‘ „Kein Weg zurück“ (The way home, 2009)

George Pelecanos in der Kriminalakte

Und nun redet der Autor über sein schmutziges Geschäft

 


Kurzkritik: Massimo Carlotto/Mama Sabot „Tödlicher Staub“

Mai 30, 2012

Massimo Carlotto hat wieder zugeschlagen und nicht nur die angenehme Länge von 160 Seiten erinnert an die guten alten Tage, als man einen Kriminalroman locker an einem Abend lesen konnte. Es ist auch, erzählt im wunderbar lakonischen Hardboiled-Stil, die Verbindung aus gerechter Empörung über die schmutzigen Geschäfte der Mächtigen und den honorigen, aber von Anfang an zum Scheitern verurteilten Versuchen der Machtlosen, etwas dagegen zu tun, das an Jean-Patrick Manchette und die bei uns unbekannteren Vertreter des Neo-Polar erinnert. Aber auch, schließlich ist Carlotto Italiener, an die knappen Romane von Leonardo Sciascia, die gut recherchierte Gesellschaftsporträts und Anklagen gegen die Verbindung von Mafia und Staat sind. Und natürlich erinnert „Tödlicher Staub“ an die grandiosen italienischen und französischen Polit-Thriller und Gangsterfilme aus den sechziger und siebziger Jahren.

Auch Carlotto recherchierte für seinen neuen Roman „Tödlicher Staub“ ausführlich über Uranmunition, die beim Verschießen entstehenden Nanopartikel und das militärische Sperrgebiet Salto di Quirra – Capo San Lorenzo. Dabei half ihm das neunköpfige sardische Journalistenkollektiv Mama Sabot.

In der Nähe des Sperrgebiets Salto di Quirra sammelt die junge Tierärztin Nina Tola die Kadaver von verunstalteten Schafen und Ziegen ein. Sie will herausfinden, wie die im Sperrgebiet verschossene Uranmunition wirkt.

Zur gleichen Zeit wird der untergetauchte Deserteur Pierre Nazzari von zwei Polizisten erpresst. Er soll bei ihr einbrechen und sich, als Barkeeper, mit ihr befreunden. Er tut beides – und beginnt ihr, nachdem sie gemeinsam ermordet werden sollten, zu helfen.

Tödlicher Staub“ ist ein herrlich verschachtelter, noirischer Polit-Thriller, in dem jeder nur versucht, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Dummerweise hat niemand von ihnen mit den Faktoren Dummheit, Gier und Zufall gerechnet. Und wenn dann, in der zweiten Hälfte des Krimis, die verschiedenen Parteien sich gegenseitig erpressen, belügen und betrügen, wird es teilweise etwas unübersichtlich. Aber so ist das Leben.

Tödlicher Staub“ ist ein feiner Krimi.

Massimo Carlotto/Mama Sabot: Tödlicher Staub

(übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel)

Tropen, 2012

160 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Perdas de fogu

Edizioni E/O, 2008

Hinweise

Homepage von Massimo Carlotto

Krimi-Couch über Massimo Carlotto

Wikipedia über Massimo Carlotto

Meine Besprechung von Massimo Carlottos „Der Flüchtling“ (Il Fuggiasco, 1994)


Dennis Lehanes „Shutter Island“ in Christian De Metters grandioser Comic-Version

Mai 27, 2012

Inzwischen müsste die Geschichte von „Shutter Island“ bekannt sein. Immerhin wurde Dennis Lehanes fantastischer Kriminalroman von Martin Scorsese mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle verfilmt. Der Kassenhit erntete 2010 von den Kritikern Lobeshymnen. Ich empfand ihn als ziemlich langweilig und frage mich immer noch, warum sie den Trailer so schneiden mussten, dass die Lösung offensichtlich ist. Aber das ist Hollywood-Marketing.

Schon bevor Martin Scorsese sich mit Lehanes Geschichte beschäftigte, schrieb und zeichnete der Franzose Christian De Metter eine Graphic Novel, die dem Roman genau folgt und oft wie das Storyboard für die Verfilmung wirkt.

Auf der titelgebenden Insel Shutter Island leitet Dr. Jeremiah Naehring, der bereits für die Nazis Menschenversuche machte, 1954 eine Irrenanstalt, in der besonders gefährliche, geisteskranke Verbrecher eingesperrt werden. Die US Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule sollen dort die spurlos verschwundene Insassin Rachel Solando suchen. Als sich ein Sturm der Insel nähert, müssen Daniels und Aule länger als geplant auf der Insel bleiben.

Daniels verfolgt allerdings auch noch zwei geheime Missionen. Er will herausfinden, was mit Andrew Laeddis, dem Mann, der seine Frau umbrachte, geschah und er glaubt, dass Dr. Naehring und Dr. Cawley, der als leitender Arzt ihr Ansprechpartner ist und bereits für mehrere Geheimdienste arbeitete, im Auftrag der Regierung geheime Versuche mit Menschen machen. Deshalb will er auch wissen, was mit dem Patienten Nummer 67, der in den Akten der Anstalt nicht auftaucht, geschah.

Als Dennis Lehane vor zehn Jahren „Shutter Island“ schrieb, war er bei Krimifans als Autor der Patrick-Kenzie/Angela-Gennaro-Privatdetektivkrimis bereits ein bekannter Name und mit seinem ersten Einzelwerk „Mystic River“ festigte er seinen Ruf als exzellenter Krimiautor. Er hätte also locker ein zweites „Mystic River“ schreiben können. Aber er machte eine Kehrtwende und schrieb einen leicht pulpigen, in den fünfziger Jahren spielenden Thriller, der unbekümmert Verschwörungstheorien mit Fünfziger-Jahre-Paranoia und Horroratmosphäre mischt und einen wirklich überraschenden Schluss hat.

Christian De Metter folgte Lehanes Geschichte genau bis zur überraschenden Pointe; – jedenfalls wenn man noch nicht den Roman gelesen oder die Verfilmung gesehen hat. Beim Lesen seiner fast vollständig in Schwarz-Weiß-Zeichnungen gehaltenen Graphic Novel fällt auf, wie präzise Lehane falsche Spuren legte und, wenn man sie richtig deutete, Hinweise auf die Lösung gab. In der Verfilmung wird dagegen mit dem Holzhammer gearbeitet.

Insofern lohnt sich De Metters Version von „Shutter Island“ für die Lehane-Fans als werktreue, aber auch eigenständige Interpretation des Romans. Und wer zuerst den Comic gelesen hat, sollte trotzdem auch den Roman lesen.

Christian De Metter/Dennis Lehane: Shutter Island

(übersetzt von Resel Rebiersch)

Schreiber und Leser, 2010

128 Seiten

17,80 Euro

Originalausgabe

Shutter Island

Casterman/Payot & Rivages, 2008

Vorlage

Dennis Lehane: Shutter Island

William Morrow, 2003

Deutsche Ausgabe unter dem gleichen Titel.

Hinweise

Wikipedia über Christian De Metter (englisch, französisch)

Homepage von Dennis Lehane

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Coronado“ (Coronado, 2006)

Meine Besprechung von Dennis Lehanes „Moonlight Mile“ (Moonlight Mile, 2010)

Meine Besprechung der Dennis-Lehane-Verfilmung „Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel“ (Gone Baby Gone, USA 2007)

Dennis Lehane in der Kriminalakte


„Hardcore Angel“ Angel Dare ist „Die Rachegöttin“

Mai 25, 2012

Als Angel Dare in Christa Fausts tollem Pulp-Krimi „Hardcore Angel“ ihren ersten Auftritt hatte, war sie sicher eine der ungewöhnlichsten Krimi-Heldinnen: denn sie verdiente ihr Geld als Pornostar und Inhaberin einer Agentur, die jüngere Frauen für Pornodrehs vermittelte. In dem Krimi legte sie sich mit einer Bande Menschenschmuggler an.

Am Ende von „Hardcore Angel“ hat sie bei ihnen blutig aufgeräumt und erhält im Zeugenschutzprogramm eine neue Identität.

Am Anfang von „Die Rachegöttin“ kellnert sie in einem Diner in der Nähe von Yuma, Arizona, und versucht an eine neue Identität, von der die Regierung, die sie auch im Zeugenschutzprogramm nicht vor ihren Verfolgern schützen konnte, nichts weiß, zu kommen. Da betritt Thick Vic Ventura das Restaurant. Er ist ihre alte Liebe aus den glücklichen Tagen als Pornodarstellerin und der Vater von Cody, einem jungen Mann, der unsterblich in Angel verliebt ist und unbedingt in der Realityshow „All American Fighter“ auftreten will.

Während sie noch überlegt, was diese Begegnung für ihr Leben bedeutet, betreten drei Mexikaner das Lokal und erschießen Thick Vic hinterrücks. Während des blutigen Schusswechsels kann Angel mit Cody flüchten.

Aber die Mexikaner verfolgen sie und Angel weiß nicht warum. Denn natürlich haben die Verbrecher aus „Hardcore Angel“ noch eine Rechnung mit ihr offen und Cody hat es sich mächtig mit einem lokalen Gangsterboss verscherzt.

Die Rachegöttin“ hat natürlich nicht mehr das Überraschungspotential von „Hardcore Angel“. Denn ein Krimi, der im Pornomilieu spielt und dies nicht moralinsauer für Belehrungen über unterdrückte Frauen, sondern für eine zünftige (Saftige? Spritzige?) Geschichte mit einer selbstbewussten Heldin, der ihre Arbeit und Sex Spaß macht, benutzt, ist schon etwas besonderes. Entsprechend euphorisch wurde ihr schnörkellos geschriebener Roman in der Krimiszene abgefeiert.

In dem zweiten Angel-Dare-Abenteuer wiederholt Christa Faust aber nicht einfach die Erfolgsformel von „Hardcore Angel“. Das Pornofilmmilieu spielt erst gegen Ende des Romans, wenn Angel, Cody und sein Trainer Hank „The Hammer“ Hammond in Las Vegas sind, eine, eher austauschbare, Rolle. Bis dahin geht es durch das amerikanische Hinterland und über die Grenze nach Mexiko. Es geht um Drogenschmuggel und schmutzige Geschäfte im Kampfsport. Das ist für Hardboiled-Fans dann doch eher vertrautes Terrain.

Das ändert aber nichts daran, dass „Die Rachegöttin“ ein flott zu lesendes, pulpiges Roadmovie mit einer ordentlichen Portion Sex (eher wenig) und Gewalt (mehr) ist.

Christa Faust: Die Rachegöttin

(übersetzt von Gerold Hens)

Rotbuch Verlag, 2012

224 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Choke Hold

Hard Case Crime, 2011

Hinweise

Homepage von Christa Faust

Meine Besprechung von Christa Fausts „Hardcore Angel“ (Money Shot, 2008)

Meine Besprechung von Christa Fausts „Control Freak“ (Control Freak, 1998)

Kriminalakte über Christa Faust


Von Superhelden, Polizisten und einer Revolutionärin: „Powers“ und „Scarlet“

Mai 14, 2012

Obwohl Autor Brian Michael Bendis und Zeichner Michael Avon Oeming bereits vor über zehn Jahren mit „Wer ermordete Retro Girl?“ die erste längere Geschichte aus der „Powers“-Welt vorlegten und dafür den Eisner Award als Beste Neue Serie erhielten, wirkt sie erstaunlich aktuell. Denn zwischen all den anderen neuen Comics, Verfilmungen und TV-Serien, in denen Superhelden ein Teil des alltäglichen Lebens sind und sie sich an mehr oder weniger viele Regeln halten müssen, fällt diese Hardboiled-Geschichte, die in einer Welt, in der es Superhelden gibt, nicht weiter auf.

In einer Großstadt muss Detective Christian Walker den Mord an Retro Girl, einer enorm beliebten Superheldin aufklären. Aber Walker hat auch seine Geheimnisse und er ist ein echter Hardboiled-Cop.

Diese Mischung aus Noir, Hardboiled und Superhelden-Comic ist durchaus ansprechend. Aber die Marotte, die Bendis damals wahrscheinlich für cool hielt, in die Dialoge immer wieder Wiederholungen einzubauen, ist arg störend. Damals sagte Bendis, dass er den Stil von David Mamet, Richard Price und Aaron Sorkin bewundere. Trotzdem wäre hier etwas weniger Mamet-Kopie und mehr Hardboiled-Lakonie gut gewesen.

Neben der Geschichte „Wer ermordete Retro Girl?“ gibt es in dem ersten „Powers“-Sammelband auch eine satte Portion Bonusmaterial: die „Powers“-Strips, die vor dem ersten „Powers“-Heft in den „Comic Shop News“ erschienen, eine Cover-Galerie mit den Original- und verworfenen Titelbildern, das Sketchbook und es wird enthüllt, welche Zeichner die vielen neuen Superhelden für die Superhelden-Befragungen von Walker während seiner Ermittlungen in dem Comic „Wer ermordete Retro Girl?“ entwarfen. Auch Ed Brubaker steuerte einen Schurken bei.

Zehn Jahre später, erfand Brian Michael Bendis, zusammen mit Zeichner Alex Maleev, mit „Scarlett“ eine Serie, die mit „Kinder der Revolution“, einer Sammlung der ersten fünf „Scarlett“-Hefte (mehr gibt es bislang noch nicht), einen vielversprechenden Start hinlegt.

Scarlett Rue ist in Portland, Oregon, in einem leicht in die Zukunft verlegten Polizeistaat eine junge Punkerin. Ihr Freund Gabriel wird von einem Polizisten ermordet und anschließend für die Öffentlichkeit zum gefährlichen Drogenhändler gemacht. Gabriels Mörder wird vor Gericht freigesprochen.

Sie beschließt, sich zu rächen. Ihre erste Taten machen sie schnell zur Volksheldin gegen das repressive Regime. Sie wird zur Anführerin einer Revolution.

Während bei „Powers“ die sich in repetitiven Passagen ergehenden Dialoge immer wieder störten, auch weil der Held so pseudocool und eher blöd wirkte, verzichtet Bendis in „Scarlett“, zum Glück, auf dieses Stilmittel. Und dass Scarlett öfters die Leser direkt anspricht, stört nicht, sondern bereichert die Geschichte um eine zusätzliche Dimension.

Politisch ist „Scarlett“ weitgehend eine Revolutionssaga für die Globalisierungskritiker und die Occupy-Bewegung; – wenn sie denn endlich ihren Stuhlkreis verlassen und wirklich die Machtfrage stellen würde.

Bis dahin, in den Worten der rothaarigen Heldin: „Ich bin Scarlett. Und falls diese Welt bis auf die Grundfesten niederbrennen muss, bevor diese ganzen Arschlöcher lernen, sich nicht mehr wie Arschlöcher aufzuführen, dann funktioniert das genau so.“

Brian Michael Bendis (Autor)/Michael Avon Oeming (Zeichner): Powers: Wer ermordete Retro Girl? (Band 1)

(übersetzt von Joachim Körber)

Panini, 2012

196 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

Powers: Who killed Retro Girl?

Jinxworld, 2000/2012

Brian Michael Bendis (Autor)/Alex Maleev (Zeichner): Scarlet: Kinder der Revolution (Band 1)

(übersetzt von Andreas Kasprzak)

Panini, 2011

164 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Scarlet 1 – 5

Jinxworld, Juli 2010 – März 2011

Hinweise

Wikipedia über Brian Michael Bendis

Jinxworld/Homepage von Brian Michael Bendis


Wie war das „Filmjahr 2011“?

Mai 12, 2012

Eine eindeutige Antwort darauf gibt das von der Filmzeitschrift „Film-Dienst“ herausgegebene „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2011“ nicht. Immerhin hat die Redaktion sich, wie in den vorherigen Jahren, dazu entschlossen „Die besten Kinofilme des Jahres 2011“ zu nennen. Es sind „Another Year“ von Mike Leigh, „Black Swan“ von Darren Aronofsky, „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg, „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, „Janet Eyre“ von Cary Joji Fukunaga, „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ von Alex de la Iglesia, „Meek’s Cutoff“ von Kelly Reichardt, „Melancholia“ von Lars von Trier“, „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Asghar Farhadi, „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler, „The Tree of Life“ von Terence Malick und „Unter Dir die Stadt“ von Christoph Hochhäusler.

Außerdem sind, wie in den vorherigen Ausgaben, alle Filme (wozu auch extrem viele Dokumentarfillme gehören), die 2011 in deutschen Kinos, im Fernsehen und auf DVD/Blu-ray erstmals gezeigt wurden, alphabetisch aufgelistet und kritisch kommentiert. Besonders gelungene DVD- und Blu-ray-Ausgaben, auch von älteren Filmen, werden vorgestellt. Es gibt Listen mit den Preisträgern von verschiedenen Festivals, einen Rückblick auf das Kinojahr 2011 und einen thematischen Teil, der dieses Jahr die etwas seltsame Diskussion des Verbands der deutschen Filmkritik zur Qualität der Berlinale und die „Kinderfilm-Aktion 2012“ dokumentiert. Gerade letztere gibt einen guten Überblick über den derzeitigen Stand des deutschen Kinder- und Jugendfilms, der zwar, auch dank üppiger Werbeetats, mit „“Konferenz der Tiere“, „Hanni & Nanni“, „Wickie und die starken Männer“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Das Sams“ kommerziell erfolgreich, aber wenig über die heutige Gesellschaft und die Situation von Jugendlichen verraten. Denn Originalstoffe, wie früher mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Yasemin“ (beide von Hark Bohm) oder „Flussfahrt mit Huhn“ und „Der Sommer des Falken“ (beide von Arend Agthe, der für dieses Buch auch interviewt wurde), die etwas über die Gegenwart aussagen und ihr Publikum fanden, gibt es nicht.

Und das Fernsehen produziert Märchenfilme. Denn da stimmt die Quote.

Das gesamte Elend des öffentlich-rechtlichen Denkens fasst ZDF-Redakteurin Dagmar Ungureit zusammen: „Das ZDF sieht sich zuallererst in der Verantwortung des Zuschauers. Leider haben wir oft die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir originären Stoffe im Programm haben, nicht viele Zuschauer bekommen, wenn wir diese spielen, und auch die Erfahrung beim KI.KA ist leider, dass die Zuschauer weniger einschalten als bei bekannten Titeln. Wenn ein größeres Publikum zahlreich dabei wäre, wären wir die letzten, die diese Titel nicht zahlreicher mitproduzieren würden. Da wir den Zuschauern Geschichten zeigen möchten, die sie auch sehen wollen, sind wir irgendwann dazu übergegangen, verstärkt Marken und Klassiker zu adaptieren, Titel, die beim Zuschauer etwas auslösen.“

Nun, so kann man auch zu einer kulturellen Verödung beitragen. Denn eigentlich sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das nicht auf Werbeeinnahmen, sondern auf eine Akzeptanz beim Publikum (was nicht gleichbedeutend mit Quote ist) angewiesen ist, kulturell wertvolle Filme machen, die auch Fragen behandeln, die Kinder und Jugendliche heute beschäftigen und auch von Erwachsenen ohne Brechreiz und mit gutem Gewissen angesehen werden können.

Film-Dienst (Herausgeber): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2011

Schüren, 2012

592 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Homepage des Verbandes der deutschen Filmkritik

Meine Besprechung vom „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010“


Sandro Gaycken schreibt über den „Cyberwar“

Mai 9, 2012

Sandro Gayckens „Cyberwar – Das Wettrüsten hat längst begonnen“ hinterlässt einen seltsam zwiespältigen Eindruck. Denn Gaycken, Technik- und Sicherheitsforscher an der Freien Universität Berlin, versucht zuerst zu beruhigen. Es gibt zwar Viren, Trojaner und unzählige Angriffe im Internet, es gibt das öffentlichkeitswirksame Lahmlegen von Homepages und Servern, aber das ist nicht wirklich bedrohlich. Jedenfalls nicht so bedrohlich, wie es in der Öffentlichkeit oft gezeichnet wird und worauf sich die Abwehrbestrebungen der Bundesregierung richten. Es ist eher lästig, wenn Hacker ihre Texte auf die Homepage einer Partei oder Regierung stellen oder wenn sie einen Mailserver lahmlegen.

Es gibt auch die Industriespionage, die besonders für die betroffenen Firmen wirklich bedrohlich, teilweise sogar existenzbedrohend, ist. Gaycken beschreibt anschaulich, wie Angreifer über das Netz an Informationen herankommen. Weil er allerdings die klassische Spionage nur nebenbei erwähnt, entsteht der Eindruck, dass es sich hier um eine neue Bedrohung handelt. Was natürlich Quatsch ist. Nur die Informationsbeschaffung ist – teilweise – leichter geworden.

Die große Gefahr für unsere Gesellschaft, so Gaycken, gehe allerdings nicht von Hackern oder Spionen, sondern von Militärs aus. Von Terroristen weniger, weil diese mit traditionellen Mitteln, wie Bombenattentaten, immer noch und leichter eine große mediale Wirkung entfalten könnten. Für Terroristen sei der Aufbau einer Cyberwar-Einheit, die teilweise über mehrere Jahre arbeiten müsste, zu kostspielig. Für Militärs ist so eine Einheit, verglichen mit den Kosten für Flugzeuge, Panzer und Schlachtschiffe, ein Schnäppchen. Diese Cyberwar-Einheiten könnten natürlich auch die klassische Propaganda und Desinformation, die zu jedem Krieg dazu gehört, erledigen. Dann allerdings nicht mehr mit Flugblättern, sondern mit YouTube-Videos und Twitter. Sie könnten auch die Infrastruktur ausspionieren und lahmlegen. Sie könnten, wie wir es aus zahlreichen Filmen und Thrillern kennen, Atomkraftwerke, Staudämme, das Stromnetz und die Verkehrssteuerung übernehmen. Das klingt jetzt wirklich bedrohlich – und Gaycken wird in „Cyberwar“ nicht müde, zu betonen, dass Militärs daran arbeiten und dass wir uns darauf konzentrieren sollten, solche Angriffe abzuwehren. Denn wenn wir für solche Angriffe gerüstet seien, hätten wir auch, nebenbei, die anderen, technisch wesentlich primitiveren Angriffe abgewehrt.

Klingt gut?

Aber dann erklärt Gaycken auch, wie schwer es ist, über Fernsteuerung, unsere Kraftwerke lahmzulegen. Sie haben verschiedene Computerprogramme. Sie müssten deshalb einzeln infiltriert werden. Es müssten in jedem System, weil der Angreifer nicht gleich bombardiert werden möchte, spezielle falsche Spuren gelegt werden.

Kurz gesagt: es wäre so mühsam, dass ein militärischer Angreifer letztendlich wahrscheinlich doch darauf verzichten und einen klassischen Angriff fahren würde.

Und ich stellt mir bei diesen Ausführungen immer mehr die Frage, warum eine Armee so umständlich angreifen sollte. Was würde sie mit einem Angriff auf die Infrastruktur erreichen wollen? Welche Ziele könnte sie so besser als mit der klassischen Desinformation oder einem traditionellem Angriff erreichen? Mir fiel keine überzeugende Antwort ein.

Das ändert aber nichts an der Sinnhaftigkeit seiner Forderung das Denken über Computer-Sicherheit komplett zu ändern: „Eine gute Cyberdefensive fokussiert sich vor allem auf den Selbstschutz der bei einem Angriff am wahrscheinlichsten betroffenen Systeme. Sie versucht nicht, irgendwelche Verteidiger oder Sensoren, Frühwarnsysteme oder Krisenmanagement-Teams in Zentren zusammenzuziehen, die dann von dort aus Probleme an vollkommen anderen, weite entfernten Systemen lösen sollen. (…) In allen Bereichen, die von kritischen Angreifern bedroht sein könnten (andere Systeme muss man auch nicht verteidigen), muss die vorhandene hochkomplexe und grundlegend unsichere IT entfernt und eine neue, anders konzipierte IT eingebaut werden. Sie muss schlanker, transparenter, kontrollierbarer, fehlerfrei sein.“

Sandro Gaycken: Cyberwar – Das Wettrüsten hat längst begonnen

Goldmann, 2012

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Universitätsseite von Sandro Gaycken


Eine Hitzewelle mit NYPD-Detective Nikki Heat

Mai 4, 2012

Seit Jahren dürfen wir in der TV-Serie „Castle“ den Krimi-Bestsellerautor Richard Castle bei seinen Recherchen für seine Nikki-Heat-Romane begleiten. Das Vorbild für Nikki Heat ist die New Yorker Polizistin Kate Beckett, die er bei einem Mordfall kennen lernte. Der Herzensbrecher war sofort von der taffen Polizistin fasziniert und, nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister, durfte er sie und ihr Team bei ihren Ermittlungen begleiten.

Der erste Nikki-Heat-Thriller „Heat Wave“ war in den USA auch ein großer Erfolg, stand mehrere Wochen auf der „New York Times“-Bestsellerliste und liegt jetzt endlich auf Deutsch vor. Dabei ist Richard Castle, wie die Zuschauer von „Castle“ wissen, bei seinen Schriftstellerkollegen und Pokerkumpels James Patterson, Michael Connelly, Dennis Lehane und dem 2010 verstorbenen Stephen C. Cannell (der vor allem für seine TV-Serien, wie das „A-Team“ und „21 Jump Street“, bekannt ist) ein hoch geschätzter Kollege, der schon, wie Michael Crichton, während dem College seinen ersten Roman „In a Hail of Bullets“ veröffentlichte und dafür den selten verliehenen und entsprechend begehrten Tom-Straw-Preis der Nom-DePlume-Gesellschaft erhielt. Ein Preis, den Donald E. Westlake sicher gerne erhalten hätte, aber nie erhielt. Naja, Westlake sagte auch über J. Morgan Cunninghams „Comfort Station“: „I wish I had written this book.“

Vor allem mit seinen Derrick-Storm-Thrillern, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden, wurde Richard Castle dann zu einem Bestsellerautor.

Mit „Heat Wave – Hitzewelle“ startet er, nachdem er Derrick Storm spektakulär sterben ließ, eine neue Serie und es ist nicht sein stärkster Roman.

Dabei ist der Mordfall gar nicht so schlecht. Immobilienmogul Matthew Starr stürzt aus dem sechsten Stock des noblen Apartmenthauses The Guilford. Bei ihren Ermittlungen stoßen Detective Nikki Heat, ihre Kollegen Ochoa und Raley, begleitet von dem vorlauten Journalisten Jameson Rook, schnell auf einige Menschen, die alle ein verdammt gutes Mordmotiv und ein noch besseres Alibi haben.

Aber die von Richard Castle erfundenen Charaktere sind zu nah an den echten Polizisten Kate Beckett, Javier Esposito und Kevin Ryan, und dass er sich als Journalist und Pulitzer-Preisträger Jameson Rook als Möchtegernpolizist und Begleiter von Nikki Heat in das Buch hineinschreibt (und dabei ein Ego hat, das locker mit dem von G. M. Ford erfundenem True-Crime-Journalisten Frank Corso konkurrieren kann) zeugt von einer mangelnden Distanz Richard Castles zu seiner Muse und ihrem Team.

Ich habe keine Ahnung, ob es die normalen Anlaufschwierigkeiten bei einer neuen Serie sind oder eine verunglückte Übersetzung ist, aber der zweite Nikki-Heat-Roman „Naked Heat – In der Hitze der Nacht“ erscheint demnächst und der soll besser sein.

Richard Castle: Heat Wave – Hitzewelle

(übersetzt von Anika Klüver)

Cross Cult 2012

288 Seiten

11,80 Euro

Originalausgabe

Heat Wave

Hyperion, 2009

Hinweise

Homepage von Richard Castle

Wikipedia über Richad Castle

ABC-Seite über „Castle“

Kabel-1-Seite über “Castle”

Wikipedia über „Castle“ (deutsch, englisch)

The Futon Critic interviewt Andrew W. Marlowe (21. November 2009)

„Castle“-Fanseite

Richard Castle in der Kriminalakte (eins, zwei, drei , vier und beim Paley Fest)


Ein Blick in die Vergangenheit von Garth Ennis: „Hellblazer“ und „The Punisher“

Mai 2, 2012

Wer sich nach der Lektüre von „Jennifer Blood: Selbst ist die Frau“ fragt, woher dieser Garth Ennis kommt, kann einen Blick in seine ersten „Hellblazer“-Geschichten und seine „The Punisher“-Geschichten werfen.

1991 übernahm der damals Zwanzigjährige die von Alan Moore erfundene Serie „Hellblazer“. Im Mittelpunkt steht John Constantine, ein Dämonenjäger, starker Trinker und Raucher. In seiner ersten, aus sechs Heften bestehenden „Hellblazer“-Geschichte „Gefährliche Laster“ (die jetzt zusammen mit zwei weiteren Geschichten im ersten Band der „Hellblazer“-Garth-Ennis-Collection erschien) lässt Ennis John Constantine dann sterben.

Nun, gut. Nicht ganz. Aber er muss sich mit seiner eigenen Sterblichkeit beschäftigen. Denn er hat Lungenkrebs im Endstadium. Eine Operation bringt nichts und auch die ganze Zauberei hilft nicht dagegen.

In der zweiten Geschichte, die als „Der Pub, in dem ich geboren wurde“ und „Liebe tötet“ erschien, wird’s nostalgisch. Denn in seiner alten Stammkneipe erinnert Constantine sich mit seiner Freundin Kit an die in dem Pub verbrachten Stunden. Als kurz darauf Spekulanten den Pub abfackeln, stirbt auch die Besitzerin. Aber ihr Geist und der Geist ihres bereits früher verstorbenen Mannes wollen Rache.

Da ist die am Heiligabend spielende Weihnachtsgeschichte „Lord of the Dance“ eine nette Entspannung.

Gerade in der sechsteiligen Geschichte „Gefährliche Laster“ behandelt Garth Ennis erstaunlich erwachsen die Frage des eigenen Todes. Immerhin war er damals in einem Alter, in dem man normalerweise nicht an den eigenen Tod denkt. Aber so gelang ihm auch ein ungewöhnlicher Beginn seiner „Hellblazer“-Ära.

Bei den Zeichnungen von William Simpson, Mike Hoffman und Steve Dillon fällt auf, wie sehr sich der Zeichenstil für Comics in den vergangenen zwanzig Jahren änderte.

In dem achten Band der „Garth Ennis Collection“ von „The Punisher“ sind zwei eher ungewöhnliche „Punisher“-Geschichten enthalten. Denn in „Barracuda“ und „Mann aus Stein“ kämpft Frank Castle, der sich als gnadenloser Bekämpfer des Verbrechens „The Punisher“ nennt und auf dessen Konto unzählige tote Verbrecher gehen, gegen für ihn ungewöhnliche Verbrecher.

In „Barracuda“ ist sein Gegner nicht ein Drogenhändler oder Menschenschmuggler, sondern ein honoriger Unternehmer, der seine Aktionäre mit zwar legalen, aber unmoralischen Geschäften bereichert. Denn er manipuliert skrupellos den Strommarkt in Florida.

Neben den Kapitalisten kann der „Punisher“ Frank Castle sich im sonnigen Florida mit Barracuda, einem Muskelprotz, der keinen Schmerz empfindet, kloppen. Allerdings stehen die beiden Erzählstränge etwas unverbunden nebeneinander und die „Punisher“-Methode, erst mal alle Bösewichter zu töten, stößt hier an seine Grenzen.

In „Mann aus Stein“ geht es dann nach Afghanistan und die Geschichte erinnert eher an den Einsatz eines Spezialkommandos der Armee in feindlichem Gelände.

Sein Gegner ist ein hochrangiger Offizier der russischen Armee, der als Soldat über Leichen geht und ein wahrer Schlächter ist. Aber halt in Uniform.

Barracuda“ und „Mann aus Stein“ sind zwei gute, jeweils sechsteilige Geschichten, die gekonnt mit der „Punisher“-Formel spielen und auch das für „Punisher“-Fans nötige Level an Gewalt haben.

Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillon: Hellblazer – Gefährliche Laster (Garth-Ennis-Collection Band 1)

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini 2012

236 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Gefährliche Laster, Teil 1: Der Anfang vom Ende (Dangerous Habits, Part One: The Beginning of the End, Hellblazer 41, Mai 1991)

Gefährliche Laster, Teil 2: Ein Tropfen harter Stoff (Dangerous Habits, Part Two: A drop of the hard stuff, Hellblazer 42, Juni 1991)

Gefährliche Laster, Teil 3: Einflussreiche Freunde (Dangerous Habits, Part Three: Friends in High Places, Hellblazer 43, Juli 1991)

Gefährliche Laster, Teil 4: Mein Weg (Dangerous Habits, Part Four: My Way, Hellblazer 44, August 1991)

Gefährliche Laster, Teil 5: Der Trick (Dangerous Habits, Part Five: The Sting, Hellblazer 45, September 1991)

Gefährliche Laster, Teil 6: Ab in die Hölle (Dangerous Habits, Part Six: Falling into Hell, Hellblazer 46, Oktober 1991)

Der Pub, in dem ich geboren wurde (The Pub where I was born, Hellblazer 47, November 1991)

Liebe tötet (Love kills, Hellblazer 48, Dezember 1991)

Lord of the Dance (Lord of the Dance, Hellblazer 49, Januar 1992)

Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandez: The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8

(übersetzt von Uwe Anton)

Panini, 2011

284 Seiten

24,95 Euro (Softcover)

39,00 Euro (Hardcover)

Originalausgabe/enthält

Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Mai – Oktober 2006

Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), November 2006 – April 2007

Hinweise

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)


„Nemesis“ oder ein Superschurke will in Washington, D. C., spielen

Mai 2, 2012

Nemesis ist ein Superschurke, der bislang in Asien wütete, indem er Attentate auf Polizisten ankündigte, sie dann möglichst spektakulär umbrachte und dabei auch etliche Unschuldige ermordete.

Jetzt will er in Washington, D. C., eine alte Rechnung begleichen, indem er den Polizeichef Blake Morrow umbringt. Unter Morrows Führung sank die Kriminalitätsrate in Washington um sechzig Prozent, er gilt als künftiger Leiter des Heimatschutzministeriums, ist ein glücklich verheirateter Vater und Katholik.

Nemesis ist dagegen das schwarze Schaf der stinkreichen Familie Anderson. Er macht Morrow für den Tod seines Vaters verantwortlich und er ist erst dann zufrieden, wenn er eine gehörige Portion Chaos verbreitet. Seine erste Aktion in Washington ist die Entführung des Präsidenten.

Was wäre, wenn Batman der Joker wäre?“ fragte ein Teaser, der 2009 die Neugierde auf den neuen Comic von Autor Mark Millar, dessen Comics „Wanted“ und „Kick-Ass“ verfilmt wurden, wecken sollte und selbstverständlich ist das eine gute Frage, die eine Erwartung schürt, die dann von „Nemesis“ nicht eingehalten wird. Denn anstatt in der Geschichte Gut und Böse zu vertauschen, wie Jimmie Robinson es sehr erfolgreich mit „Bomb Queen“ tut, oder zu fragen, was von der geistigen Gesundheit von Superhelden und Superschurken (beide oft erkennbar an ihrer Kleidung) zu halten ist, wird in „Nemesis“ doch ein weitgehend bekannter Kampf zwischen einem bösen Schurken und einem ehrenwerten Polizisten, der gut als moralisch sauberer Held der Geschichte funktioniert, abgespult.

Aber dank der Kürze von „Nemesis“ und der wirklich überraschenden Auflösung ist die Geschichte dann doch gelungen als sarkastischer Thriller. Dabei ist Millars Schlusspointe noch gemeiner als die Prämisse von John Woos „Harte Ziele“ (Hard Target, USA 1993). Allerdings macht sie, wenn man darüber nachdenkt, noch weniger Sinn.

Mark Millar (Autor)/Steve McNiven (Zeichner): Nemesis

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini 2012

108 Seiten

14,95 Euro(Softcover)

39,00 Euro (auf 222 Exemplare limitiertes Hardcover)

Originalausgabe

Nemesis, Vol 1 – 4

Mai 2010/August 2010/November 2010/Februar 2011

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Wikipedia über Mark Millar (deutsch, englisch)

Homepage von Steve McNiven