Wie war das „Filmjahr 2011“?

Mai 12, 2012

Eine eindeutige Antwort darauf gibt das von der Filmzeitschrift „Film-Dienst“ herausgegebene „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2011“ nicht. Immerhin hat die Redaktion sich, wie in den vorherigen Jahren, dazu entschlossen „Die besten Kinofilme des Jahres 2011“ zu nennen. Es sind „Another Year“ von Mike Leigh, „Black Swan“ von Darren Aronofsky, „Eine dunkle Begierde“ von David Cronenberg, „Der Gott des Gemetzels“ von Roman Polanski, „Janet Eyre“ von Cary Joji Fukunaga, „Mad Circus – Eine Ballade von Liebe und Tod“ von Alex de la Iglesia, „Meek’s Cutoff“ von Kelly Reichardt, „Melancholia“ von Lars von Trier“, „Nader und Simin – Eine Trennung“ von Asghar Farhadi, „Schlafkrankheit“ von Ulrich Köhler, „The Tree of Life“ von Terence Malick und „Unter Dir die Stadt“ von Christoph Hochhäusler.

Außerdem sind, wie in den vorherigen Ausgaben, alle Filme (wozu auch extrem viele Dokumentarfillme gehören), die 2011 in deutschen Kinos, im Fernsehen und auf DVD/Blu-ray erstmals gezeigt wurden, alphabetisch aufgelistet und kritisch kommentiert. Besonders gelungene DVD- und Blu-ray-Ausgaben, auch von älteren Filmen, werden vorgestellt. Es gibt Listen mit den Preisträgern von verschiedenen Festivals, einen Rückblick auf das Kinojahr 2011 und einen thematischen Teil, der dieses Jahr die etwas seltsame Diskussion des Verbands der deutschen Filmkritik zur Qualität der Berlinale und die „Kinderfilm-Aktion 2012“ dokumentiert. Gerade letztere gibt einen guten Überblick über den derzeitigen Stand des deutschen Kinder- und Jugendfilms, der zwar, auch dank üppiger Werbeetats, mit „“Konferenz der Tiere“, „Hanni & Nanni“, „Wickie und die starken Männer“, „Das fliegende Klassenzimmer“ und „Das Sams“ kommerziell erfolgreich, aber wenig über die heutige Gesellschaft und die Situation von Jugendlichen verraten. Denn Originalstoffe, wie früher mit „Nordsee ist Mordsee“ und „Yasemin“ (beide von Hark Bohm) oder „Flussfahrt mit Huhn“ und „Der Sommer des Falken“ (beide von Arend Agthe, der für dieses Buch auch interviewt wurde), die etwas über die Gegenwart aussagen und ihr Publikum fanden, gibt es nicht.

Und das Fernsehen produziert Märchenfilme. Denn da stimmt die Quote.

Das gesamte Elend des öffentlich-rechtlichen Denkens fasst ZDF-Redakteurin Dagmar Ungureit zusammen: „Das ZDF sieht sich zuallererst in der Verantwortung des Zuschauers. Leider haben wir oft die Erfahrung gemacht, dass wir, wenn wir originären Stoffe im Programm haben, nicht viele Zuschauer bekommen, wenn wir diese spielen, und auch die Erfahrung beim KI.KA ist leider, dass die Zuschauer weniger einschalten als bei bekannten Titeln. Wenn ein größeres Publikum zahlreich dabei wäre, wären wir die letzten, die diese Titel nicht zahlreicher mitproduzieren würden. Da wir den Zuschauern Geschichten zeigen möchten, die sie auch sehen wollen, sind wir irgendwann dazu übergegangen, verstärkt Marken und Klassiker zu adaptieren, Titel, die beim Zuschauer etwas auslösen.“

Nun, so kann man auch zu einer kulturellen Verödung beitragen. Denn eigentlich sollte das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das nicht auf Werbeeinnahmen, sondern auf eine Akzeptanz beim Publikum (was nicht gleichbedeutend mit Quote ist) angewiesen ist, kulturell wertvolle Filme machen, die auch Fragen behandeln, die Kinder und Jugendliche heute beschäftigen und auch von Erwachsenen ohne Brechreiz und mit gutem Gewissen angesehen werden können.

Film-Dienst (Herausgeber): Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2011

Schüren, 2012

592 Seiten

22,90 Euro

Hinweise

Homepage des Film-Dienstes

Homepage des Verbandes der deutschen Filmkritik

Meine Besprechung vom „Lexikon des Internationalen Films – Filmjahr 2008“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2009“

Meine Besprechung vom „Lexikon des internationalen Films – Filmjahr 2010“


Sandro Gaycken schreibt über den „Cyberwar“

Mai 9, 2012

Sandro Gayckens „Cyberwar – Das Wettrüsten hat längst begonnen“ hinterlässt einen seltsam zwiespältigen Eindruck. Denn Gaycken, Technik- und Sicherheitsforscher an der Freien Universität Berlin, versucht zuerst zu beruhigen. Es gibt zwar Viren, Trojaner und unzählige Angriffe im Internet, es gibt das öffentlichkeitswirksame Lahmlegen von Homepages und Servern, aber das ist nicht wirklich bedrohlich. Jedenfalls nicht so bedrohlich, wie es in der Öffentlichkeit oft gezeichnet wird und worauf sich die Abwehrbestrebungen der Bundesregierung richten. Es ist eher lästig, wenn Hacker ihre Texte auf die Homepage einer Partei oder Regierung stellen oder wenn sie einen Mailserver lahmlegen.

Es gibt auch die Industriespionage, die besonders für die betroffenen Firmen wirklich bedrohlich, teilweise sogar existenzbedrohend, ist. Gaycken beschreibt anschaulich, wie Angreifer über das Netz an Informationen herankommen. Weil er allerdings die klassische Spionage nur nebenbei erwähnt, entsteht der Eindruck, dass es sich hier um eine neue Bedrohung handelt. Was natürlich Quatsch ist. Nur die Informationsbeschaffung ist – teilweise – leichter geworden.

Die große Gefahr für unsere Gesellschaft, so Gaycken, gehe allerdings nicht von Hackern oder Spionen, sondern von Militärs aus. Von Terroristen weniger, weil diese mit traditionellen Mitteln, wie Bombenattentaten, immer noch und leichter eine große mediale Wirkung entfalten könnten. Für Terroristen sei der Aufbau einer Cyberwar-Einheit, die teilweise über mehrere Jahre arbeiten müsste, zu kostspielig. Für Militärs ist so eine Einheit, verglichen mit den Kosten für Flugzeuge, Panzer und Schlachtschiffe, ein Schnäppchen. Diese Cyberwar-Einheiten könnten natürlich auch die klassische Propaganda und Desinformation, die zu jedem Krieg dazu gehört, erledigen. Dann allerdings nicht mehr mit Flugblättern, sondern mit YouTube-Videos und Twitter. Sie könnten auch die Infrastruktur ausspionieren und lahmlegen. Sie könnten, wie wir es aus zahlreichen Filmen und Thrillern kennen, Atomkraftwerke, Staudämme, das Stromnetz und die Verkehrssteuerung übernehmen. Das klingt jetzt wirklich bedrohlich – und Gaycken wird in „Cyberwar“ nicht müde, zu betonen, dass Militärs daran arbeiten und dass wir uns darauf konzentrieren sollten, solche Angriffe abzuwehren. Denn wenn wir für solche Angriffe gerüstet seien, hätten wir auch, nebenbei, die anderen, technisch wesentlich primitiveren Angriffe abgewehrt.

Klingt gut?

Aber dann erklärt Gaycken auch, wie schwer es ist, über Fernsteuerung, unsere Kraftwerke lahmzulegen. Sie haben verschiedene Computerprogramme. Sie müssten deshalb einzeln infiltriert werden. Es müssten in jedem System, weil der Angreifer nicht gleich bombardiert werden möchte, spezielle falsche Spuren gelegt werden.

Kurz gesagt: es wäre so mühsam, dass ein militärischer Angreifer letztendlich wahrscheinlich doch darauf verzichten und einen klassischen Angriff fahren würde.

Und ich stellt mir bei diesen Ausführungen immer mehr die Frage, warum eine Armee so umständlich angreifen sollte. Was würde sie mit einem Angriff auf die Infrastruktur erreichen wollen? Welche Ziele könnte sie so besser als mit der klassischen Desinformation oder einem traditionellem Angriff erreichen? Mir fiel keine überzeugende Antwort ein.

Das ändert aber nichts an der Sinnhaftigkeit seiner Forderung das Denken über Computer-Sicherheit komplett zu ändern: „Eine gute Cyberdefensive fokussiert sich vor allem auf den Selbstschutz der bei einem Angriff am wahrscheinlichsten betroffenen Systeme. Sie versucht nicht, irgendwelche Verteidiger oder Sensoren, Frühwarnsysteme oder Krisenmanagement-Teams in Zentren zusammenzuziehen, die dann von dort aus Probleme an vollkommen anderen, weite entfernten Systemen lösen sollen. (…) In allen Bereichen, die von kritischen Angreifern bedroht sein könnten (andere Systeme muss man auch nicht verteidigen), muss die vorhandene hochkomplexe und grundlegend unsichere IT entfernt und eine neue, anders konzipierte IT eingebaut werden. Sie muss schlanker, transparenter, kontrollierbarer, fehlerfrei sein.“

Sandro Gaycken: Cyberwar – Das Wettrüsten hat längst begonnen

Goldmann, 2012

256 Seiten

9,99 Euro

Hinweise

Universitätsseite von Sandro Gaycken


Eine Hitzewelle mit NYPD-Detective Nikki Heat

Mai 4, 2012

Seit Jahren dürfen wir in der TV-Serie „Castle“ den Krimi-Bestsellerautor Richard Castle bei seinen Recherchen für seine Nikki-Heat-Romane begleiten. Das Vorbild für Nikki Heat ist die New Yorker Polizistin Kate Beckett, die er bei einem Mordfall kennen lernte. Der Herzensbrecher war sofort von der taffen Polizistin fasziniert und, nach einem Gespräch mit dem Bürgermeister, durfte er sie und ihr Team bei ihren Ermittlungen begleiten.

Der erste Nikki-Heat-Thriller „Heat Wave“ war in den USA auch ein großer Erfolg, stand mehrere Wochen auf der „New York Times“-Bestsellerliste und liegt jetzt endlich auf Deutsch vor. Dabei ist Richard Castle, wie die Zuschauer von „Castle“ wissen, bei seinen Schriftstellerkollegen und Pokerkumpels James Patterson, Michael Connelly, Dennis Lehane und dem 2010 verstorbenen Stephen C. Cannell (der vor allem für seine TV-Serien, wie das „A-Team“ und „21 Jump Street“, bekannt ist) ein hoch geschätzter Kollege, der schon, wie Michael Crichton, während dem College seinen ersten Roman „In a Hail of Bullets“ veröffentlichte und dafür den selten verliehenen und entsprechend begehrten Tom-Straw-Preis der Nom-DePlume-Gesellschaft erhielt. Ein Preis, den Donald E. Westlake sicher gerne erhalten hätte, aber nie erhielt. Naja, Westlake sagte auch über J. Morgan Cunninghams „Comfort Station“: „I wish I had written this book.“

Vor allem mit seinen Derrick-Storm-Thrillern, die bislang nicht ins Deutsche übersetzt wurden, wurde Richard Castle dann zu einem Bestsellerautor.

Mit „Heat Wave – Hitzewelle“ startet er, nachdem er Derrick Storm spektakulär sterben ließ, eine neue Serie und es ist nicht sein stärkster Roman.

Dabei ist der Mordfall gar nicht so schlecht. Immobilienmogul Matthew Starr stürzt aus dem sechsten Stock des noblen Apartmenthauses The Guilford. Bei ihren Ermittlungen stoßen Detective Nikki Heat, ihre Kollegen Ochoa und Raley, begleitet von dem vorlauten Journalisten Jameson Rook, schnell auf einige Menschen, die alle ein verdammt gutes Mordmotiv und ein noch besseres Alibi haben.

Aber die von Richard Castle erfundenen Charaktere sind zu nah an den echten Polizisten Kate Beckett, Javier Esposito und Kevin Ryan, und dass er sich als Journalist und Pulitzer-Preisträger Jameson Rook als Möchtegernpolizist und Begleiter von Nikki Heat in das Buch hineinschreibt (und dabei ein Ego hat, das locker mit dem von G. M. Ford erfundenem True-Crime-Journalisten Frank Corso konkurrieren kann) zeugt von einer mangelnden Distanz Richard Castles zu seiner Muse und ihrem Team.

Ich habe keine Ahnung, ob es die normalen Anlaufschwierigkeiten bei einer neuen Serie sind oder eine verunglückte Übersetzung ist, aber der zweite Nikki-Heat-Roman „Naked Heat – In der Hitze der Nacht“ erscheint demnächst und der soll besser sein.

Richard Castle: Heat Wave – Hitzewelle

(übersetzt von Anika Klüver)

Cross Cult 2012

288 Seiten

11,80 Euro

Originalausgabe

Heat Wave

Hyperion, 2009

Hinweise

Homepage von Richard Castle

Wikipedia über Richad Castle

ABC-Seite über „Castle“

Kabel-1-Seite über “Castle”

Wikipedia über „Castle“ (deutsch, englisch)

The Futon Critic interviewt Andrew W. Marlowe (21. November 2009)

„Castle“-Fanseite

Richard Castle in der Kriminalakte (eins, zwei, drei , vier und beim Paley Fest)


Ein Blick in die Vergangenheit von Garth Ennis: „Hellblazer“ und „The Punisher“

Mai 2, 2012

Wer sich nach der Lektüre von „Jennifer Blood: Selbst ist die Frau“ fragt, woher dieser Garth Ennis kommt, kann einen Blick in seine ersten „Hellblazer“-Geschichten und seine „The Punisher“-Geschichten werfen.

1991 übernahm der damals Zwanzigjährige die von Alan Moore erfundene Serie „Hellblazer“. Im Mittelpunkt steht John Constantine, ein Dämonenjäger, starker Trinker und Raucher. In seiner ersten, aus sechs Heften bestehenden „Hellblazer“-Geschichte „Gefährliche Laster“ (die jetzt zusammen mit zwei weiteren Geschichten im ersten Band der „Hellblazer“-Garth-Ennis-Collection erschien) lässt Ennis John Constantine dann sterben.

Nun, gut. Nicht ganz. Aber er muss sich mit seiner eigenen Sterblichkeit beschäftigen. Denn er hat Lungenkrebs im Endstadium. Eine Operation bringt nichts und auch die ganze Zauberei hilft nicht dagegen.

In der zweiten Geschichte, die als „Der Pub, in dem ich geboren wurde“ und „Liebe tötet“ erschien, wird’s nostalgisch. Denn in seiner alten Stammkneipe erinnert Constantine sich mit seiner Freundin Kit an die in dem Pub verbrachten Stunden. Als kurz darauf Spekulanten den Pub abfackeln, stirbt auch die Besitzerin. Aber ihr Geist und der Geist ihres bereits früher verstorbenen Mannes wollen Rache.

Da ist die am Heiligabend spielende Weihnachtsgeschichte „Lord of the Dance“ eine nette Entspannung.

Gerade in der sechsteiligen Geschichte „Gefährliche Laster“ behandelt Garth Ennis erstaunlich erwachsen die Frage des eigenen Todes. Immerhin war er damals in einem Alter, in dem man normalerweise nicht an den eigenen Tod denkt. Aber so gelang ihm auch ein ungewöhnlicher Beginn seiner „Hellblazer“-Ära.

Bei den Zeichnungen von William Simpson, Mike Hoffman und Steve Dillon fällt auf, wie sehr sich der Zeichenstil für Comics in den vergangenen zwanzig Jahren änderte.

In dem achten Band der „Garth Ennis Collection“ von „The Punisher“ sind zwei eher ungewöhnliche „Punisher“-Geschichten enthalten. Denn in „Barracuda“ und „Mann aus Stein“ kämpft Frank Castle, der sich als gnadenloser Bekämpfer des Verbrechens „The Punisher“ nennt und auf dessen Konto unzählige tote Verbrecher gehen, gegen für ihn ungewöhnliche Verbrecher.

In „Barracuda“ ist sein Gegner nicht ein Drogenhändler oder Menschenschmuggler, sondern ein honoriger Unternehmer, der seine Aktionäre mit zwar legalen, aber unmoralischen Geschäften bereichert. Denn er manipuliert skrupellos den Strommarkt in Florida.

Neben den Kapitalisten kann der „Punisher“ Frank Castle sich im sonnigen Florida mit Barracuda, einem Muskelprotz, der keinen Schmerz empfindet, kloppen. Allerdings stehen die beiden Erzählstränge etwas unverbunden nebeneinander und die „Punisher“-Methode, erst mal alle Bösewichter zu töten, stößt hier an seine Grenzen.

In „Mann aus Stein“ geht es dann nach Afghanistan und die Geschichte erinnert eher an den Einsatz eines Spezialkommandos der Armee in feindlichem Gelände.

Sein Gegner ist ein hochrangiger Offizier der russischen Armee, der als Soldat über Leichen geht und ein wahrer Schlächter ist. Aber halt in Uniform.

Barracuda“ und „Mann aus Stein“ sind zwei gute, jeweils sechsteilige Geschichten, die gekonnt mit der „Punisher“-Formel spielen und auch das für „Punisher“-Fans nötige Level an Gewalt haben.

Garth Ennis/Will Simpson/Steve Dillon: Hellblazer – Gefährliche Laster (Garth-Ennis-Collection Band 1)

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini 2012

236 Seiten

29,95 Euro

Originalausgabe/enthält

Gefährliche Laster, Teil 1: Der Anfang vom Ende (Dangerous Habits, Part One: The Beginning of the End, Hellblazer 41, Mai 1991)

Gefährliche Laster, Teil 2: Ein Tropfen harter Stoff (Dangerous Habits, Part Two: A drop of the hard stuff, Hellblazer 42, Juni 1991)

Gefährliche Laster, Teil 3: Einflussreiche Freunde (Dangerous Habits, Part Three: Friends in High Places, Hellblazer 43, Juli 1991)

Gefährliche Laster, Teil 4: Mein Weg (Dangerous Habits, Part Four: My Way, Hellblazer 44, August 1991)

Gefährliche Laster, Teil 5: Der Trick (Dangerous Habits, Part Five: The Sting, Hellblazer 45, September 1991)

Gefährliche Laster, Teil 6: Ab in die Hölle (Dangerous Habits, Part Six: Falling into Hell, Hellblazer 46, Oktober 1991)

Der Pub, in dem ich geboren wurde (The Pub where I was born, Hellblazer 47, November 1991)

Liebe tötet (Love kills, Hellblazer 48, Dezember 1991)

Lord of the Dance (Lord of the Dance, Hellblazer 49, Januar 1992)

Garth Ennis/Goran Parlov/Leandro Fernandez: The Punisher – Garth-Ennis-Collection 8

(übersetzt von Uwe Anton)

Panini, 2011

284 Seiten

24,95 Euro (Softcover)

39,00 Euro (Hardcover)

Originalausgabe/enthält

Barracuda, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 31 – 36), Mai – Oktober 2006

Man of Stone, Part 1 – 6 (Punisher [MAX] 37 – 42), November 2006 – April 2007

Hinweise

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner) „Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)“ (Garth Ennis’ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done, 2012)


„Nemesis“ oder ein Superschurke will in Washington, D. C., spielen

Mai 2, 2012

Nemesis ist ein Superschurke, der bislang in Asien wütete, indem er Attentate auf Polizisten ankündigte, sie dann möglichst spektakulär umbrachte und dabei auch etliche Unschuldige ermordete.

Jetzt will er in Washington, D. C., eine alte Rechnung begleichen, indem er den Polizeichef Blake Morrow umbringt. Unter Morrows Führung sank die Kriminalitätsrate in Washington um sechzig Prozent, er gilt als künftiger Leiter des Heimatschutzministeriums, ist ein glücklich verheirateter Vater und Katholik.

Nemesis ist dagegen das schwarze Schaf der stinkreichen Familie Anderson. Er macht Morrow für den Tod seines Vaters verantwortlich und er ist erst dann zufrieden, wenn er eine gehörige Portion Chaos verbreitet. Seine erste Aktion in Washington ist die Entführung des Präsidenten.

Was wäre, wenn Batman der Joker wäre?“ fragte ein Teaser, der 2009 die Neugierde auf den neuen Comic von Autor Mark Millar, dessen Comics „Wanted“ und „Kick-Ass“ verfilmt wurden, wecken sollte und selbstverständlich ist das eine gute Frage, die eine Erwartung schürt, die dann von „Nemesis“ nicht eingehalten wird. Denn anstatt in der Geschichte Gut und Böse zu vertauschen, wie Jimmie Robinson es sehr erfolgreich mit „Bomb Queen“ tut, oder zu fragen, was von der geistigen Gesundheit von Superhelden und Superschurken (beide oft erkennbar an ihrer Kleidung) zu halten ist, wird in „Nemesis“ doch ein weitgehend bekannter Kampf zwischen einem bösen Schurken und einem ehrenwerten Polizisten, der gut als moralisch sauberer Held der Geschichte funktioniert, abgespult.

Aber dank der Kürze von „Nemesis“ und der wirklich überraschenden Auflösung ist die Geschichte dann doch gelungen als sarkastischer Thriller. Dabei ist Millars Schlusspointe noch gemeiner als die Prämisse von John Woos „Harte Ziele“ (Hard Target, USA 1993). Allerdings macht sie, wenn man darüber nachdenkt, noch weniger Sinn.

Mark Millar (Autor)/Steve McNiven (Zeichner): Nemesis

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini 2012

108 Seiten

14,95 Euro(Softcover)

39,00 Euro (auf 222 Exemplare limitiertes Hardcover)

Originalausgabe

Nemesis, Vol 1 – 4

Mai 2010/August 2010/November 2010/Februar 2011

Hinweise

Homepage von Mark Millar

Wikipedia über Mark Millar (deutsch, englisch)

Homepage von Steve McNiven


TV-Tipp für den 29. April: Fahrraddiebe

April 29, 2012

ZDF Kultur, 23.00

Fahrraddiebe (I 1948, R.: Vittorio De Sica)

Drehbuch: Cesare Zavattini, Oreste Biancoli, Suso Cecchi d’Amico, Adolfo Franci, Vittorio De Sica

LV: Luigi Bartolini: Ladri di Biciclette, 1948 (Fahrraddiebe)

Rom, kurz nach dem Krieg: Antonios Fahrrad, das er unbedingt für seine Arbeit braucht, wird geklaut. Zusammen mit seinem Sohn sucht er den Dieb.

Ein Meilenstein des italienischen Neorealismus

mit Lamberto Maggionrani, Enzo Staiola, Liannella Carell

Wiederholung: Montag, 30. April, 03.55 Uhr (Taggenau!)

Hinweise

Wikipedia über „Fahrraddiebe“ (deutsch, englisch)

Archive.org: „Fahrraddiebe“ in der deutschen Fassung

Film-Rezensionen bespricht „Fahrraddiebe“

Critic bespricht „Fahrraddiebe“

Kauftipp

Im Unionsverlag erschien jetzt die Taschenbuchausgabe von Luigi Bartolinis „Fahrraddiebe“ (übersetzt von Hellmut Ludwig, 224 Seiten, 10,95 Euro) und, was soll ich sagen, ich liebe diese alten Romane, in denen sich die Autoren ewig Zeit ließen, bis die Handlung beginnt. Schon im zweiten Absatz steht „Hierher bin ich heute gekommen, auf die Piazza del Monte, um zu versuchen, mein schönes neues Fahrrad wiederzufinden, das mir gestern gestohlen wurde.“


Überraschung! Es gibt „Schwarze Schafe in Venedig“

April 27, 2012

Krimiautor Charlie Howard schreibt in Venedig gerade seinen neuesten Michael-Faulks-Krimi, als bei ihm eingebrochen wird und ein Dieb, – naja, genaugenommen eine verdammt gutaussehende Diebin und Fassadenkletterin -, seine Erstausgabe von Dashiell Hammetts „Der Malteser-Falke“ klaut. Für Charlie ist das Buch unersetzbar, denn ohne das Buch auf seinem Schreibtisch, so glaubt er, kann er keine Kriminalromane schreiben.

Zum Glück bietet die Diebin ihm ein Geschäft an: wenn er für sie einen Einbruch begeht, wird sie es ihm zurück geben.

Denn, wie die Leser der vorherigen Charlie-Howard-Krimis von Chris Ewan wissen, ist Charlie nicht nur ein Krimiautor, der für das Schreiben von jedem neuen Roman eine andere Stadt besucht, sondern auch ein Einbrecher und eben diese Einbrechertätigkeit hat ihn in der Vergangenheit auch immer wieder in Teufels Küche gebracht. Aber jetzt will Charlie ein ehrliches Leben führen und sich nur noch von seinen Buchtantiemen ernähren. Entsprechend wenig begeistert ist er von Graziellas Angebot. Vor allem nachdem er erfährt, dass er nichts klauen, sondern einen Koffer, den er nicht öffnen darf, zurückbringen soll und sie ihm einen Zettel mit detaillierten Anweisungen gibt. Trotz aller Bedenken, die er hat, tut er es. Immerhin will er seinen „Malteser-Falken“ zurück haben.

Allerdings öffnet er, während des Einbruchs den Koffer, und die in dem Koffer befindliche Bombe geht hoch. Er kann sich retten, aber er will jetzt auch wissen, in welches Komplott er hineingeraten ist.

Dieses Komplott hat höchstens die Komplexität einer Kurzgeschichte von Dashiell Hammett, die von Chris Ewan auf vierhundert Seiten aufgeplustert wurde und bei dem Graziella den wahrscheinlich allerumständlichsten Weg wählt, ihr Ziel zu erreichen. Das beginnt schon bei ihrem ersten Einbruch, wenn sie absichtlich so viel Lärm macht, dass Charlie sie bemerken muss, er sich aber so dusselig anstellt, dass sie entwischen kann. Danach arrangiert sie arg umständlich ein Treffen mit ihm, um ihm zu sagen, wie er wieder an sein Buch gelangt. Warum sie das alles so kompliziert macht, wird von Chris Ewan nie erklärt. Wahrscheinlich glaubte er, dass einige Rätsel am Anfang die Aufmerksamkeit des Lesers wachhalten.

Wer dagegen einen richtig guten Einbrecherroman lesen will, muss sich einen Bernie-Rhodenbarr-Krimi von Lawrence Block besorgen. In ihnen begeht ein Antiquar und leidenschaftlicher Dieb Einbrüche und wenn er bei einem Einbruch eine Leiche entdeckt, muss er auch die Arbeit der Polizei übernehmen. Die ersten fünf Bernie-Rhodenbarr-Krimis wurden eher solala übersetzt und sind antiquarisch erhältlich. Die letzten fünf „Burglar“-Romane wurden nicht übersetzt, aber es ist offensichtlich, dass die beliebt-bekannten Bernie-Rhodenbarr-Krimis das Vorbild für die Charlie-Howard-Krimis sind. Allerdings spielt Charlie, verglichen mit Bernie, irgendwo zwischen Kreis- und Bezirksklasse.

Chris Ewan: Schwarze Schafe in Venedig

(übersetzt von Stefanie Retterbusch)

Bastei-Lübbe, 2012

400 Seiten

7,99 Euro

Originalausgabe

The Good Thief’s Guide to Venice

Simon & Schuster, London 2011

Charlie Howard auf Städtetour

Amsterdam – Ein Meisterdieb jagt seinen Schatten (The Good Thief’s Guide to Amsterdam, 2007)

Kleine Morde in Paris (The Good Thief’s Guide to Paris, 2009)

Vendetta in Las Vegas (The Good Thief’s Guide to Vegas, 2010)

Schwarze Schafe in Venedig (The Good Thief’s Guide to Venice, 2011)

The Good Thief’s Guide to Berlin, 2012 (angekündigt)

Hinweise

Homepage von Chris Ewan

Blog von Chris Ewan

Criminal-E: Interview mit Chris Ewan

Guilty Conscience: Interview mit Chris Ewan

The Crime of it All: Interview mit Chris Ewan


Kurzkritik: „Luke Cage“ im „Marvel Noir“-Universum

April 25, 2012

Luke Cage“ ist der letzte Band der „Marvel Noir“-Reihe, in der bekannte Marvel-Charaktere wie Spider-Man und Iron-Man in einem Noir-Universum eine Noir-Geschichte erlebten und das Experiment gelang überraschend gut.

In der von Mike Benson und Adam Glass erfundenen und von Shawn Martinbrough schön dunkel gezeichneten Geschichte kehrt Luke Cage nach einem längeren Knastaufenthalt zurück nach Harlem. Es sind die frühen dreißiger Jahre und die Prohibition verschafft den Verbrechern ein einträgliches Einkommen. Sein alter Kumpel Willis Stryker, inzwischen der Pate des Bezirks, bietet ihm einen Job an. Aber Luke Cage will ein ehrliches Leben beginnen. Da wird er von dem vermögendem Weißen Randall Banticoff gebeten, herauszufinden, wer seine Frau Daisy ermordete. Cage nimmt den Auftrag an und Krimifans dürften sich jetzt an die tollen Easy-Rawlins-Romane von Walter Mosley erinnern.

Aber Luke Cage ist mehr Mouse Alexander, der psychopathische Freund von Easy Rawlins: ein gewissenloser Gangster, der nicht davor zurückschreckt, Gewalt anzuwenden.

Marvel Noir: Luke Cage“ liest sich wie eine gelungene Mischung auf einem frühen Easy-Rawlins-Krimi und einem Dreißiger-Jahre-Hollywood-Gangsterfilm. Das ist auch ohne Superhelden und Superkräfte ein Heidenspaß und eine spannende Lektüre.

Mike Benson (Autor)/Adam Glass (Autor)/Shawn Martinbrough (Zeichner): Marvel Noir: Luke Cage

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Panini, 2011

108 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Luke Cage Noir, Vol. 1 – 4

August – Oktober 2009

 


Neu im Kino/Filmkritik: Die Janet-Evanovich-Verfilmung „Einmal ist keinmal“

April 19, 2012

Als die Actionkomödie „Einmal ist keinmal“ mit Katherine Heigl als Kopfgeldjägerin Stephanie Plum in den US-Kinos startete, wurde sie von den US-Kritikern regelrecht geschlachtet.

Als ich den Film sah, fragte ich mich, woher dieser Hass auf den Film kam. Denn obwohl „Einmal ist keinmal“ wahrlich kein Meisterwerk ist, versucht er auch nicht mehr zu sein, als eine kleine, launige Actionkomödie, die wie ein hoch budgetierter TV-Serienpilot wirkt, der irrtümlich im Kino läuft. Denn Regisseurin Julie Anne Robinson stellt in ihrer Verfilmung des ersten Stephanie-Plum-Krimis, wie auch Janet Evanovich in ihrem Roman, ausführlich Stephanies Familie, die Kautionsagentur ihres Vetters Vinnie samt leicht schrägem Personal und ihren künftigen Freund vor. Dieser ist Polizist, soll eine Frau ermordet haben und ist untergetaucht.

Für Stephanie, die händeringend einen Job sucht und deshalb notgedrungen bei Vinnie anheuert, wäre das Kopfgeld von 50.000 Dollar (im Buch 10.000 Dollar), wenn sie Joe Morelli bei der Polizei abliefert, das Ende ihrer Geldsorgen. Dass Morelli sie vor Jahren betrogen hat, stachelt ihren Jagdeifer zusätzlich an. Ohne einen Plan und ohne irgendetwas über die Arbeit zu wissen, aber mit einem losen Mundwerk, macht sie sich in ihrer Heimatstadt Trenton, New Jersey, auf die Jagd.

Der Film folgt dem vor fast zwanzig Jahren erschienenem Roman erstaunlich genau und ist sogar witziger als der Roman. Denn der ist eine ziemlich dröge Mischung aus Romanze und Krimi, mit einer sich mir nicht erschließenden humoristischen Note.

Dagegen ist die Verfilmung, tief in den achtziger Jahre steckend, ziemlich kurzweilig-nette Unterhaltung für Zwischendurch, die nie behauptet mehr zu sein als eine kleine Actionkomödie mit einem vernachlässigbaren Krimiplot voller Unwahrscheinlichkeiten und viel Romantic.

Einmal ist keinmal (One for the Money, USA 2012)

Regie: Julie Anne Robinson

Drehbuch: Stacy Sherman, Karen Ray, Liz Brixius

LV: Janet Evanovich: One for the Money, 1994 (Einmal ist keinmal)

mit Katherine Heigl, Jason O’Mara, Daniel Sunjata, John Leguizamo, Sherri Shepherd, Debbie Reynolds

Länge: 93 Minuten

FSK: ab 12 Jahre

Vorlage, jetzt mit neuem Cover

Janet Evanovich: Einmal ist keinmal

(übersetzt von Regina Rawlinson)

Goldmann, 2012

288 Seiten

8,99 Euro

Deutsche Erstausgabe

Goldmann, 1996

Taschenbuchausgabe

Goldmann, 1997

Originalausgabe

One for the Money

Scribner’s, New York 1994

Hinweise

Amerikanische Homepage zum Film

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Einmal ist keinmal“

Rotten Tomatoes über „Einmal ist keinmal“

Wikipedia über „Einmal ist keinmal“

Homepage von Janet Evanovich

Deutsche Homepage von Janet Evanovich

Krimi-Couch über Janet Evanovich

Wikipedia über Janet Evanovich (deutsch, englisch)

Thrilling Detective über Stephanie Plum 

Meine Besprechung von Janet Evanovichs „Kuss mit lustig“ (Fearless Fourteen, 2008)

 


Jon Ronson erkennt: „Die Psychopathen sind unter uns“

April 18, 2012

Herrje, wer hat nur den deutschen Titel von Jon Ronsons neuem Buch verbrochen? „Die Psychopathen sind unter uns“ ist okay. Macht neugierig und beschreibt auch den Inhalt durchaus zutreffend. Aber der Untertitel „Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht“ ist Quatsch. Denn genau dorthin geht Ronson nicht. Der Originaltitel „The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry“ trifft den Inhalt viel genauer.

Ausgehend von zwei Erlebnissen fragt Jon Ronson sich, was Psychopathen sind und wie man sie erkennen kann. Dabei stößt er auf den Psychopathentest von Bob Hare, die Hare-PCL-R-Checkliste. Er besucht ein Seminar bei ihm und versucht anschließend mit diesem Test Psychopathen zu erkennen.

Dafür macht er sich, betont naiv und vorurteilsfrei, auf die Reise zu einem Mann, der in der psychiatrischen Klinik Broadmoor, der Irrenanstalt für Verbrecher, sitzt und behauptet, normal zu sein, einen Unternehmer, der für den wirtschaftlichen Erfolg erbarmungslos Leute entließ, Abteilungen schloss und stolz darauf ist, eine ehemalige Fernsehproduzentin für Nachmittagstalkshows, die dafür Gäste mit der richtigen Art von Wahnsinn suchte und einen Kriminalpsychologen, dessen Hilfe bei den polizeilichen Ermittlungen zur Verurteilung eines Unschuldigen führten.

Bei den Gesprächen mit diesen Menschen, fragt Ronson sich immer wieder, ob deren Verhalten nun psychopathisch ist oder nicht. Er wendet, sehr erfolgreich, den Psychopathentest von Hare bei sich und bei anderen Menschen an. Plötzlich ist fast jeder ein Psychopath oder hat mindestens einige Merkmale eines Psychopathen.

Doch je mehr Psychopathen Ronson erkennt, umso mehr fragt er sich, ob er nicht falsche Diagnosen erstellt.

Auf diese Frage gibt ihm ein Blick auf die Arbeit der Vorläufer von Bob Hare eine Antwort.

1973 schickte der Psychologe David Rosenhan, der die pseudowissenschaftliche Psychoanalyse ablehnte, mehrere Freunde, die keine psychischen Probleme hatte, in den USA zu psychiatrischen Kliniken. Sie alle sagten, sie hörten eine Stimme im Kopf. Ansonsten benahmen sie sich vollkommen normal. Alle wurden sofort eingewiesen und sie verbrachten im Durchschnitt 18 Tage in der Klinik. Rosenhan selbst wurde erst nach zwei Monaten entlassen. Als er das erzählte, forderte ihn eine Klinik auf, das Experiment zu wiederholen. In den nächsten Wochen entdeckten sie 41 Simulanten. Aber Rosenhan hatte niemand geschickt. Für die amerikanische Psychiatrie und deren Glaubwürdigkeit war das Experiment ein Desaster, das dazu führte, dass als Ausweg aus den unzuverlässigen Diagnosen nach zuverlässigen Indikatoren gesucht und immer mehr messbaren Variablen und Checklisten erstellt wurden. Diese Checklisten führten zu einer enormen Zunahme von wissenschaftlich exakt diagnostizierten Erkrankungen. Knapp gesagt, entdeckten die Psychologen, was sie suchten (Sie glauben nicht, dass das funktioniert? Dann suchen Sie mal auf ihrem nächsten Spaziergang nach der Zahl „23“.).

Im Gegensatz zu seinem vorherigen Buch „Männer, die auf Ziegen starren“, das wegen der zahlreichen Zeitsprünge und Ortswechsel (wir begleiten Ronson bei seinen Gesprächen, in der Reihenfolge, in der er sie führte) unter seiner chaotischen Struktur litt, arbeitet Ronson sich hier chronologisch durch sein Thema.

Das ist amüsant zu lesen, aber auch etwas langatmig, weil wir Ronson auf seiner persönlichen Entdeckungsreise begleiten. Denn vieles, was er entdeckte, hätte auch in ein, zwei längeren Reportagen behandelt werden können.

So bleibt nach der Lektüre von „Die Psychopathen sind unter uns“ nur ein vergnüglich zu lesender Sachbuch-Schmöker, garniert mit einigen Lachern, übrig.

Und natürlich ist es keine Reise zu den Schaltstellen der Macht, sondern ein etwas unkonzentrierter Einblick in die „Madness Industry“, also in das lukrative Geschäft mit dem Wahnsinn und seelischen Erkrankungen, an dem viele Menschen gut verdienen.

Jon Ronson: Die Psychopathen sind unter uns – Eine Reise zu den Schaltstellen der Macht

(übersetzt von Martin Jaeggi)

Tropen, 2012

272 Seiten

19,95 Euro

Originalausgabe

The Psychopath Test – A Journey through the Madness Industry

Riverhead Books, 2011

Hinweise

Homepage von Jon Ronson

Meine Besprechung der Jon-Ronson-Verfilmung „Männer, die auf Ziegen starren“ (The men who stare at goats, USA 2009)


Der „Secret Service“ bei Crime Chronicles

April 16, 2012

Meine Besprechung des Jahrbuchs „Secret Service – Jahrbuch 2012“ des Syndikats (genaugenommen „Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur AIEP/IACW) ist bei Crime Chronicles online.

Crime Chronicles ist eine neue Seite, die schon eine Vergangenheit hat:

 

Der Krimikurier wird International: Neu jetzt der CrimeChronicles

 

Seit 2001 wurde der Krimikurier per e-mail verschickt und bei den Alligatorpapieren archiviert.

Zusammen mit literarischen Freunden aus England, Die Niederlanden, Frankreich, Belgien,…, wollen wir ein neues multilinguales Projekt starten.

Für den Krimikurier im neuen Kleid des Crime Chronicles schreiben Experten Buchbesprechungen in ihrer jeweiligen Landessprache und weisen auf nationale und internationale Entwicklungen in der Krimiszene hin.

 

Ein Besuch lohnt sich!

Syndikat: Secret Service – Jahrbuch 2012

Gmeiner Verlag, 2012

336 Seiten

9,90 Euro

Hinweise

Homepage vom Syndikat

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2009“

Meine Besprechung von „Secret Service – Jahrbuch 2011“

 


„Unschuld“ ist ein Fremdwort im „Criminal“-Kosmos von Ed Brubaker und Sean Phillips

April 16, 2012

Ein neuer „Criminal“-Band von Autor Ed Brubaker und Zeichner Sean Phillips ist für Noir-Fans ein Drei-Sterne-Menü. Mindestens.

In „Unschuld“, dem sechsten „Criminal“-Sammelband, erzählen sie, mit Kurzauftritten von alten „Criminal“-Bekannten, von Riley Richards.

Der hoch verschuldete Spieler ist mit Felicity ‚Felix‘ Doolittle, die ihn betrügt, verheiratet. Für ihren Vater ist Richards ein Tunichtgut, den er notgedrungen als Frühstücksdirektor eingestellt hat. Jedenfalls solange seine Tochter mit ihm verheiratet ist.

Als er wegen eines plötzlichen Krankenhausaufenthaltes seines Vaters in seinen Geburtsort Brookview fährt, trifft er seine Sandkastenliebe Lizzie Gordon. Die alten Gefühle erwachen wieder und er fasst einen Plan, mit dem er seine Probleme beseitigen könnte.

Während in den bisherigen „Criminal“-Geschichten Berufsverbrecher im Mittelpunkt standen, ist es in „Unschuld“ ein ganz normaler Mann in einer Noir-Situation.

Und, ebenfalls im Gegensatz zu den bisherigen „Criminal“-Geschichten, bilden die Erinnerungen von Riley Richards einen wichtigen Teil der Geschichte. Sean Phillips zeichnete sie in den schönsten Bonbonfarben im Stil der Walt-Disney-Comics und sofort wird deutlich, wie sehr Richards seine Vergangenheit verklärt.

In „Unschuld“ fragen sich Ed Brubaker und Sean Phillips, wie ihre erwachsenen „Criminal“-Charaktere zu den Männern und Frauen wurden, die sie heute sind. War alles vorherbestimmt? Oder haben sie irgendwann eine falsche Entscheidung getroffen?

Dieser Frage gehen sie in ihrer herrlich knappen und mit gemeinen Wendungen gespickten „Noir“-Geschichte nach. Im letzten Panel werden dann Gegenwart und Vergangenheit miteinander vereinigt.

Das ist, wie immer, wenn Ed Brubaker und Sean Phillips sich zusammentun, sehr empfehlenswert!

Vor wenigen Tagen wurde „Unschuld“ für den Eisner-Award als „Best Limited Series“ und Sean Phillips als „Best Cover Artist“ für seine „Unschuld“-Titelbilder nominiert.

Ed Brubaker/Sean Phillips: Criminal: Unschuld (Band 6)

(mit einem Vorwort von Patton Oswalt)

(übersetzt von Claudia Fliege)

Panini Comics, 2012

116 Seiten

16,95 Euro

Originalausgabe

Criminal: The Last of the Innocent, Vol. 1 – 4

Marvel Comics, Juni – September 2011

Hinweise

„A Criminal Blog“ (über „Criminal“)

Homepage von Ed Brubaker

Blog von Sean Phillips

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips” “Criminal 1 – Feigling” (Criminal 1: Coward, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Criminal 2 – Blutsbande” (Criminal 2: Lawless, 2007)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 3 – Grabgesang“ (Criminal 3: The Dead and the Dying, 2008)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 4 – Obsession“ (Criminal Vol. 4: Bad Night, 2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Criminal 5 – Sünder“ (Criminal: The Sinners, 2010)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Colin Wilsons “Point Blank” (Point Blank, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 1 – Das Schaf im Wolfspelz” (Sleeper: Out in the cold, 2003)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ “Sleeper 2 – Die Schlinge zieht sich zu” (Sleeper: All false moves, 2004)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 3 – Die Gretchenfrage“ (Sleeper 3: A crooked line, 2005)

Meine Besprechung von Ed Brubaker/Sean Phillips’ „Sleeper 4 – Das lange Erwachen“ (Sleeper 4: The long walk home, 2005)

Meine Besprechung von Ed BrubakerSean Phillips’ „Incognito 1 – Stunde der Wahrheit“ (Incognito, 2008/2009)

Meine Besprechung von Ed Brubaker (Autor)/Sean Phillips (Zeichner) „Incognito: Schlechter Einfluss (Band 2)“ (Incognito: Bad Influences, Vol. 1 – 5, 2010/2011)

 


Mutti kümmert sich darum: „Jennifer Blood: Selbst ist die Frau“

April 15, 2012

Tagsüber ist Jennifer Fellows eine Hausfrau, die sich rührend um ihre beiden Kinder und ihren Ehemann Andrew kümmert. Sie sind eine bieder-gewöhnliche US-amerikanische Vorstadtfamilie. Aber schon auf der ersten Seite irritiert die Bemerkung in ihrem Tagebuch: „Im Nagelstudio las ich ‚Guns + Ammo‘ und mir fiel auf, wie viele Artikel sich mit 9mm-Waffen beschäftigten (…) Aber was nützen einem doppelt so viele Kugeln, wenn man dreimal so viele braucht, um jemanden zu erledigen?“

Dann schickt sie ihre Familie mit Valium in das Reich der Träume und macht sich in der Nacht, umgezogen in ein Kate-Beckinsale-“Underworld“-Outfit mit Sonnenbrille (nachts zwar unglaublich unpraktisch, aber auch unglaublich cool) und einem Arsenal von Waffen, das einen Navy-Seals-Soldaten vor Neid erblassen lässt, auf den Weg zu einem Schrottplatz. Dort ermordet sie kaltblütig einige Männer und schreibt mit deren Blut „Jennifer Blood“ an eine Wand.

Einer der Männer war ihr Onkel.

In den folgenden fünf Nächten will sie weitere Familienmitglieder töten. Der Grund für ihren erbarmungslosen Rachefeldzug an einer skrupellosen Gangsterfamilie und deren Umfeld wird von Garth Ennis („Judge Dredd“, „Hellblazer“, „Preacher“, „Punisher“) erst mit der Zeit erklärt. Davor muss sie sich auch mit ihrem sexlüsternen Nachbarn und drei Ninja-Girls auseinandersetzen.

Das ist durchaus flott erzählt.

Aber die gesamte Story ist doch etwas zu episodisch aufgebaut. In jeder Nacht, – wobei eine Nacht auch ein Heft ist -, tötet sie einen auf ihrer Liste stehenden Feind. Die Reihenfolge ist dabei eher beliebig und der Spannungsbogen beschränkt sich auf die einzelnen Kapitel. Dann ist das Problem gelöst und sie kann sich dem nächsten Verbrecher zuwenden. Aber ein echter Gegner, der ihr über mehrere Nächte das Leben schwermacht, fehlt.

Insofern bleibt der Eindruck, dass mit einer weniger episodischen Erzählweise eine stärkere Geschichte hätte entstehen können. Spaß machen die sechs Nächte mit Jennifer Blood und ihren schnoddrigen Bemerkungen dennoch.

Garth Ennis hat nach dem ersten, sechs Hefte umfassenden Story-Arc, der in „Jennifer Blood: Selbst ist die Frau“ abgedruckt ist, keine weiteren „Jennifer Blood“-Geschichten geschrieben. Al Ewing hat die Arbeit übernommen und Jennifer Blood mutiert dann wohl zu einer „Punisher“-ähnlichen Gestalt. Das Potential für eine sexy Hausfrau, die nachdem sie ihre Lieben ins Bett geschickt hat, als sexy Racheengel durch die Stadt zieht ist jedenfalls da.

Garth Ennis (Autor)/Adriano Batista/Marcos Marz/Kewber Baal (Zeichner): Jennifer Blood – Selbst ist die Frau (Band 1)

(übersetzt von Bernd Kronsbein)

Panini Comics, 2012

148 Seiten

16,95 Euro

(„Empfohlen ab 18 Jahren!“ – Hm, wahrscheinlich wegen der familiären Werte.)

Originalausgabe

Garth Ennis‘ Jennifer Blood: A Woman’s Work is Never Done

Dynamite Entertainment, 2012

(enthält: Jennifer Blood Vol 1 – 6, 2011)

Hinweise

Wikipedia über Garth Ennis (deutsch, englisch)

Geek News: Interview mit Garth Ennis über „Jennifer Blood“

Meine Besprechung von Garth Ennis (Autor)/Leandro Fernandez (Zeichner) „The Punisher – Garth Ennis Collection 7“ (Up is Down and Black is White, The Slavers, 2005/2006)

 


Sechs deutsche Regisseure über „Hollywood – Traum und Wirklichkeit“

April 13, 2012

Warum verlassen deutsche Regisseure ihre Heimat und versuchen in Hollywood ihr Glück? Und wie ist für sie die Arbeit in Hollywood? Für „Hollywood – Traum und Wirklichkeit: Deutsche Regisseure im Studiosystem“ unterhielt Marko Kregel sich mit sechs Regisseuren darüber. Dabei hat er nicht die großen, allgemein bekannten Namen wie Wolfgang Petersen, Roland Emmerich, Werner Herzog, Wim Wenders oder Michael Ballhaus (Uups, der ist ja nur Kameramann) interviewt, sondern die junge Garde, die oft in Deutschland ihren ersten Spielfilm gedreht hat, meist ein Genrewerk, das in Hollywood für Aufsehen sorgte und ihnen viele Gespräche bei Produzenten verschaffte. Denn Hollywood ist immer auf der Suche nach jungen, unverbrauchten Talenten.

In Deutschland sieht es etwas anders aus. So sagt Christian Alvart, fast schon stellvertretend für die anderen befragten Regisseure: „Ich habe zusammen mit meinem Produzenten in München dem Bayrischen Rundfunk ‚Antikörper‘ im Kino vorgeführt, das war lange, bevor er im Kino rauskam. Mit der Reaktion: Das ist ja alles schön und gut, aber ich sei ja noch jung und der Nachfolgefilm wäre viel zu groß für mich. Der sollte fünf Millionen kosten. Ich solle doch erst einmal einen ‚Polizeiruf 110‘ für sie machen. Das war im direkten Kontrast zu einem ernsthaften Angebot von einem großen Studio, den neuesten Teil ihres 80-Millionen-Franchises zu machen.“

Ungefähr hier hören allerdings die Gemeinsamkeiten zwischen Marc Schölermann („Pathology“), Lexi Alexander („Hooligans“, „Punisher: War Zone“), Martin Weisz („Rohtenburg“, „The hills have eyes 2“), Christian Alvart („Antikörper“, „Fall 39“, „Pandorum“), Josef Rusnak („Kaltes Fieber“, „Schimanski: Die Schwadron“, „The 13th Floor – Abwärts in die Zukunft“, „The Contractor“, „The Art of War II: Der Verrat“) und Mennan Yapo („Lautlos“, „Die Vorahnung“), die alle weiterhin in Hollywood arbeiten wollen und die Kregel für „Hollywood – Traum und Wirklichkeit“ interviewte, auf. Denn obwohl sie teilweise ähnliche Erfahrungen machten, gab es auch große Unterschiede und alle sechs erzählen erstaunlich offen über ihre Erlebnisse vor, während und nach der Dreharbeiten und über gescheiterte Projekte.

So erzählt Christian Alvart, warum „Fall 39“ nicht sofort nach der Fertigstellung in die Kinos kam, Martin Weisz über seine Zusammenarbeit mit Wes Craven bei „The hills have eyes II“, Josef Rusnak über die von Roland Emmerich produzierte Daniel-F.-Galouye-Verfilmung „The 13th Floor – Abwärts in die Zukunft“, die dummerweise fast zeitgleich mit „Matrix“ in die Kinos kam und Mennan Yapo über „Die Vorahnung“, seine Zusammenarbeit mit Sandra Bullock und wie er die Version erstellte, die in Flugzeugen gezeigt werden kann: „Der Cutter, der das dort seit neun oder zehn Jahren macht, meinte, ich sei der erste Regisseur seit fünf Jahren, der da hin kommt und sich das anschaut. Die anderen tun sich das normalerweise nicht an, weil sie es zum Kotzen finden. (…) Alles was blutete, musste raus und wenn das nicht ging, wurde es schwarz eingefärbt. Die Krähe, in der Szene im Garten, war komplett raus, man hat Sandys blutige Hände nicht mehr gesehen. (…) Noch extremer war, dass der Unfall am Ende komplett draußen war! Alles weg! (…) Das Härteste war aber die Nippel-Retusche! Also wenn du durch ein Shirt einen Nippel sehen konntest, dann musst der glattgebügelt werden. Da könnte ja einer im Flugzeug geil werden!“

Mit einigen Interviewpartnern hat Kregel sich öfter getroffen. Weil er diese Werkstattgespräche dann einfach hintereinander abdruckte ohne kenntlich zu machen, wann das eine Interview endet und wann das Nächste beginnt und sie in den Interviews teilweise wieder Dinge besprechen, die bereits vorher, fast wortgleich gesagt wurden, gibt es einige kleine vermeidbare Wiederholungen, die man spätestens beim Lektorieren hätte streichen müssen. Denn selbstverständlich ist ein niedergeschriebenes Interview kein 1-zu-1-Transkript des Gespräches, sondern eine Bearbeitung.

Doch das mindert den Wert dieses hochinteressanten Einblicks in die Arbeit von sechs Regisseuren und zwei sehr verschiedene Produktionssysteme nicht.

Marko Kregel: Hollywood – Traum und Wirklichkeit: Deutsche Regisseure im Studiosystem

Schüren, 2012

240 Seiten

19,90 Euro

 


Wieder erhältlich: „From Hell“ von Alan Moore und Eddie Campbell

April 2, 2012

Allein vom Umfang, immerhin liegen die über sechshundert Seiten schwer in der Hand, ist „From Hell“ von Autor Alan Moore und Zeichner Eddie Campbell imposant. Denn „From Hell“ ist nicht einfach eine Sammlung von Comics à la „Alle Tarzan-Comics in einem Band“, sondern ein eigenständiges, in sich abgeschlossenes Werk, das historisch mehr als gesättigt, die Geschichte von Jack the Ripper, wie seine Taten auf die arme Bevölkerung in Whitechapel wirken, wie er von Inspector Frederick Abberline gejagt wird, wer Jack the Ripper ist und weshalb bestimmte Kreise alles tun, um dessen Täterschaft zu verschleiern, erzählt.

Denn bevor und während Alan Moore „From Hell“ schrieb, recherchierte er viel über das viktorianische England und den heute immer noch legendären Frauenmörder. Dabei brachte Jack the Ripper 1888 nur vier oder fünf Prostituierte um und wenn man sich daran erinnert, wie hoch damals Prostituierte in der Gesellschaft angesehen waren (Naja, heute eigentlich immer noch. Oder erinnern sie sich an lustige Abendgesellschaften, bei denen freimütig gesagt wird, man gehe oder sei selbst eine Prostituierte?), ist die Bekanntheit von Jack the Ripper, vor allem im Vergleich zu anderen Serienmördern, erstaunlich. Eine Erklärung ist sicher, dass sogar spekuliert wurde, dass Jack the Ripper mindestens enge Beziehungen zum Königshauses hatte, der Täter nie enttarnt wurde und dass die Taten einen großen Medienrummel entfachten.

In der jetzt von Cross Cult veröffentlichten Ausgabe von „From Hell“ sind auch die Anmerkungen von Alan Moore zu einzelnen Panels, Seiten, Szenen und Heften (selbstverständlich erschien „From Hell“ zunächst im klassischen Heftformat) enthalten. Auf 56 dreispaltig bedruckten Seiten zählt Moore fast schon korinthenkackerisch seine Rechercheergebnisse auf.

Aber wen interessiert das?

Denn wenn ich eine historische Abhandlung lesen will, schnappe ich mir ein Lexikon oder ein Sachbuch. Bei einem Comic will ich in erster Linie unterhalten werden und gerade auf dieser Ebene enttäuscht „From Hell“.

Denn anstatt sich auf einen Hauptplot zu konzentrieren, springt die Geschichte zwischen mehreren Erzählsträngen und Zeitebenen hin und her. Es wird nie wirklich deutlich, wohin das alles führen soll; vor allem weil die Identität von Jack the Ripper ziemlich früh enthüllt wird. Stattdessen wird sich auf die Bemühungen von Gull konzentriert, der im Namen des Königshauses die Täterschaft verhüllen soll. Mit der Zeit entsteht ein weitgehend statisches Sittenbild, in dem London der Spielplatz für eine riesige Verschwörung und okkultes Treiben ist. Aber ohne eine Geschichte, die eben dieses Sittenbild mit erzählerischem Leben erfüllt, ist es ein weitgehend ermüdend zu lesendes Aneinanderreihen von Episoden.

Die Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Eddie Campbell steigern die Verwirrung über die verschiedenen Erzählstränge und ihren Zusammenhang eher noch. Denn sie sind zeichnerisch zu wenig differenziert und teilweise sehen sich Charaktere zu ähnlich.

Trotz zahlreicher Preise, wie dem „Prix de la critique“ und mehrere Eisner-Awards, und Lobeshymnen in verschiedenen Zeitungen und bei den Fans, bleibt am Ende von „From Hell“ nur der Respekt für die Recherche übrig. Denn im Gegensatz zu „Watchmen“, wo Alan Moore ähnlich viel Zeit darauf verwandt, eine alternative Welt zu zeichnen, bleibt „From Hell“ immer im engen Korsett der historischen Fakten stecken.

2001 wurde „From Hell“ von den Hughes Brothers mit Johnny Depp, Heather Graham, Robbie Coltrane und Ian Holm verfilmt. Alan Moore gefiel die Verfilmung nicht. Dabei wusste er damals noch nicht, dass es mit „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ noch viel schlimmer kommen würde. Spätestens seitdem lästert Moore nur noch über die Verfilmungen, verzichtet auf eine Namensnennung und lehnt auch – ungewöhnlich konsequent – das Geld ab.

Alan Moore (Autor)/Eddie Campbell (Zeichnungen): From Hell

(übersetzt von Gerlinde Althoff)

Cross Cult, 2011

604 Seiten

49,80 Euro

Deutsche Erstausgabe dieser Ausgabe

Cross Cult, 2008

Originalausgabe/überarbeitete Gesamtausgabe

From Hell

Eddie Campbell Comics, 1999

Hinweise

Comic Book Database über Alan Moore

Alan-Moore-Fanseite (etwas veraltet)

Blog von Eddie Campbell

Wikipedia über „From Hell“ (deutsch, englisch)

Meine Besprechung von Alan Moore/Dave Gibbons’ „Watchmen“




Kurzkritik: Leonardo Padura: Der Schwanz der Schlange

März 26, 2012

Wenn „Der Schwanz der Schlange“ mit unter 180 Seiten nicht so kurz gewesen wäre, hätte ich Leonado Paduras neues Buch nicht zu Ende gelesen. Immerhin hat Padura sich mit seinem Havanna-Quartett in die Herzen der Kritiker und Leser geschrieben, „Adiós Hemingway“, ebenfalls mit Mario Conde, gefiel mir gut.

In der Erzählung „Der Schwanz der Schlange“ muss Conde 1989 den Mord an einem Chinesen, an dessen Körper seltsame Zeichen angebracht wurden, aufklären.

Aber an dieser Mordermittlung hat Padura kein Interesse. Eher geht es um die Porträts von einigen chinesischen Emigranten, die Conde Geschichten aus ihrem Leben erzählen, und Condes Leben, zwischen seiner Jugendliebe, einer sexy chinesischen Kollegin und seinem im Rollstuhl sitzendem Freund.

Der Schwanz der Schlange“ liest sich aber nie wie eine schlüssige Geschichte, sondern immer wie ein wahlloser Griff in den Zettelkasten, bei dem einfach unzusammenhängende Szenen zu einem konfliktfreiem Textkorpus zusammengefügt wurden.

Aber so war es nicht. Im Nachwort sagt Padura, dass die Geschichte bereits in anderen Versionen erschien, sie ihm im Rückblick als zu einfach gestrickt erschien und er sie für die jetzige, endgültige (?) Version überarbeitete. Nun, einfach gestrickt ist sie jetzt nicht mehr, aber die Mischung aus desinteressiert mitgeschleiftem Krimiplot, banalem Privatleben und einigen Zeitsprüngen geht einfach nicht auf. Dass die Charaktere alles seltsam blass bleiben und einige Formulierungen furchtbar umständlich sind, trägt natürlich nur zum Verdruss über die gestohlene Zeit bei.

Leonardo Padura: Der Schwanz der Schlange

(übersetzt von Hans-Joachim Hartsein)

Unionsverlag, 2012

192 Seiten

18,95 Euro

Originalausgabe

La cola de la serpiente

Tusquets Editores, Barcelona 2011

Hinweise

Unionverlag über Leonardo Padura

Meine Besprechung von Leonardo Paduras „Adiós Hemingway“ (Adiós Hemingway, 2006)

 


Kurzkritik: Neil Cross: Luther: Die Drohung

März 23, 2012

Wer die ersten Minuten der ziemlich grandiosen BBC-Krimiserie „Luther“ gesehen hat, kennt das Ende von „Luther: Die Drohung“. Denn Neil Cross, der Erfinder von „Luther“, erzählt in seinem Roman die Vorgeschichte zur Serie. Er erzählt von DCI John Luthers letzten Fall vor dem Serienstart: der Jagd nach einem Baby- und Kinderentführer und Mehrfachmörder, der London terrorisiert. Er erzählt, wie die Ehe von John und Zoe Luther endgültig zerbricht und wie Luther und sein Freund Ian Reed einem alten Mann helfen. Auch dieser Subplot wird in der ersten Staffel von „Luther“ wichtig – und er nimmt Luther und Reed viel von ihrer moralischen Ambivalenz. Gleichzeitig ist das Ende der ersten „Luther“-Staffel noch tragischer.

Aber im Gegensatz zur Serie, in der Luther ein begnadeter Ermittler ist, ist er in dem Roman eher ein normaler Polizist mit Problemen, einem Mangel an Schlaf und einem unguten Hang zum Übertreten der Regeln. Das nimmt ihm dann doch etwas von der Faszination des TV-“Luthers“, der von Idris Elba kongenial verkörpert wird und den ich, wie auch die anderen TV-Schauspieler, ständig vor meinem geistigen Auge hatte.

Das lag sicher auch daran, dass Neil Cross seine Romancharaktere nach den Filmcharakteren entwarf, den Roman im Präsens schrieb und die einzelnen Szenen wie in einem Drehbuch zusammenfügte. Auch der Wechsel zwischen den verschiedenen Handlungssträngen erinnert eher an ein Drehbuch.

So liest sich „Luther: Die Drohung“ wie die kaum überarbeitete Romanfassung eines nicht verfilmten Drehbuchs, bei dem alle Beschreibungen von Personen und Orten auf das allernotwendigste verknappt sind und sich nur auf die Handlung konzentriert wird. Das ist dann doch arg spartanisch geraten und es entsteht nie das Gefühl, einen Roman zu lesen.

Trotzdem: Wem die TV-Serie „Luther“ gefällt, sollte den Roman lesen. Immerhin hat hier Serienerfinder Neil Cross in die Tasten gehauen. Wer unsicher ist, ob ihm der Roman gefallen könnte, sollte sich zuerst eine Folge „Luther“ ansehen und dann den Roman lesen, der natürlich ein seltsames Déjà-Vu-Erlebnis auslöst. Immerhin weiß man, wie die Geschichte endet und es wird, für meinen Geschmack, zu viel Back Story erzählt. Muss ich denn wirklich wissen, wie Luther und Zoe sich kennen lernten?

Neil Cross: Luther: Die Drohung

(übersetzt von Marion Herbert)

Dumont, 2012

416 Seiten

9,99 Euro

Originalausgabe

Luther: The Calling

Simon & Schuster, London, 2011

Hinweise

BBC über „Luther“

BBC Germany über „Luther“

ZDF über „Luther“

Wikipedia über „Luther“ (deutsch, englisch)

Homepage von Neil Cross

Meine Besprechung von „Luther – Staffel 1“ (Luther, GB 2010)


Die „Bomb Queen“ ist zurück

März 21, 2012

Heute ist Bomb Queen die unangefochtene Herrscherin von New Port City, der Metropole in der das Verbrechen regiert und sie alle, die nicht ihren Regeln gehorchen oder sie einfach nur nerven, tötet. Am liebsten mit einem Bumms. Denn sie ist die Bomb Queen.

Doch das war, wie sie einem Journalisten nach etwas gemeinsamer Gymnastik im Bett anvertraut, nicht immer so. Denn bevor die Regentschaft von Bomb Queen begann, herrschte (einige würden sagen terrorisierte) sie mit einem Frauenquartett, bestehend aus ihrer Anführerin Ice Queen, Scream Queen und Drama Queen, die alle über Superkräfte verfügten, über die Stadt. Bomb Queen hat dagegen, was ihren Namen erklärt, nur ihre Bomben und sie kann Karate. Irgendwann zerstritten sich die vier Schwestern und es ging rund.

Während die Bomb Queen mit ihrem neuen Freund (Hm, Sexobjekt ist wohl treffender. Denn die Bomb Queen hat auch ein ausgedehntes Sexleben.) in Erinnerungen schwelgt, wird sie unter Drogen gesetzt und vor die Tore der Stadt befördert. Doch das lässt sie sich nicht gefallen.

Das wird von Autor und Zeichner Jimmie Robinson knallig, mit herrlichen Onelinern und einer kindisch-infantilen Freude am Kaputtmachen – immerhin ist bei der Bomb Queen ihr Name Programm – erzählt. Besonders jugendfrei oder politisch korrekt ist das zwar nicht, aber sehr unterhaltsam.

Jimmie Robinson: Bomb Queen: Bummsstück – Die legt dich flach! (Band 2)

(übersetzt von Christian Heiss)

Panini Comics, 2012

112 Seiten

14,95 Euro

Originalausgabe

Bomb Queen, Vol. 2 – Dirty Bomb: The Queen of Hearts & Bomb Queen presents: All Girl Comic

Image Comics 2012

(enthält Bomb Queen # 5 – 7; Bomb Queen presents: All Girl Comics # 1)

Hinweise

Wikipedia über Jimmie Robinson

Comic Book Resources: Interview mit Jimmie Robinson (20. Auguat 2009)

Meine Besprechung von Jimmie Robinsons „Bomb Queen: Sexbombe – Die bläst dich weg! (Band 1)

 


James Bond erhält bei Jeffery Deaver die „Carte Blanche“

März 17, 2012

Carte Blanche“ von Jeffery Deaver ist, das sieht man sofort, der bislang längste James-Bond-Roman. Während Ian Fleming weniger als 200 Seiten brauchte und auch die anderen James-Bond-Autoren nicht wesentlich längere Bücher schrieben, hat „Carte Blanche“ mit über 500 Seiten die typische Deaver-Länge,

Auf den ersten Seiten, wenn James Bond in der Nähe von Novi Sad einen Anschlag auf einen mit Gefahrgut beladenen Güterzug verhindert und wenn er, kurz darauf in London, M trifft, erinnerte mich dieser James Bond nicht an Sean Connery, Roger Moore, Pierce Brosnan oder Daniel Craig und auch nicht an die unbekannteren Bonds George Lazenby und Timothy Dalton. Die Ian-Fleming-James-Bond-Romane habe ich vor so vielen Jahren gelesen, dass ich mich kaum noch an sie erinnere. Aber den posthum erschienenen „Mann mit dem goldenen Colt“ fand ich als untypischen Bond-Roman sehr schwach.

Auch auf den folgenden Seiten ist Deavers James Bond niemals der altbekannte Lebemann, der sich Wodka Martini schlürfend dem Bösewicht nähert und dabei einige Frauen und Verbrecher flach legt. Dieser Sechziger-Jahre-Jet-Set-Spion gehört der Vergangenheit an. Der neue James Bond arbeitet in England mit den inländischen Geheimdiensten zusammen. In Südafrika mit der dortigen Polizei und dass sein Gegner ein Müllmogul ist, trägt natürlich nicht gerade zum Glamourfaktor bei. Immerhin trifft sich James Bond mit Severan Hydt bevorzugt auf dessen Müllkippen in England und Südafrika und versucht herauszubekommen, ob Hydt hinter einem geplanten Anschlag mit mehreren tausend Toten, der in wenigen Tagen stattfinden soll, steckt und er versucht natürlich den Anschlag, über den der Geheimdienst nichts genaues weiß, zu verhindern.

Wie bei Deaver nicht anders zu erwarten, ist „Carte Blanche“ sauber recherchiert; – was auch dazu führt, dass dank der ausführlichen Darstellung der modernen Überwachungstechnik die klassische Agententätigkeit immer überflüssiger und so der Agent als Frontkämpfer immer mehr zu einer Marionette der Zentrale wird. Damit James Bond dann doch eigenständig handeln kann, gibt es auf den riesigen Müllkippen von Hydt ein totales Handyverbot und die Computer haben auch keinen Internetanschluss. Selbstverständlich ist der Roman gut geplottet. Es gibt etliche Überraschungen und auch das Ende ist bei weitem nicht so vorhersehbar, wie man zuerst denkt und daher auch nicht so formelhaft wie in den James-Bond-Filmen.

Allerdings arbeitet Deaver mir in diesem Thriller etwas zu oft mit Taschenspielertricks. So führt er auf Seiten 252 Gene Theron als Söldner, der Hydt ein großes Geschäft anbietet, ein. Einige Seiten später verrät Deaver, dass Theron James Bond ist und wie innerhalb kurzer Zeit seine Tarnung aufgebaut wurde. Hundert Seiten später soll Bond als Bewährungsprobe einen Arbeiter von Hydt erschießen. Nach kurzem Zögern, weil unser 00-Agent Skrupel hat, tut er es – und sofort darauf erklärt Deaver, dass Bond von Anfang an wusste, dass die Waffe nicht mit echter Munition geladen war. Da fühlt man sich dann doch immer wieder, vor allem weil Deaver diesen Trick zu oft anwendet, veräppelt.

Außerdem ist lange unklar, was Severan Hydt warum plant. So ist er als Bösewicht deutlich weniger beeindruckend als die altbekannten, größenwahnsinnigen James-Bond-Bösewichter oder die nach der Weltherrschaft gierenden Sowjets, denen jede Schandtat zuzutrauen war, und die inzwischen ja von den Chinesen und Islamisten abgelöst wurden. Ach, um ehrlich zu sein, habe ich inzwischen sogar das Motiv des Bösewichts schon wieder vergessen.

Trotz aller Kritik ist „Carte Blanche“ ein flott zu lesender Agententhriller. Allerdings hatte ich bei der Kombination aus Jeffery Deaver und James Bond mehr erwartet.

Jeffery Deaver: Carte Blanche – Ein James-Bond-Roman

(übersetzt von Thomas Haufschild)

Blanvalet, 2012

544 Seiten

14,99 Euro

Originaltitel

Carte Blanche

Hodder & Stoughton, London 2011

Hinweise

Homepage von Jeffery Deaver

Deutsche Homepage von Jeffery Deaver

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzroman „Auf ewig“ (Forever, 2005)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers Kurzgeschichtensammlung “Gezinkt” (More twisted, 2006)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Die Menschenleserin“ (The sleeping doll, 2007)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers „Lautloses Duell“ (The blue nowhere, 2001)

Meine Besprechung von Jeffery Deavers “Der Täuscher” (The broken window, 2008)

Jeffery Deaver in der Kriminalakte

Meine Besprechung von Sebastian Faulks’ James-Bond-Roman „Der Tod ist nur der Anfang“ (Devil may care, 2008)

James Bond in der Kriminalakte

Martin Comparts Besprechung von Jeffery Deavers „Carte Blanche“

Noch ein Hinweis

Eben ist als Taschenbuchpremiere „Schutzlos“ (Edge, 2010, Blanvalet, 512 Seiten, 9,99 Euro) von Jeffery Deaver erschienen. In dem Standalone jagt Cortez, ein Personenschützer, der Aufträge übernimmt, die für alle anderen Personenschützer zu schwierig sind, Henry Loving, einen Erpresser, Folterer und alten Bekannten von Cortez.


Neu im Kino/Buch- und FIlmkritik: die Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“

März 15, 2012

Achtung: Diese Besprechung kann Spoiler enthalten.

Als ich im Kino die Jo-Nesbø-Verfilmung „Headhunters“ sah, dachte ich, dass der Film dem Buch zu genau folge und es, auch wegen des Voice-Overs, wahrscheinlich eine Ich-Erzählung ist. Denn wir folgen immer unserem Protagonisten Roger Brown (Aksel Hennie), einem Top-Headhunter, verheiratet mit einer schönen Galeristin (Synnøve Macody Lund) und Kunstdieb. Wir sehen ihn in den ersten Filmminuten bei der Arbeit: bei einem Einbruch und bei einem Einstellungsgespräch, bei dem er als Headhunter den möglichen Kandidaten für einen Top-Posten eiskalt taxiert. Dabei ist, selbstverständlich, der Einbruch spannender als das Prüfen eines Bewerbers im lockeren Gespräch in einem austauschbarem Büro. Vor allem, wenn der Bewerber wohl für die weitere Geschichte nicht weiter wichtig ist.

Auf einer Vernissage in der Galerie seiner Frau lernt Brown Clas Greve (Nikolaj Costr-Waldau) kennen; einen früheren Top-Manager, der jetzt in aller Ruhe eine ererbte Wohnung renovieren will. Als Brown erfährt, dass in dieser Wohnung ein wertvolles Gemälde ist, will er es klauen. Gleichzeitig möchte er Greve an ein in der Sicherheitsbranche tätiges Unternehmen vermitteln. Greve ist, nach einer kurzen Schamfrist, an dem gut bezahltem Job interessiert.

Während des Diebstahls entdeckt Brown, dass seine Frau ihn mit Greve betrügt. Doch es kommt noch schlimmer: Greve beginnt ihn plötzlich wie ein wildes Tier zu jagen.

Brown beginnt, während sich um ihn herum grotesk viele Leichen stapeln und er niemandem mehr vertrauen kann, um sein Leben zu kämpfen. Denn als Einbrecher und mutmaßlicher Mörder kann er nicht zur Polizei gehen.

Nach der Lektüre von „Headhunter“ wusste ich, dass der Film zwar sehr genau dem Buch folgt (was die Lektüre auch entsprechend zäh gestaltete), aber gerade die wenigen, von den Drehbuchautoren Ulf Ryberg und Lars Gudmestad und Regisseur Morten Tyldum vorgenommenen Änderungen schwächten die Geschichte.

Im Film ist bis zum Ende vollkommen unklar, warum Greve plötzlich wie ein Gedopter Brown jagt. Denn Greve scheint kein Interesse an dem ihm geklauten Bild zu haben. Schließlich lässt er es in einer schlecht gesicherten Wohnung herumliegen. Und dass dieser Liebhaber sich einfach so entschließt, den Mann seiner Geliebten umzubringen, scheint, auch weil Greve anscheinend kein Interesse an Diana hat, unglaubwürdig.

Weil Brown in den ersten Filmminuten vor allem als Einbrecher vorgestellt wird, könnte Greve auch für eine Verbrecherbande, eine Versicherung oder die Polizei arbeiten. Aber auch dann stellt sich die Frage, wie seine Verfolger so locker an die modernsten Überwachungstechniken kommen. Denn Brown ist letztendlich nur ein kleiner Gemäldedieb, der Bilder aus Privatwohnungen klaut.

Im Buch werden dagegen von Anfang an deutliche Spuren in Richtung Ökonomie gelegt, und bereits Mitten in der Geschichte erfährt Brown („Headhunter“ ist eine Ich-Erzählung), dass er eine Spielfigur in einer Übernahmeschlacht ist: Er soll Greve einer Firma als Manager empfehlen, damit dieser sie dann ausspionieren kann. Als Brown Greve nicht mehr als Top-Kandidat empfehlen will und damit Greves Plan gefährdet, ergreift Greve Maßnahmen, um den Plan zu retten.

Weil das im Film allerdings erst ganz am Ende enthüllt wird, hat man zwar eine nette Pointe (die Kapitalisten sind viel schlimmer als die Gauner), aber auch einen ziemlich zähen Film, bei dem unklar ist, warum wir auf der Seite von Brown, einem an Minderwertigkeitskomplexen leidendem, arroganten, erzneoliberalem Wirtschaftsgewinnler, stehen sollen.

So liefert „Headhunters“ nur den banalen Thrill einer Jagd, garniert mit einigen Schocks, bei der wir für den Gejagten kaum mehr Sympathie als für ein gejagtes Karnickel empfinden.

Headhunters (Hodejegerne, Norwegen/Deutschland 2011)

Regie: Morten Tyldum

Drehbuch: Ulf Ryberg, Lars Gudmestad

LV: Jo Nesbø: Hodejegerne, 2008 (Headhunter)

mit Aksel Hennie, Nikolaj Coster-Waldau, Synnøve Macody Lund, Julie R. Ølgaard

Länge: 100 Minuten

FSK: ab 16 Jahre

Die Vorlage

Jo Nesbø: Headhunter

(übersetzt von Günther Frauenlob)

Ullstein, 2010

320 Seiten

14,95 Euro (Paperback)

9,99 Euro (Taschenbuch)

Originalausgabe

Hodejegerne

H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo, 2008

Hinweise

Deutsche Homepage zum Film

Film-Zeit über „Headhunters“

Rotten Tomatoes über „Headhunters“

Deutsche Homepage von Jo Nesbø

Englische Homepage von Jo Nesbø